Metrologieinstitut stellt sich in Sachen Sauberkeit neu auf Kein System von der Stange

Weil der Auftraggeber eigene Vorstellungen von Reinheit hat, nimmt er die Sache selbst in die Hand: Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig hat sich in Sachen Sauberkeit völlig neu aufgestellt und setzt dabei vorerst auf Eigenreinigung - mit neuem Equipment, neuer Chemie und befristet übernommenen Reinigungskräften. Die Übergangslösung ist auf neun Monate begrenzt - bis ein neuer Dienstleister gefunden ist, der sich ab 2012 in das nicht ganz alltägliche Modell einbringt.

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    Nichts bleibt dem Zufall überlassen: Marco Trübel, Leiter der Fachgruppe Bautechnik an der PTB, geht mit Reinigungskraft Simone Richter die Objektmappe durch. Sie liegt auf jedem Reinigungswagen.
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    Im Reinraum des Metrologieinstituts gelten eigene Regeln. Hier bleibt der vorgetränkte Wischbezug vor der Tür. Maria Bauer säubert den Boden mit einem Tuch aus weißem Mikrovlies und Propanol.
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    Das neue System ist gut gestartet: Die mattschwarz beschichteten Tische, Stühle und Schränke in einem speziellen Labor reinigt Simone Richter mit einer Gebrauchslösung. Normalerweise stehen für die Oberflächen jetzt vorgetränkte Reinigungstücher zur Verfügung.
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    In den Laborräumen sind viele Besonderheiten zu beachten. Im Paschen-Bau müssen beispielsweise die Dralldüsen - ein Teil der Klimaanlage - beim Wischen so gut wie möglich ausgespart werden. In die Öffnungen darf kein Schmutz fallen.
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    Dosieren müssen die Reinigungskräfte auf dem PTB-Gelände jetzt nicht mehr. Das macht Iris Müller in der neuen Wäscherei. Dort befindet sich auch eine Dosierstation.
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    Renate Böhm packt vorgetränkte Wischbezüge in Moppboxen. In den luftdicht verschlossenen Behältern können die Reinigungstextilien 72 Stunden gelagert werden, ohne dass sie verkeimen.
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    „Das haben wir gut gewuppt“: Marco Trübel (Mitte) und Verena Huthmann (re.) mit Mitarbeitern und Vertretern der an der Umstellung beteiligten Hersteller - Regine Engelhardt (li., Kiehl) und Jörg Schenk (3.v.li., Vermop).

Kein System von der Stange

- Bei Marco Trübel laufen die Fäden zusammen. Der Leiter der Fachgruppe Bautechnik und sein Team haben in den vergangenen Wochen und Monaten einiges in Bewegung gebracht. Seitdem klar war, dass der Vertrag mit dem bisherigen Dienstleister über den 31. März 2011 hinaus keinen Bestand haben würde, rauchten die Köpfe im Zentralgebäude der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. Viele Gedanken und Ideen wurden diskutiert, zahlreiche Reinigungsmittel und -produkte getestet und genau auf die definierten Anforderungen abgeklopft. „Es war arbeitsintensiv, aber wir haben das gut gewuppt“, sagt Marco Trübel, der auf dem einen Quadratkilometer großen Gelände der Forschungseinrichtung 86 Gebäude betreut - mit rund 100.000 m² zu reinigender Fläche. Er betont: „Alle Beteiligten haben an einem Strang gezogen.“

Neues Equipment, neue Chemie

Herausgekommen ist ein maßgeschneidertes System, das vor allem den Wünschen nach Anwendungssicherheit, einfacher Handhabung und universeller Einsetzbarkeit Rechnung trägt - mit duftstofffreier Chemie von Kiehl, vorgetränkten Reinigungstextilien und passend dazu geschlossenen Reinigungswagen mit farbcodierten Tuchbehältern und verschließbaren Moppboxen von Vermop. 84 davon hat die PTB angeschafft, außerdem 6.000 Reinigungstücher und fast ebenso viele Wischbezüge. In kürzester Zeit wurden eine Wäscherei mit reinem und unreinem Bereich sowie Dosierstation aus dem Boden gestampft, alle Gebäude ausgestattet und die für neun Monate übernommenen Reinigungskräfte mit dem neuen System vertraut gemacht. Das alles soll dem künftigen Dienstleister ab Januar zur Verfügung stehen, einschließlich der Chemie. „Wir möchten die Sicherheit haben, dass das, was wir entwickelt haben, auch wirklich so umgesetzt wird“, sagt Trübel.

Neun Monate Eigenreinigung vorgesehen

Übergangsweise heißt es jetzt erst einmal: Eigen- statt Fremdreinigung auf dem großen Gelände der PTB. Rund 1.400 Menschen arbeiten dort, die Hälfe sind Wissenschaftler. Ihre Aufgabe ist es, physikalische Einheiten zu messen und darzustellen. Zwei Drittel der zu reinigenden Fläche sind dementsprechend Laborräume - mit technisch hochkomplizierten Geräten, lose hängenden Kabeln und Drähten, Apparaten und Gegenständen, die nicht berührt oder verschoben werden dürfen, empfindlichen Materialien und vielen weiteren Besonderheiten, die bei der Reinigung zu beachten sind - vor allem auch im Reinraumzentrum. Absprachen sind wichtig, und in manchen Laborbereichen darf sogar nur im Beisein eines Wissenschaftlers gereinigt werden. Zum täglichen Pensum gehören auch Büros, eine Kantine, die Werkfeuerwehr und ein Gästehaus. Für jedes Gebäude ist eine Stammbelegschaft zuständig. Insgesamt sind 45 Reinigungskräfte im Einsatz, in der Regel von morgens um sechs bis mittags um zwölf, außer am Wochenende.

„Das neue System wurde gut angenommen, die Bilanz ist mehr als positiv“, berichtet Marco Trübel. Kurz vor dem Start Anfang April sei er zwar noch gefragt worden: Jetzt sagen Sie mal, wie soll ich denn ohne Wasser auf dem Wagen reinigen? „Nach dem zweiten Tag war das aber schon gegessen“, freut sich der Leiter der Fachgruppe Bau- technik, der von einem Sprung ins kalte Wasser spricht. „Bis jetzt waren wir immer Auftraggeber und nun sind wir im Prinzip selber für ein paar Monate eine Reinigungsfirma.“ Auch von den PTB-Beschäftigten seien positive Rückmeldungen gekommen. „Wir haben Allergiker unter den Mitarbeitern, es gab in der Vergangenheit vermehrt Beschwerden.“

Duftstofffrei sollte die neue Chemie deshalb sein, außerdem universell einsetzbar. In der Unterhaltsreinigung kommt nun auf elastischen Böden eine Wischpflege zum Einsatz, auf Hartböden ein Aktivreiniger. Mit dem Aktivreiniger wird auch ein großer Teil der Mikrofasertücher ausgerüstet. Nur für die Oberflächenreinigung im Sanitärbereich steht eine Gebrauchslösung bereit.

Herzstück ist die Wäscherei

Herzstück des neuen Systems ist die Wäscherei. Renate Böhm steht am Packtisch und füllt feuchte Wischbezüge in desinfizierend gereinigte Boxen. Früher war in diesem Gebäude eine Werkstatt untergebracht. Nun werden hier die neuen Reinigungstücher im Dreifarbensystem und besonders chemieresistente Wischbezüge aufbereitet. Gerade ist im Nebenraum ein Programm durchgelaufen. Dort stehen drei Waschmaschinen - für 24, 13 und 10 kg Ladegewicht. Über Dosierpumpen werden Waschmittel, Reinigungschemie und Desinfektionsmittel zugeführt. „Pro Waschgang können wir 290 Wischbezüge verarbeiten“, erklärt Marco Trübel. Desinfizierend gewaschen und ausgerüstet lassen sich die Reinigungstextilien in den luftdicht verschlossenen Boxen 72 Stunden lagern, ohne dass sie verkeimen. Zweimal in der Woche beliefert ein Fahrer sämtliche Gebäude mit frischem Material, abgeholt wird täglich.

Trübel und seine Objektleiterin Verena Huthmann setzen auf strikte Trennung nicht nur bei den Tüchern. Auch die Wischbezüge sind ihren Einsatzbereichen entsprechend markiert - mit einem farbigen Einfassband. Gelb steht für Reinraumzentrum, Rot für Sanitär und Blau für normale Bodenflächen. Dazu gehört ein gelber, roter oder blauer Punkt auf den Boxen. Trübel denkt bereits einen Schritt weiter: Künftig sollen alle Boxen eines Reinigungswagen zusätzlich mit einer Zahl gekennzeichnet werden. Je nach Bestellung weiß die Wäschereimitarbeiterin dann, wie viele Wischbezüge beispielsweise mit blauem Einfassband sie in die Box geben muss. „Braucht eine Reinigungskraft acht Bezüge, bekommt sie auch acht - und nicht 25. Das spart eine Menge Arbeitszeit“, sagt Trübel. Die Wäscherei ist zugleich Umschlagplatz für Reinigungschemie und andere Materialien. Während Vorarbeiter Ralf Becker die Bestellungen sortiert, füllt Iris Müller an der Dosierstation bereits Desinfektionsreinigerkonzentrat als Gebrauchslösung ab. Die Lieferung ist für den Albert-Einstein-Bau bestimmt.

Dort ist Simone Richter für Sauberkeit zuständig. Sie verwendet den Reiniger, der eigentlich für die Desinfektion der Moppboxen vorgesehen ist, auch in einem Labor, in dem Lichtmessungen durchgeführt werden. Kein Streulicht, keine Reflexion darf das Verfahren beeinträchtigen. Deshalb sind alle Oberflächen mattschwarz beschichtet. Für die Reinigung ist das eine Herausforderung:
Fingerabdrücke sind auf der Beschichtung nämlich besonders gut zu sehen. Mit dem leicht alkalischen Desinfektionsreiniger, der im Schaumsprayverfahren aufgetragen wird, lassen sie sich problemlos entfernen „Ich bin damit sehr zufrieden“, sagt Simone Richter und deutet auf eine bereits gereinigte Tischplatte. „Wir haben eine Menge Produkte getestet. Dieser Reiniger hat sich als am geeignetsten herausgestellt“, berichtet Marco Trübel.

Im Reinraumzentrum gelten eigene Regeln

Viele Reinigungskräfte arbeiten schon sehr lange auf dem Gelände. Eine von ihnen ist Dietlinde Neitzel. Sie ist für Sauberkeit im Reinraumzentrum zuständig, seitdem es vor 18 Jahren in Betrieb genommen wurde. In dem Gebäude werden integrierte Schaltungen für die Quantenmetrologie hergestellt. Mit drei Kolleginnen ist Dietlinde Neitzel täglich sechs Stunden im Einsatz - in Büros, Fluren, Treppenhäusern, Umkleiden und Steuerräumen im Schwarz- und Graubereich ebenso wie im sensibelsten Teil des Reinraums, dem Weißbereich. Zwischen vielen Geräten, Apparaten, Tischen und Kabeln bewegt sich bereits Maria Bauer vorsichtig durch den Raum. Der vorgetränkte Schlingenmopp ist hier tabu. Die Reinigungskraft säubert den Boden mit Propanol und einem fusselfreien Einwegtuch aus Mikrovlies an einem speziellen Klapphalter. Zweimal pro Woche wird der Boden auf diese Weise gereinigt. Andere Bereiche, wie Schleusen oder Umkleideräume, stehen täglich auf dem Programm.

Marco Trübel kennt jeden Quadratmeter auf dem Gelände. Er weiß: „Hier gibt es viele schwierige Flächen. Man muss bei der Reinigung extrem aufpassen, weil man viel kaputt machen kann.“ Beispielsweise im Paschen-Bau. Staubfangmatten am Eingang zu den Laborräumen sorgen dafür, dass feinste Partikel von außen gar nicht erst in die Laborräume gelangen. Dort stehen empfindliche Messgeräte für Längeneinheiten. Schwankende Temperaturen und zu hohe Luftfeuchtigkeit können die Messergebnisse beinträchtigen. Dass die Raumtemperatur rund um die Uhr bei genau 20 °C liegt, ist auch auf zahlreiche Dralldüsen im Boden zurückzuführen. Laura Dinoi steuert den Mopp gewissenhaft um die Düsen herum. Sie weiß: Schmutzreste dürfen nicht in die Öffnungen fallen. Weil zu viel Feuchtigkeit die Prüfkörper aus Metall verrosten lassen könnte, wischt die Reinigungskraft den Boden nur nebelfeucht. Auf den Tischen ist Wischen hingegen gar nicht erlaubt: Überall dort, wo Antirostpapier liegt, darf nur mit in Öl getränkten Tüchern gereinigt werden.

In jedem Gebäude sind andere Besonderheiten zu berücksichtigen: „Das hier ist keine Reinigung von der Stange“, betont Marco Trübel. Besonders wichtig ist ihm deshalb, dass die Reinigungskräfte mit vorgetränkten Textilien arbeiten, die Chemie also nicht mehr selbst dosieren müssen. „Je einfacher das System, umso besser können die Damen im Objekt reinigen“, sagt der Leiter der Fachgruppe Bautechnik, dem neben erstklassiger Hygiene auch der Werterhalt der Gebäude am Herzen liegt. „Ich suche lieber eine vernünftige Reinigung aus und muss die Böden dann nicht früher austauschen als nötig.“ Bis Ende des Jahres soll ein Dienstleister gefunden sein, der das neue System fortführt und dabei auch das Know-how der bisherigen Reinigungskräfte zu schätzen weiß. „Das ist ein eingespieltes Team“, sagt Marco Trübel. Die europaweite Ausschreibung soll im Mai starten.

Heike Holland | heike.holland@holzmann-medien.de