Siegfried Kreutz und der Jazz Der Mann am Klavier

Jahrgang 1936 und kein bisschen leise: Bei Siegfried „Bibi“ Kreutz ist das wörtlich zu nehmen. Der Gründer der Kreutz Glas- und Gebäudereinigung in Pforzheim ist seit mehr als 50 Jahren Musiker mit Leib und Seele. Mit der Penthouse-Jazzband geht er auf Tour.

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    01 Die Penthouse-Jazzband bei ihrem Auftritt auf dem Verbandstag der Landesinnung Baden-Württemberg und vom Qualitätsverbund Gebäudedienste.
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    03 Siegfried „Bibi“ Kreutz am Piano – er und seine Bandmitglieder sind Ehrenbürger der Jazzstadt New Orleans, USA.
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    02 Kommenden Dezember wird Siegfried Kreutz 72 Jahre – eines seiner größten Geschenke hat er bereits im Januar erhalten: die Bürger medaille seiner Heimatstadt Pforzheim.

Der Mann am Klavier

-Wer Siegfried Kreutz um ein Interview bittet, muss nicht lange auf Antwort warten. Innerhalb von 24 Stunden folgt der Rückruf und das Fax läuft heiß mit Kopien von Zeitungsartikeln, die bereits über ihn erschienen sind – „dann haben Sie schon mal ein bisschen Material“, meint er fürsorglich. Dankbar für die Erstinformation ist man nach der Lektüre der Berichte allerdings auch etwas ratlos. Eigentlich sollte sich der Artikel nur um die Penthouse-Jazzband, deren Gründer Siegfried „Bibi“ Kreutz ist, drehen – auf den Spitznamen „Bibi“ wird noch einzugehen sein – aber schnell ist klar, Siegfried Kreutz ist kein „Nur“-, sondern ein „Auch“-Mensch.

Er ist nicht nur Gebäudereiniger und Musiker, er ist auch – und im Grunde zu allererst – ein seiner Heimatstadt tief verbundener Pforzheimer, er ist auch Vorsitzender des Boxring-Blau-Weiß, er ist auch Gründer des 1. Goldstadt Pfeifenraucher Club, er ist auch lokalpolitisch engagierter Liberaler und und und. Aber bleiben wir beim Jazz.

Kreutz und seine „sechs Hansel“

Siegfried Kreutz hat die Penthouse-Jazzband 1972 gegründet. „Keiner von uns, weder ich noch die anderen sechs Hansel“, wie Kreutz seine Bandkollegen freundschaftlich nennt, „ist Berufsmusiker.“ Alle haben „ihr G’schäft“, also eine Arbeitsstelle, die sie nicht nach Lust und Laune verlassen können, um einen „gig“, also einen Auftritt wahrzunehmen, erklärt Kreutz und so eigentümlich das Gemisch aus schwäbisch und englisch für den Zuhörer zunächst klingen mag, so schnell wird auch klar: Nichts daran ist aufgesetzt – das ist einfach Siegfried Kreutz: Schwabe und Jazzer in einem, eine ganz eigene und sehr sympathische Mischung.

Mit der Penthouse-Jazzband probt er alle 14 Tage, es sei denn, es gibt für ein Fest, eine Einweihungsfeier oder eine kulturelle Veranstaltung etwas einzustudieren, was schon länger nicht mehr auf dem Programm stand. Manchmal macht es auch der berufsbedingte Ausfall eine Bandmitglieds notwendig, dass ein Stück anders arrangiert und außer der Reihe geprobt werden muss. Bandleader und Pianist „Bibi“ Kreutz stellt die Stücke passend zum Anlass und Ablauf der Veranstaltung zusammen. Zum offiziellen Teil einer Ausstellungseröffnung beispielsweise gibt es dezenten, anspruchsvollen Jazz im Stile der amerikanischen Grand-Hotel-Musik, geht ein Abend in den inoffiziellen Teil über, wird auch die Musik legerer und lustiger. „Im Grunde bedienen wir alles“, sagt Kreutz. Zum Repertoire gehören Dixieland, Blues, Swing, aber auch New-Orleans-Jazz.

Die Stadt, die dieser Strömung ihren Namen gab, hat Kreutz und seinen Kollegen die Ehrenbürgerschaft verliehen. „Man muss fairerweise sagen, dass die für einen, der sich um den Jazz verdient gemacht hat, relativ leicht zu bekommen ist“, schränkt Kreutz bescheiden ein. Die Reise in die USA wird ihm dennoch unvergessen bleiben. Sieben Konzerte haben die Pforzheimer in der Geburtsstadt des Jazz gegeben, alle waren ausverkauft – „und das nicht nur, weil wir unseren 120-Mann starken Fanclub mitgebracht haben“, betont er.

Bürgermedaille der Stadt Pforzheim

Die größte Ehre für den Lokalpatrioten ist die Verleihung der Bürgermedaille seiner Heimatstadt. Diese Auszeichnung für besondere Verdienste hat er im Januar 2008 im Kongresszentrum vor 3.000 Gästen erhalten. Davon spricht er mit Stolz. „Bürgermedaillen-Ehrenträger von Pforzheim wird man nicht, wenn man auf der Nudelsupp dahergeschwommen kommt“, erklärt er in schwäbischer Mundart. Woher der 71-Jährige die Energie für all seine, nennen wir es „Leidenschaften“, nimmt? (Der Begriff Hobby klänge hier zu sehr nach belanglosem Zeitvertreib.) „Ich danke dem Herrgott für meine robuste Gesundheit“, antwortet er, „viele wollen oder können das aber auch nicht, weil sie es organisatorisch nicht auf die Reihe kriegen.“ Aber zurück zur Musik.

Der Jazz – ein Mitbringsel der amerikanischen Soldaten – hat ihn Ende der 50er Jahre mitgerissen. „Das war ein ganz bewusster Protest, eine Rebellion gegen die Eltern und alles Bürgerliche“, erklärt er. Statt zu studieren, „ich war nur eingeschrieben, bin aber nicht zu den Vorlesungen gegangen“, spielte er mit seiner Dixieland-Band in den Clubs der Heidelberger und Freiburger Jazzszene und gründete schließlich 1955 in Pforzheim einen eigenen Club, den Jazzclub 55. Damit war aber kaum Geld zu machen und als ihm ein Bekannter Anfang der 60er Jahre anbot, in seine Glas- und Gebäudereinigung einzusteigen, nahm er dankbar an. Ab 1964 sicherte das Handwerk im eigenen Betrieb – der Kreutz Glas- und Gebäudereinigung – den Lebensunterhalt für ihn, seine Frau und die drei Kinder.

Feldzug gegen den Schlager

Lange Zeit war der Jazz für „Bibi“ Kreutz nicht nur Leidenschaft, sondern auch Mission. „Wir sind gegen die sogenannte Volks- und die Schlagermusik, die in den 50er und 60er Jahren populär wurde, zu Felde gezogen“, erinnert er sich. Dabei ging es um mehr als verschiedene Geschmäcker. Kreutz erzählt vom intellektuellen Hintergrund der Jazzbewegung. Vom antibürgerlichen Chic, vom Existenzialismus Jean-Paul Sartres und dem Paris der 50er Jahre, das ihn so fasziniert hat. Mühelos skizziert er die musikalischen Entwicklungen und beschreibt dabei sein Verhältnis zur Klassik, der Rock- und Popmusik oder den Zwölftönern.

„Bibi“ Kreutz will aber nicht auf ein Podest gestellt werden. Mehrere Zeitungen haben über den Jazzpianisten, Jaguar-Fahrer, „Sandsack-Traktierer“, Pfeifenraucher, Lokalpolitiker, „studierten Fensterputzer“ und Fliegenträger berichtet. Der Südwestrundfunk hat ihm sogar eine 30-minütige TV-Sendung gewidmet, doch auf sein Berühmtheit angesprochen, winkt er ab. „Das Wort ,berühmt‘ wollen wir ganz schnell wieder vergessen“, sagt er, auch wenn er, wie er zugibt, „in Stadt und Land bekannt ist“ und, soweit er das einschätzen könne, auch beliebt. „Ich glaube schon, dass die Leute von mir sagen: Der Kerle steht mit beiden Beine auf dem Boden“, bekräftigt er.

Von „Pipin dem Kurzen“ zu „Bibi“ dem Trinkfesten?

Wie er zu seinem Spitznamen „Bibi“ kam, ist nicht restlos geklärt. Sicher ist, dass er ihn einem Klassenkameraden im Gymnasium zu verdanken hat. Der Geschichtsunterricht drehte sich um einen sogenannten Hausmeier „Pipin der Kurze“ und sei es, weil der Klassenkamerad den Eindruck hatte, das passe doch auch auf den Siegfried, oder sei es, dass die Herleitung vom Lateinischen bibere = trinken gut auf den jungen Mann, der ein Gläschen in Ehren nicht ablehnte, den Ausschlag gab – Siegfried „Bibi“ Kreutz war geboren und der Name ist ihm bis heute geblieben.

Rebecca Eisert | rebecca.eisert@holzmannverlag.de