Farbschmierereien: Prophylaxe und Entfernung Keine Chance für Graffiti

Das Entfernen von Farbschmierereien ist keine leichte Materie, eine falsche Reinigung kann den Untergrund stark beschädigen. Hier sind qualifizierte Dienstleister gefragt. Was zu beachten ist, zeigte ein Seminar der Einkaufs- und Wirtschaftsgesellschaft für Verkehrsunternehmen in Kassel.

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    © Sandra Rauch
    Schutzhandschuhe sind bei der Graffitientfernung obligatorisch. Zu sehen ist Martin Steinigeweg.
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    Graffiti-Entfernung mit Plexireiniger.
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    Entfernen von Bitumen mit Cocopaste.
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    © Martin Steinigeweg
    Sie kommen meist im Dunkeln: Am Morgen sind ganze Stadtviertel per Schriftzug markiert.
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    © Martin Steinigeweg
    Große, mit Spraydosen hergestellte Bilder sind selten geworden. Heute dominiert der Farbstift auch auf Haltestellenschildern.
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    © Martin Steinigeweg
    Farbschmierereien schnell zu entfernen ist wichtig, weil die enthaltenen Chemikalien den Untergrund schädigen.

Keine Chance für Graffiti

- Sie kommen meist im Dunkeln, sie sind schnell und hinterlassen Schäden, die deutschlandweit jedes Jahr mehrere hundert Millionen Euro betragen: Illegale Graffiti-„Künstler“ beschmutzen und beschädigen immer wieder Oberflächen im öffentlichen und privaten Bereich.

Vor allem Fassaden von Gebäuden, aber auch Fahrzeuge, Stromkästen, Schilder oder Parkuhren werden täglich neu beschmiert. Dabei sind es zunehmend die kleineren Schriftzüge die so genannten Tags -, die Kommunen, Stadtwerken und anderen öffentlichen wie privaten Liegenschaftsbesitzern zu schaffen machen. „Große, mit Spraydosen aufwändig hergestellte Bilder werden weniger“, sagt Martin Steinigeweg, Anti-Vandalismus-Experte bei den Dortmunder Stadtwerken und Dozent des Seminars „Farbvandalismus - ein lösbares Problem für Fachkräfte“ der Einkaufs- und Wirtschaftsgesellschaft für Verkehrsunternehmen (beka). Bei 80 Prozent der Schmierereien kämen Farbstifte zum Einsatz, ganze Stadtviertel würden per Schriftzug markiert. Auch Aufkleber müssten in immer größerer Zahl entfernt werden.

Schnelles Reagieren ist gefragt

Der Kampf gegen Farbschmierereien und andere Vandalismusformen gleicht einem Katz-und-Maus-Spiel. Um den Sachbeschädigern nicht das Feld zu überlassen und die Hemmschwelle hochzuhalten, wird jede Beschmutzung im öffentlichen Bereich so schnell wie möglich beseitigt - im Rahmen des Budgets, das bei vielen Kommunen und Stadtwerken eigens für die Graffitientfernung zur Verfügung steht. Allein die Stadtwerke Dortmund geben für die Beseitigung von Schäden durch Vandalismus in Straßenbahnen und Tunneln, an Gebäuden und Haltestellen pro Jahr rund 1,1 Millionen Euro aus. Dabei sind vor allem Dienstleister vor Ort gefragt, da sie schnell reagieren und die Verschmutzung beseitigen können. Empfehlenswert sind langfristige Verträge, die einen Einsatz bei Bedarf vorsehen. Für entsprechend spezialisierte und qualifizierte Gebäude- und Glasreinigungsunternehmen bieten sich hier gute Marktchancen.

Eine schnelle Entfernung ist wichtig, da die in Sprays, Stiften oder der Klebefläche von Aufklebern enthaltenen Chemikalien den Untergrund schädigen. Säure oder Lösungsmittel dringen vor allem in mineralische Oberflächen wie Natur- oder Kunststein tief ein. Je schneller die Verschmutzung entfernt wird, desto geringer ist die Substanzverletzung - bei allen Oberflächen. Eine Reinigung innerhalb der ersten 48 Stunden ist grundsätzlich zu empfehlen.

Ob und wie ein Reiniger wirkt, ist abhängig vom Untergrund, von der Art und Zusam-mensetzung der Farbe, dem Wetter und der Reinigungstechnik. „Es gibt kein Mittel, das jede Art von Schmiererei effektiv beseitigt“, sagt Anti-Graffiti-Fachmann Martin Steinigeweg und fügt hinzu: „Jede Reinigung ist ein Versuch.“ Der Erfolg dürfe aber nicht dem Zufall überlassen werden, da eine schlechte Reinigung den Schaden an der Bausubstanz noch verschlimmern könne.

Chemische und abrasive Verfahren

Für die Reinigung betroffener Flächen gibt es verschiedene Verfahren: Mit Wasser oder chemischen Reinigern sowie einfachem Wischen mit Lappen, Schwämmen oder weichen Bürsten lassen sich viele Farbschmierereien beseitigen. Das Abwaschen mit Wasser gelingt vor allem bei Flächen, die vor dem Beschmieren mit einem Anti-Graffiti-Schutz behandelt wurden. Werden Reiniger verwendet, müssen die Produkthinweise genau beachtet werden. Aufgrund der Vielfalt von Untergründen und benutzten Farben bieten einige Hersteller Komplettboxen mit verschiedenen Reinigern an: So lässt sich schnell herausfinden, welches Mittel geeignet ist. An einer Fläche sollten nach Möglichkeit nur Produkte desselben Herstellers eingesetzt werden. Außerdem muss jeder Reiniger nach dem Auftragen neutralisiert werden, da sonst verschiedene Chemikalien in ungewünschter Weise miteinander reagieren und Substanzschäden hervorrufen können.

Neben den chemischen Reinigungsverfahren kommen auch abrasive Verfahren zum Einsatz. Hier werden die Farbe und zwangsläufig auch die oberste Schicht des Untergrunds mechanisch abgetragen zum Beispiel mit Trockenstrahlgeräten bei Hoch- oder Niederdruck. Als Strahlmittel dienen oft Granulate, Sand oder Glas. Je weicher das Strahlmittel ist, desto schonender ist die Reinigung und desto geringer der Substanzabtrag. Ein relativ neues Verfahren in dieser Gruppe bildet das Saugstrahlverfahren, bei dem abgetragene Partikel samt Strahlmittel direkt durch den Luftstrom abgesaugt werden.

Für die Graffitientfernung häufig genutzt werden auch Heißwasserstrahlverfahren mit und ohne Zusatz von Partikeln. Hier ist auf die Wahl der richtigen Düse sowie die korrekte Wassertemperatur an der Lanze zu achten. Daneben kommen auch thermische Verfahren zum Einsatz, etwa das Bestrahlen der Fläche mit Trockeneis oder die Reinigung mit Dampf.

Schutzsysteme müssen regelmäßig erneuert werden

Da Sachbeschädigungen durch Graffiti kein flüchtiger Trend, sondern vielmehr ein im Vorfeld zu kalkulierender Aufwand jedes Gebäudebetreibers sind, werden viele Bauten und die öffentliche Infrastruktur vorsorglich mit einem Schutzsystem behandelt. Dabei handelt es sich um so genannte Trennschichtbildner das heißt: Zwischen Bausubstanz und Farbe wird eine Trennschicht gelegt, die den Untergrund schützt und das Entfernen der Schmierereien erleichtert. Als Prophylaxesysteme dienen verschiedene Materialien - von Wachsen über Lacke bis hin zu Zucker- oder Stärkelösungen. Unterschieden werden temporäre, semipermanente und permanente Systeme. Bei stark gefährdeten Flächen werden hauptsächlich permanente Beschichtungen verwendet. Nach etwa fünf Jahren oder 25 Reinigungen müssen allerdings auch diese dauerhaften Schutzsysteme erneuert werden.

Vor der Wahl eines Schutzsystems sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen:

  • Viele Prophylaxemittel sind auf Dauer nicht farbecht. Das bedeutet, dass sich die Optik der behandelten Fläche verändert und unter Umständen die Übergangsbereiche zu nicht behandeltem Material deutlich sichtbar werden. Behandelte Flächen glänzen oft stärker als unbehandelte, außerdem intensiviert sich der Farbton. Ein Schutzsystem ist daher auch danach zu wählen, ob sich das Erscheinungsbild des behandelten Untergrunds verändern darf oder nicht. Hier ist auch die Optik bei Nässe zu beachten.
  • In der Verbindung des Schutzes zur behandelten Oberfläche gibt es Unterschiede: Schutzbeschichtungen liegen wie ein Überzug auf dem Untergrund. Imprägnierungen liegen ebenfalls auf der Fläche, verankern sich jedoch zusätzlich in den Kapillaren des Untergrunds. Hydrophobierungen verhindern, dass Wasser eindringen kann: Das Schutzmaterial füllt und verfestigt die Kapillaren. Auch Versiegelungen dichten Oberflächen komplett ab. Bei der Wahl des Anti-Graffiti-Schutzes sind deshalb die bauphysikalischen Eigenschaften des Untergrunds zu berücksichtigen, vor allem die gewünschte Wasserdampfdurchlässigkeit und die Fähigkeit zur Wasseraufnahme.
  • Anti-Graffiti-Schutz und Reiniger sollten unbedingt vom gleichen Hersteller stammen, da Negativreaktionen so bestmöglich ausgeschlossen werden können. Im Idealfall sollte ein Dienstleister sowohl die Graffitiprophylaxe als auch die Entfernung der Schmierereien vornehmen. Fehler aufgrund mangelnder Kenntnis der benutzten Stoffe lassen sich so minimieren. Empfehlenswert ist die Dokumentation von sowohl Prophylaxebehandlungen als auch Graffitientfernungen. Dabei sollten neben Arbeitsschritten und verwendeten Mitteln auch die jeweilige Witterung und Temperatur notiert werden.

Herausforderung für Fachbetriebe

„Anti-Graffiti-Schutz und Entfernung sind Facharbeit“, so das Seminarfazit von Martin Steinigeweg. Fachbetriebe mit entsprechender Qualifikation und Erfahrung seien bislang jedoch selten. Da sich immer mehr Auftraggeber und Dienstleister ein Gütesiegel wünschten, gäbe es in Nordrhein-Westfalen erste Überlegungen, künftig eine Zusatzqualifikation zum fachgerechten Umgang mit Graffiti für Meister des Glas- und Gebäudereiniger-Handwerks anzubieten - ein Alleinstellungsmerkmal, das einen Wettbewerbsvorteil bieten kann. Deutschlandweit gibt es bereits das Gütesiegel der Gütegemeinschaft Anti-Graffiti e.V.

Sandra Rauch |

heike.holland@holzmann-medien.de