Sporthallenboden fehlerhaft beschichtet: Zu dick aufgetragen

Aktueller Schadensfall: Es galt, die nach einer Grundreinigung in einer Sporthalle durchgeführte Polymerbeschichtung zu prüfen. Sie zeigte eine unregelmäßige ­Struktur mit Kratzern, vor allem aber Unebenheiten und Dellen. Dies wies auf Fehler in der Vorbereitung oder beim Beschichten selbst hin.

Die Polymerschicht hatte eine unregelmäßige Struktur mit Kratzern, Unebenheiten und Dellen. - © Sascha Hintze

Nach der Beschichtung eines Sporthallenbodens bemängelte der Objektbetreiber die Oberfläche während der Abnahme und bat den Sachverständigen um Stellungnahme. Die vom Dienstleister gewählte Beschichtung war zwar für Sportböden geeignet und der ermittelte Gleitreibungskoeffizient entsprach den Anforderungen. Allerdings wies die Beschichtung eine unregelmäßige Struktur mit Kratzern, vor allem aber Unebenheiten und Dellen auf.

Die auffällige Optik ließ zuerst folgende Vermutungen als mögliche Ursache zu:

  • Unzureichende Vorbereitung der Oberfläche: Vor dem Beschichten ist die Oberfläche sehr rau gewesen und hätte vorbereitend mit einem roten oder einem blauen Pad bearbeitet werden müssen. Schmutzpartikel und Rückstände könnten zu weiteren Unebenheiten in der Beschichtung geführt haben.
  • Fehler beim Auftragen der Beschichtung: Die Beschichtung wurde in zu dicken Schichten aufgetragen, was zu einer welligen Struktur führte.
  • Mangelhafte Grundreinigung: Nach der Grundreinigung wurde nicht ausreichend gespült, sodass auf oder in der Oberfläche befindliche reinigungsaktive Substanzen nicht vollständig entfernt wurden (durch pH-Wert-Messung zu prüfen).

Viel hilft eben nicht viel

Ein Hinweis auf die falsche Verarbeitung des Polymers war der überhöhte Verbrauch an Beschichtungsmaterial, der deutlich über den Herstellerangaben lag. Gemäß Hersteller wären je nach Saugfähigkeit des Bodens 1,5 bis 2 Liter Beschichtungsmittel auf 100 Quadratmeter Auftrag zu kalkulieren. Dies hätte auf der vorliegenden Fläche einer Menge von rund 50 Litern entsprochen. Der Dienstleister gab jedoch auf Nachfrage des Sachverständigen einen nahezu doppelt so hohen Verbrauch von 90 bis 100 Litern Beschichtungsmittel an. Die Beschichtung wurde demnach zu dick aufgetragen und bildete im Trocknungsprozess eine wellenartige Struktur. Diese Struktur entsteht durch physikalische und chemische Vorgänge während der Trocknung und Aushärtung durch folgende chemische Prozesse:

1. Verdunstung der Lösungsmittel und Lösungsmittel­blasen

  • Chemischer Prozess: Beschichtungen enthalten flüchtige Lösungsmittel, die während des Trocknungsprozesses verdampfen. Bei einer zu dicken Polymerschicht kann das Lösungsmittel aus den unteren Schichten nicht schnell genug ­entweichen.
  • Folgen: Das Lösungsmittel sammelt sich in den ­unteren Schichten und verursacht Spannungen, da die obere Schicht bereits zu trocknen beginnt. In schweren Fällen können sich Blasen oder Wellen bilden, da die eingeschlossenen Lösungsmittel bei der Verdunstung die Lackoberfläche stören.

2. Schrumpfung der Polymerbeschichtung

  • Chemischer Prozess: Während des Aushärtens schrumpft das Polymer, da die flüchtigen Bestandteile (wie Lösungsmittel) entweichen. Bei einer zu dicken Lackschicht ist die Schrumpfung ungleichmäßig: Die äußeren Schichten trocknen und schrumpfen schneller, während die inneren Schichten langsamer aushärten.
  • Folgen: Es entstehen Spannungen in der Beschichtung, die zu sichtbaren Wellen, Rissen oder einem Orangenhaut-Effekt führen können.

3. Ungleichmäßige Aushärtung (Crosslinking)

  • Chemischer Prozess: Beschichtungen härten durch chemische Reaktionen aus, zum Beispiel durch Vernetzung der Polymerketten. Wenn die Schicht zu dick ist, passiert Folgendes: Sauerstoff und Feuchtigkeit dringen in die oberen Schichten ein und fördern die Aushärtung dort. Die unteren Schichten bleiben länger flüssig, da die Reaktionspartner oder Wärme nicht gleichmäßig verteilt werden.
  • Folgen: Es entsteht eine ungleichmäßige Struktur, bei der die obere Schicht eine feste Form annimmt, während sich die untere Schicht noch bewegt oder verzieht.

4. Gravitation und Fließverhalten

  • Physikalischer Prozess: Eine dicke Polymerschicht hat eine größere Masse und wird durch die Schwerkraft beeinflusst. Beschichtungen haben eine begrenzte Viskosität, um auf Oberflächen zu verlaufen und sich zu glätten. Wenn die Schicht zu dick ist, fließt der Lack ungleichmäßig und es bilden sich Wellen oder sogenannte Läufer.
  • Chemischer Einfluss: Lösungsmittel verdampfen schneller an der Oberfläche, wodurch die Viskosität in den oberen Schichten steigt, während die unteren Schichten noch flüssig bleiben. Dadurch können Fließbewegungen in der unteren Schicht Wellen verursachen.

5. Unzureichende Wärmeleitung

  • Chemischer Prozess: Temperatur ist entscheidend für die gleichmäßige Aushärtung. Bei einer dicken Beschichtung wird die Wärme in den oberen Schichten schneller als in den unteren Schichten abgeführt.
  • Folgen: Dies führt zu unterschiedlichen Härtungsgeschwindigkeiten, Spannungen und Wellenbildung.

Das Fazit des Sachverständigen lautete daher, dass zur Wiederherstellung einer homogenen Oberfläche die Grundreinigung und Beschichtung erneut durchzuführen sind.

Sascha Hintze | markus.targiel@holzmann-medien.de

Tipp vom Gutachter: "Gleichmäẞig und dünn auftragen"

Sascha Hintze - © privat

Sascha Hintze, Gebäudereinigermeister, öffentlich bestellter und vereidigter ­Sachverständiger: "Zusammenfassung der Ursachen für Wellenbildung bei zu dicken Beschichtungen:

  • Langsame und ungleichmäßige Verdunstung der Lösungs­mittel.
  • Ungleichmäßige Schrumpfung während des Trocknungsprozesses.
  • Störungen im Crosslinking-Prozess der Polymere.
  • Physikalische Fließbewegungen durch Schwerkraft.
  • Unzureichende Wärmeleitung und Aushärtung.

Daher sollte darauf geachtet werden, dass die Beschichtungsmittel gemäß Herstellervorgaben verarbeitet und die einzelnen Schichten gleichmäßig und dünn aufgetragen werden."