Ob alte oder moderne Kunst, Gemälde in Öl auf die Leinwand zu bringen, hat eine lange Tradition. Im Stuttgarter Kunstmuseum lohnt sich jedoch nicht nur der Blick auf die ausgestellten Gemälde, das weißgeölte Eichenparkett verdient ebenso Aufmerksamkeit.
Parkett in Öl
- Der moderne Glasbau gegenüber dem Schloßplatz in Stuttgart beherbergt eine Reihe von Künstlern wie Adolf Hölzel und Otto Dix. Pro Tag besuchen zwischen 300 und 1.500 Kunstinteressierte das Museum. In der „Langen Nacht der Museen“, die die Landshauptstadt mehrmals im Jahr veranstaltet, können es auch mal 6.000 sein. Um den gebührenden Rahmen für die Werke zu schaffen, hatte die Stadt Stuttgart das Berliner Architekturbüro Hascher + Jehle mit der Umsetzung betraut. Es war 1999 als Sieger aus dem internationalen Wettbewerb hervorgegangen. Die Architekten brachten einer Reihe sehr edel wirkender Materialen ein.
So sind im Foyer und Barbereich Bodenplatten aus schwarzem Lavastein verlegt. Über der Bar ist das Material in die Wand eingearbeitet. Hier kann man gut erkennen, wie offenporig der Stein im Originalzustand ist. „Deshalb haben wir uns entschlossen, die Bodenflächen im Eingangsbereich zu imprägnieren. An der Bar wird schließlich auch mal Kaffee, Cola oder ein Glas Sekt verschüttet und würde den Boden angreifen“, erklärt Osvaldo Romano. Er ist technischer Leiter bei der Gegenbauer Gebäudeservice GmbH. Er erinnert sich, wie seine Kollegen die komplette Foyerfläche (500 m2) an nur einem Tag imprägnierten. „Auf Wunsch des Museums haben wir ein lösungsmittelfreies Produkt (Kiehl Impranet) verwendet, das auch auf feuchte Flächen aufgetragen werden kann. So war es möglich, die Arbeiten schnell und ohne große Umstände für den Kunden auszuführen.“ Der Lavastein hat dabei sein natürliches Aussehen behalten und die Imprägnierung machte sich schon kurz nach der Eröffnung bezahlt. Bei einer Protestaktion wurde gelbe Farben auf den Lavasteinboden gesprüht. „Das wäre ohne Imprägnierung ein Katastrophe geworden“, sagt Romano.
Knifflige Oberflächen
GGS Gegenbauer Gebäudeservice ist seit dem 1. März 2004 Dienstleister des Kunstmuseums Stuttgart. Neben der Unterhaltsreinigung und der regelmäßigen Pflege der geölten Parkettböden in den Ausstellungsräumen übernimmt GGS auch die Glasreinigung des Kubus. „Wir arbeiten mit Osmoseverfahren“, erklärt Romano, „allerdings ist das Gebäude mehr als 30 m hoch, dafür benötigen wir zusätzlich eine Hubarbeitsbühne.“ Zweimal im Jahr sind die Außenfassaden dran, sechsmal im Jahr werden die Glasflächen innen und in den Ausstellungsräumen gereinigt – insgesamt etwa 8.000 m2 Glasfläche. Glas und Aluminium herrschen in dem modernen Bau vor. Nicht nur die Treppengeländer, auch die Stufen selbst sind aus Glas. Auf den ersten Blick wirkt die Oberfläche allerdings eher wie Aluminium. Fährt man mit den Fingerkuppen darüber, spürt man, dass es sich um satiniertes Glas handelt – etwa 500 m2 davon sind auf den Treppen verbaut. „Das ist eine knifflige Oberfläche, die wir mit kontrarotierenden Bürstenwalzen reinigen“, erläutert Romano. „An den weißen Fugen auf den Treppenstufen müssen wir dranbleiben“, ergänzt Rudi Schweizer, technischer Leiter des Kunstmuseums Stuttgart. Romano nickt zustimmend. Die Szene macht deutlich, dass hier Kunde und Auftragnehmer partnerschaftlich zusammenarbeiten. Gemeinsam haben sie die optimale Reinigung und Pflege des weißgeölten Eichestabparketts, das in den Ausstellungsräumen verlegt ist, diskutiert und auf den Weg gebracht. Eiche ist zwar besonders robust, doch nach der Bauabschlussreinigung sah der weiße Holzboden ziemlich mitgenommen aus. „Ist ja auch kein Wunder, erinnert sich Schweizer, „das Parkett war fertig geölt verlegt, da sind hier noch Handwerker durch das Haus gezogen.“
Raumklima darf nicht gestört werden
Zunächst hatten die Gegenbauer-Mitarbeiter mit dem Holz- und Parkettpflegeprogramm der Johannes Kiehl KG Testflächen auf dem Holz angelegt, um ihrem Kunden das geplante Produkt und seine Anwendung vorzuführen. Das Kunstmuseum muss hohe Anforderungen stellen, denn die Exponate sind wertvoll und brauchen ein spezielles Raumklima, um die Leinwände und Farben zu erhalten. „Überall sind Messinstrumente angebracht“, deutet Romano auf die kleinen Geräte, die die Luftfeuchtigkeit kontrollieren. „Wir müssen in diesem Objekt wie in keinem anderen darauf achten, nicht zu viel Feuchtigkeit einzubringen.“ Entsprechend durften auch das Produkt für die Unterhaltreinigung des Parketts und das Pflegemittel nur geringe Anteile an Lösungsmittel enthalten. Sämtliche Stoffe, die in die Raumluft geraten, könnten den Gemälden schaden – Leinwände und Farben atmen –, daher musste der Dienstleister bei der Auswahl der Produkte besonders sorgfältig vorgehen. Die Ausstellungsflächen – davon 3.500 m2 Holzboden – werden je nach Frequentierung der Räume alle drei Monate bis einmal im Jahr geölt. Kommt eine der Wechselausstellungen besonders gut beim Publikum an und strömen die Menschenmassen nur so übers Parkett, kann es auch vorkommen, dass der Dienstleister die Flächen früher als geplant ölen muss. Andere Flächen werden – je nach Platzbedarf – zeitweise stillgelegt. „Der Turnus verschiebt sich also immer wieder. Darauf müssen wir flexibel reagieren – trotz des engen Zeitfensters für die Arbeiten“, erklärt Romano. Mit dem engen Zeitfenster ist der Montag gemeint. An allen anderen Tagen hat das Museum geöffnet. Bar und Restaurant sind sogar sieben Tage die Woche geöffnet. Zwischen 7 und 10 Uhr am Vormittag bleibt Zeit für die tägliche Unterhaltsreinigung, die sechs bis zehn Mitarbeitet der GGS erledigen. Die Parkettflächen werden einmal die Woche feucht mit einem seifen- und wachsfreien Parkett- und Laminatreiniger (Parketto-clean-Konzentrat) gereinigt, ansonsten verwenden die Mitarbeiter Gazetücher. Seit Oktober wird außerdem einmal die Woche eine neue Wischpflege für geölte Holzflächen benutzt (Parkettin-Konzentrat). „Dieses Produkt ist erst seit wenigen Wochen erhältlich und wird auf der kommenden Interclean in Amsterdam vorgestellt“, berichtet Thomas Vetter, Produktmanager für Holzpflegeprodukte bei der Johannes Kiehl KG.
Schritt für Schritt zum frischen Schutz
Montags, am Ruhetag des Museums, müssen die turnusgemäßen Pflegemaßnahmen wie das Ölen des Parketts oder die Fassadenreinigungsarbeiten ausgeführt werden. Bevor der Boden geölt werden kann, fährt Vorarbeiterin Sandra Ramos die Fläche mit dem Trockenmopp ab und nimmt dabei Grobschmutz auf. Im zweiten Schritt, der Trockenreinigung, bereitet Edvin Kosaric, Auszubildender im 2. Lehrjahr, den Boden mit der Einscheibenmaschine mit absoluter Absaugung auf die Pflege vor. Das blaue Pad ist besonders feinkörnig und nimmt nur feinste Partikel von der Holzoberfläche auf. Der helle Staub- und Schmutzpuder ist gut auf dem blauen Pad zu erkennen. Sandra Ramos mischt die Pflegeprodukte an. Sie bestehen aus zwei Komponenten, der Abtönfarbe (Colorfix weiß) und dem Imprägnieröl (Pflegeöl). Nachdem sie die benötige Menge abgemessen hat, schüttelt sie die Produkte gut durch. Wenn die Mischung gleichmäßig weiß ist, kann das Ölen beginnen. Edvin Kosaric hat die Fläche in der Zwischenzeit noch mal mit einem leicht feuchten Mopp von letzten Staubresten befreit. Dann gießt er die Emulsion portionsweise – etwa 250 ml pro 10 m2 – auf das Parkett. In Schleifen verteilt er die weiße Flüssigkeit mit dem Wischwiesel zu einem dünnen gleichmäßigen Auftrag. Jetzt kann das Öl 30 Minuten einziehen. Nach dieser halben Stunde nimmt er mit einem Moosgummi (Neoprengummi) das überschüssige Öl ab und arbeitet mit dem Spachtel nach. In einem letzten Arbeitsschritt poliert Kollegin Ramos mit der Einscheibenmaschine und weißem Pad die Fläche ab. Nach einer Aushärtungszeit von 24 Stunden ist der Boden wieder frisch und vor den Tritten der Museumsgäste geschützt. Schade nur, dass die wenigsten Besucher einen Blick auf das Kunstwerk zu ihren Füßen werfen, aber Otto Dix, Adolf Hölzel und Willi Baumeister sind eben eine äußerst harte Konkurrenz – sogar für ein Parkett aus Eiche.
Rebecca Eisert | rebecca.eisert@holzmannverlag.de