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Wie betriebliche Corona-Tests in der Praxis funktionieren

Unternehmen sind laut § 5 der aktuellen SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung derzeit dazu verpflichtet, Mitarbeitern, die nicht ausschließlich im Home-Office ­arbeiten, mindestens zwei Corona-Tests pro Woche anzubieten. Was bedeutet das für das personalintensive Gebäudereiniger-Handwerk?

Die betrieblichen Corona-Tests sollen dazu ­bei­tragen, Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen, Ansteckungen zu verhindern ­und so die Arbeitsfähigkeit von Betrieben aufrecht zu erhalten. Die Testangebotspflicht gilt seit 23. April 2021. Um sie gesetzlich zu verankern, wurde die bestehende SARS-Cov-2-Arbeitsschutzverordnung ergänzt und bis zum 30. Juni 2021 verlängert. Die ­Beschäftigten sind zwar aufgerufen, die ­Testangebote wahrzunehmen. Sie sind – von Sonderregelungen wie zum Beispiel in Bremen abgesehen – aber nicht dazu verpflichtet, das Angebot auch anzunehmen. Bei den Tests handelt es sich um eine zusätzliche Maßnahme des betrieb­lichen Infektionsschutzes neben den bekannten Regeln ­Abstand halten, Hygiene beachten, Masken tragen und Lüften (AHA+L). Die Kosten muss der Arbeitgeber übernehmen.

Alleine die Gebäudereinigungsunternehmen in Deutschland benötigen nach Berechnung des ­Bundesinnungsverbands des Gebäudereiniger-­Handwerks (BIV) bei wöchentlich zweimaliger ­Testung knapp sechs Millionen Test-Kits pro ­Monat – vorausgesetzt, jeder Beschäftigte, auf den die Voraus­setzungen zutreffen, nimmt das Angebot auch an. Für knapp jedes zweite Unternehmen (47 Prozent) sind die Corona-Test einer Umfrage des BIV zufolge nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine logis­tische Belastung. Im personalintensiven Gebäude­reiniger-Handwerk arbeiten knapp 700.000 Beschäftigte in mehr als 100.000 Objekten

PCR-, Schnell- oder Selbsttests?

Eingesetzt werden können bei den betrieblichen Corona-Tests theoretisch alle bekannten Testarten – PCR-Tests, Antigen-Schnelltests, die von geschultem Personal vorgenommen werden, oder Selbsttests zur Eigenanwendung. Für den Einsatz im betrieb­lichen Kontext eignen sich laut Berufs­genossenschaft ­­BG Bau vor allem Schnelltests und Selbsttests. ­Zugelassene Tests sind auf der Internetseite des Bundes­instituts für Arzneimittel und Medizin­produkte (BfArM) zu finden ­(www.bfarm.de/DE/­Medizinprodukte/Antigentests/node.html). Sie erfüllen nach Herstellerangaben die vom Paul-Ehrlich-Institut und dem Robert Koch-Institut festgelegten Mindest­kriterien. Möglich ist es aber auch, e xterne Stellen wie Arzt, Apotheke oder Testzentrum mit der Durchführung von Tests zu beauftragen. Nach­weise über die Beschaffung der Tests oder Verein­barungen mit ­Dritten zur Testung der Mitarbeiter müssen bis zum 30. Juni 2021 aufbewahrt werden. Laut Bundes­ministerium für Arbeit und Soziales sollte auch formlos ­notiert werden, wann und in welcher Form die ­Beschäftigten über das Testangebot informiert ­wurden. Wie Gebäude­dienstleister die betrieblichen Corona-Tests organisieren und welche Erfahrungen sie bislang gemacht haben, lesen Sie in den flankieren­den Statements zu diesem Beitrag.

Ilja Walther: "Unser Hygiene-Mobil­ war der Auftakt"

Ilja Walther

Ilja Walther, Fachbereichsleiter Qualität und Umwelt, GRG, Berlin: Wir testen in der GRG schon seit November vergangenen Jahres auf das Corona-Virus als Reaktion auf steigende ­Infektionszahlen – da war eine Testangebotspflicht noch nicht mal in der Diskussion. Wir tun dies zum Schutz unserer Mitarbeiter und Kunden und haben schon einiges an Erfahrung sammeln können. Die gesetzliche Verpflichtung hat uns demnach nicht überrascht, auch wenn sie uns vor große organisatorische ­Herausforderungen stellt, die wir aufgrund unserer dezen­tralen Struktur bundesweit zu bewerkstelligen haben.
Unser Hygiene-Mobil war der Auftakt, um uns an der nationalen Teststrategie zu beteiligen und um flexibel beziehungs­weise mobil auf die Entwicklungen reagieren zu können. Durch medizinisch geschultes Personal werden hier professionell Antigen-Schnelltests bei unseren Mitarbeitern durchgeführt und ausgewertet. Mir ist aktuell ein Infektionsfall bekannt, der durch diese Maßnahme festgestellt wurde. Mittler­weile haben wir noch weitere Teststationen an verschiedenen GRG-­Standorten eingerichtet. Dort können Mitarbeiter zum ­Beispiel die sogenannten Selbsttests durchführen, welche durch ­Koordinatoren begleitet werden. Für diese Koordinatorenfunktion haben wir mehr als 100 Mitarbeiter schulen lassen.
Neben unserer eigenen Teststrategie ermuntern wir aber auch unsere Beschäftigten zusätzlich dazu, die von der ­Bundesregierung zur Verfügung gestellten Teststationen in ­ihrer Nähe zu nutzen. Zusammen mit unseren Testmöglich­keiten und denen unserer Kunden können wir so das bestmögliche Testkonzept für eine dezentrale Struktur sicher­stellen. Viele Mitarbeiter nutzen die Angebote. Zudem gibt es aber auch Bereiche, wo Tests verpflichtend wahrgenommen werden müssen, zum Beispiel in Gesundheitseinrichtungen.
Wir appellieren regelmäßig an die Verantwortung ­unserer Beschäftigten, sich und andere zu schützen und sehen im ­Unternehmen insgesamt einen sehr verantwortungs­vollen Umgang mit der Pandemie und dem Testangebot im ­Speziellen. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, warum wir keine erwähnenswerten Infektionsgeschehen innerhalb der GRG zu verzeichnen haben. Das macht uns als Unternehmen sehr dankbar und natürlich auch stolz.

Nicht erst seit der Testangebotspflicht

Bereits vor Einführung der Testangebotspflicht hat eine Mehrheit der Unternehmen im Gebäude­reiniger-Handwerk a uf Testungen der Beschäftigten ­gesetzt. Einer Umfrage des BIV zufolge bot Ende März schon rund jedes dritte Unternehmen ­(32,7 Prozent) seinen Beschäftigten Corona-Tests an. Ein weiteres Viertel (26,9 ­Prozent) plante in Kürze ein ent­sprechendes Angebot. Eine gesetzliche Pflicht durch die ­Politik war auf deutliche Ablehnung gestoßen. An der ­Online-Umfrage hatten sich rund 600 Unternehmen beteiligt. Zwei Drittel der Befragten (70,4 Prozent) ­hielten Selbsttests durch die Beschäftigten in der ­Praxis für die beste ­beziehungsweise einzig umsetzbare Lösung. „Während Selbsttests flexibel einsetzbar sind, sind Schnelltests durch geschultes ­Personal ein Akt der Unmöglichkeit, wenn zum ­Beispiel an ­wechselnden Standorten wechselndes Personal mit nur kurzen ­Einsatzzeiten tätig ist“, sagte BIV-­Geschäftsführer Johannes Bungart.

Gemeinsame Aktion der Sozialpartner

Mittlerweile haben sich die Sozialpartner der Bauwirtschaft – Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB), Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB), Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV) und die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) – auf eine gemeinsam e Aktion zur Stärkung des Infektionsschutzes durch ­betriebliche Corona-Tests geeinigt. Unterstützung beim Testen leistet inzwischen die Berufsgenossenschaft BG Bau – mit Beratung, einem umfassenden ­Informationsangebot sowie Begleitung durch ­ihren Arbeitsmedizinischen Dienst (AMD).

Oliver Kühnel: "Die Resonanz auf das Angebot ist bis heute gut"

Oliver Kühnel

Oliver Kühnel, Geschäftsführer, Marling Gebäudeservice, Hamburg: Als die Diskussion um eine womöglich mehrmals in der ­Woche durchzuführende Testung der Beschäftigten als ausdrückliche Pflichtaufgabe der Unternehmen aufkam, gingen mir viele verschiedene Dinge durch den Kopf. Wie soll das ­eigentlich organisiert werden? Wo bekommen wir ausreichend seriöse Corona-Tests her? Und vor allem: Wie setzen wir denn eine Testpflicht bei den Beschäftigten überhaupt durch?
Rückblickend war es positiv, dass wir dem Aufruf der ­deutschen Wirtschaft schon vorher gefolgt sind und ­unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon ­lange vor Inkraft­treten des verpflichtenden Testangebots ein ­frei­williges ­Angebot unterbreitet haben. Dieses ­wurde zentral an unserem ­Firmensitz zur Verfügung gestellt – eine Lösung, die sich in einer Großstadt wie Hamburg mit verdichteter Objektlage aus meiner Sicht anbietet.
Die Bereitstellung eines Testangebots direkt am Objekt ­wäre natürlich auch möglich gewesen. Das Naheliegendste, die Objektleitungen dafür einzubinden, hätte jedoch den ­entscheidenden Nachteil gehabt, dass diese ständig von einem Objekt zum nächsten hätten fahren müssen, um die Selbsttests zu überreichen und die korrekte Nutzung zu ­gewährleisten. Sie hätten nichts anderes mehr tun können.
Also testen wir an einem zentralen Punkt, dem Betriebssitz. Die Resonanz ist bis heute gut.
In der Dis­kussion um Selbsttests oder Schnelltests ­haben wir uns letztlich für die markt­üblichen Selbsttests entschieden, da diese aufgrund der einfachen und ­selbstbestimmten Anwendbarkeit ein niedrigschwelliges Angebot ­darstellen. Denn eines ist uns immer wichtig gewesen: Die ­Beschäftigten müssen für die Testung gewonnen ­werden und diese auch selbstständig durchführen können.
Ein Faktor muss natürlich auch genannt werden: Das ­eng­maschige Netz von Schnelltestzentren in Hamburg. ­Dieses führt dazu, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter parallel auch das Angebot der kostenfreien Bürgertests wahrnehmen und somit häufig bereits einen Test vorweisen können.

„Die Reinigungsbranche hat in der Corona-Pandemie von Beginn an eine zentrale Rolle beim Infektionsschutz gespielt – wir sind überall dort, wo Hygiene lebenswichtig ist. Und wir sorgen im gesamten öffentlichen Raum dafür, dass die Menschen sich sicher bewegen und arbeiten können“, sagte Johannes Bungart. „Unsere Beschäftigten leisten einen enormen Beitrag – es ist unsere Pflicht und Verpflichtung, sie zu schützen. Selbsttests und dort, wo möglich, Schnelltests sind ein ­weiterer wichtiger Baustein. Wir sind froh, ­BG Bau und AMD als Partner an unserer Seite zu haben.“

BG Bau unterstützt beim Testen

Neben einer Internetseite zum Thema Testen ­(www.bgbau.de/corona-tests) hat die BG Bau eine Hotline unter der Nummer 030 85781-911 eingerichtet, über die ­medizinische Experten bei Fragen rund um das Thema Testen erreichbar sind. Der Arbeits­medizinische Dienst, der die betriebsärztliche Betreuung für das Bau- und Reinigungsgewerbe übernimmt, bietet ­zudem die Durchführung von Schnelltests an – in den arbeitsmedizinischen Zentren oder direkt vor Ort in Untersuchungsmobilen.

Peter Weiß: "Verantwortung auf die Unternehmen abgewälzt"

Peter Weiß

Peter Weiẞ, Geschäftsführer Technik, Moritz Fürst, Nürnberg: Schon seit Monaten hören wir immer wieder, dass Test­konzepte ein wichtiger Baustein sein werden. Jedoch ­wurde durch die politisch Verantwortlichen bis heute kein ­schlüssiges Testkonzept auf den Weg gebracht. Jetzt hat die ­Politik mit der Testangebotspflicht die Verantwortung auf die ­Unternehmen abgewälzt. Da dieses Angebot nur ein Teil der Beschäftigten nutzt und keine einheitliche Dokumentation der Test­ergebnisse erfolgt, gibt es keine statistisch verwertbaren Daten aus den Tests. Daher halte ich diese Vorgehensweise, verbunden mit einem sehr hohen finan­ziellen und organisa­torischen Aufwand für die Unternehmen, für wirkungslos.
Eine Testpflicht für alle Beschäftigten mit entsprechender ­Dokumentation an zentraler Stelle wäre ein gutes Werkzeug, mit dem gezielt weitere politische Maßnahmen gesteuert werden könnten. Dabei sollten die Tests und ein IT-gestütztes System zur Dokumentation vom Bund organisiert und finanziert werden.
Die Versorgung mit zugelassenen Tests regeln wir in unserem Unternehmen über langjährig bestehende Beschaffungs­strukturen. Aufgrund der kurzfristigen Umsetzung der Verordnung und der damit verbundenen hohen Nachfrage, ­gerade nach zugelassenen Selbsttests, war die Verfügbarkeit zu ­Beginn sehr knapp. Dank unserer Vorplanung können wir derzeit den Bedarf problemlos decken.
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können bis zu zwei Test-Kits pro Woche über ihren Vorgesetzten anfordern. Wenn sich Beschäftigte testen möchten, gibt es die Vorgabe, sich vor Arbeitsaufnahme zu Hause zu testen. Durch diese Vorgehensweise wird verhindert, dass infizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Kundenobjekt kommen. Grundsätzlich reagieren unsere Beschäftigten auf das Testangebot positiv interessiert. Jedoch ist die Bereitschaft, sich regelmäßig zu testen, eher verhalten.
Die deutschen Unternehmerinnen und Unternehmer und auch gerade unsere Branche haben bewiesen, dass sie mit Verantwortungsbewusstsein und zielgerichtetem Handeln bisher sehr erfolgreich durch die Pandemie gekommen sind. Möge die Politik dies erkennen und uns den dafür notwen­digen unternehmerischen Freiraum geben.

„Die Beschäftigten im Reinigungsgewerbe sind seit Monaten mit anspruchsvollen Hygienekonzepten im Dauereinsatz und sorgen in der Pandemie für Sicherheit, zum Beispiel in Arzt­praxen, Pflegeheimen oder Kliniken. Regelmäßige Corona-Testungen mit Unterstützung des AMD der BG Bau können helfen, das Ansteckungsrisiko zu verringern und den betrieblichen Infektionsschutz in besonders gefährdeten Bereichen zu verbessern – zumindest solange, bis mehr Beschäftigte geimpft sind. Die Betriebe allein sind mit dieser Aufgabe finan­ziell und logistisch überfordert", sagte BIV-Geschäfts­führer Johannes Bungart.

Was tun bei positivem Ergebnis?

Ein negatives Testergebnis ist bekanntlich nur ­eine Momentaufnahme. Die Berufsgenossenschaft BG Bau weist deshalb darauf hin, dass alle Maßnahmen des betrieblichen Infektionsschutzes trotz der ­Corona-Tests weiter zu beachten sind: Abstand ­halten, Hygiene beachten, Masken tragen und Lüften ­(AHA + L). Denn ein negatives Testergebnis ­schließe eine SARS-CoV-2-Infektion nicht aus. Es sei lediglich weniger wahrscheinlich, zum Zeitpunkt der ­Testung infiziert und damit für andere ansteckend zu sein. ­Zeige der Schnelltest ein positives Ergebnis an, stelle das in jedem Fall einen Verdacht auf eine SARS-CoV-2-Infektion dar. Die betreffende Person solle sich unmittelbar in Isolation begeben, ­einen Arzt kontaktieren und das Ergebnis durch einen PCR-Test überprüfen lassen. Ergebnisse von positiven Schnelltests sind dem zuständigen Gesundheitsamt zu ­melden. Für Ergebnisse von positiven Selbsttests gilt dies nicht.

Fällt der Test in die Arbeitszeit?

Bei den Testangeboten handelt es sich um für die Mitarbeiter freiwillige Tests und damit nicht um ­Arbeitszeit im Sinne des Arbeitszeitgesetzes. Soweit die Testung auf Wunsch oder Bitte des Arbeitgebers erfolgt – beispielsweise wenn sie als Zugangsvoraussetzung angesehen wird – wird es sich um einen Teil der zu vergütenden Arbeitszeit handeln.

Die zuständigen Arbeitsschutzbehörden können die Einhaltung aller Anforderungen der SARS-CoV-2-­Arbeitsschutzverordnung im Einzelfall durch behördliche Anordnungen durchsetzen und Verstöße mit einem Bußgeld von bis zu 30.000 Euro ahnden.

Heike Holland | heike.holland@holzmann-medien.de

Auch Ihre Stimme ist gefragt - in unserer aktuellen Onlineumfrage auf www.rationell-reinigen.de in der Serviceleiste am rechten Seitenrand. Dieses Mal möchten wir wissen: Wie viele Mitarbeiter nehmen das Testangebot in Ihrem Unternehmen an? Auf Ihre Antworten sind wir gespannt!

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