Im "Tempel" der BVB-Fans: Erst das Vergnügen, dann die ­Arbeit

Jedes Wochenende strömen zigtausende Fußballfans in die großen Stadien und ­sorgen dabei für jede Menge Müll. Wenn dann noch, wie in Dortmund, parallel zum Bundesliga-Heimspiel ein runder Stadiongeburtstag mit entsprechendem Rahmen­programm gefeiert wird, ist der beauftragte Reinigungs- und Cateringdienstleister umso mehr gefordert.

Im Rahmen der Jubiläumsfeier des Dortmunder Stadions fand eine 360-Grad-Choreographie mit viel ­Glitzer statt – imposant anzusehen, für das ­­Reinigungsunternehmen aber mit enormer Zusatzarbeit verbunden. - © Stölting/Marius Rittmeyer

Jan (8) und Ava (11) sind begeistert: Sie haben nach Spielende im Signal Iduna Park zwei nur wenig zerknitterte goldene Fahnen ergattert und schwenken sie fröhlich, während die Eltern – ebenfalls im schwarz-gelben BVB-Shirt – zuschauen. Die Fahnen waren Teil einer spektakulären Choreographie auf der Südtribüne im "Tempel" der Borussia, der von Presse, Profis und Prominenz nicht selten mit dem ­Attribut "schönstes und stimmungsvollstes Stadion der ­Republik" versehen wird.

Gefeiert wurde dessen 50. Geburtstag anlässlich des Spiels gegen den VfB Stuttgart am 6. April, welches der BVB am Ende mit 0:1 verlor – trotz Choreo, trotz Pyrotechnik, trotz trutziger Gesänge und ohrenbetäubender Anfeuerung von der Südtribüne, wo die Hardcore-Fans ihr Zuhause haben.

Was nicht nur die Vereinsführung begeistert – die Anzeigentafel zeigt:"81.365 Zuschauer. Ausverkauft" – bedeutet für das Reinigungsteam des ­Gelsenkirchener Unternehmens Stölting Service Group Knochen­arbeit. Die Geburtstags-Choreo – deutlich spektakulärer als das zähe Spiel – setzte auf Papier und ­Plastikelemente, in dem gewaltigen Stadion kommt davon an diesem Nachmittag einiges zusammen.

Der Signal Iduna Park ist laut Sebastian Beermanns, der 2019 bei Stölting als Gebäudereiniger begonnen hat und jetzt Objektleiter im Borussen-Stadion ist, "das älteste große Stadion in Deutschland und von ­allen am schwersten zu reinigen". 1974 wurde der erste Teil des ehemaligen Westfalenstadions errichtet, der Ausbau erfolgte sukzessive. Der größte Nachteil für das Cleaning: Es gibt keine über 360 Grad durchgängigen Ebenen. Und: Es gibt keinen einheitlichen Bodenbelag – auch ein Resultat des nicht generalstabsmäßigen Ausbaus. Um Stockwerke zu wechseln, muss das Reinigungspersonal sich von jeder Ebene zunächst auf die Null-Ebene bewegen. Die Arbeit in diesem Objekt macht dem 28-Jährigen trotzdem Spaß, "aber manchmal ist es auch arg stressig" – gerade auch an diesem Samstag.

An die Reinigung haben die Architekten nicht gedacht

Patrick Engel, Geschäftsführer Stölting Reinigung und Service, schaut an diesem Tag gleichwohl entspannt aus der VIP-Lounge des Unternehmens auf die Hinterlassenschaften, die Fans der "Schwarz-Gelben" und einige Hundert Stuttgarter hinterlassen haben. Er weiß: Seine Leute kriegen das hin, trotz der ungünstigen Bedingungen im Stadion. "An die Reinigung des Stadions haben die Architekten damals nicht so recht gedacht", sagt er und fügt nicht ohne Stolz hinzu: "Wer dieses Stadion reinigen kann, kann jedes reinigen".

Zwei Stunden nach Spielende, so die Regel, dürfen die Reinigungskräfte an die Arbeit gehen. An diesem ersten Samstag im April wartet auf sie aber eine ­besondere Herausforderung, denn: "So viel Müll wie dieses Mal – der exzessiven Choreo geschuldet – ­hatten wir aber noch nie. Es ist bestimmt das Dreifache des Normalen", schätzt Patrick Engel. Bei den Stehplätzen haben die Stölting-Mitarbeiter kräftige Helfer. Die insgesamt 20 eingesetzten Laubbläser – einige motorisiert, andere schon elektrisch – ­befördern die für die Choreographie genutzten Elemente stufenweise nach unten, wo sie dann händisch in Müllsäcke gepackt werden. Danach wird gewischt. "Die Sitze müssen per Hand gereinigt werden und die Nassreinigung des Bodens ist nötig, damit Speise- und Getränkereste beseitigt werden. Aus räumlichen Gründen kann hier keine Technik eingesetzt werden. Reinigungskräfte gehen mit Wischgestellen und Moppbezug durch alle Reihen", erläutert Objektleiter Sebastian Beermanns.

  • Bild 1 von 10
    © Stölting/Marius Rittmeyer
    Für eingefleischte Fans auf der Südtribüne ist die 1974 eröffnete Spielstätte immer noch das Westfalenstadion. Die Choreographien zum Spiel sind legendär.
  • Bild 2 von 10
    © Stölting/Marius Rittmeyer
    Die Südtribüne nach Spielende: Die Fans sind weg, die traumhafte ­Choreo­graphie ist jetzt einfach nur Müll.
  • Bild 3 von 10
    © Stölting/Marius Rittmeyer
    Zumindest ein paar der goldenen Flaggen, die der Fan-Nachwuchs nach Spielende ergattert hat, muss der Dienstleister nicht einsammeln.
  • Bild 4 von 10
    © Stölting/Marius Rittmeyer
    Planungsgespräch: Vorarbeiter Mehmet Sever (re.) weist seine Mitarbeiter Robin Kostrzewa (li.) und Mohammedziad Al Hayek für einen Reinigungsabschnitt ein. Kurz darauf ...
  • Bild 5 von 10
    © Stölting/Marius Rittmeyer
    ... rücken Mohammedziad Al Hayek und seine Kollegen an, um unter ­anderem der Reste der Choreographie mit Laub­bläsern Herr zu werden.
  • Bild 6 von 10
    © Stölting/Marius Rittmeyer
    Nach Veranstaltungsende bringt Reinigungskraft Stepania Dimitrova Waschbecken, Spiegel und …
  • Bild 7 von 10
    © Stölting/Marius Rittmeyer
    … die Toiletten in der VIP-Zone wieder auf Hochglanz.
  • Bild 8 von 10
    ©
    Deutlicher Unterschied zum VIP-Bereich: So präsentieren sich die anderen Stadion­toiletten nach dem Spiel.
  • Bild 9 von 10
    ©
    Catering im Stadion heißt Stoßgeschäft in der Halbzeit. Auch das bedarf gründlicher Vorbereitung und sorgt am Ende für viel Müll und ­verschmutzte Flächen.
  • Bild 10 von 10
    © Stölting/Marius Rittmeyer
    Im Rahmen der Jubiläumsfeier des Dortmunder Stadions fand eine 360-Grad-Choreographie mit viel ­Glitzer statt – imposant anzusehen, für das ­­Reinigungsunternehmen aber mit enormer Zusatzarbeit verbunden.

Besonders bei den Tribünen mit Sitzplätzen ist diese Handarbeit gefragt. Die rund 70 Mitarbeiter können die Laubbläser – anders als bei den Stehplätzen – hier nicht einsetzen. Die Gebläsegeschwindigkeit von 295 Kilometer pro Stunde würde den Müll nur um die Sitze ­wickeln. Kompliziert wird die Nassreinigung auf den bestuhlten Tribünen auch, weil sie erst ab einer bestimmten Höhe gespült werden können. Der Grund ist simpel: Auf dem darüber liegenden Segment ist die Tribüne nicht wasserdicht, das Reinigungswasser würde in die darunterliegende Gebäude­struktur fließen. Aus diesem Grund muss dort der Mopp zum Einsatz kommen.

In spätestens 72 Stunden muss alles ­erledigt sein

Während sich die fleißigen Helfer bereit machen für die Arbeit in späten Abendstunden, serviert Onur ­Babat, der als Werkstudent zu dem Facility-­Service-Unternehmen stieß, in der Stölting-VIP-Lounge geladenen Kunden noch eine Runde Weißwein und ein Saxophonist bläst derweil die Stimmung schön. Um 21 Uhr hat sich dann sogar die Südtribüne schon weitest­gehend geleert.

Rund ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen kümmern sich zunächst nur um die VIP-Etage. Eine davon ist Stepania Dimitrova, seit acht Monaten engagierte Reinigungskraft. Sie füllt Papiertücher nach, reinigt mit unterschiedlich farbigen Tüchern Spiegel, Waschbecken und Toiletten. Die Fenster der VIP-Logen über den West- und Osttribünen sind bereits am Tag vor dem Spiel zu reinigen und am Spieltag erneut auf makel­lose Sauberkeit zu überprüfen.

"In der Regel haben wir für die Reinigung des gesamten Stadions 72 Stunden Zeit", erklärt Patrick Engel, "aber bei der Euro 2024 muss alles nach anderthalb Tagen wieder tiptop sein, weil die nächste Partie ansteht – das wird eine große Herausforderung".

Bierchen und Bratwurst en masse

Am Ende war es, wie Parick Engel es vorhergesehen hatte. Nach diesem denkwürdigen Spiel ist durch die spektakuläre Choreographie, über die später geschrieben wird, sie sei "die wohl prächtigste der Bundesliga­geschichte" gewesen, das Abfallvolumen auf das Dreifache des Normalen angewachsen.

Doch es ist nicht nur das Choreo-Material. Rund 82.000 Zuschauer haben Lust auf ein Bierchen, konsumieren Softdrinks, gönnen sich eine Bratwurst oder anderes. Projektleiter Bernd Schulze, für die Catering-Koordination verantwortlich, merkt dazu an: "Bier ist natürlich der wichtigste Umsatztreiber, während Kaffee das Schlusslicht bildet." Neben Brat- und Currywurst zählen auch Brezeln und Pizzaschiffchen zu den Rennern. Zurück bleiben Tausende von Vierer-Tragegestellen aus Pappe, Servietten, Plastikbechern und mehr.

Auf den weiträumigen Fluren, erreichbar über 30 Treppenhäuser, sieht es nach dem Spiel ähnlich aus wie auf den Tribünen. Auch hier setzt das Reinigungsunternehmen Laubbläser ein. Dazu Besen, um Müll aus Ecken und Vertiefungen an den Säulen zu holen. Im Anschluss machen sich die Reinigungskräfte mit Aufsitz-Scheuersaugmaschinen – fünf Scrubmaster von Hako – an die Restarbeiten. Wenn sie damit durch sind, kann die nächste Partie steigen.

Am Sonntag nach dem Spiel ist von all dem angefallenen Müll nichts mehr zu sehen. Auch die vier Catering Outlets – zwei davon mit Bratstation – sind bereits gereinigt, als Objektleiter Sebastian Beermanns das Stadion inspiziert.

Euro 24 – die nächste groẞe ­Herausforderung

Spätestens im Juni steht dem Facility-Service-Dienstleister mit der anstehenden Fußball-Europameisterschaft die nächste große Herausforderung bevor. Das Unternehmen aus Gelsenkirchen, das unlängst die Bonner Dirk Müller Gebäudereinigung übernommen hat, sucht unter anderem dafür in Summe rund 1.000 Mitarbeiter – die Mehrzahl für den Bereich Gebäude­reinigung. Für die Säuberung der Stadien ist der Dienstleister dann auf besonders viel Manpower ­angewiesen: Neben dem Signal Iduna Park reinigt Stölting nämlich auch die Veltins-Arena in Gelsen­kirchen, beides Austragungsstätten der EM.

Wolfgang Osinski, Osicom | guenter.herkommer@holzmann-medien.de

Die Historie des Stadions

Am 2. April 2024 feierte das Stadion von Borussia Dortmund seinen 50. Geburtstag. Die Spielstätte an der Strobelallee – für Fans schlicht "der Tempel" – ist nach mehreren Ausbaustufen heute eine der größten Arenen Europas. Bei seiner Eröffnung im Jahr 1974 fasste das ehemalige Westfalenstadion 54.000 Zuschauer, heute ­finden im Signal Iduna Park exakt 81.365 Zuschauer Platz.

Nach erfolgtem Spatenstich beziehungsweise dem ersten Baggerhub im Oktober 1971 wurden bis zum Richtfest am 29. März 1973 rund 50.000 Kubikmeter Boden bewegt, 34 Bomben aus dem zweiten Weltkrieg geborgen, 1.500 Tonnen Betonstahl verbaut, 7.500 Kubikmeter Beton-Fertigteile eingesetzt sowie weitere 6.500 Kubikmeter Beton und 750 Tonnen Stahl für das Dach verbaut. In Fertigbauweise entstanden die vier markanten Tribünen mit Sitzplätzen auf den Geraden im Westen und Osten sowie Stehrängen im Norden und im Süden.

Am 2. April 1974 war es dann endlich so weit. Eingeweiht wurde das Stadion mit einem Freundschaftsspiel ­gegen ­Schalke 04. Bei der WM im gleichen Jahr bestritten dann Zaire, Schottland, Schweden, der amtierende Weltmeister Brasilien sowie der spätere Vize-Weltmeister Holland im Westfalenstadion ihre Vorrundenspiele. Quelle: BVB