Mit Reinigungsrobotern Mitarbeiter entlasten

Ein Gebäudedienstleister hat im vergangenen Jahr elf Reinigungsroboter angeschafft, vor allem, um Mitarbeiter zu entlasten. Die ersten Monate zeigen, dass die digitalen Kollegen keineswegs Selbstläufer sind. Gutes Coworking braucht Zeit und ­Gelegenheit, hat aber auch viel Potenzial, berichtet der Geschäftsführer.

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    Der in Zwickau ansässige Dienstleister Tip-Top orderte beim ebenfalls in Sachsen ansässigen Lieferanten Kenter Müller elf solcher Reinigungsroboter.
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    Die Bedienung der knapp einen Meter hohen und 150 Kilo schweren Geräte erfolgt über ein Touchpad.

Noch vor sechs Jahren ging eine Studie davon aus, dass durch Automatisierung etwa eine Million Arbeitsplätze in der Reinigungsbranche verloren gehen könnten. Inzwischen hat sich einiges geändert. Unternehmer wie Niels Pfaff, Geschäftsführer Tip-Top Dienstleistungen aus Zwickau, sehen in der Automatisierung heute eher eine Option auf die Zukunft – für sich und die Branche. Fachkräfte sind rar geworden, viele Stellen bleiben unbesetzt. Und er vermutet nicht, dass sich der Trend auf dem Arbeitsmarkt bald umkehren wird. Gleichzeitig ist der Aufwand auch pandemiebedingt gestiegen. Schulen müssen jetzt beispiels­weise täglich statt zwei Mal die Woche gereinigt werden.

Mitte letzten Jahres hat Pfaff rund 330.000 Euro in elf Reinigungsroboter investiert und sammelt seither Erfahrungen. Die Geräte sind knapp einen Meter hoch, wiegen 150 Kilo und reinigen im optimalen Fall 1.200 Quadratmeter Bodenfläche pro Stunde. Die Bedienung erfolgt über ein Touchpad. Die Coboter, wie Pfaff sie nennt, sollen seine Mitarbeiter unterstützen, ersetzen können sie keinen. Schon rein rechtlich müssen die Roboter unter Aufsicht geführt werden, ähnlich wie man bei Fahrassistenzsystemen heute immer noch die Hand am Lenkrad haben muss. Das limitiert auch den Einsatz.

„Nicht jeder will das“

Die Abstimmungsprozesse dauern ihre Zeit, erzählt der Geschäftsführer. Inzwischen sind die meisten der Roboter im Betrieb, aber es ging eher schleichend ­voran. Es sind keineswegs nur technische Fragen, die zu lösen sind. Eine der Herausforderungen bestand zum Beispiel darin, Objekte zu wählen, die sich für den Einsatz eignen. Die Gebäudestruktur muss passen, die Aufteilung der Räume und die jeweilige Bodenbeschaffenheit. Der Roboter ist teilautonom und da er Aufsicht und Wartung braucht, muss auch die Arbeitsaufteilung zwischen Mensch und ­Maschine stimmen. Also das Verhältnis zwischen dem, was die Maschine in der Bodenreinigung leisten kann, und dem, was der Mensch außerdem leisten muss. Beides sollte in angemessenem und wirtschaftlich vertretbarem Verhältnis stehen. Deswegen kamen nur be­stimmte Großobjekte in Frage, in denen sich die Roboter derzeit bewegen.

Nun herrscht bei dem Dienstleister kein Mangel an großen Flächen. Tip-Top ist das größte sächsische Reinigungsunternehmen mit rund 3.000 Mitarbeitern und einem Kundenportfolio, das von namhaften Auto­mobilherstellern über Industriebetriebe, Schulen und Einkaufscenter bis zu Behörden reicht. Aber auch wenn die wirtschaftlichen Rahmendaten stimmten, kann der Einsatz eines Reinigungsroboters fraglich sein, musste Niels Pfaff feststellen. In einem Fall habe dies eine Sicherheitsfachkraft schlicht abgelehnt, weil man Unfälle nicht ausschließen wollte. Und auch die Datensicherheit kommt regelmäßig zur Sprache. Da die Roboter onlinefähig und mit Sensorik und Kameras in Bodennähe ausgerüstet sind, denken Kunden darüber nach, in welcher Umgebung sie fahren dürfen. Oft sind es nicht einmal Bedenken, sagt der Geschäftsführer. Das Thema ist vielen so neu, dass die Verantwortlichkeiten einfach noch nicht geklärt sind.

Zweistellige Wachstumsraten

Während sich also offenbar viele Kunden noch fragen, wie sie zu Robotik stehen, scheint das für die andere Seite klarer zu sein. Die Reinigungsbranche gehört mittlerweile zu einem der wichtigsten Anwendungsfelder in der Robotik. Rund die Hälfte aller Leistungen besteht aus einfachen Reinigungstätigkeiten, die sich für Automatisierungsprozesse offenbar gut eignen. Laut dem Dachverband für Robotik (IFR – International Federation of Robotics) stieg die Nachfrage nach Reinigungsrobotern in den letzten beiden Jahren um 94 Prozent, auch bedingt durch Corona und dem Mehrbedarf an Hygieneleistungen. Für die nächsten drei Jahre prognostiziert man bei professionellen Bodenreinigungsrobotern jährlich zweistellige ­Zuwachsraten.

Reinigungsroboter sind durch Sensorik und Onlinefähigkeit einerseits lernfähig und können sich ihrem Umfeld immer besser anpassen. Andererseits gibt es über die Zusammenarbeit und die Konnektivität mit anderen Systemen noch einiges zu lernen. Das sagt auch Bernd Kutz, Geschäftsführer von BSS Ost, die seit gut 15 Jahren das ERP-System von Tip-Top auf Basis von Microsoft Dynamics 365 Business Central betreut: "Die Roboter generieren wichtige Daten, mit denen wir künftig arbeiten werden, um deren Leistung und Anwendung auch betriebswirtschaftlich zu betrachten." Auch hier arbeiten Hersteller und Entwickler längst an Lösungen, welche die Kommunika­tion zwischen den Systemen verbessern. Das wird nicht lange auf sich warten lassen, meint der IT-Fachmann: "Die Schnittstellen könnten sehr bald zur Verfügung stehen." Wie schnell der Mittelstand davon profitiert, hänge weniger vom Stand der Technik ab, sondern auch sehr von der Bereitschaft der Unternehmer, die Innovationen in ihre Arbeitsprozesse zu integrieren.

Standards solide erfüllen

Die neuen Herausforderungen geht man in Sachsen ganz pragmatisch an. Bei Tip-Top gibt es mittlerweile eine Art internen Support, um sich gegenseitig zu unterstützen. "Das klappt ganz gut", sagt Niels Pfaff. Und wenn die Bediensprache der Roboter künftig von Englisch zu Deutsch wechselt, wird es noch ein wenig einfacher; auch da ist er optimistisch.

Nach über einem halben Jahr im Dauereinsatz kann der Geschäftsführer zumindest ein Zwischenfazit anbieten: " Wenn man bereit ist, sich auf die Roboter als Kollegen einzulassen und mit ihnen zu lernen, können sie in bestimmten Anwendungsszenarien Probleme lösen.“ Für den bedarfsgerechten und auf die eigenen Objekte abgestimmten Einsatz sollte man Zeit einplanen – ausreichend Zeit. Die Roboter seien dann aber auf jeden Fall geeignet, um Personaleng­pässe auszugleichen und Standards solide abzuarbeiten. Aber ein anderer Aspekt ist ihm fast noch wichtiger: "Alles, was uns hilft, Mitarbeiter in ihrem körperlich anstrengenden Job zu entlasten, ist willkommen." Reinigungsroboter werden aus seiner Sicht künftig zur Arbeitsergonomie beitragen und den Arbeitsalltag verändern und damit wohl auch die Attraktivität des Berufsbildes erhöhen.

Reimund Lepiorz, Büro für Redaktion und ­Unternehmenskommunikation | markus.targiel@holzmann-medien.de