Gealterter Sportboden: Subjektiv zu stumpf, objektiv normgerecht

Aktueller Schadensfall: In einer Schulsporthalle wurde ein ungepflegter Linoleum-Sportboden nach ­subjektiver Einschätzung als zu stumpf eingestuft und die Halle vorsorglich gesperrt. Die Rutsch­sicherheit stellte sich zwar als normkonform heraus, der Belag war jedoch materialtechnisch stark gealtert und im Torbereich durch stark alkalische Harzentferner verseift.

Mikroaufnahme der Linoleumoberfläche. Deutlich gealterte Linoleumdeckschicht ohne Pflegebefilmung: offene, reliefartige Struktur mit ausgebrochenen Bindemittelbereichen und freiliegenden Füllstoffen; typisches Bild einer über Jahre chemisch und mechanisch überbeanspruchten Sport­bodenoberfläche. - © Sascha Hintze

Der Linoleumboden einer Schul- und Vereinssporthalle wurde nach einer Begehung von einer externen Person als zu stumpf beschrieben. Ohne weitere Untersuchungen oder Messungen wurde die Halle vorsorglich gesperrt und der Betreiber erwog eine vollständige Erneuerung des Sportbodens. Nachdem der Sachverständige hinzugezogen wurde und eine systematische, normkonforme Begutachtung durchführte, zeigte sich, dass subjektive Wahrnehmung, tatsächliche Rutschsicherheit und materialtechnischer Zustand deutlich voneinander abwichen.

Bei diesem Sportboden handelt es sich um einen klassischen Linoleumbelag in Bahnen, der ursprünglich für den Sportbetrieb ausgelegt wurde. Seit der Inbetriebnahme vor rund zwei Jahrzehnten wurde jedoch keine Pflegebefilmung aufgebaut, weder werkseitige Polymerfilme aufgefrischt noch zusätzliche Schutzschichten aufgebracht. Der Belag wurde somit über den gesamten Nutzungszeitraum mit ungeschützter Nutzschicht betrieben. Im Rahmen des Ortstermins zeigte sich ein in der Fläche matt wirkender, optisch unruhiger Boden mit erkennbaren Bahnen in Fahrtrichtung der Reinigungsmaschine. In den Torbereichen traten darüber hinaus deutlich abgesetzte, vergilbte und teils strukturveränderte Zonen auf, die bereits visuell auf eine zusätzliche chemische Belastung schließen ließen.

Unter materialtechnischen Gesichtspunkten ist zu berücksichtigen, dass Linoleum auf oxidierten Pflanzenölen und Naturharzen als Bindemittel basiert, kombiniert mit Holz- oder Korkmehlen, mineralischen Füllstoffen und Pigmenten. Diese Matrix reagiert sensibel auf starke Alkalien, lösungsmittelhaltige Medien mit hoher Lösekraft und dauerhaft hohe mechanische Belastungen, insbesondere wenn keine schützende Pflegebefilmung als Opferschicht vorhanden ist.

Das Schadensbild

In der mikroskopischen Betrachtung zeigte die Oberfläche ein deutlich aufgerautes, teilweise kreidendes Erscheinungsbild. Die ursprünglich eher geschlossene Deckschicht war in weiten Bereichen in eine reliefartige Struktur übergegangen, Füllstoffe traten sichtbar zutage. Dieses Bild ist typisch für einen Belag, der lange Jahre ohne Schutzfilm betrieben und dadurch sukzessive verschlissen wurde.

Besonders auffällig waren die Torzonen. Hier war im Vorfeld versucht worden, hartnäckige Verschmutzungen und Harzreste mit einem stark alkalischen Spezialreiniger auf Basis von 2-Aminoethanol zu entfernen. Nach den Angaben vor Ort ist davon auszugehen, dass der Reiniger in stark erhöhter Konzentration, teilweise sogar als Konzentrat, appliziert wurde und die Flächen nicht mit Wasser klargespült wurden. Da der Linoleumbelag in diesen Bereichen ohne Pflegefilm vorlag, griff der Reiniger unmittelbar die Linoleumdeckschicht an. In der Folge setzte ein Verseifungsprozess der Leinölharze ein: Die Oberfläche quoll an, Bindemittel wurden gelöst, es bildeten sich offenporige, farblich gelb anmutende Zonen mit veränderter Haptik. Charakteristisch ist, dass die geschädigten Bereiche bahnenartig in der Fahrtrichtung des Reinigungsautomaten sichtbar waren, was eine eindeutige Zuordnung zur Reinigungsmaßnahme erlaubt. Der Schaden ist damit als chemischer Substanzschaden in der Deckschicht eines ohnehin vorgeschädigten Linoleumbelags zu klassifizieren.

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    Hallenecke mit Fahrspuren der maschinellen Reinigung: Es sind längs der Fahrtrichtung der Reinigungsmaschine verlaufende Fahrbahnen erkennbar, in denen die verseifte und aufgeraute Linoleumoberfläche das Fahrbild der Maschine sichtbar nachzeichnet.
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    Durchführung der Pendelmessung nach DIN EN 13036-4/DIN EN 14904 zur Bestimmung des Haft-/Gleitverhaltens des Sportbodens im laufenden Schul- und Vereinssportbetrieb. Das eingesetzte Pendelgerät steht mittig auf dem Spielfeld und liefert die normrelevanten Kennwerte zur objektiven Beurteilung der Rutschsicherheit.
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    Mikroaufnahme der Linoleumoberfläche. Deutlich gealterte Linoleumdeckschicht ohne Pflegebefilmung: offene, reliefartige Struktur mit ausgebrochenen Bindemittelbereichen und freiliegenden Füllstoffen; typisches Bild einer über Jahre chemisch und mechanisch überbeanspruchten Sport­bodenoberfläche.

Messung des Haft-/Gleitverhaltens

Um die sachliche Berechtigung der Hallensperrung zu prüfen, wurde das Haft-/Gleitverhalten mit zwei etablierten Verfahren untersucht: zum einen mit dem Tribometer nach DIN EN 16165 als DGUV-nahe Referenzmessung; zum anderen mit dem Pendelgerät nach DIN EN 13036-4 in Verbindung mit DIN EN 14904 als maßgeblichem Verfahren für Sportböden. In drei Messbereichen lagen die Gleitreibungskoeffizienten des Tribometers deutlich oberhalb des Orientierungswerts µ ≥ 0,45, wie er in der DGUV-Systematik als Untergrenze für ausreichend rutschhemmende Oberflächen herangezogen wird. Die parallel durchgeführten Pendelmessungen ergaben Werte zwischen 90 und 96, also innerhalb des in DIN EN 14904 definierten Zielkorridors von 80 bis 110. Damit war messtechnisch weder eine übermäßige Glätte noch eine übermäßige Stumpfheit ­nachweisbar.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Aussage, die Halle sei zu stumpf, ausschließlich auf einem subjektiven Gleitempfinden beruhte und durch keine objektivierten Prüfdaten gestützt wurde. Gerade bei Sportböden können subjektive Eindrücke stark von individuellen Faktoren wie Schuhwerk, Sportart oder Bewegungsart beeinflusst werden und sind deshalb allein nicht geeignet, eine Sperrung oder ­weitreichende Investitionsentscheidungen zu begründen. Für Betreiber, Kommunen und Dienstleister lässt sich daraus ableiten, dass Entscheidungen zur Rutschsicherheit zwingend auf Grundlage normkonformer Messungen zu treffen sind; subjektive Wahrnehmungen sind allenfalls Anlass, eine fachlich fundierte Prüfung zu veranlassen.

Differenzierte Gesamtbewertung

In der Gesamtbewertung ergibt sich ein differenziertes Bild: Aus Sicht der Rutschsicherheit ist die Sporthalle nach den einschlägigen Normen weiterhin betriebs- und sporttauglich, eine akute Gefährdung durch Glätte oder Stumpfheit ist nicht ersichtlich. Gleichzeitig zeigt die materialtechnische Analyse, dass sich der Linoleumbelag, insbesondere durch rund 20 Jahre Nutzung ohne Pflegebefilmung, am Ende seiner wirtschaftlichen und technischen Nutzungsdauer befindet. Die flächig gealterte, offenporige Deckschicht und der lokal ausgeprägte Verseifungsschaden im Torbereich dokumentieren eine fortgeschrittene Oberflächenzerstörung, die langfristig zu erhöhtem Reinigungsaufwand, verstärkter Schmutz- und Harzhaftung sowie einem steigenden Risiko zukünftiger Funktionsbeeinträchtigungen führen wird.

Tipps zu Sporthallenböden

Sascha Hintze, Gebäudereinigermeister, öffentlich bestellter ­und ­vereidigter ­Sachverständiger - © privat

Für einen sauberen, sicheren und langfristig gepflegten Sporthallenboden gilt es Folgendes zu beachten:

Rutschsicherheit immer messen, nicht schätzen. Hallen nicht auf Basis von Bauchgefühl sperren; Entscheidungen zur Glätte oder Stumpfheit müssen sich auf DIN-konforme Messungen (zum Beispiel Pendel nach DIN EN 13036-4/DIN EN 14904) stützen.

Linoleum nie „nackt“ betreiben. Linoleumböden im Sportbetrieb benötigen eine geeignete Pflege- beziehungsweise Schutzschicht. Jahrzehntelange Nutzung ohne Pflegefilm führt zwangsläufig zu Substanzverlust und teuren Folgeschäden.

Stark alkalische Reiniger mit Vorsicht einsetzen. Harz­entferner und alkalische Reinigungsmittel nur dosiert, flächig kontrolliert und mit konsequentem Klarspülen einsetzen; punktuelle Spezialaktionen im Torbereich sind ein klassischer Schadensauslöser.

Sanierung prüfen, bevor neu gebaut wird. Gealterte Sportböden lassen sich häufig mit PU-Systemen technisch und wirtschaftlich sinnvoll sanieren; ein kompletter Bodenaufbau ist oft die teuerste und nicht die einzige Option.

Pflege- und Reinigungsanweisungen schriftlich ­fixieren. Reinigungskräfte und Dienstleister brauchen eindeutige, hersteller- und normkonforme Vorgaben zu Produkten, Dosierungen, Einwirkzeiten und Klarspülungen, sonst steht der nächste Schadensfall vor der Tür.

Anstatt eine kostenintensive Komplettneubelegung anzustreben, bietet sich in solchen Fällen ein systematisches Sanierungskonzept auf Basis eines etablierten PU-Sportbodensystems an. Vorgeschlagen wurde daher ein mehrstufiges System, das den vorhandenen Unterbau weiter nutzt und die Oberfläche sporttauglich ertüchtigt. Betreiber profitieren dabei von kurzen Sperrzeiten und der Möglichkeit, den vorhandenen Unterbau weiter zu nutzen.

Bis zur Umsetzung einer solchen Sanierung kann die Halle weiter betrieben werden. Empfohlen wurde, die standardisierte Unterhaltsreinigung beizubehalten und im Anschluss an jede Reinigung eine für Sportböden freigegebene Wischpflege in maximaler Herstellerkonzentration aufzubringen, um die Oberfläche temporär zu schützen.

Indizien, die den grundsätzlichen Verzicht auf Handballharz zwingend erfordern würden, konnten im Rahmen der Begutachtung nicht festgestellt werden. Voraussetzung bleibt der Einsatz geeigneter, materialverträglicher Harzentferner und eine fachgerechte Klarspülpraxis.

Der geschilderte Fall verdeutlicht, wie wichtig ­eine Trennung zwischen subjektivem Empfinden und objektivierbarer Messung ist und welche Rolle eine ­Pflege- und Sanierungsstrategie für die Werterhaltung von Sportböden spielt. Normgerechte Prüfungen, geschulte Reinigungsteams und abgestimmte Beschichtungssysteme sind die entscheidenden Hebel, um Sicherheit, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit im Sporthallenbetrieb langfristig in Einklang zu ­bringen.

Sascha Hintze | markus.targiel@holzmann-medien.de