Sauberkeit im Fuẞballstadion: Anpfiff für Team Reinigung

Kein Stadionbetrieb ohne Reinigung: Damit das Publikum vor und während eines ­Fußballspiels saubere Tribünen, Serviceräume und Toiletten vorfindet, müssen ­Profis ran. Mit welchen Herausforderungen sie sich mitunter konfrontiert sehen – zum ­Beispiel im Merck-Stadion in Darmstadt.

Der Reinigungseinsatz im Merck-Stadion – Heimat des Zweitligisten SV Darmstadt 98 – beginnt, lange bevor an einem Spieltag die Zuschauer eintreffen. - © Jacobi

Heimspiel! Mit einem 4:1-Sieg startet der SV Darmstadt 98 am ersten Spieltag der neuen Bundesligasaison 25/26 gegen den VfL Bochum. Die Stimmung im Merck-Stadion ist bestens, die Spiel­stätte bietet Platz für 17.810 Menschen. Stehend oder sitzend feuern sie ihren Verein an, bejubeln Tore, in der einen Hand ein Getränk, in der anderen eine Stadion-Wurst. Da fällt einiges zu Boden, tritt sich fest. Stunden später sind die Gesänge verklungen, die Fans verschwunden. Das Dröhnen der Gebläse klingt auf den leeren Rängen, eine Woge an Plastikfetzen fegt über den Boden. Es ist die Fanfare der Stadionreinigung. Dass die meisten Zuschauer keine Gedanken daran verschwenden, wer das Stadion nach einem Event wieder in sauberen Zustand versetzt, zeugt von präziser Planung und einem reibungslosen Ablauf. Denn bevor Fans die Spiele, Großveranstaltungen oder Konzerte genießen können, greifen die Rädchen eines Uhrwerks hinter den Kulissen ineinander und sorgen dafür, dass das Stadion wieder glänzt.

Nur der Rasen ist tabu

Seit September 2020 ist die Jacobi Gebäudereinigung mit dem Reinigungsauftrag für das Merck-Stadion am Böllenfalltor in Darmstadt betraut. Stadionreinigung beinhaltet für das Unternehmen mit Hauptsitz in Griesheim bei Darmstadt die Vorbereitung auf das Spiel, es gewährleistet den Status quo während des Betriebes und die Müllentsorgung und Reinigung nach der Veranstaltung. Dies umfasst nicht nur Bereiche, die Zuschauer zu sehen bekommen – darunter Tribünen, Sitze, Gänge, Treppen, Toiletten, Gastronomie oder Fanshop. Der Auftrag schließt auch die Gäste- und Heimkabinen, Trainingsräume, VIP-Bereiche, Serviceräume und das Bürogebäude ein. Von den Reinigungsarbeiten ausgenommen ist das Grün. "Die Rasenfläche ist für unsere Reinigungsarbeiten tabu, die Pflege ist Sache des Vereins", erklärt Kay M. Winter, Prokurist bei Jacobi.

Zeitdruck für die Saubermacher

"Stadionreinigung ist eine besondere Herausforderung. Wir müssen alle Bereiche in einem bestimmten Zeitraum für den Spieltag für Profis und Besucher in einen Topzustand versetzen", sagt Objektleiterin Branca Jusic, staatlich geprüfte Desinfektorin und Gebäudereinigergesellin, und fügt hinzu: "Jeder Bereich hat spezifische Anforderungen, zum Beispiel sind die Tribünen rein flächenmäßig, aber auch vom Grad der Verschmutzung sehr aufwendig." Der Zeitdruck ist hoch, denn jeden Tag finden im Merck-Stadion Veranstaltungen statt. "Nach dem Spieltag haben wir 24 Stunden Zeit, um das Stadion wieder auf Vordermann zu bringen. Mindestens 18 Mitarbeitende sind dafür im Einsatz, sowohl in den Außenbereichen als auch im Innenbereich", berichtet die Objektleiterin. Verschiedene Verfahren sind für die unterschiedlichen Beschaffenheiten nötig und erfordern geeignete Geräte, darunter i-Mops, Hochdruckreiniger, Blasgeräte, Einscheibenmaschinen oder Wassersauger.

  • Bild 1 von 7
    © Jacobi
    Vor und nach dem Spiel: Die Mitarbeiter der Jacobi Gebäudereinigung ­sorgen für Sauberkeit nicht nur an Stellen, die der Zuschauer normaler­weise zu sehen bekommt, sondern auch in VIP-Arealen, Gäste- und Heimkabinen oder Trainingsräumen.
  • Bild 2 von 7
    © Jacobi
    Jeder Bereich im Stadion hat seine eigenen Herausforderungen. Das gilt auch für die Sitze, auf denen später die VIPs Platz nehmen.
  • Bild 3 von 7
    © Jacobi
    Auch der Businessbereich wird vor dem Anpiff auf Hochglanz gebracht. An anderen Tagen finden dort Events von verschiedenen Anbietern bis hin zu Hochzeiten statt.
  • Bild 4 von 7
    © Jacobi
    Wenn das Spiel begonnen hat, rücken die Reinigungskräfte im Businessbereich wieder aus, um stark verschmutzte Böden zu reinigen.
  • Bild 5 von 7
    © Jacobi
    Die Sanitärbereiche werden während eines Spiels fortlaufend gereinigt, damit die Zuschauer zur Halbzeitpause wieder alles so vorfinden wie zu Beginn.
  • Bild 6 von 7
    © Jacobi
    Für das Reinigungsteam um Objektleiterin Branca Jusic (Mitte) und Vorarbeiter Renato Barata (re.) ist die Reinigung des Stadions ein ganz besonderer Einsatz.
  • Bild 7 von 7
    © Jacobi
    Der Reinigungseinsatz im Merck-Stadion – Heimat des Zweitligisten SV Darmstadt 98 – beginnt, lange bevor an einem Spieltag die Zuschauer eintreffen.

Für die Unterhaltsreinigung sind zwei bis drei Tagesreinigungskräfte im Haus. Sie sind für Büroräume, Fitnessräume, Umkleiden, Nasszellen und den Spielerbereich zuständig, denn trainiert wird jeden Tag. Zusätzliches Personal variiert und hängt von der Art der Veranstaltung ab. Denn Stadien sind längst mehr als nur die Gebäude rund um ein Fußballfeld. Sie bieten zum Beispiel Logen und Veranstaltungsräume, die rege genutzt werden. "Zusätzlich zum Spielbetrieb gibt es im Merck-Stadion täglich Events von verschiedenen Anbietern bis hin zu Hochzeiten in der großen Lilien-Loge. Dann müssen wir alles so vorbereiten, dass es für die Gäste passt", erklärt Branca Jusic. An Spieltagen steigt der Personaleinsatz schnell auf 22 Leute, allein an der Vorbereitung arbeiten 15 bis 20 Beschäftigte. Die Reinigungsarbeiten beginnen morgens um fünf Uhr und dauern so lange, bis alles fertig ist. "Die Besucher sollen sich wohlfühlen, das ist unsere Prämisse. Es gab Tage, an denen wir bis ein Uhr nachts gearbeitet haben", sagt die Objektleiterin.

Wie koordiniert man einen Reinigungsaufwand, der so viel Flexibilität verlangt? "Das erfordert genaue Planung. Jede Reinigungskraft hat ihre Routine. Sie bekommt von uns Uhrzeiten, Infos über Ort und Tätigkeit. Das bedeutet: Wir erstellen einen Plan, wer wann wo und wie lange stehen muss und welche Tätigkeit die Person ausführen soll", berichtet Branca Jusic.

Lange vor dem Anpfiff wird es hektisch

Schon zwei bis drei Stunden vor dem Anpfiff wird es hektisch. Toiletten und Serviceräume müssen bis Spielbeginn sauber sein. Schmutzfangmatten werden ausgerollt, die Einlassdrehkreuze kontrolliert. Nach Desinfektion der Spielerkabinen werden sie nicht mehr betreten. Die Logen werden gesaugt. Eventuell gilt es dort, Spuren vom Catering zu beseitigen, die auf dem Boden gelandet sind. Dann ist erst mal Pause für die Reinigungskräfte. Wenn das Spiel beginnt, die Zuschauer sich auf den Rängen sammeln, rücken die Mitarbeitenden schon wieder im Businessbereich mit dem i-Mop vor, um stark verschmutzte Böden auf Vordermann zu bringen, reinigen fortlaufend die Toiletten, füllen Handtücher und Toilettenpapier nach, damit die Gäste zur Halbzeitpause alles so vorfinden wie zu Spielbeginn. Sie halten Serviceräume und Essensausgaben sauber, leeren Mülleimer, ehe sie überquellen.

Essensreste, Plastikbecher, Servietten

Wenn die Fans nach einem Spiel nach Hause gehen, zeigt sich ein immer gleiches Bild: Müll auf den leeren Rängen, Essensreste und Plastikbecher, aufgeweichte Servietten, vergessene Kleidungsstücke, verschüttetes Bier. Dazu festgeklebte Kaugummis und ausgedrückte Kippen. Es ist ein Kraftakt, um Hygiene und Sauberkeit wieder herzustellen. Zuerst muss jede Sitz- und Stehreihe von oben nach unten mit dem Blasgerät abgepustet, der Müll mit Besen zusammengetragen, in Säcke gepackt und entsorgt werden. Einige Müllsäcke kommen da zusammen, die zu den Müllsammelstellen gebracht und entsorgt werden müssen.

Vom Spielfeld bis zu den oberen Rängen

Dann beginnt die eigentliche Reinigung. Sie umfasst die Fläche vom Spielfeld bis zu den oberen Rängen.Tribünen und Sitze werden mit Hochdruckreinigern gesäubert, damit auch hartnäckiger Schmutz weicht, ebenso die Geländer und Treppen. Mittels Schaumkanone werden im Trainingscenter der Duschbereich und die Massagebadewannen saubergehalten.

Woher kommen die Fachkräfte, wenn kurzfristig Personal aufgestockt werden muss? Der Dienstleister kann auf einen großen Personalpool zurückgreifen. Denn zusätzlich zum Stadion betreut Jacobi mehrere große Objekte in der Region, unter anderem die Deutsche Bundesbank. Dadurch stehen dem Unternehmen Reinigungskräfte auf Abruf bereit. "Wir motivieren unsere Mitarbeitenden, an den Stadiontagen mitzumachen", sagt Branca Jusic, und fügt hinzu: "Eine Stadionreinigung ist ein außergewöhnlicher Einsatz, der Spaß machen kann, aber auch besondere Motivation erfordert. Man muss ganz einfach auch Fußball mögen."

Wenn Emotionen überkochen

Leider ist der Umgang mit den Fans im Gästeblock häufig die größte Herausforderung. Während des Spiels können die Emotionen überkochen. Schwingende Fahnen und Fangesänge gehören zum Erwartbaren. Manchmal fliegen Becher oder Flaschen in Richtung Rasen oder in die Zuschauermenge, zum Teil werden Bengalos abgefackelt oder Rauchbomben gezündet – das wird zwar geahndet, ist aber für Gäste wie Personal eine Gefahr. "Aus meiner Erfahrung ist die Sicherheit die größte Herausforderung, auch wenn das Stadion ein hervorragendes Sicherheitskonzept hat und tolle Aufsichtskräfte", sagt Branca Jusic.

In den Gästebereichen gebe es immer wieder Schwierigkeiten, und das stellt das Reinigungspersonal ­ebenso wie die Objektleiterin vor schwierige Entscheidungen. "Ich muss gut überlegen: Wen schickst du da hin? Wer kann sich da behaupten?" Personalverantwortung beinhaltet, die Mitarbeitenden ehrlich über die Situation aufzuklären, über Notausgänge zu informieren, damit sie aus brenzligen Situationen schnell einen Ausweg finden. Dazu schult das Unternehmen die Mitarbeitenden und bespricht im Vorfeld, was sie im Stadion erwartet, wie sie reagieren können. "Es wird viel randaliert, trotzdem soll am Ende alles möglichst wieder an seinem Platz sein", erklärt Branca Jusic. "Bei manchen Gastvereinen wissen wir schon im­ ­Voraus: Das wird eskalieren. Vieles können wir nicht beeinflussen. Die Sicherheit unserer Leute vor Ort geht vor", räumt die Objektleiterin ein.

Ein Sieg heiẞt häufig: Überstunden

Ob erste oder zweite Bundesliga, für die Stadionreinigung macht das keinen Unterschied. Durch den Abstieg des SV Darmstadt 98 hat sich am Zeitaufwand nichts verändert. Auch die Stimmung beim Spiel ­konnte der Wechsel in die Zweitliga nicht beeinträchtigen: "Die Atmosphäre ist genauso gut wie in der ersten Bundesliga“, sagt Branca Jusic. Ob Sieg oder Niederlage – das allerdings hat großen Einfluss. Gewinnt Darmstadt 98, lassen sich Fans schwerer zum Gehen bewegen. Für das Reinigungsteam kann das Überstunden bedeuten.

Thea Wittmann | heike.holland@holzmann-medien.de