Der Hamburg-Marathon 2009 42 km zum Sieg über sich selbst

Was für die einen der absolute Horror, ist für andere nicht mehr wegzudenken das Laufen über eine lange Distanz. Zu den Letzteren gehört der ehemalige Werbeleiter der Nilfisk-Advance AG, Dieter Schulz. Am Beispiel des Hamburg-Marathons schildert er uns seine Erfahrungen und Eindrücke, die dieser Ausdauersport mit sich bringt.

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    Die endlose Läuferschlange zwischen den vielen Zuschauern am Hamburger Hafen.
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    Einer von fast 16.000 Teilnehmern, Nilfisk-Advance-Kundenberater Holger Herbig. Er hat sich seine Medaille schwer erkämpft.
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    Konnte in diesem Jahr zwar nicht teilnehmen, aber dafür in Ruhe beobachten: der ehemalige Nilfisk-Advance-Werbeleiter Dieter Schulz.

42 km zum Sieg über sich selbst

- Der Hamburg-Marathon: Ein Großereignis, das diesmal ohne mich stattfinden musste. Der Verzicht tut zwar weh, aber es gibt auch für mich Dinge, die wichtiger sind als die Teilnahme an einer Sportveranstaltung, die viel Vorbereitung erfordert. Mir bleibt die Rolle des mitfühlenden Zuschauers.

Der Startschuss fällt erst um 9 Uhr, doch bereits um 7 Uhr trifft man die ersten Läufer im Startbereich. Diese Sportler sind einfach zu aufgeregt, um sich jetzt entspannt auf den Lauf vorzubereiten. Seit Monaten haben sie auf diese Stunde hingearbeitet, sind hunderte Kilometer gelaufen. Alle wissen: Eine gute Vorbereitung ist unerlässlich, wenn man diese enorme Belastung schadlos überstehen will. Eine halbe Stunde vor Beginn herrscht im Startbereich ein kaum überschaubares Menschengewirr. Entsprechend den gezeigten Leistungen in getrennte Bereiche gepfercht, warten die Läufer auf den erlösenden Startschuss. Die einen trampeln wie junge Pferde unruhig auf der Stelle, andere verharren in entrückter Meditation. Die letzten Sekunden vor dem Start. Drei, zwei, eins los!

Ein Bandwurm aus fast 16.000 Läufer setzt sich in Bewegung. Nach einer Viertelstunde hat auch der letzte Läufer die Startlinie überquert. Ein Transponderchip, am Laufschuh befestigt, wird aktiviert, wenn der Läufer eine Kontaktschleife auf der Startlinie überquert. So sind Zwischenkontrollen möglich und vor allem wird die korrekte Laufzeit beim Überqueren der Ziellinie elektronisch gespeichert.

Nur wer sein Tempo findet, kann gewinnen

Vorerst geht es darum, das eigene Tempo zu finden, sich nicht von anderen mitreißen lassen und zu schnell beginnen. Ein Fehler, der sich spätestens nach zwei Stunden grausam rächt. Die Anspannung fällt jetzt ab. Fast euphorisch nimmt man den ersten Teil der Strecke, die Reeperbahn, in Angriff. Doch viel bekommt man davon nicht zu sehen. Die Zuschauer drängen sich und feuern die Läufer an. Die Stecke führt durch Altona. Einst eine Stadt, die zu Dänemark gehörte, heute ein multikultureller Stadtteil mitten in Hamburg. An ehrwürdigen Bürgerhäusern vorbei geht es in Richtung Blankenese, einst Domizil reicher Kaufleute und ehemaliger Kapitäne. Hier, bei Kilometer fünf, befindet sich die erste Verpflegungsstelle. Wasser und portionierte Bananen werden angeboten. Spätestens hier sollten die Läfuer ihr Tempo gefunden haben. Viele haben sich die angestrebten Zwischenzeiten auf den Arm oder in die Handflächen notiert. Routinierte Läufer wissen, wann sie an welcher Kilometermarkierung sein wollen. Jetzt fällt die Entscheidung, ob man schneller oder langsamer werden muss oder ob man unverändert weiterlaufen kann. Aber wenn die Zeit stimmt, hat man solche Gedanken nicht. Man fühlt sich gut und kann den Anblick der prunkvollen Villen links und rechst der Elbchaussee genießen.

Der „Lumpensammler“ holt die, die nicht mehr können

Deutlich ruhiger geht es durch die Hamburger Innenstadt. Die Läufer umrunden die Binnenalster, überqueren die Lombardsbrücke, genießen die Blick auf die Außenalster und durchqueren den Stadtteil Barmbek. Einige Läufer haben es nicht einmal bis hierher geschafft. Selbstüberschätzung, falsches oder nicht ausreichendes Training oder einfach ein umgeknickter Fuß haben sie zur Aufgabe gezwungen. Ein am Ende des Läuferfeldes fahrender Bus, Lumpensammler genannt, hat sie aufgelesen und ihre Finisherambitionen zerstört. Für alle anderen kommt jetzt die erste große Herausforderung, die City-Nord. Hier, wo die Sonne unbarmherzig brennt, wo kaum ein Luftzug durch die Schluchten der Hochhäuser Erfrischung bringt. Hier weiß man, dass man noch 15 lange Kilometer vor sich hat. Die Anzahl der Aussteiger nimmt ständig zu. Eine vernünftige Entscheidung, die auch von den Zuschauern respektiert wird. Keine hämischen Bemerkungen, keine abfälligen Äußerungen. Das fachkundige Publikum weiß, welche beachtliche Leistung bis hierher erbracht worden ist. Die Läufer quälen sich durch Ohlsdorf und erwarten „den Mann mit dem Hammer“. So nennen die Marathonis den Zustand, wenn man glaubt, keinen Fuß mehr vor den anderen setzen zu können. Für die meisten Sportler beginnt jetzt erst der richtige Marathon. Hier zeigt sich unerbittlich, ob man richtig trainiert, ob man sich selber richtig eingeschätzt hat und ob man bereit ist, seine eigenen Grenzen zu überscheiten.

Schier endlos scheint sich die Straße durch Groß-Borstel hinzuziehen. Nur wenige Zuschauer treiben die Läufer mit aufmunternden Rufen voran. Von den 850.000 Fans, die die Strecke säumen, ist hier kaum etwas zu spüren, dafür umso mehr von der Mittagssonne. Jetzt müssen die Marathonis kämpfen und sich selber besiegen.

Der „zweite Wind“ bringt neue Kraft

Das Bild ändert sich schlagartig, als die Läufer den Stadtteil Eppendorf erreichen. Neben der Strecke herrscht Partystimmung. Brasilianische Sambaklänge mischen sich mit dem Rhytmus einer Drumband. Zuschauer haben es sich an Biertischen gemütlich gemacht und warten auf Gegrilltes. Doch das bemerken nur wenige Akteure. Sie wissen, dass sie es bald geschafft haben. Die Zahl der Aussteiger nimmt wieder ab. Etliche Läufer spüren „den zweiten Wind“, ein Phänomen, welches nach intensiver körperlicher Belastung neue Kraft gibt. Das kommt von den körpereigenen Endorphinen (Glückshormone), die freigesetzt werden und die Schmerzen überlagern. Scheinbar locker trabt man durch die Nobelstadtteile Havestehude und Rotherbaum. Jetzt, da man das Ziel schon fast riechen kann.

Am Bahnhof Dammtor rüstet man sich für die letzten Meter (real sind es noch 2 km). Noch ein paar Häuserecken und dann sieht man es das Ziel. 14.151 Marathonläufer haben es in diesem Jahr in Hamburg erreicht. Der Schnellste nach 02:16,47 Stunden. Die Letzte überquerte die Ziellinie nach mehr als sechs Stunden. Zu denen, die es erfolgreich geschafft haben, zählte auch
der Nilfisk-Advance-Kundenbetreuer Holger Herbig. Auch er war völlig fertig, aber auch unendlich zufrieden mit sich und der Welt.

Mir wurde oft die Frage gestellt, warum ich mir etwas derart Verrücktes und Sinnloses wie einen Marathon antue. Verrückt vielleicht, aber bestimmt nicht sinnlos. Wer vom Marathonvirus befallen wurde, kommt davon so leicht nicht los. Ich sehe es als einen egoistischen Sport, weil ich es nur für mich selbst tue. Ich muss nur mir selbst etwas beweisen, ich kann nur mich selbst dabei betrügen und ich will mich nur selbst besiegen. Und vor allem: Ich gewinne für mich selbst.