Müll vermeiden und recyceln: Ein wichtiger Stellhebel

Ressourcen schonen ist gesamtgesellschaftlich ein Gebot der Stunde. Welchen Beitrag kann die Branche hier leisten? Welche Rolle spielt dabei das Thema Recycling? Karen Queitsch, Geschäftsführerin Nachhaltigkeit und Innovation bei der auf Verbrauchsmaterialien spezialisierten Sund-Gruppe, und Deiss-Geschäftsführer ­Clemens Eichler beziehen Stellung.

Die richtigen Entscheidungen im Sinne der Nachhaltigkeit zu treffen, geht laut Karen Queitsch und Clemens Eichler nicht, ohne sich entsprechendes Wissen anzueignen. - © Deiss

Beim Thema Ressourcenschonung stehen Dienstleister und Anbieter von Reinigungse­quipment gleichermaßen in der Pflicht. An welchen Hebeln lässt sich hier ansetzen?

Clemens Eichler: Generell lässt sich beim Thema Reinigungsequipment schon viel über die Verwendung von Ökostrom beziehungsweise energiesparende Systeme verbessern. Darüber hinaus bemühen sich viele ­Hersteller um die Verwendung von ­Recyclingmaterialien, unter anderem für die Gehäuse.

Eine große Wirkung können gerade die Dienstleister auch erzielen, indem sie bereits in ihren Einkaufsanforderungen und Ausschreibungen das Thema Nachhaltigkeit berücksichtigen. Sie müssen sich aber damit auseinandersetzen und sich Wissen ­aneignen, um eine richtige Entscheidung im Sinne der Nachhaltigkeit treffen zu können. Leider ist der B2B-Handel nach wie vor sehr preisgetrieben und oft werden auch einfache Lösungen gewünscht, die aber in vielen ­Fällen nur augenscheinlich eine Verbesserung darstellen.

Während der Pandemie ist unter anderem der Verbrauch von ­Einweghandschuhen enorm gestiegen – auch im Umfeld Gebäudereinigung. Für die Umwelt doch eher eine schlechte Entwicklung – ­insbesondere, wenn die Produkte aus Nitril oder Vinyl bestehen?!

Karen Queitsch: Das ist prinzipiell richtig. Allerdings gibt es umweltschonende Alternativen zu Nitril und Vinyl wie zum Beispiel Naturkautschuk. Dieser nachwachsende Rohstoff lässt sich fast komplett CO2-neutral herstellen. Nach dem natürlichen Absterben werden die Kautschukbäume als Energiequelle genutzt, um Brennstoffe aus fossilen Quellen zu ersetzen.

Eine Bewertung der Ökobilanzen von Einweghygiene- und Schutzartikeln des IFEU-Instituts für Energie und Umweltforschung Heidelberg bestätigt, dass Latex­handschuhe aus nachhaltiger Produktion nur etwa ein Zehntel der CO2-Emissionen von Handschuhen aus Nitril verursachen, Vinyl-Handschuhe im Vergleich sogar fast 30-mal höhere CO2-Werte bescheren.

Weit mehr noch als Einweghand­schuhe trägt in der Gebäudereinigung die Verwendung von Kunststoffbeuteln und -säcken zum Müllberg bei – nicht zu vergessen der Ressourceneinsatz bei der Produktion derselben. Welche Ansatzpunkte sehen Sie hier, die Umwelt nachhaltig zu schonen?

Karen Queitsch: Unter anderem die Verwendung von vermeintlichem Abfall als wertvollen Rohstoff. Bereits in den 1960er Jahren haben wir Jutesäcke für Kaffee und Gewürze an der Börse eingesammelt, gereinigt und aufgearbeitet und wieder in den Kreislauf gebracht. Und schon in den 70er Jahren haben wir Müllsäcke aus recyceltem Polyethylen produziert.

Heute ist das Recycling wesentlich anspruchsvoller. Ziel muss letztlich immer sein, so viele sinnvolle Kreisläufe wie möglich zu schließen – egal ob kleine oder große. Wir bei Sund unterstützen zum Beispiel den Recyclingservice für Papierhandtücher von Tork. Dabei sammelt der Kunde das benutzte Papier und sendet dieses an Tork für das Recycling zurück. Deiss unterstützt diese Aktion, indem auch wir die Müllbeutel, in denen das Papier gesammelt wird, wieder zurücknehmen und dem Recycling zuführen. Weiterhin nehmen wir Wäschesäcke oder auch benutzte Laubsäcke zurück, recyceln dieses sortenreine Abfallmaterial und fertigen neue Säcke daraus.

Ziel muss letztlich immer sein, so viele sinnvolle Kreisläufe wie möglich zu schließen – egal ob kleine oder große.

Karen Queitsch, Sund

Der große Kreislauf ergibt sich aber über die generelle Wiederverwendung von PCR-Abfällen oder sogar den Folien aus dem Restmüll. Wir haben eine Studie in Auftrag gegeben, um besser erkennen zu können, wo unsere Produkte landen. Das Ergebnis ist: Bereits 42 Prozent landen durch Gewerbekreisläufe und die Wertstofftonnen in einem Kreislauf. Die restlichen 58 Prozent werden bis dato entweder vorschriftsmäßig separat verbrannt – etwa, wenn es sich um medizinische Abfälle handelt – oder mit dem Restmüll der Verbrennung zugeführt und thermisch noch verwertet.

Was müsste geschehen, um den Anteil von wieder in den Kreislauf zurückge­führten Kunststofffolien weiter zu steigern? Mit aktuell etwas über 40 Prozent scheint hier noch viel Luft nach oben zu sein!

Clemens Eichler: Sie haben recht – obwohl es mittlerweile schon sehr gute Trenntechniken gibt, landen nach wie vor zu viele Wertstoffe in der Verbrennung. Daher finden wir es richtig und wichtig, sich speziell auch den Restmüll anzuschauen. Gerade Folien lassen sehr gut wiederverwenden, weil sie selten aus Verbundmaterial bestehen.

Vor diesem Hintergrund haben auch wir uns zum Ziel gesetzt, immer mehr Folien aus dem Restmüll zurückzubekommen. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit einem ­Anbieter, der durch vorgeschaltete Sortier­technik diese Folien aus dem Restmüll herausholt und zu Granulat verarbeitet. Dieses nehmen wir zu unserem herkömmlichen PCR-Kunststoff dazu und versuchen, den Anteil des Materials aus Restmüll immer weiter zu erhöhen.

Eine große Wirkung können die Dienstleister erzielen, indem sie bereits in ihren Einkaufs­anforderungen und Ausschreibungen das Thema Nachhaltigkeit ­berücksichtigen.

Clemens Eichler, Deiss

Bei unserem neuen Abfallsack Loop fügen wir diesen Rohstoff erstmals zu fünf Prozent aus Restmüll standardmäßig hinzu. Ersetzt man damit ein vergleichbares Produkt, von dem wir im letzten Jahr etwa 100 ­Millionen Stück in den Umlauf gebracht haben, hat man schon rund 260 Tonnen vor der Verbrennung bewahrt. Und in letzter Konsequenz haben wir uns auferlegt, dass bis zum Jahr 2030 alle unserer Produkte zu 100 Prozent aus Recyclingmaterialen oder nachwachsenden Rohstoffen bestehen.

"Design for Recycling" ist ein weiterer Stellhebel. Das heißt: Es sollten immer weniger Verpackungen aus Verbundstoffen in den Handel kommen. So landet heute unter anderem Papier zusammen mit Kunststoff in der Verbrennung, weil die Systeme diese Materialien nicht trennen können. Der Konsument denkt zwar, er kauft ein ­besonders nachhaltiges Produkt, erreicht aber oft ­eigentlich das Gegenteil. Die Recyclingtechnik für Post-Consumer-­Abfälle aus der Wertstofftonne wird aber immer besser, was natürlich maßgeblich dabei hilft, ein Downcycling – sprich die Herstellung lediglich von Produkten wie Parkbänke oder Pflanztöpfe – zu verhindern und tatsächlich hochwertige Produkte aus den Abfällen herzustellen.

Welcher Anteil an Restmüll beziehungsweise Rezyklat steckt heute in Ihren Beuteln und Säcken und wo wollen Sie diesbezüglich hin? Was ist technisch überhaupt möglich, um die geforderten Produkteigenschaften sicherzu­stellen?

Clemens Eichler: Deiss hat bereits einen Anteil von 80 Prozent Recyclingmaterialien in den Abfällsäcken. Hier arbeiten wir daran, die Anteile der besonders schwierigen Abfälle aus der haushaltsnahen Sammlung, die sehr durchmischt und verschmutzt sind, ­weiter zu erhöhen. Aber auch bei den Müllbeuteln, die sehr dünnwandig sind, versuchen wir, PCR-Material einzuführen. Dabei ist allerdings auch eine Abwägung notwendig, welcher Weg der sinnvollere ist. Denn mit dem Anteil von schlechterem Ausgangsmaterial steigt zwangsläufig auch die Foliendicke des Endmaterials für den Müllbeutel.

Ein besonders dünnes Produkt zu erstellen, ist letztlich aber ein wichtiger Aspekt der Nachhaltigkeit, weil hier ein weiterer Hebel über Transport und Lagerhaltung besteht. Insofern wird auch diesbezüglich aktuell intensiv an besseren Verfahren gearbeitet. Das chemische Recycling zum Beispiel bietet Möglichkeiten, Rezyklate gleichwertig zu Neuware herzustellen, da hier die Polymere aufgelöst werden und quasi neuer Kunststoff entsteht. Mit diesem Verfahren lässt sich unter anderem auch ein lebensmittel­tauglicher Einsatz der Müllbeutel gewährleisten. ­Darüber hinaus laufen Forschungen in Richtung ­Lösungsmittel-basierter Techniken, um energie­sparendere Methoden als das chemische Recycling zu entwickeln.

Unabhängig davon sollte man sich aber auch die Fragen stellen: Wie viel Technik muss eigentlich in einem Produkt stecken und was muss es tatsächlich leisten? In der Vergangenheit war Innovation oft mit noch höherer Leistung eines Produkts verbunden – vielleicht ist heute auch ein anderer Ansatz denkbar, um ein Produkt nachhaltiger produzieren zu können, indem man die Anforderungen an das Produkt zukünftig explizit beziehungsweise vordergründig unter dem Ansatz der Nachhaltigkeit definiert.

Auch bei Verwendung von Rezyklat besteht das Endprodukt nach wie vor aus Kunststoff. Welche Alternativen hierzu sehen Sie grundsätzlich, um womöglich noch ambitioniertere Produkte im Sinne der Nachhaltigkeit zu entwickeln?

Karen Queitsch: Um noch innovativere Ergebnisse zu erzielen, haben wir für uns das SundLab gegründet. In diesem ­Umfeld ­können wir "out oft the box" denken und arbeiten, ohne einen anspruchsvollen B2B-Kunden vor uns zu haben. Das Lab arbeitet mit Start-ups und Forschungs­ein­richtungen zusammen, die dabei sind, neue Materialien ins Spiel zu bringen. Zum Beispiel biobasierte Materialien, die als Neben- oder Abfallprodukt der Agrarwirtschaft anfallen und trotzdem einem hohen technischen Anspruch gerecht ­werden. Diese Materialien bringen bereits eine Gutschrift mit, sodass eine klimaneutrale Produktion möglich und zudem eine Abbaubarkeit gegeben ist. Ein weiteres Beispiel sind Kunststoffe, die durch die Zugabe von Katalysatoren eine definierte Lebensdauer haben und ohne Rückstände biologisch abbaubar sind. Nicht zuletzt eruiert das Lab interessante neuartige Recycling­methoden.

Ein schönes aktuelles Projekt befasst sich mit der Machbarkeit von abbaubaren ­bezahlbaren Foliensäcken für Baum-Setzlinge, die für die vielen Aufforstungsprojekte notwendig sind. Und auch in laufenden Projekten, wie etwa bei dem bereits angesprochenen ­Loop-Sack aus Restmüll, ist das Lab involviert; allerdings geben wir hier viel drastischere Vorgaben für den Anteil von Restmüll, um zu sehen, wie weit wir diesbezüglich theoretisch gehen können.

Für alle genannten Ansätze und Verfahren gilt gleichermaßen: Wenn diese zur Markt­reife gebracht werden sollen, müssen sie auch bezahlbar sein und nicht denen vorbehalten sein, die es sich leisten können, vier- bis fünfmal so viel für ein Convenience-Produkt zu bezahlen. Bis jetzt müssen wir daher feststellen, dass unter ökologischen, aber auch ökonomischen sowie technischen Ansprüchen für einen Müllsack die Kreislaufwirtschaft am sinnvollsten ist. Nichtsdestotrotz sind wir sehr neugierig und arbeiten intensiv daran, ob es beziehungsweise welche anderen Lösungen es in Zukunft geben kann.

In welchem Maße können auch wiederverwendbare Abfallsäcke dazu beitragen, den Kunststoff-Müllberg nicht weiter anwachsen zu lassen?

Karen Queitsch: Wir führen diese auch und sicher gibt es Anwendungen, wo wiederverwendbare Säcke einen Beitrag leisten können. Aber auch hier muss man genau hinschauen und insbesondere die dadurch anfallenden Transportwege sowie die Energieleistung des Waschens mit einberechnen. Für einen Mehrwegbecher etwa schwankt der Wert, ob eine Mehrfachnutzung Sinn macht, zwischen 10- bis 100-­maliger Benutzung. Für Müllsäcke gibt es noch keine Berechnungen, da die verschiedenen Einflussfaktoren jeweils sehr unterschiedlich sind.

Günter Herkommer | guenter.herkommer@holzmann-medien.de