Mikroplastikverordnung – ist die Branche betroffen?

Das Europäische Parlament überschlägt sich mit neuen Initiativen zur Rettung von ­Klima und Umwelt. Unter anderem steht seit Kurzem die Reduzierung von unbeab­sichtigt freigesetztem Mikroplastik aus Reifenabrieb, Kunststoffgranulat und synthetischen Textilien auf der Agenda. Die Gebäudereinigungsbranche ist von der für Ende 2022 geplanten Verordnung möglicherweise direkt betroffen.

Bis Ende 2022 will die EU-Kommission der zunehmenden Vermüllung der Umwelt durch unbeabsichtigt freigesetztes Mikroplastik mit einer Regulierung ein Ende setzen. - © Pcess609 - stock.adobe.com

Mikroplastik – also Kunststoffteilchen im Nanobereich – ist ein großes Problem für Mensch und Umwelt. Nach Berechnungen der Ellen MacArthur Foundation (Cowes, GB) sollen angeblich pro Jahr weltweit zwischen 200.000 und 500.000 Tonnen synthetischer Fasern aus Textilien in die Meeresumwelt gelangen. Dazu gesellen sich erhebliche Mengen an Mikroplastik durch Reifenabrieb und Kunststoffgranulate, die unter anderem in der Kosmetikindustrie eingesetzt werden können. Die winzigen Partikel, denen ein komplexer Chemikalienmix anhaften kann, gelangen über Kläranlagen ins Wasser und verteilen sich von dort aus im Meer, wo sie ein unappetitlicher Teil der Nahrungskette werden oder Ökosysteme stören. Werden sie in Kläranlagen mit dem Klärschlamm abgeschieden und auf die Felder ausgebracht, können sie auch über die Atemwege in den Körper gelangen.

Den möglichen Risiken, die mit der Freisetzung durch Mikroplastik verbunden sind, wollen die Europäische Kommission und das Europäische Parlament nicht länger tatenlos zusehen und kündigten bereits diverse Maßnahmen zur Bekämpfung von Kunststoffabfällen – auch kleinstpartikulären – in Meer und Umwelt an. Ende November 2021 ist nun eine neue Initiative der Kommission hinzugekommen. Sie richtet sich gegen Mikroplastik, das unbeabsichtigt in die Umwelt gelangt.

Mikroplastik nach jedem Wischen

Die größten Expositionsquellen für eine ungewollte Freisetzung von kleinsten Plastikteilchen sind schon länger ermittelt: Reifenabrieb, Kunststoffgranulate aus Vorproduktion und Nutzung sowie synthetische Textilien während ihres gesamten Lebenszyklus – also von der Herstellung über das Tragen bis zur Pflege und Entsorgung. Deshalb will sich die Kommission mit ihrem Entwurf genau auf diese Bereiche fokussieren. Was die Textilien betrifft, liest sich die Initiative, als sei der textile Mikrofaseraustrag ausschließlich auf Bekleidung gemünzt.

Dabei ist "Textil" deutlich mehr, weshalb auch die ­Gebäudereinigung von der Initiative betroffen sein könnte. Denn auch in dieser Branche gibt es Verursacher einer unbeabsichtigten Freisetzung von Mikroplastik. Man denke beispielsweise an Wischbezüge mit einem Polyamid- oder Polyester-Flor. Diese verlieren sowohl beim Gebrauch als auch bei der anschließenden Pflege kleine und kleinste Faserteilchen (siehe rationell-reinigen-Beitrag Haarige Angelegenheit) und landen in der Umwelt oder im Abwasser.

Das erklärte Ziel der Initiative der Kommission ist nun, den Kenntnisstand in Bezug auf die Risiken und das Vorkommen von Mikroplastik in der Umwelt, im Trinkwasser sowie in Lebensmitteln zu verbessern, die Umweltverschmutzung und die potenziellen Gesundheitsrisiken zu vermindern und dabei gleichzeitig die Grundsätze des Binnenmarktes zu beachten sowie Wettbewerbsfähigkeit und Innovation zu fördern. Kurzum: Man will die unbeabsichtigten Austrittswege von Mikroplastik in die Umwelt und deren gesundheitlichen Auswirkungen erforschen und dem Freisetzen synthetischer Teilchen ein Ende setzen.

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    Bis Ende 2022 will die EU-Kommission der zunehmenden Vermüllung der Umwelt durch unbeabsichtigt freigesetztes Mikroplastik mit einer Regulierung ein Ende setzen.
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    Die breite Einführung von Mikrofasertextilien vor etwa 20 Jahren hat aufgrund ihrer deutlich höheren mechanischen Wirkung zu einer erheblichen Einsparung von Reinigungschemie geführt.
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    Vor allem im Gesundheitsbereich ist aus Sicherheitsgründen der Einbau von Böden mit Rutschsicherheitsklasse vorgeschrieben. Aufgrund ihrer Mikrostruktur lassen sich diese Flächen schlicht nicht ohne Mikrofasertextilien reinigen.
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    Das beim Trocknen unbeabsichtigt freigesetzte Mikroplastik wird aus der Abluft gefiltert und sachgerecht entsorgt.

Aufforderung zur Meinungsäußerung

Bis Ende des Jahres – so der Plan – soll dann ein europaweit gültiger Rechtsakt vorliegen. „Der Vorschlag des EU-Parlaments soll in einer Verordnung münden. ­Diese gilt dann unmittelbar in allen Mitgliedsstaaten und ist mit Inkrafttreten sofort zu berücksichtigen. Eine Umsetzung in den einzelnen Ländern ist nicht vorgesehen“, erklärt Rechtsanwalt Gregor Franßen der Kanzlei Franßen & Nusser (Düsseldorf). Sein Rat: "Alle von der Initiative betroffenen Verbände, Hersteller oder Unternehmen sollten sich daher in das Arbeitsprogramm der Kommission einklinken, um sich schon vor dem Entwurf der Kommission, mit dem das ­Gesetz­gebungsverfahren der EU startet, Gehör zu verschaffen. Andernfalls wird vielleicht eine ganze Branche mit einer Verordnung konfrontiert, die sie in der beschlossenen Form nicht oder nur schlecht umsetzen kann."

Noch steckt die Initiative in den Anfängen. ­Ende ­November 2021 veröffentlichte die Europäische Kommission zunächst die Aufforderung zur Stellung­nahme hinsichtlich einer Folgenabschätzung. "Hierbei handelt es sich um eine erste Sondierung" merkt Gregor Franßen an und ergänzt: "ie Kommission kündigt an, dass etwas gegen die unbeabsichtigte Freisetzung von Mikroplastik unternommen werden soll und fordert die Öffentlichkeit auf, ihre Meinung zu dem Vorhaben kundzutun. Bis zum 18. Januar 2022 konnte sich jeder an diesem Prozess beteiligen und seine Ansichten äußern. Danach endete die Frist für Rückmeldungen."

Bis zum Schlusstermin gingen über einhundert unterschiedliche Stellungnahmen von Verbänden, Nicht­regierungsorganisationen, Prüfinstituten, staatlichen Stellen und Privatpersonen ein – teilweise mit klar erkennbaren Eigeninteressen. So hat beispielsweise manches Institut die Möglichkeit genutzt, die eigene Expertise im Bereich der Analytik hervorzuheben und sich damit schon vorab für ein anstehendes Standardisierungsvorhaben zu bewerben.

Vorgabenpaket für Textilien geplant

Im ersten Quartal beginnt die zwölfwöchige öffentliche Konsultation. Hierbei werden bereits konkrete Vorgaben aus der geplanten Verordnung zur Diskussion gestellt. Dies geschieht einerseits auf der Internetseite der EU-Kommission, andererseits bei Workshops, in denen die geplanten Maßnahmen vorgestellt werden, sowie durch Befragungen von Interessensvertretungen. Nach Abschluss dieses Prozesses soll bereits im 4. Quartal 2022 das Gesetz durch das Europäische Parlament und den Rat verabschiedet und angenommen werden. Dann ist damit zu rechnen, dass zahlreiche Leitlinien für die drei im Fokus stehenden Bereiche gelten. Für synthetische Textilien ist nach der Initiative der EU-Kommission mit folgenden Vorgaben zu rechnen:

  • Definition von Ökodesign-Anforderungen einschließlich der Verwendung neuer Materialien wie biologisch abbaubarer Garne;
  • Verbesserung der Herstellungsverfahren einschließlich der Möglichkeit, Kleidungsstücke vorzu­waschen, bevor diese in Verkehr gebracht werden;
  • Festlegung von Vorschriften, mit denen Herstellern die Verantwortung übertragen wird, einzugreifen, bevor Produkte zu Abfall werden – zum Beispiel durch Rücknahmesysteme;
  • Erleichterung der Verarbeitung recycelter Materialien in Produkten oder bei der Wiederaufbereitung;
  • Verwendung von Filtern oder anderen technischen Lösungen in Waschmaschinen, Waschtrocknern und Trocknern;
  • Anwendung von Technologien zur Vermeidung der Vermengung von Mikroplastik mit Klärschlamm in Abwasserbehandlungsanlagen;
  • Festlegung von Mindestanforderungen an die Nachhaltigkeit und/oder Mindestinformationspflichten sowie Kennzeichnung von Produkten entsprechend ihrer Emissionsmenge an Mikroplastik;
  • Entwicklung freiwilliger Ansätze durch die Industrie.

Mitreden und Fakten schaffen

"Vom Anwendungsbereich her ist bisher offen, ob die geplante Verordnung nur den privaten Textilbereich umfasst oder auch der gewerbliche Sektor berücksichtigt wird", sagt Gregor Franßen und führt weiter aus: "Die initiale Entscheidung liegt bei der EU-Kommission. Deren Ziel ist, den Eintrag von Mikroplastik in die Umwelt zu verhindern, wobei insbesondere der Eintragspfad über das Abwass er betrachtet wird. Es ist daher denkbar, dass auch gewerblich genutzte, synthetische Textilien durch die Initiative erfasst werden. Denn bei deren Gebrauch und der Wäsche kommt es zur Freisetzung von Kunststoffpartikeln."

Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Rechtsanwalt, dass sich betroffene Berufsverbände in die öffentliche Konsultation einbringen: "Maßgeblich ist die Strategie, mit der man sich beteiligt. Einerseits sollten die Interessen der Verbandsmitglieder berücksichtigt werden, andererseits muss die Wichtigkeit der Branche und deren Anteil an der Mikroplastikproblematik überdacht werden. Ist die Branche beispielsweise kaum an der Entstehung von Mikroplastik beteiligt und sollte daher gar nicht durch die Initiative erfasst werden? Darzustellen wäre beispielsweise, wie wichtig die ­Gebäudereiniger-Branche ist und in welchem Umfang sie an der Entstehung von Mikroplastik beteiligt ist. Mit welcher Eintragsmenge ist zu rechnen und ist diese überhaupt relevant? Welche Alternativen gibt es zu synthetischen Reinigungstextilien und welche Auswirkungen könnte die Verordnung auf die ­Branche haben?“

Ohne Synthesefasern keine Reinigung

Dietmar Pfennig, Geschäftsführer von Pfennig Reinigungstechnik in Durach, hat bereits Antworten darauf: "Die Effektivität eines Reinigungsvorgangs ergibt sich nach dem Sinnerʼschen Kreis aus der Kombination der Faktoren Mechanik, Chemie, Temperatur und Zeit. Die breite Einführung von Mikrofasertextilien vor etwa 20 Jahren hat aufgrund ihrer deutlich höheren mechanischen Wirkung zu einer erheblichen Einsparung von Chemie geführt, auf die in manchen Fällen sogar komplett verzichtet werden kann. Dieser Effekt würde durch eine Restriktion von Reinigungstextilien aus synthetischen Fasern zurückgedreht werden.“

Deutlich stärker würden sich Beschränkungen nach den Erfahrungen von Dietmar Pfennig auf große Bodenflächen auswirken, die vor allem im Gesundheitsbereich vorkommen. Aus Sicherheitsgründen ist bei deren Einbau eine sogenannte Rutschsicherheitsklasse („R-Klasse“) vorgeschrieben. Ohne Mikrofasertextilien, so der Fachmann, ließen sich diese Flächen aufgrund ihrer Mikrostruktur schlicht nicht reinigen. Auch im Hinblick auf die Vorgaben der EU-Initiative bezüglich einer Vorwäsche beziehungsweise der Aufbereitung von Reinigungstextilien hat er Einwände: "Der größte Gewichtsverlust von Reinigungstextilien entsteht beim Trocknungsvorgang. Die Abluft wird schon seit Langem gefiltert. Die hier komprimiert zurückgehaltenen Faserbruchstücke werden der sachgemäßen Entsorgung zugeführt und gelangen nicht in die Umwelt."

Nicht zuletzt sieht Pfennig die in der EU-Initiative formulierte Forderung nach einer Kennzeichnung von Produkten entsprechend ihrer Emissionsmenge an Mikroplastik sehr kritisch: "Sollte eine entsprechende Vorschrift beispielsweise bezogen auf Emissionen pro Gebäude kommen, würde das den Einsatz von Einwegtextilien befördern, weil diese ja nicht am Ort der Anwendung gewaschen werden. Die auch bei Einwegtextilien nötige Wäsche findet dann eben im Herstellungsland unter sicherlich schlechteren Bedingungen statt und der Ressourcenverbrauch liegt im Vergleich zum Mehrwegkonzept um einen zweistelligen Faktor höher."

Am falschen Ende begonnen

Auch wenn ein unbeabsichtigter Austrag von Mikroplastik durch synthetische Textilien nicht wegzudiskutieren ist, schießt eine EU-weite Mikroplastik-Regulierung also möglicherweise deutlich übers Ziel hinaus. So berichtet Stefan Thumm, Leiter Referat Technik, Umwelt und Innovation beim Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie (Hof), dass nicht Mikroplastik, sondern Makroplastik – also Plastikflaschen, Styropor, Plastiktüten et cetera – das eigentliche Problem seien.

Mangels einer ausgeprägten Entsorgungsinfrastruktur wird dieses Makroplastik in manchem Mitgliedsstaat der EU wild abgekippt und gelangt unter anderem durch die Flüsse ins Meer. Dort wird es durch Sonnenlicht und mechanische Einflussfaktoren allmählich zu immer kleineren Partikeln zersetzt. "Statt einer Mikroplastik-Gesetzgebung müsste die EU in den Mitgliedsstaaten aktiver werden, die weiterhin wilde Müllkippen zulassen oder kein Deponieverbot für Hausmüll kennen", fordert daher Stefan Thumm. Er ist überzeugt: "Mit der Lösung des Makroplastikproblems würde auch ein großer Teil des Mikroplastikproblems behoben."

Der Anteil des bei der Textilwäsche freigesetzten Faserabriebs sei ohnehin bei weitem nicht so hoch wie immer wieder angegeben werde. Das habe die im Jahr 2018 vom Fraunhofer-Instituts für Umwelt, Sicherheits- und Energietechnik veröffentlichte Studie "Kunststoffe in der Umwelt: Mikro- und Makroplastik" dargelegt. Abgesehen davon würden hierzulande durch den Reinigungsprozess einer Kläranlage die Mikroplastik-Immissionen in die Umwelt nochmals drastisch gemindert beziehungsweise völlig verhindert werden können. "Hier liegt ein weiterer Schlüssel zur erfolgreichen Eliminierung von kleinsten Plastikteilchen", sagt Stefan Thumm.

Ähnlich kritisch äußert sich auch der Dachverband der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, ­Textil + Mode, in Berlin. So würden wissenschaftliche Grundlagen für die aufgestellten Behauptungen fehlen und daher die Emission von Mikroplastik aus Textilien überschätzt. Zudem werde komplett außer Acht gelassen, dass Textilien sogar Teil der Lösung sein könnten, etwa im Rahmen von Umwelt- und Filter­technik. Der Verband hat daher vor Ablauf der Frist eine Stellungnahme zur Folgenabschätzung abgegeben und wird sich auch in das weitere Verfahren konstruktiv einbringen.

Und auch die Verbände des Gebäudereiniger-Handwerks auf nationaler und europäischer Ebene setzen sich nach ­Aussage von Christine Sudhop, Geschäftsführerin Technik & Betriebswirtschaft des Bundesinnungsverbands des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV), intensiv mit der Initiative auseinander und werden sich an den im Frühjahr beginnenden Konsultationen beteiligen.

Dipl.-Ing. Sabine Anton-Katzenbach | guenter.herkommer@holzmann-medien.de