Gleichstellung und Inklusion sind in aller Munde. Doch die Umsetzung hinkt den Ambitionen hinterher. Dass es möglich ist, mit oder trotz Behinderung in der Gebäudereinigung in einem klar definierten Bereich zu arbeiten, zeigt ein Pilotprojekt in einem Baumarkt in Düren-Niederzier, das der Initiator als "bahnbrechend" bezeichnet.

Anja hat die Route am Steuer des Kehrsaugfahrzeugs im Griff: Souverän lenkt sie die Maschine durch die Gänge des Baumarktes, von der Lampenabteilung bis zu den Baustoffen in Gang 5. Dann wendet sie und kehrt zurück. Runde für Runde, jeden Tag ihrer 35-Stunden-Woche. Diana befreit mit großen Mopp-Handschuhen die Elektrogeräte vom Staub, Kerstin schwingt den Mopp über die Laminatauslage. Drei junge Frauen haben als Reinigungskräfte im Hornbach-Baumarkt in Düren-Niederzier dem Schmutz, Abrieb, Holz- und Zementstaub den Kampf angesagt. Ihre Aufgabe: Reinigung nach Bedarf. Boden und Ausstellung des Baumarktes müssen sauber sein. Ein ganz normaler Job? Nicht ganz. Das Trio nimmt an einem Projekt teil, das Schule machen soll: Menschen mit Behinderung arbeiten in der Gebäudereinigung.
Benachteiligung ausgleichen
Zusammen mit den benachbarten Rurtalwerkstätten der Lebenshilfe Düren gGmbH hat das Institut für ganzheitliches Gebäudemanagment (IFGM) mit der Hornbach Baumarkt AG die "Professionelle Gebäudereinigung für Menschen mit Handicap" ins Leben gerufen. Das ist in dieser Form bislang beispiellos. Möglich macht dieses Novum ein integratives Reinigungskonzept. Erdacht und im Detail ausgetüftelt hat es Cornel Klaßen, Gründer des IFGM. Er berät seit 20 Jahren die Hornbach Baumarkt AG nicht nur in Deutschland, sondern europaweit in allen Belangen der Sauberkeit. Und weil Cornel Klaßen "ständig Neuerungen einbringt", wie er sagt, präsentierte er Hornbach seine neue Idee: ein Konzept, dass die Benachteiligung behinderter Menschen ausgleichen will. Er spricht von einer "neuen Ära der Gebäudereinigung"“".
Ein Jahr Vorlauf
Vor gut einem Jahr stellte Cornel Klaßen der Hornbach-Kette seine Pläne vor. Im April 2023 startete "Integral Reinigen": Anja, Kerstin und Diana bekamen im Rahmen eines Praktikums die Chance, sich einfach mal in dem für sie völlig neuen Arbeitsfeld Gebäudereinigung auszuprobieren, ganz ohne Zwang. Und sie erledigten ihre Aufgaben nicht nur voller Elan, sondern mit Begeisterung. Die drei jungen Frauen machten ihren Job so gut, dass ihr Arbeitsbereich schnell ausgeweitet wurde. Seit 1. Juli sind sie quasi "übernommen", das heißt: aus ihren Praktika wurden sogenannte betriebsintegrierte Arbeitsplätze (BiAP). Inzwischen reinigen sie täglich eigenverantwortlich 90 % der Baumarktfläche. Dienstleister Vebego übernimmt den Sanitärbereich und Räume in der oberen Etage.
Erfolg auf allen Ebenen
Eine Win-Win-Situation: Die jungen Frauen haben Spaß an ihrem Job, die Baumarktleitung ist mit der Reinigungsleistung absolut zufrieden. Und auch die Betreuerinnen der Lebenshilfe, Kirsten Pakbiers-Renericken vom Sozialdienst der Rurtalwerkstätten und Beatrix Dammers-Baltus, Leitung Rurjob, sind stolz auf die drei. Aber nicht nur das: Auf höchster Hornbach-Ebene ist das Projekt so gut angekommen, dass bald ein zweiter Markt in München dem Beispiel folgen soll, weitere Standorte sind in Planung. Und Cornel Klaßen hat Großes vor. Eine Ausschreibung für die Reinigung mehrerer Objekte eines großen Kreises läuft. Sein Ziel: "Menschen mit Einschränkung eine Chance geben."
Zwischenstation BiAP
BiAPs sind heiß begehrt. Der betriebsintegrierte Arbeitsplatz ist nach einem Praktikum die nächste Stufe auf dem Weg zum sozialversicherungspflichtigen Job. Die Reinigungskräfte sind zwar weiterhin bei den Rurtalwerkstätten angestellt, sie werden auch von ihnen bezahlt und betreut. Die Arbeit findet aber extern statt, im Baumarkt. Damit haben sie sich ein komplett neues Tätigkeitsfeld erschlossen. Es bietet die Chance, eigenverantwortlich zu arbeiten und ein hohes Maß an Selbstständigkeit. Für die Reinigungsarbeit erhalten die Rurtalwerkstätten einen bestimmten Betrag von Hornbach, dadurch verdienen Anja, Diana und Kerstin mehr Geld als intern in den Werkstätten.
Neuland betreten
Cornel Klaßens Unternehmen verfolgt mit "Integral Reinigen" einen ganzheitlichen, personenzentrierten Ansatz. Er will in der Gebäudereinigung Arbeitsplätze für Menschen mit Einschränkungen schaffen. In Nischen wie der Kantine, am Empfang, in der Verwaltung oder im Einzelhandel gibt es die bereits. In der Gebäudereinigung noch nicht. Wer chronisch psychisch erkrankt, körperlich oder geistig behindert ist, arbeitet meist intern in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM), also in einem geschützten Rahmen – mit allen Vor- und Nachteilen. Anja war bislang in Küche und Catering tätig, Diana und Kerstin arbeiteten in der Heißmangel-Abteilung. Das Gebäudereiniger-Handwerk ist für alle drei komplettes Neuland.
Raus aus der Sicherheitszone?
"Viele unserer Leute machen seit Jahren das gleiche, die Tätigkeiten bieten wenig Abwechslung", erklärt Sozialpädagogin Kirsten Pakbiers-Renericken. Nach den ersten Gesprächen mit dem IFGM und Hornbach sondierte sie gemeinsam mit dem Team und Rurjob-Leitung Beatrix Dammers-Baltus, ob Interesse besteht und wer dafür infrage käme. Gleich vier Praktikumswillige meldeten sich, drei sind geblieben. "Manchmal muss man Stärken und Interessen erst hervorkitzeln", sagt Beatrix Dammers-Baltus.
Ein Praktikum oder BiAP kommt aber längst nicht für alle Werkstätten-Mitarbeitenden infrage. 900 geistig oder körperlich eingeschränkte Menschen arbeiten in den Rurtalwerkstätten, 300 davon sind schwerst mehrfach behindert. Nur 35 arbeiten an externen Arbeitsplätzen. "Viele wollen gar nicht weg. Sie haben in den Werkstätten ihre gewohnten Kontakte und Kollegen, das gibt Sicherheit. Auch das Krankheitsbild lässt oft gar kein externes Arbeiten zu", weiß Beatrix Dammers-Baltus. Und noch ein Hindernis erschwert den Schritt nach draußen: "Schlechte Erfahrungen und die Sorge, von Auftraggebern ausgenutzt zu werden, halten einige davon ab", erklärt die Rurjob-Leiterin.
Nichts zu verlieren
Warum sind die drei Praktikantinnen dann so motiviert? "Ich bin für alles offen, ich habe doch nichts zu verlieren", erklärt Anja und fügt hinzu: "Ich gehe ganz normal arbeiten und fühle mich damit wohl". Durch die Kantine ist der Kontakt mit Kunden für sie nichts Neues. Trotzdem ist die Arbeit bei Hornbach eine andere Größenordnung, denn hier ist sie eigenverantwortlich für ihren Bereich zuständig. Natürlich werde sie von Kundinnen und Kunden angesprochen, die auf der Suche nach einem neuen Duschkopf oder einer bestimmten Wandfarbe sind. "Ich erkläre freundlich, dass ich nicht weiß, wo was ist, sondern hier für die Reinigung zuständig bin. Und dass sich die Kunden bitte an einen Mitarbeiter des Baumarktes wenden sollen", sagt Anja selbstbewusst. Übel genommen hat ihr das noch niemand. Die drei Reinigungskräfte sind im Markt angekommen. "In den letzten Monaten hatten wir hier viel Spaß", sagt Anja. Der stellvertretende Marktleiter Oliver Reinprecht schätzt seine freundlichen Kolleginnen, er sieht keine Probleme.
Keine Standardlösungen
Cornel Klaßen ist davon überzeugt, dass Menschen trotz Einschränkungen in der Beweglichkeit, in der Belastbarkeit oder trotz kognitiver Handicaps in der Lage sind, sich in der Gebäudereinigung zu behaupten. Wie das in der Praxis aussehen kann, hat er in Selbstversuchen und mit seinem Team ausprobiert: Er setzte sich in einen Rollstuhl, schnappte sich Teleskopstange und Mopp und experimentierte. Lassen sich Fenster und Schulpulte reinigen, wenn jemand seine Beine nicht bewegen kann? Wie muss das Arbeitsgerät beschaffen sein, um aus sitzender Position Böden und Kacheln in Sanitäranlagen zu wischen – ergonomisch einwandfrei, also ohne Verrenkungen? Schnell war klar: Die Arbeitsschritte dürfen den Körper nicht fehlbelasten oder gar Rücken- oder Schulterprobleme verursachen. Für die wissenschaftlichen Tests in Bezug auf das Material holte sich Cornel Klaßens Institut die Sporthochschule Köln ins Boot.
Hoher Anspruch ans Material
An den Teleskopstiel muss beispielsweise ein Kugelkopfgelenk, an den Rollstuhl eine Halterung für das Arbeitsgerät. Für "Integral Reinigen" hat Cornel Klaßen in der Firma Vermop einen Mitstreiter rund ums Moppen gefunden, und er verspricht: "Das Material muss sich dem Menschen anpassen und da sind wir noch nicht am Ende". Der Teleskopstiel ist ein Vermop-Standardgerät, der "Scandic X Stiel" mit einer drehbaren Kugel als Kopf, damit sich der Mopp flexibel bewegen lässt. Er ist wegen seiner ergonomischen Bauweise über die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) förderfähig.
Die Trockenreinigung der Auslagen geschieht mit den Handschuh-Mopps "Ceran". Sie nehmen den Staub dank großer Fläche auf und schützen gleichzeitig die Hände. Die Geschwindigkeit des Kehrsaugfahrzeugs, das Anja fährt, ist auf 3 km/h gedrosselt. Es stoppt sofort, wenn der Fuß vom Fahrpedal geht. Im Idealfall gleicht das Gerät sogar körperliche Defizite aus. Bestes Beispiel dafür ist ein neues Scheuersaugfahrzeug aus der Rotan-Serie von Dr. Gansow Gmatic (155BTX85), das durch vier Kameras einen Rundumblick bietet – ähnlich wie im Pkw. Damit ist es nicht mehr nötig, beim Rückwärtsfahren den Oberkörper zu drehen. Ein Blick auf das Display genügt.
Chancen für Dienstleister
Könnte der allgemeine Fachkräfte- und Personalmangel Grund für die Innovation sein? "Keinesfalls"“", entgegnet Cornel Klaßen. Ihm geht es um mehr Chancengleichheit, eine sinnstiftende Tätigkeit in einem Arbeitsfeld mitten unter den "Normalos". Er will ermöglichen, dass Menschen mit Handicap in einer Branche Fuß fassen können, die ein riesiges Spektrum an Einsatzmöglichkeiten bietet. Für Gebäudedienstleister hat die Förderung eines inklusiven Arbeitsmarkts im Gebäudereiniger-Handwerk aber auch ganz handfeste ökonomische Vorteile:
- Erhöhung der Ausgleichsabgabe: Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitenden müssen 5 % der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen (Behinderungsgrad 50 % und mehr) besetzen – zum Beispiel wie in Düren in Form eines BiAPs. Tun sie das nicht, wird eine monatliche Ausgleichsabgabe fällig. Die Höhe der Abgabe ist je nach Prozentsatz gestaffelt. Seit 2023 gibt eine neue Einstufung mit einer zusätzlichen Stufe, die die Integration vorantreiben soll: 720 Euro werden monatlich fällig, wenn ein Betrieb keine schwerbehinderten Menschen beschäftigt. Für große Betriebe kommen da schnell mehrere tausend Euro zusammen.
- Zuschüsse als Anreiz: Arbeitsplätze für schwer- oder schwerstbehinderte Menschen werden subventioniert. Bei der Bundesagentur für Arbeit ist der Integrationsfachdienst (IFD) eine Beratungsstelle für (schwer-) behinderte Menschen, die Unterstützung am Arbeitsplatz benötigen. Er soll deren Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützen. Dafür gibt es Lohn- und Investitionszuschüsse von 50 % und mehr. Die Voraussetzungen werden vom IFD durch ein Gutachten geprüft, im Rheinland übernimmt der Landschaftsverband Rheinland die Finanzierung.
Die Ausgleichsabgabe
Arbeitgeber, die die Pflichtquote von 5 % nicht erfüllen, müssen für jeden unbesetzten Pflichtarbeitsplatz monatlich eine Ausgleichsabgabe bezahlen – in verschiedenen Abstufungen von 140 Euro bis 720 Euro.
Ein Beispiel für die Branche?
Cornel Klaßen ist sicher, dass sein Pilotprojekt auf die gesamte Branche übertragbar ist. Nicht ohne Stolz nennt er die drei Frauen "Gründerinnen einer neuen Ära der Gebäudereinigung". Dabei verschweigt er nicht, dass der integrative Ansatz von allen Beteiligten echtes Engagement verlangt – Einfühlungsvermögen und ein Umdenken in allen Bereichen. Unter dem Strich heißt das: mehr Vorbereitung, mehr Geduld, mehr Einarbeitung und Absprache, mehr Betreuung, mehr persönliche Bindung.
In der Praxis sieht das im Hornbach-Markt in Düren-Niederzier so aus:
- Fläche und Ausstellung müssen sauber werden. Der erste Schritt ist, Erwartungen zu formulieren – von beiden Seiten. Das bedeutet für die Objektleitung: Sie muss die Arbeit in Häppchen unterteilen, Bereiche abstecken und Aufgaben definieren. Die Praktikantinnen müssen ganz offen sagen, was sie leisten können und was sie überfordert.
- Klare Strukturen: Ein festgelegter Tagesablauf, ein standardisierter Wochenplan, feste Aufgaben, feste Pausen.
- Keine Standardeinweisung, sondern eine langsame, individuelle Einarbeitung ohne Zeitdruck. Die gelang in Düren durch visuelle Hilfestellung statt eines Anweisungszettels. Denn das Handicap kann zum Beispiel darin bestehen, dass das Lesen schwerfällt. Mit einer Aufgabenliste ist dann niemandem geholfen. Bilder und Piktogramme müssen her, Schritt-für-Schritt-Anleitungen.
- Wertschätzung der Leistung.
- Flexible Lösungen: Die Anfangszeit muss sich flexibel gestalten lassen, sie darf zum Beispiel nicht zu früh anfangen oder muss sich zum Beispiel nach den Busfahrplänen richten.
- Umfassende Betreuung: Alle 14 Tage bekommen die Praktikantinnen Besuch von ihren Betreuerinnen, bei Problemen auch öfter. Es gibt regelmäßige Gespräche mit dem Auftraggeber und den Beschäftigten bei Hornbach.
- Feste Ansprechpartner, die zu jeder Zeit erreichbar sind. Der Baumarkt in Düren hat dafür eine "Notinsel" an der Information eingerichtet. Hier sind die Telefonnummern aller Betreuungspersonen hinterlegt.
Jede Vermittlung zählt
Der Integrationsfachdienst der Arbeitsagentur (IFD) ist Ansprechpartner für Betriebe, die Schwerbehinderte beschäftigen möchten. Cornel Klaßen entschied sich beim Dürener Pilotprojekt für den kurzen Dienstweg. Er fragte einfach bei den Rurtalwerkstätten nach – näher und schneller geht es kaum, denn die Rurtalwerkstätten Lebenshilfe Düren haben einen ihrer acht Standorte direkt gegenüber vom Hornbach-Markt Niederzier. Anja, Diana und Kerstin gehen in der Pause zum Mittagessen über die Straße in ihre Kantine. Umgekehrt genauso: Ein Anruf genügt, die Kontaktperson aus den Rurtalwerkstätten ist jederzeit abrufbar und kommt schnell zum Baumarkt.
Dieses Vorgehen empfiehlt Cornel Klaßen allen, die seinem Beispiel folgen wollen. In jedem Kreis beziehungsweise in jeder Kommune ist die Lebenshilfe aktiv, darüber hinaus gibt es auch andere Anbieter von Werkstätten für Menschen mit Behinderung. "Die Gruppenleiter kennen ihre Mitarbeiter jahrelang und wissen, wer für ein Praktikum zu begeistern ist", sagt Beatrix Dammers-Baltus. Allzu große Erwartungen muss sie allerdings bremsen. Sie schätzt das Potenzial auf etwa 5, maximal 10 % ihrer Klientel. Doch jede Vermittlung zählt, denn die Chancen sind rar.
Umdenken gefragt
Das Fazit: Inklusion verlangt ein Umdenken. Wer Menschen mit Handicap in die Reinigung einbeziehen will, muss das Potenzial des Einzelnen erkennen und ebenso die Grenzen oder Schwächen respektieren. Jede und jeder macht genau das, was machbar ist, ganz individuell. Nicht mehr und nicht weniger.
Thea Wittmann | heike.holland@holzmann-medien.de