75, 80 oder sogar 90 Jahre und noch mehr – Innungen haben eine lange Tradition im Gebäudereiniger-Handwerk. Die meisten wurden in der Zeit der Weimarer Republik gegründet. Wie war das damals gleich noch mal und wie ging es weiter? rationell reinigen hat für Sie zurückgeblickt.

Wie alles begann
Die Idee, dass Unternehmer aus dem Gebäudereiniger-Handwerk sich zu einer Interessensvertretung zusammenschließen, ist fast so alt wie die gewerbliche Reinigung selbst. 1901 wurde der Verband der Reinigungs-Instituts-Unternehmer Deutschlands (VRUD) gegründet - auf Initiative des Göttinger Verlegers Ernst Kelterborn, der gerade die erste Reinigungsfachzeitschrift aus der Taufe gehoben hatte. In den Jahren zuvor war das Reinigungsgewerbe stark gewachsen. Im Zuge der Industrialisierung wurde zunehmend Glas als Baustoff eingesetzt; immer mehr Geschäfts- und Verwaltungsgebäude mit großen Fensterflächen entstanden, die gereinigt werden mussten. 1878 gründete der Franzose Marius Moussy in Berlin sein „Französisches Reinigungsinstitut“ und legte damit den Grundstein für die gewerbliche Glasreinigung. Weitere Unternehmen folgten. Um die Jahrhundertwende hatten sich in allen größeren Städten Reinigungsbetriebe etabliert.
Gauen, Ortsgruppen und lokale Vereine
Der Verband der Reinigungs-Instituts-Unternehmer Deutschlands gilt als Vorfahre des heutigen Bundesinnungsverbands des Gebäudereiniger-Handwerks. Vorläufer der Landesinnungsverbände und -Innungen sind die regionalen Gauen und lokalen Ortsgruppen des 1901 gegründeten Verbands. Die erste Ortsgruppe wurde 1902 in Berlin aus der Taufe gehoben, 1903 war es beispielsweise in Hannover so weit und in Dresden entstand der Gau Königreich Sachsen. Bis zum Beginn des ersten Weltkriegs waren die Gebäudereiniger bereits gut organisiert. Neben dem VRUD mit seinen Gauen und Ortsgruppen gab es auch viele lokale Vereine, die nicht dem Verband angeschlossen waren. Fachlich dominierte die Glasreinigung, doch auch Fassaden-, Unterhalts- und Verkehrsmittelreinigungen wurden ausgeführt.
Während des Ersten Weltkriegs fand ein Verbandsleben so gut wie nicht statt. Nach 1918 wurde die Berufsorganisation der Glas- und Gebäudereiniger deutlich ausgebaut, auch vor dem Hintergrund der Inflation. In jeder größeren Stadt entstanden Ortsgruppen nicht nur des VRUD, sondern auch des WRUV (Westdeutscher Reinigungsunternehmerverband) und des VRUS (Verband der Reinigungsunternehmen Süddeutschlands), die sich zeitweilig vom VRUD - ab 1924 Zentralverband der Reinigungsunternehmer Deutschlands - getrennt hatten. 1929 schlossen sich die drei Verbände wieder zusammen - zum „Reichsverband der Glas- und Gebäudereiniger-Innungen Deutschlands“ (RGI). Er war in sechs Landesverbände - Westdeutschland, Süddeutschland, Norddeutschland, Ostdeutschland, Mitteldeutschland und Sachsen - unterteilt.
Nach 1918: Immer mehr freie Innungen entstehen
In den Jahren zuvor waren die ersten freien Innungen gegründet worden. Diese Rechtsform bot vor allem den Vorteil, das ungeordnete Ausbildungswesen zu regeln. 1919 war es in Köln so weit, 1920 in Hannover, 1921 in Dortmund. In diesem Jahr begann auch die Geschichte der Gebäudereiniger-Innung Bonn/Rhein-Sieg, gegründet als „Innung für das Glas-, Gebäude- und Parkettbödenreinigungshandwerk“. 1923 wurde die Chemnitzer Ortsgruppe der Glas- und Gebäudereiniger in eine Innung umgewandelt, 1924 geschah dies auch in Hamburg und Berlin, 1926 entstand die Innung Düsseldorf, 1927 die Innung Stuttgart, 1929 die Innung Aachen.
Fast 40 Gebäudereiniger-Innungen gab es am Ende der Weimarer Republik (1918 bis 1933). Damit war die Zeit der Innungsgründungen weitgehend abgeschlossen. Die meisten waren freie Innungen. Anders als die fakultativen Zwangsinnungen, die ausschließlich Handwerkern vorbehalten waren, konnten sie in allen Gewerben gegründet werden. In einigen Fällen gelang die Umwandlung. Beispiel Sachsen: Aus der freien Innung Leipzig wurde 1926 eine Zwangsinnung, nachdem der Sächsische Gewerbekammertag zugestimmt hatte. Damit galten die sächsischen Glas- und Gebäudereiniger als Handwerker. Erst 1934 sollte Gebäudereinigung insgesamt als Vollhandwerk anerkannt werden.
Ab 1933: Innungspflicht auch für Gebäudereiniger
1933 führten die Nationalsozialisten Pflichtinnungen für alle Handwerker ein. Das galt auch für die Gebäudereiniger - und bedeutete die lange ersehnte Anerkennung als Vollhandwerk. Die Innungen wurden gleichgeschaltet, die Vorstände mehrheitlich mit Nationalsozialisten besetzt. 1939 wurde der Reichsverband der Glas- und Gebäudereiniger-Innung aufgelöst. An seine Stelle trat der Reichsinnungsverband des Glas- und Gebäudereiniger-Handwerks.
Nach 1945 entwickelte sich das Gebäudereiniger-Handwerk in beiden Teilen Deutschlands unterschiedlich. Im Osten waren Berufsorganisationen des Handwerks mit Ausnahme der Handwerkskammer verboten. An Stelle der Innungen traten Berufsgruppen. Produktionsgenossenschaften des Handwerks entstanden, private Gebäudereinigungsbetriebe wurden aus der Handwerksrolle gestrichen. Dienstleistungskombinate übernahmen bald den größten Teil der Gebäudereinigung. Nach dem Fall der Mauer wurden viele Innungen neu gegründet - zum Beispiel die 1925 entstandene Freie Glasreiniger-Innung Halle a.S., die 1990 als Gebäudereiniger-Innung Wittenberg belebt wurde. Mittlerweile ist daraus die Innung Sachsen-Anhalt Ost/Süd geworden. 1991 wandelte sich die Berufsgruppe Chemnitz in eine Innung um. Durch Zusammenschluss mit der Innung Dresden entstand 1996 die Gebäudereiniger-Innung Chemnitz/Dresden.
Nach 1945: Das Innungswesen wird wieder aufgebaut
Im Westen erlebte das Gebäudereiniger-Handwerk in den Nachkriegsjahren einen wirtschaftlichen Aufschwung. 1953 wurde die Gebäudereinigung als Handwerk bestätigt. Auch das Innungswesen wurde wieder aufgebaut - orientiert an den Strukturen, die sich in der Weimarer Republik herausgebildet hatten. Dazu gehörte die Aufhebung der Zwangsmitgliedschaft. 1948 entstand der Hauptinnungsverband des Glas- und Gebäudereiniger-Handwerks für die vereinte britisch-amerikanische Zone, zwei Jahre später wurde der Zentralinnungsverband des Glas- und Gebäudereiniger-Handwerks gegründet. Seit 1953 heißt er Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV). Als erster Bundesinnungsmeister wurde Valentin Wieprecht gewählt, gefolgt von Arthur J. Frommholz (1956 bis 1969), Walter Faber (bis 1974), Gerhard Jendro (bis 1975) und Günther Schneider (bis 1990). Sein Nachfolger ist Dieter Kuhnert. Er ist der Bundesinnungsmeister mit der bislang längsten Amtszeit in der Geschichte des BIV.
Ehrenamtsträger haben die Innungen mitgeprägt
Das Leistungsspektrum des Gebäudereiniger-Handwerks hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erweitert. Seit 1949 stieg der Umsatz von umgerechnet drei Millionen Euro auf 11,1 Milliarden Euro im Jahr 2009. Zugleich kletterte die Zahl der Beschäftigten von knapp 4.000 auf rund 550.000 in 15.000 Unternehmen. Etwa 2.500 davon gehören heute einer Innung an. Die Mitgliedsbetriebe tragen laut BIV fast 90 Prozent zum Branchenumsatz und zur Gesamtbeschäftigtenzahl bei.
Ehrenamtsträger haben die Geschichte der Innungen mitgeprägt - im Großen wie im Kleinen. Rund 35 Gebäudereiniger-Innungen auf Landes- und Regionalebene gibt es derzeit in Deutschland und damit auch viele Möglichkeiten, die Innungsarbeit mitzugestalten - ob im Vorstand, in Ausschüssen oder als Lehrlingswart. Was für drei Unternehmensvertreter der Grund dafür ist, sich in ihrer Innung für das Gebäudereiniger-Handwerk zu engagieren, lesen Sie nachfolgend auf den Seiten 14 und 15.
Heike Holland | heike.holland@holzmann-medien.de