Was Reinigungsmaschinen ergonomisch sinnvoll macht

Ergonomie in der Gebäudereinigung ist wichtig – nicht nur bei manuellen Tätig­keiten, sondern auch beim Bedienen von Reinigungsmaschinen beziehungsweise deren ­Auswahl nach ergonomischen Kriterien. Was dabei zu beachten ist.

Ergonomisch vorteilhaft bei Aufsitzmaschinen sind zum Beispiel Armlehnen und verstellbare Rückenlehnen. - © IFGM

Die Gebäudereinigung gehört zu den körperlich anspruchsvollsten Tätigkeiten. Laut BKK-Gesundheitsreport 2025 haben Reinigungskräfte die meisten krankheitsbedingten Fehltage aller Berufsgruppen und leiden besonders häufig unter Muskel-Skelett- ­sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ergonomisch ge­staltete Reinigungsmaschinen können die Gesundheit am Arbeitsplatz positiv beeinflussen.

Auswahl nach ergonomischen Aspekten

Die bekannten Verfahren der Gefährdungsbeurteilung leisten einen wichtigen Beitrag, sind jedoch häufig von subjektiver Wahrnehmung geprägt und werden in der Praxis nicht selten einfach ausgefüllt, um den formalen Anforderungen des Arbeitsschutzes zu genügen. Zwar kann es sich ein Reinigungsdienstleister in der Regel nicht leisten, jeden Arbeitsplatz mit modernen Methoden wie biomechanischen Messungen zu analysieren; viele Rahmenbedingungen sind zudem nicht beeinflussbar. Dennoch können Geräte und Maschinen gezielt nach ergonomischen Kriterien ausgewählt werden.

Ein Hersteller, dem bewusst ist, dass seine Pro­dukte den Körper des Nutzers sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können, ist heutzutage in der Lage, ergonomische Aspekte ins Design zu integrieren und sie objektiv auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen. Wichtig dabei ist auch die Einbindung von Reinigungskräften, um praxisnahes Feedback zu erhalten und das Design zu verbessern. Beim Verkauf von Maschinen stehen zwar meist Fakten wie Leistungsfähigkeit und/oder Flächenleistung im Vordergrund, weniger der Nutzer und seine Bedürfnisse in puncto Ergonomie. Klar ist: Ein Produkt muss sich für beide Seiten rechnen, für den Käufer gut aussehen und ein gutes Ergebnis erzielen. Doch was hilft das alles, wenn die Reinigungskraft krankgeschrieben ist und die Maschine gar nicht bedienen kann?

Was biomechanische Messungen leisten

Die Grundlagen biomechanischer Analysen sind bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren durch die Erforschung von Mechanik, Arbeitsphysiologie und Ergonomie gelegt worden. Analysen wurden durch Beobachtungen und Bewertungsskalen für Bewegungen durchgeführt. Daraus wurden ana­loge Arbeitsplatz­analysen entwickelt. Die sogenannte ­Motion-Capture-Technologie der 1990er-Jahre ­brachte dann einen entscheidenden digitalen Durchbruch. ­Gelenkwinkel und Bewegungsabläufe können nun durch am Körper angebrachte Sensorik gemessen werden. Das ist ein entscheidender Vorteil, denn die Auswertung erfolgt nicht durch den Betrachter, sondern über gemessene Daten.

Mithilfe Künstlicher Intelligenz ist es inzwischen sogar möglich, Bewertungen durch Videoaufnahmen durchzuführen. Zwar sind die Messdaten nicht so genau wie bei der Motion-Capture-Technologie, doch das Anbringen von Sensorik und die Laborsituation entfallen. So gibt es beispielsweise Kamerasysteme, die zu Studien­zwecken über dem Arbeitsplatz angebracht werden und Bewegungen analysieren. Mit solchen Systemen fühlen sich die Testpersonen weniger beobachtet und arbeiten natürlicher, was zu realistischeren Arbeitssituationen führt.

Entsprechende Lösungen erfassen:

  • Bewegungen von Rumpf, Schultern, Armen, Ellenbogen und Handgelenken,
  • Kopf- und Nackenhaltungen,
  • Beinbewegungen, Schrittfolgen und Standzeiten,
  • Wiederholungen bestimmter Bewegungen und
  • die zeitliche Dauer ungünstiger Körperhaltungen.
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    Breite Pedale ermöglichen eine individuelle Fußposition.
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    Bei biomechanischen Messungen werden Sensoren am Körper einer Testperson angebracht. Die erhaltenen Daten geben Aufschluss über Belastungen zum Beispiel bei
    Bewegungsabläufen. Das lässt sich auch bei der Entwicklung von ergonomisch gestalteten Reinigungsmaschinen nutzen.
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    Ergonomisch vorteilhaft bei Aufsitzmaschinen sind zum Beispiel Armlehnen und verstellbare Rückenlehnen.

Die Auswertung erfolgt softwareunterstützt. Belastungen können über den Zeitraum der Erfassung auf den Arbeitstag hochgerechnet und bewertet werden. Diese Erkenntnisse lassen sich auch in die Produktentwicklung von Reinigungsmaschinen integrieren.

Ergonomie bei Reinigungsmaschinen

75 Prozent der Beschäftigten in der Gebäudereinigung sind Frauen, Reinigungsmaschinen werden jedoch überwiegend von Männern konstruiert, häufig orientiert an mittleren Körpermaßen. Die reale Belegschaft weicht hiervon meist deutlich ab und daher muss sich die Reinigungskraft in der Regel an die Maschine anpassen – was so verkrampft aussieht, wie es meistens ist. Gibt es Einstellmöglichkeiten, um die Bedienung zu erleichtern, ist Schulung sehr wichtig und sollte von den Herstellern, falls angeboten, durchgeführt werden.

Was bei der Auswahl zu beachten ist

Bei der Auswahl von Reinigungsmaschinen aus ergonomischer Sicht gibt es für Hersteller ebenso wie für Anwender viel zu beachten. Nachfolgend ein Blick auf gängige Maschinentypen.

  • Hinterherlaufmaschinen werden geschoben und haben eine Fahrautomatik, die das Schieben unterstützen und Arme, Schultern und Rumpf entlasten kann. Bei der Auswahl ist eine variabel einstellbare Griffhöhe zu beachten. Ist der Griff zu niedrig, kommt es zu einer dauerhaften Rumpfbeugung des Bedieners. Ein neutraler Handgelenkswinkel beim Manövrieren und Bedienen der Griffe ist nötig, um die Sehnen positiv zu unterstützen. Beim Fahren der Maschine um Ecken sollte beim Nutzer keine unnötige Verdrehung der ­Arme oder des Oberkörpers verursacht werden. Ebenso sollte der Austausch von Pads und Wartungsarbeiten mit möglichst wenig Kraftaufwand und Verdrehung von Körperteilen möglich sein.
  • Einscheibenmaschinen haben durch das rotierende Pad die Besonderheit, seitliche Kräfte beim Bedienen zu verursachen. Mithilfe der Neigung der Führungs­stange wird verhindert, dass die Maschine sich zu stark seitlich bewegt. Die Schulung der Mitarbeiter ist sehr wichtig, damit unnötige Bewegungen des Oberkörpers vermieden werden. Der Griff sollte sich auf Höhe der Hüfte mit leicht angewinkelten Armen befinden. Spürbare Vibrationen in Handgelenken und Unterarmen sind auf Dauer für Sehnen, Nerven und Gelenke unvorteilhaft. Ein klassischer T-Griff ist sehr häufig zu finden, doch es gibt auch Hersteller, die den Griff rundlich gestaltet haben, sodass die Hände Griffvariationen zur Verfügung haben. Aufgrund des nötigen Anpressdrucks sind die Maschinen schwer und der Transport ist nicht für jede Person einfach zu bewerkstelligen. Bei der Auswahl lohnt es sich, auch den Transport zu testen.
  • Exzentermaschinen erzeugen weniger seitliche Kräfte als Einscheibenmaschinen und gelten daher auf den ersten Blick als für den Körper günstiger. Leichte Vibrationen sind während der Bedienung häufig zu spüren. Bei der Schulung der Mitarbeiter ist ganz besonders darauf zu achten, dass der gesamte Körper sich mit der Maschine bewegt, um eine natürliche Haltung zu erzielen, sodass die Kraft auf den gesamten Körper verteilt wird. Weitere Auswahlkriterien in ergonomischer Sicht sind möglichst wenig Vibrationen und die Gestaltung des Griffs. Der T-Griff ist bei Exzentermaschinen ebenfalls sehr häufig anzutreffen. Ergonomisch vorteilhafter sind aber Maschinen mit rundem Griff, um den Händen unterschiedliche Griffvariationen anzubieten und Ermüdung und Überbelastung vorzubeugen.
  • Aufsitzmaschinen gibt es von klein bis groß. Fast immer ist es für weibliche Nutzer schwierig, das Gas­pedal aus einer natürlichen Position heraus zu erreichen. Die Reinigungskraft sitzt demzufolge am vorderen Rand des Sitzes, um das Gaspedal zu erreichen, und bedient die Maschine eher krampfhaft. Häufig wird über ­Rückenschmerzen während der Bedienung geklagt. Ideal sind eine Sitzposition, die Rücken und Schulter durch Lehnen entlastet, und Sitze, die sich anpassen lassen. Zudem sollte die Sicht seitlich nicht durch das Bedienpanel oder andere Konstruktionen beeinträchtigt werden, damit der Bediener keine verdrehte Sitzposition einnehmen muss, wenn er randnah fahren will. Möglichst wenig körperlicher Kraft­aufwand bei Wartung und Tankentleerung ist von Vorteil.
  • Akku-Scheuersaugmaschinen unterstützen das ma­nuelle Wischen und sind sehr wendig – eine interessante Alternative, um Reinigungskräfte zu entlasten. Es gibt Lösungen mit klassischem T-Griff, Rundgriff und Stiel, deren Bedienung dem manuellen Wischen ähnlich ist. Bei der Auswahl zu beachten sind die verstellbare Länge, variable Griffmöglichkeiten und möglichst wenig Vibrationsübertragung auf die Unterarme. Zudem sollte getestet werden, wie viel Kraftaufwand zum Manövrieren benötigt wird und ob die Unter­arme oder der Oberkörper bei engen Kurven stark verdreht werden müssen. Das Führen der ­Maschinen wird ­idealerweise durch einfache Symbolik erleichtert. Um es im Arbeitsalltag möglichst einfach zu haben, sollte der Tank einfach zu reinigen und gut zu erreichen sein. Häufig sind Frisch- und Schmutzwasserbehälter durch schmale Bauweisen verwinkelt konstruiert, was das Reinigen der Tanks erschwert.

Für alle Beteiligten ein Gewinn

Mithilfe biomechanischer Messungen ist es möglich, auf Grundlage von Fakten Bewertungen von Arbeitsplätzen oder auch Maschinen vorzunehmen. So lässt sich objektiv feststellen, ob eine Maschine ergonomisch ist oder nicht. Fehlbelastungen können zudem frühzeitig erkannt werden. Gebäudedienstleister sollten bei der Auswahl von Reinigungsmaschinen nicht unhinterfragt den Aussagen der Hersteller vertrauen, sondern kritisch bleiben und vor allem darauf achten, dass die Arbeit aus einer möglichst natürlichen Haltung heraus möglich ist und dies auch in den Schulungen der Mitarbeiter vermitteln. Die Mindestanforderungen für Reinigungsmaschinen in ergonomischer Hinsicht sind:

  • In der Höhe verstellbare Griffe.
  • Die Griffe lassen sich an die Form der Hand anpassen.
  • Dynamische Griffpositionen, um einseitige Belastungen auszugleichen.
  • Der Nutzer hat einen neutralen Stand und eine aufrechte Haltung.
  • Die Steuerungseinheit ist einfach zu erreichen und logisch zu bedienen, bestenfalls durch klar gestaltete Symbole.
  • Körpersignale sollten ernst genommen und Maschineneinstellungen gegebenenfalls korrigiert werden.

Wer als Gebäudedienstleister auf Ergonomie setzt, reduziert langfristig krankheitsbedingte Ausfälle und Folgekosten. Für Hersteller von Reinigungsmaschinen und -geräten sind die Mehrkosten für die Integration von Ergonomie in der Entwicklung im Vergleich zu Kosten wie Produktion, Werkzeugbau, Vertrieb und Marketing minimal. Ergonomie ist am Ende für alle Beteiligten ein Gewinn.

Christian Talaga | heike.holland@holzmann-medien.de

Christian Talaga - © IFGM

Christian Talaga

ist staatlich examinierter Physiotherapeut und Gesundheitsmanager für die Gebäudereinigung. Er führt die Geschäfte des Instituts für Ganzheitliches Gebäudemanagement (IFGM) in Münster.