Mit dem Lockdown kam auch der Luftverkehr zum Erliegen. Mittlerweile läuft das Fluggeschehen – wenn auch auf niedrigem Niveau – wieder an. Angesichts der nach wie vor andauernden Pandemie lautet dabei das oberste Gebot, die Gesundheit von Passagieren und Mitarbeitern bestmöglich zu schützen. Der Flughafen München hat diesbezüglich eine Reihe von Maßnahmen ergriffen.

Im vergangenen Jahr verzeichnete der Flughafen München durchschnittlich rund 130.000 Fluggäste pro Tag. Aktuell sind es zwischen 20.000 und 25.000. Betrachtet man das erste Halbjahr 2020, so ist das Passagieraufkommen in diesem Zeitraum um rund 15 Millionen auf knapp 7,8 Millionen zurückgegangen und lag damit um zwei Drittel unter dem Vorjahresniveau. Die Anzahl der Flugbewegungen schließlich sank von über 200.000 Starts und Landungen auf rund 87.000 – ein Minus von 57 Prozent.
Bei einem Vor-Ort-Termin im Erdinger Moos Anfang August ist dieser Rückgang unübersehbar: spärlich belegte Parkhäuser, eingeschränkte Gastronomie-Angebote und kein hektisches Gedränge – weder in den Zentralbereichen noch an den Abfertigungsschaltern der beiden Terminals 1 und 2. Wer allerdings vermutet, dass es die für die Sauberkeit am Flughafen Verantwortlichen nun ebenfalls etwas ruhiger angehen lassen könnten, der irrt. „In Sachen Reinigung und Hygiene haben wir über die Jahre einen sehr hohen Qualitätsstandard aufgebaut“, betont Thomas Eulberg, Leiter Reinigungsmanagement im Geschäftsbereiche Real Estate am Terminal 1, und ergänzt: „Das belegen zum einen unsere eigenen, kontinuierlich durchgeführten Abklatsch- und Abreibetests, aber auch das Feedback der Passagiere, welches wir über das vor einigen Jahren in den Sanitäranlagen installierte Qualitätsmanagement-System QMtouch erhalten.“ Nicht zuletzt hat der Flughafen München in der Vergangenheit immer wieder internationale Preise gewonnen, wobei die Gebäudereinigung stets eine wesentliche Rolle spielte.
Diesem selbst gesteckten Qualitätsanspruch gelte es umso mehr in Zeiten von Corona gerecht zu werden, was auch Martin Wolff, verantwortlich für zentrale Infrastruktur und insbesondere die Reinigung am Terminal 2, unterstreicht: „Wenn der Passagier ins Gebäude kommt, möchte er sich wohl und sicher fühlen. Diesbezüglich sind wir schon immer am Puls der Zeit und schauen, was der Markt bietet und welche Verbesserungen wir in puncto Reinigung durchführen können. Jetzt kommt natürlich die Pandemie dazu, die nochmal andere Herausforderungen an uns stellt – nicht zuletzt aufgrund der gesetzlichen Vorgaben.“
Taskforce Hygiene permanent im Einsatz
Ein wichtiges Thema in diesem Kontext ist die Desinfektion. Neben dem Aufstellen von etwa 140 Desinfektionsmittel-Spendern sowie von sechs Automaten, an denen die Passagiere Schutzmasken, Desinfektionstücher und andere Hygieneartikel erwerben können, ist in beiden Terminals seit April die „Taskforce Hygiene“ im Einsatz. Das heißt: Zusätzlich zu den regulären Reinigungskräften sind pro Schicht jeweils zwei Mitarbeiter der zuständigen Dienstleister – im Terminal 1 Dr. Sasse, im Terminal 2 Dorfner – permanent mit dem Auftrag unterwegs, Oberflächen zu desinfizieren, mit denen Personen in Berührung kommen: zum Beispiel Touchscreens, Handläufe oder auch die Flächen an den Check-In- beziehungsweise den Info-Schaltern. „An ihrer weißen Kleidung zu erkennen, sollen diese Mitarbeiter den Passagieren deutlich signalisieren, dass für ihre Sicherheit am Flughafen gesorgt wird“, so Wolff.
Wisch- und Sprühdesinfektion
Überall dort, wo eine Wischdesinfektion aufgrund der Flächengröße zeitlich wie wirtschaftlich nicht infrage kommt, soll künftig zusätzlich ein Sprühverfahren zum Einsatz kommen. Am Terminal 1 testet der Dienstleister aktuell entsprechende Geräte – zum einen in Form kleiner mobiler Einheiten, zum anderen als Rucksack-Version. Damit ausgerüstet, können die Reinigungskräfte in kurzer Zeit komplette, zuvor abgesperrte Abfertigungs- beziehungsweise Wartebereiche mit speziellen Mitteln, wie beispielsweise Inoxi, behandeln.
Bei Inoxi handelt es sich um ein im Ecalit-Verfahren elektrolytisch aus Kochsalz und Wasser hergestelltes Mittel, welches nach Aussage von Rainer Zwetko, Geschäftsführer des gleichnamigen, zur Mobiloclean-Gruppe gehörenden Fachgroßhandels für Betriebshygiene, ursprünglich zur Legionellenbekämpfung entwickelt wurde. Als starkes Oxidationsmittel wirke es aber auch gegen behüllte Viren. Ein entsprechender Nachweis erfolgte an zwei Prüfviren: dem Vaccinia(Pocken)virus und dem BVDV (bovine viral diarrhea virus, Rinderdurchfallvirus). „Der wesentliche Unterschied zu anderen Desinfektionsmitteln ist, dass Inoxi nicht auf Alkoholbasis hergestellt wird“, hebt Rainer Zwetko hervor. Damit lasse es sich unbedenklich auf Oberflächen einsetzen und es bestehe auch keine Gesundheitsgefahr für das Reinigungspersonal bei der Anwendung. Ungeachtet dessen tragen die Sasse-Mitarbeiter während des Sprühvorgangs einen geeigneten Augen- sowie Mund-Nasenschutz.
UV-C-Desinfektion in den Sanitäranlagen
Ein weiteres Verfahren, das am Flughafen München künftig in allen Sanitäranlagen für virenfreie Luft und Oberflächen sorgen soll, hat die Testphase bereits erfolgreich hinter sich – und zwar die sogenannte Airsteril-Technik zur Luft- und Oberflächendekontaminierung. Die entsprechenden Geräte mit den Abmessungen 125 x 400 x 90 Millimeter (B x H x T) werden in rund zwei Metern Höhe montiert und funktionieren wie folgt: Die umgebende Raumluft wird 24 Stunden am Tag entweder durch thermische Konvektion oder Lüfter (abhängig vom Gerätetyp) durch das Gerät befördert. Im Gerät befinden sich eine spezielle UV-Lampe sowie ein hochwirksames Katalysatorgitter. Durch das spezielle UV-Licht aus zwei Wellenbereichen werden Bakterien, Viren, Sporen, Mikroorganismen im Gerät abgetötet und Gerüche beseitigt.
In Wechselwirkung des UV-Lichtes mit dem darauf abgestimmten Katalysatorgitter entsteht zudem sogenanntes Quattro-Plasma. Dieses Plasma besteht aus ionisiertem Sauerstoff, kurzlebigem triatomischem Sauerstoff (Ozon) sowie Hydroxylradikalen und ist schwerer als die Umgebungsluft. Damit legt es sich auf Oberflächen und eliminiert auch dort gezielt gesundheitsgefährdende und geruchsverursachende Mikroorganismen.
Die ersten Tests mit den Airsteril-Geräten liegen rund drei Jahre zurück, hatten aber zunächst ebenfalls eine andere Zielrichtung – nämlich die Beseitigung unangenehmer Gerüche vornehmlich in älteren Sanitäranlagen, die sich rein mit Beduftung beziehungsweise herkömmlichen Reinigungsmitteln nicht mehr beseitigen ließen. Genau mit diesem Anspruch – „Wir vernichten Geruch“ – gingen die Entwickler von Airsteril ursprünglich an den Markt. Mittlerweile, so Martin Wolff, sei die Wirksamkeit dieser Technik auch in puncto Keimreduktion über spezifische Tests der Health Protection Agency (HPA) in England nachgewiesen.
Vor diesem Hintergrund fiel letztlich die Entscheidung, die ebenfalls von Zwetko bezogenen Airsteril-Geräte nicht nur punktuell in ausgewählten Sanitärräumen mit Fokus auf die Geruchsproblematik einzusetzen, sondern flächendeckend im kompletten Flughafen. Der Einbau in den insgesamt 110 Toilettenanlagen im Terminal 1 ist mittlerweile abgeschlossen. Aktuell läuft die Planung, weitere 220 Geräte sukzessive im Terminal 2 und dem dortigen Satellitengebäude zu installieren. In Summe ist dies mit einer Investition von mehr als 300.000 Euro verbunden.
Über die Sanitärbereiche hinaus kann sich Thomas Eulberg einen Einsatz dieser Technik auch in Fahrstühlen vorstellen. Hierfür wären allerdings entsprechend angepasste Geräte mit einer niedrigeren Leistung der UV-Lampen erforderlich. Inwieweit dies realisierbar ist, werde aktuell mit den Fachabteilungen des Lieferanten und der FMG diskutiert.
Hin zur bedarfsorientierten Reinigung
Abgesehen vom Einsatz spezieller Technik zur Eindämmung der Pandemie, wurde angesichts Corona auch die Reinigungsfrequenz in den Sanitäranlagen angepasst. Über das bereits erwähnte QMtouch-System mit seiner sensorikbasierten Nutzererfassung auf den Toilettenanlagen hat der Flughafen München bereits vor einigen Jahren die passagiergesteuerte Reinigung eingeführt beziehungsweise darauf basierend entsprechende Reinigungszyklen definiert. „Mit Corona gehen wir nun antizyklisch nochmal in die Toilettenanlagen. Das heißt: Der Dienstleiter führt im Sanitärbereich überall dort, wo es notwendig ist, von Zeit zu Zeit zusätzliche Zwischenreinigungen durch“, erläutert Eulberg. Diese werden jedoch nicht mehr vom QM-System selbst ausgelöst, sondern vom Disponenten.
Exakt zu quantifizieren, wie stark sich der Reinigungsumfang durch Corona verändert hat, tun sich die Verantwortlichen schwer. „Wenn man es aber an einer Zahl festmachen möchte, lässt sich schon sagen, dass wir die Reinigungszyklen in den Sanitärräumen mehr als verdoppelt haben“, merkt Eulberg an und ergänzt: „Man darf jedenfalls nicht glauben, dass wir angesichts der gesunkenen Passagierzahlen weniger Geld für die Reinigung ausgeben als vor Corona.“ Zwar sei das Budget für die Reinigung mit Beginn des Lockdown zunächst deutlich gekürzt worden, was sich unter anderem auch auf den Leistungsumfang der beauftragten Dienstleister ausgewirkt habe; mittlerweile sei man auf der Ausgabenseite allerdings schon wieder nah am Kostenniveau eines Normalbetriebes – „eben weil derzeit eine Reihe von Sondermaßnahmen erforderlich sind“, wie Eulberg nochmal betont. Und wenn die Passagierzahlen wieder steigen, rechnet er langfristig bei einer Beibehaltung der in den letzten Monaten getroffenen Maßnahmen definitiv mit Kostensteigerungen im Bereich Gebäudereinigung.
Mit Automation den administrativen Aufwand senken
Vor diesem Hintergrund bestehe eine Herausforderung für die Zukunft unter anderem darin, die administrativen Aufwände zu reduzieren. Für Martin Wolff ist in diesem Zusammenhang die Automation der Gebäudereinigung ein wichtiges Thema. Grundsätzlich gehe es dabei insbesondere darum, immer mehr Daten zu generieren, um Räume weitestgehend bedarfsorientiert und damit sowohl effektiver als auch mit einer noch höheren Qualität reinigen zu können.
Genau mit dieser Zielsetzung wird derzeit das bestehende QM-System weiterentwickelt. In Kürze soll in diesem Zuge etwa die softwaretechnische Anbindung der Handtuchspender von CWS an QMtouch erfolgen. Dies geschieht über eine offene Softwareschnittstelle, an die sich künftig weitere Geräte auch von anderen Herstellern anschließen lassen. „Irgendwann kommt dann auch das Thema Künstliche Intelligenz ins Spiel“, wirft Wolff einen Blick in die Zukunft und hat bereits konkrete Vorstellungen davon, was KI in der Gebäudereinigung bewirken kann: „Neben den Daten aus dem QMtouch haben viele weitere Informationen einen Einfluss darauf, wie etwa die Reinigung einer Toilette gesteuert werden muss – zum Beispiel Daten aus dem Passagier-Steuerungssystem, aus unseren Gate-Steuerungssystemen oder auch Wetterdaten. Dies alles zusammenzuführen, auszuwerten und daraus frühzeitige Prognosen für eine vorausschauende Reinigung zu generieren, könnte KI übernehmen. Oder anders ausgedrückt: Das System steuert sich vollautomatisch selbst. Nicht zuletzt ließen sich auch Wartungszyklen besser planen.“ Alles reine Zukunftsvision? Mitnichten. „Ich denke, diese Dinge kommen in den nächsten fünf bis sieben Jahren“, prognostiziert Wolff.
Robotik sind (noch) Grenzen gesetzt
Automatisierung ist auch in den Augen von Thomas Eulberg grundsätzlich immer eine Überlegung wert – hat allerdings auch seine Tücken. Beispiel Robotik: Zwar ist nach einer mehr als dreijährigen Test- und Erprobungsphase mittlerweile ein autonomer Reinigungsroboter im Zentralbereichs des Terminal 1 zu bestimmten Zeiten sozusagen im Live-Betrieb; im Hintergrund hat aber stets ein Mitarbeiter von Dr. Sasse, der nebenbei noch andere Aufgaben verrichtet, ein Auge auf den sogenannten Adlatus. „Dies deshalb, weil uns unter anderem noch die Erfahrung fehlt, wie die Passagiere auf eine solche autonome Maschine reagieren“, so Eulberg.
Martin Wolff liefert eine weitere Begründung dafür, dass der Roboter nach wie vor einen „Aufpasser“ braucht: „Für den Einsatz autonomer Maschinen in einer Umgebung wie hier am Flughafen gibt es Stand heute keine ausreichenden gesetzlichen Grundlagen. Solange das nicht der Fall ist, ist es für alle Beteiligten – insbesondere auch für den Flughafen München – schwer, die Verantwortung gezielt zu übertragen beziehungsweise zu übernehmen.“
Ein Knackpunkt in diesem Zusammenhang sei die Sensoriksicherheit. „Der Roboter muss ja in der Lage sein, alle möglichen Hindernisse – egal ob ein Mensch im Rollstuhl oder ein kleines Kind, das vor dem Roboter am Boden spielt – zu erkennen“, bringt Wolff die Problematik auf den Punkt. Grundsätzlich seien die Roboter dazu zwar in der Lage; „bei den von uns getesteten Lösungen war es aber immer so, dass der Hersteller in seinen Betriebsunterlagen klipp und klar diesen Personenkreis ausgeschlossen hat – und genau hier liegt das Problem.“
Unterstützung, kein Ersatz
Allein an der Technik liegt es aber nicht, dass autonome Maschinen in der Reinigung noch die Ausnahme sind. Vielfach wird auch deren Wirtschaftlichkeit infrage gestellt. Für Thomas Eulberg greift eine solche Betrachtung allerdings zu kurz: „Einen Roboter mit einer Aufsitzmaschine zu vergleichen ist immer schwierig, da letztere immer eine ganz andere Flächenleistung hat. Hinzu kommt: Wenn der Fahrer vernünftig geschult ist und seine Arbeit beherrscht, erkennt er auch andere Verschmutzungen als ein Roboter.“
Von daher dürfe man den Einsatz von autonomen Maschinen nicht – wie oft der Fall – primär aus dem Blickwinkel einer möglichen Zeit- oder Kosteneinsparung respektive als Ersatz bewährter Reinigungstechniken sehen, sondern vielmehr unter dem Gesichtspunkt, dass gerade im Reinigungssektor die Personaldecke immer dünner werde und ein Roboter zumindest auf großen Flächen ohne kritische Hindernisse unterstützend eingesetzt werden könnte. Oder zum Beispiel in Sanitärbereichen, wo entsprechend kleiner dimensionierte Roboter etwa unter den Urinalen die „Ekelbereiche“ übernehmen könnten.
An die Adresse der Hersteller gerichtet appelliert Eulberg in diesem Kontext: „Bisher wird oft versucht, ein bestehendes Reinigungsgerät zu einem Roboter umzubauen, was der falsche Ansatz ist. Würde man stattdessen komplett neue Konzepte ‚von Innen heraus‘ entwickeln, kämen wir in puncto Praxiseinsatz vielleicht auch schneller zu anderen Ergebnissen.“
Abschließend betonen Eulberg und Wolff unisono nochmals: „Wir beschäftigen uns hier am Flughafen München mit jedweder Technik, die uns oder den Passagieren weiterhilft. Einiges ist bereits umsetzbar, anderes noch nicht exakt definiert beziehungsweise greifbar – hier gilt es Monat für Monat die Entwicklungen zu betrachten.“
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