Säuregeschädigter Terrazzo: Wenn der Schleifversuch alles schlimmer macht

Aktueller Schadensfall: Ein Beispiel aus einem Schulgebäude zeigt, wie problematisch ­Einzelmaßnahmen sein können und wie deutlich objektive Messwerte zwischen inhomogener ­Nachbearbeitung und fachgerechter Sanierung auseinanderliegen.

Unbeauftragte Musterfläche im Randbereich: Die Bearbeitungszone setzt sich durch veränderte Farbwirkung und ein inhomogenes Schleifbild deutlich von der angrenzenden Bestandsfläche ab. Anstelle einer optischen Beruhigung entstand eine zusätzliche Inhomogenität innerhalb der historischen Terrazzofläche. - © Sascha Hintze

Historische Terrazzoböden gelten als langlebig, robust und in vielen Fällen als sehr gut sanierungsfähig. Genau diese Eigenschaften führen in der Praxis jedoch immer wieder dazu, dass optische Schäden vorschnell mit lokalen Schleif- oder Reinigungsmaßnahmen korrigiert werden. Der Fall aus einem Schulgebäude zeigt, wie problematisch solche Einzelmaßnahmen sein können. Hierbei wies ein rund 100 ­Jahre alter Terrazzoboden neben den ­üblichen alters- und nutzungsbedingten Verschleißspuren wolkige Aufhellungen und matte Zonen auf. Dem äußeren Erscheinungsbild nach waren diese Veränderungen mit säurebedingten Verätzungen vereinbar. Eine exakte Zuordnung sämtlicher säurebedingter Bereiche war bei der Ortsbesichtigung allerdings nicht mehr möglich, weil sich historische Gebrauchsspuren, Reinigungsbeanspruchungen und jüngere Eingriffe bereits überlagerten.

Besonders relevant wurde daher nicht nur der Primärschaden, sondern auch ein zusätzlicher Sanierungsversuch: Im Randbereich des Bodens hatte der mit der Reinigung beauftragte Dienstleister ohne gesonderte Freigabe eine Musterfläche angelegt. Ziel war es offenbar, die verätzten Bereiche optisch anzugleichen. Tatsächlich entstand jedoch eine deutlich abgesetzte Bearbeitungszone, die sich sowohl in der Farbwirkung als auch in der Oberflächenstruktur sichtbar von der angrenzenden Bestandsfläche abhob.

Unruhige Oberfläche

Das Schleifbild dieser Fläche erwies sich als inhomogen. Unterschiede in Mattierungsgrad, Schliffintensität und Flächenwirkung führten zu einem unruhigen Oberflächeneindruck. Statt das vorhan­dene Erscheinungsbild zu vereinheitlichen, wurde die Homogenität des historischen Belages weiter beeinträchtigt. Aus sachverständiger Sicht ist dies ein typisches Beispiel dafür, dass kleinflächige Angleichungsversuche ohne abgestimmtes Sanierungskonzept zusätzliche optische Schäden verursachen können.

Wie stark sich Bearbeitungsqualitäten unterscheiden, zeigte die ergänzend durchgeführte Rauheitsmessung. Rauheit beschreibt die mikrofeinen Höhen- und Tiefenunterschiede einer Oberfläche. Vereinfacht ausgedrückt ist sie eine technische Fühlprobe mit Messgerät: Je niedriger der Messwert, desto geschlossener und feiner ist die Oberfläche ausgearbeitet; je höher der Wert, desto stärker ist ihre Mi­krostruktur ausgeprägt.

Auf der unbehandelten Terrazzofläche wurde ein Oberflächenprofil von 228 Mikrometern gemessen. Dies dokumentiert eine deutlich offene, unegalisierte Oberflächenstruktur des Terrazzobodens. Auf der unbeauftragten Musterfläche betrug der Messwert 62,6 Mikrometer. Auch dieser Wert belegt, dass die Kornoberfläche trotz Bearbeitung noch deutlich rau geblieben ist. Von einem fein ausgearbeiteten, geschlossenen Schleifbild konnte hier nicht gesprochen werden.

Zum Vergleich wurde eine separate Referenzfläche eines spezialisierten Sanierungsbetriebs betrachtet, bei der der Terrazzoboden planeben geschliffen und anschließend poliert wurde. Hier lag der Rauheitswert auf den freiliegenden mineralischen Zuschlägen bei 0 Mikrometer. Auf dem Bindemittel wurden 49,4 Mikrometer gemessen. Dieser scheinbare Gegensatz ist materialtypisch: Die harten Zuschläge (die eigentlichen Steine) reagieren auf Schleif- und Polierprozesse anders als die Matrix (das mineralische Bindemittel). Entscheidend ist, dass gerade die optisch prägenden Kornoberflächen außerordentlich dicht und geschlossen ausgebildet waren.

Die Referenzmessung zeigt damit zweierlei. Erstens lässt sich ein historischer Terrazzo bei fachgerechter Bearbeitung sehr wohl in einen planebenen und geschlossenen Zustand überführen. Zweitens ist eine extrem niedrige Rauheit auf den Zuschlagstoffen ein belastbarer Hinweis auf die Qualität des Schleif- und Polierbildes. Dort, wo das Messgerät 0 Mikrometer anzeigt, sind praktisch keine messbaren Unebenheiten mehr vorhanden – ein Qualitätsmerkmal, das die unbeauftragte Musterfläche deutlich verfehlt.

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    Rauheitsmessung auf der Musterfläche des Dienstleisters: Der angezeigte Wert von 62,6 Mikrometern spricht gegen eine fein ausgeschliffene und geschlossene Ober­fläche. Die Bearbeitung blieb messtechnisch deutlich hinter einer hochwertigen Schleif- und Polierqualität zurück.
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    Vergleichsmessung auf der unbehandelten Bestandsfläche: Das ­Oberflächenprofil von 228 Mikrometern verdeutlicht die deutlich offenere und unegalisierte Struktur des unbehandelten Terrazzos. Der Wert dient als Vergleichsbasis für die Einordnung späterer Bearbeitungsschritte.
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    Referenzmessung auf einem freigelegten Zuschlag: 0 Mikro­meter belegen eine außerordentlich fein bearbeitete, dichte und geschlossene Kornoberfläche. Gerade auf den optisch prägenden Zuschlägen ist dies ein deutlicher Hinweis auf ein hochwertiges Schleif- und Polierbild.
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    Unbeauftragte Musterfläche im Randbereich: Die Bearbeitungszone setzt sich durch veränderte Farbwirkung und ein inhomogenes Schleifbild deutlich von der angrenzenden Bestandsfläche ab. Anstelle einer optischen Beruhigung entstand eine zusätzliche Inhomogenität innerhalb der historischen Terrazzofläche.

Glanzgradmessung bestätigt Befund

Auch die Glanzgradmessung bestätigte diesen Befund. Auf der unbeauftragten Musterfläche wurden lediglich 0,8 GU (Gloss Units beziehungsweise Glanzeinheiten) bei einem Winkel von 20 Grad, 3,4 GU bei 60 Grad und 5,1 GU bei 85 Grad gemessen. Die unbehandelte Bestandsfläche erreichte demgegenüber 1,0/11,1/12,9 GU. Die fachgerecht geschliffene und polierte Referenzfläche lag dagegen bei 11,8/37,3/65,8 GU und damit deutlich höher. Wichtig ist dabei: Die Farbumgebung beeinflusst die Glanzgradmessung nicht maßgeblich. Gemessen wird nicht die Helligkeit der Fläche, sondern das Reflexionsverhalten der Oberfläche unter definierten Winkeln. Hohe Werte stehen deshalb nicht für eine hellere, sondern für eine geschlossenere und stärker reflektierende ­Oberfläche.

Genau in dieser Kombination aus Rauheit und Glanz liegt der praktische Erkenntnisgewinn. Eine geschlossene, fein bearbeitete Oberfläche reflektiert Licht geordneter, wirkt homogener und nimmt Verschmutzungen geringer an. Eine inhomogene, stumpfe oder offenporige Fläche streut Licht dagegen ungleichmäßig, wirkt fleckig und ist in der Unterhaltsreinigung deutlich anspruchsvoller. Der Unterschied zwischen 62,6 Mikrometer auf der unbeauftragten Musterfläche und 0 Mikrometer auf der Referenzfläche ist damit nicht nur ein Laborwert, sondern im Alltag sichtbar und funktional relevant.

Für die Praxis ergibt sich daraus die Folgerung: Nicht jeder Schleifversuch ist bereits eine Sanierung. Wird lediglich kleinflächig und ohne abgestimmte Verfahrensfolge eingegriffen, können bestehende Schäden optisch verschärft werden. Im vorliegenden Fall muss die unbeauftragte Bearbeitungszone einschließlich der angrenzenden Übergangsbereiche so nachbearbeitet werden, dass ein homogenes Erscheinungsbild ohne optisch wahrnehmbare Unterschiede entsteht. Maßgeblich ist dabei nicht die partielle Kaschierung einzelner Aufhellungen, sondern die Wiederherstellung einer in Struktur und Reflexionsverhalten einheitlichen Oberfläche.

Boden kann saniert werden

Die Referenzfläche zeigte zugleich, dass der historische Terrazzoboden insgesamt sanierungsfähig ist. Durch ein fachgerechtes, vollflächig abgestimmtes Sanierungskonzept lässt sich seine technische und wirtschaftliche Nutzungsdauer, also der Werkstofflebenszyklus, deutlich ­verlängern.

Vereinfacht bedeutet das: Der Belag muss nicht vorzeitig ersetzt werden, sondern kann durch Schleifen, Schließen und Polieren in einen Zustand versetzt werden, der seine ­weitere Nutzung über viele Jahre ermöglicht. Zugleich erleichtert eine planebene und geschlossene Oberfläche die tägliche Unterhaltsreinigung erheblich, weil sich Schmutz und Rückstände deutlich schlechter festsetzen.

Der Schadensfall zeigt exemplarisch, warum historische Hartböden nicht nur optisch, sondern messtechnisch bewertet werden sollten. Rauheits- und Glanzgradmessungen machen die Bearbeitungsqualität objektivierbar und helfen, zwischen einer unzureichenden Einzelmaßnahme und einem tragfähigen Sanierungskonzept zu unterscheiden. Für Gebäudedienstleister, Betreiber und Planer ist das eine wichtige Erkenntnis: Erst die Kombination aus visueller Begutachtung, materialtechnischer Einordnung und objektiven Messwerten führt zu belastbaren ­Entscheidungen.

Sascha Hintze | markus.targiel@holzmann-medien.de

Tipps vom Gutachter

Sascha Hintze, Gebäudereinigermeister, öffentlich bestellter ­und ­vereidigter ­Sachverständiger: - © privat

Säure und Terrazzo strikt trennen: Kalkhaltige Terrazzoböden reagieren empfindlich auf saure Produkte. Entkalker, Sanitärreiniger oder saure Fleckenentferner gehören nicht auf solche Flächen.

Musterflächen nie ohne Freigabe anlegen: Kleinflächige Schleif- oder Polierproben verändern das Erscheinungsbild nachhaltig. Referenz­flächen müssen fachlich abgestimmt, dokumentiert und freigegeben sein.

Rauheit mitdenken, nicht nur den Glanz: Eine glänzende Fläche ist nicht automatisch gut bearbeitet. Erst die Kombination aus Glanzgrad und Oberflächenprofil zeigt, ob die Fläche tatsächlich dicht und geschlossen ausgeführt wurde.

Zuschlag und Bindemittel getrennt beurteilen: Bei Terrazzo­böden reagieren harte Zuschläge und die weiche Bindemittel­matrix unterschiedlich auf Schleifprozesse. Messwerte müssen deshalb materialbezogen interpretiert werden.

Sanierung vor Austausch prüfen: Historische Terrazzobeläge sind häufig vollständig sanierungsfähig. Ein abgestimmtes Sanierungskonzept ist oft wirtschaftlicher und nachhaltiger als ein Ersatz des Bodens.

Unterhaltsreinigung auf den sanierten Zustand ­abstimmen: Geschlossene Flächen benötigen materialgerechte, rück­stands­arme Reinigungschemie. Aggressive Produkte und spontane Sondermaßnahmen verkürzen den ­Sanierungserfolg.