Wenn aus Furcht Leidenschaft wird „Der Spinnenmann“

Stefan Hillebrecht hatte in seiner Jugend panische Angst vor Spinnen, heute ist er ein von Wissenschaftlern anerkannter Fachmann für eine tropische Wanderspinnenart.

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    01 Stefan Hillebrecht, Bereichsleiter bei Plural security, beschäftigt sich seit zehn Jahren mit tropischen Spinnen. Kaum zu glauben, dass er selbst lange Jahre arachnophob war. Hier ist er auf Exkursion im peruanischen Amazonsgebiet im Jahr 2007 zu sehen – auf dieser Reise erkannte er auch, dass er mehr wusste als manch professioneller Forscher.
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    02 Im peruanischen Amazonasgebiet war Hillebrecht 2007 auf Spinnen exkursion. Für ihn eine Schicksalsreise, denn hier erkannte der Hobbyhalter, dass er mehr wusste als manch professioneller Forscher.
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    02 Schön oder ekelhaft? Keine Frage für Stefan Hillebrecht. Das junge Weibchen der Gattung Phoneutria keyserlingi stammt aus seiner Zucht. Die Tiere haben eine Spannweite von bis zu 18 cm. Zeitweise hielt Hillebrecht mehrere 10.000 Spinnen verschiedener Art.
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    03 Beeindruckend gelassen: Ein Wanderspinnen-Männchen aus dem Amazonasgebiet (Phoneutria reidyi). Die Giftwirkung ist weitestgehend unbekannt. Die Tiere sind anscheinend derart friedlich, dass es nie zu dokumentierten Unfällen mit Menschen gekommen ist.

„Der Spinnenmann“

-Viele Menschen können Stefan Hillebrechts Hobby überhaupt nicht nachvollziehen. Das kann ja wirklich nur ein „Spinner“ sein, wer sich freiwillig mit hunderten tropischer Achtbeiner umgibt. Wo die Viecher doch so schon ekelhaft genug sind. Und dann auch Giftspinnen?! Nun ist der Ekel vor Spinnen weit verbreitet und auch Stefan Hillebrecht, technischer Leiter Security bei Plural security, war lange Jahre weit davon entfernt, auch nur ansatzweise Sympathie für Spinnen zu hegen. Mehr noch – Stefan Hillebrecht litt unter einer schweren Arachnophobie, krankhafter Angst vor Spinnen. Sie wird oft von traumatischen Schreckerlebnissen in der Kindheit ausgelöst. Hillebrecht erinnert sich: „Ich muss zwischen drei und fünf Jahre alt gewesen sein, als ich nachts wach geworden bin und sah, wie sich neben meinem Bettchen eine Hausspinne abgeseilt hat. Ich habe mich wahnsinnig erschrocken und ab da waren Spinnen etwas ganz schlimmes für mich.“ Seine Eltern versuchten, ihm seine Angst zu nehmen und erklärten „die kleine Spinne hat doch mehr Angst vor dir als du vor ihr“ und „die tut dir doch nix“. Doch die Bemühungen schlugen alle fehl.

Schreckerlebnis in der Kindheit

Als Jugendlicher konnte er mehrere Wochen nicht mehr in seinem Zimmer schlafen, wenn er dort eine Spinne gesehen hat. Mit 18 schließlich erlitt er beim Anblick einer Spinne einen Kreislaufzusammenbruch und wurde ohnmächtig. „Da war für mich der Punkt erreicht, wo ich mir selbst gesagt habe, das kann nicht sein, das muss sich ändern“, erklärt der heute 30-Jährige. Er fuhr mit einem Freund auf eine Exotenausstellung. Da dort alle Tiere in verschlossenen Plastikschachteln sitzen, gruselte er sich zwar vor den ausgestellten Hässlichkeiten, fühlte sich aber sicher. „Die Arachnophobie hat mit Urängsten des Menschen zu tun“, erklärt er, „blitzschnelle huschende Bewegungen von diffuser Herkunft wecken diese Urängste. Sind die Tiere sichtbar eingesperrt, kann auch ein Arachnophober Spinnen betrachten.“ Auf der Ausstellung entdeckte er eine Vogelspinne, die sich klein gemacht und in eine Ecke gedrängt sichtbar unwohl fühlte. „Ich hatte das Gefühl, das Tier dachte ,Ich weiß, dass ich hässlich bin, ich kann auch nichts dafür und wäre jetzt lieber woanders‘, das hat mich nachdenklich gemacht.“ Hillebrecht gefiel auch nicht, wie die anderen Besucher mit dem Finger auf das Tier zeigten und sich sehr abwertend über das „hässliche Ding“ äußerten.

Die Spinne ging ihm nicht mehr aus dem Kopf und schließlich fuhr er eine zweites Mal zur Ausstellung und kaufte das Tier aus Mitleid. „Die ersten zwei Nächte habe ich kein Auge zugemacht. Ich wartete im Dunkeln auf das Geräusch, wie die Spinne mit ihren Beinen den Deckel öffnet und dann wie in einem James-Bond-Film auf mich zu krabbelt.“ In der dritten Nacht schlief er – völlig übermüdet – schließlich ein und war erstaunt zu sehen, dass die Spinne am nächsten Morgen nach wie vor friedlich in ihrer Box saß. „Ab diesem Zeitpunkt habe ich sämtliche Bücher verschlungen, die ich über Spinnen und Gifttiere kriegen konnte.“

Die Giftigkeit mancher Spinnen erstaunte ihn. „Schließlich hatte mir alle Welt von Kindesbeinen an erzählt, dass die Tiere ungefährlich sind und ich mich nicht vor ihnen zu fürchten brauchte. Jetzt las ich plötzlich von Spinnen mit tödlichem Gift. Das ging für mich nicht zusammen.“ Nach und nach schaffte er sich mehr Vogelspinnen an, dann Schwarze Witwen, Einsiedlerspinnen und schließlich brasilianische Wanderspinnen. „Ich war von den Tieren ehrlich gesagt ein bisschen enttäuscht, denn von dem aggressiven Verhalten, das in den Büchern beschrieben war, merkte ich gar nichts.“

Hillebrechts Tiere saßen friedlich in ihren Terrarien und scherten sich nicht um ihn. Das änderte sich, als er einen Wildfang bekam – eben kein Tier aus einer Terrariennachzucht, sondern ein Exemplar direkt aus dem Dschungel Südamerikas. „Das Tier ging in Drohstellung vor mir. Das hat mich ziemlich beeindruckt“, erinnert sich der Sicherheitsfachmann. Ab da konzentrierte er sich ganz auf Kamm- oder Wanderspinnen (lat. Ctenidae) der Gattungen Ctenus und vor allem Phoneutria. Die Tiere haben einen bis zu 5 cm langen Körper und eine Spannweite von 15 bis 18 cm. Zum Töten ihrer Beute verwenden sie ein starkes Nervengift. Echte Titanen im Vergleich zu unseren „niedlichen“ Hausspinnen.

In zwölf Jahren nicht einmal gebissen worden

Wenn Hillebrecht seine Tiere mit Grillen füttert, öffnet er die Terrarien nur wenige Millimeter und schiebt das Futter hinein. Einmal ist es ihm passiert, dass eine Spinne dabei, bereit zuzubeißen, auf seinen Finger zuschnellte, dann allerdings, wohl selbst erschrocken von dem merkwürdigen fleischigen Untergrund, sofort wieder abdrehte. In zwölf Jahren ist er nicht einmal gebissen worden. Er kennt seine Tiere und hat ihre Verhaltensweisen genau studiert. Wie groß sein Fachwissen tatsächlich ist, wurde ihm erst 2007 bewusst, als er gemeinsam mit einem Biologen im peruanischen Regenwald auf Exkursion ging und vor den erstarrten Augen des Begleiters hochgiftige Spinnen mit bloßen Händen anfasste. „Der hat nur gemeint, ich wäre wahnsinnig, aber ich wusste genau, um welche Art es sich handelt und dass ich mich ihr gegenüber so verhielt, dass ich nichts zu befürchten hatte.“

Auf Spinnensuche gingen die beiden in der Dämmerung. „Spinnenaugen reflektieren das Licht der Taschenlampe“, erklärt Hillebrecht. Beim Sortieren der Exemplare wurde dann offensichtlich, dass Hillebrecht mehr wusste als der professionelle Biologe, denn er konnte das Geschlecht der Tiere bestimmen und kannte Gattungsmerkmale, die dem Biologen fremd waren. „Er wusste natürlich dafür andere Dinge, aber mir war bis dato nicht klar gewesen, dass ich über Kenntnisse verfüge, die kein professioneller Wissenschaftler hat.“

„Ich finde meinen Spinnen schön“

Der Biologe ermunterte ihn, wissenschaftlich zu publizieren, und schließlich gelang Hillebrecht sogar die Kontaktaufnahme zu einer absoluten Koryphäe auf dem Gebiet der Spinnenforschung. „Ich habe es geschafft, Spinnen nachzuzüchten, die selbst von hoch spezialisierten Wissenschaftlern nicht vermehrt werden konnten.“ Mittlerweile leben zwei Dutzend dieser Exemplare in einer renommierten Forschungseinrichtung und werden dort weiter erforscht. „Es freut und ehrt mich, dass nun ,an meinen Kindern‘ erstmalig in Europa an diesen Arten geforscht werden kann.“ Bisher war das nur im Freiland unter Feldbedingungen möglich. Ihm selbst ist die reine Spinnenhaltung zu langweilig geworden und er beschäftigt sich zunehmend mit der wissenschaftlichen Betrachtung der Tiere, wie deren Entwicklungsbiologie oder Unterschiede innerhalb derselben Art. Seinen Bestand hat er auf „nur noch“ 105 Tiere reduziert (inklusive Nachzuchten waren es zeitweise mehrere 10.000).

Von seiner ersten Spinne, der mittlerweile zwölf Jahre alten Vogelspinne Francis, wird er sich wohl nie trennen. Wie könnte er auch, war sie es doch, die ihm bewusst gemacht hat, dass Spinnen auch nur Lebewesen sind und überaus faszinierende Geschöpfe sein können. Apropos ekelhaft: Die Schönheit eines Wesens liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Stefan Hillebrecht: „Ich finde einige meiner Spinnen sehr schön.“

Rebecca Eisert | rebecca.eisert@holzmannverlag.de