Ist das Schmutz? Oder Kunst?

»Ein tragisch-komisches Missgeschick: Jetzt ist der Kübel sauber, aber die Installation nicht mehr so, wie der Künstler sie geschaffen hat.«

Heike Holland | Redakteurin | heike.holland@holzmann-medien.de

Ist das Schmutz? Oder Kunst?

- „Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen“: Ein Holzgestell, ein Gummitrog, eine weißliche Kalkschicht: Hätte die Reinigungskraft im Dortmunder Museum Ostwall die störenden Flecken doch einfach übersehen. Aber Saubermachen ist ihr Beruf, und den nahm sie offenbar sehr ernst.

Jetzt ist der Kübel vom Kalk befreit, aber die Installation dummerweise nicht mehr so, wie der renommierte Künstler Martin Kippenberger sie geschaffen hat. Die Patina unwiederbringlich verloren, zumindest aus künstlerischer Sicht, der Originalzustand des Werks nach Einschätzung des Museums nicht wiederherstellbar. 800.000 Euro ist die Leihgabe eines privaten Sammlers wert. Nun sind die Versicherungen am Zug.

Der Fall hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt: Die kostbare Kalkschicht in die Kanalisation gespült! Ein tragisch-komisches Missgeschick, peinlich für alle Beteiligten, unerfreulich für den Besitzer der Installation. Gebäudedienstleister wissen: Natürlich hätte das nicht passieren dürfen.

Schmutz oder Kunst? Es ist nicht das erste Mal, dass ein modernes Werk folgenreich unerkannt blieb. Dazu gehört die „Fettecke“ von Josef Beuys - fünf Kilo Butter, die 1986 in der Düsseldorfer Kunstakademie einfach weggewischt wurden. 1973 war Ähnliches in Leverkusen geschehen. Im Museum Morsbroich hatten zwei Frauen eine von Beuys mit Mullbinden und Heftpflaster bestückte Babybadewanne saubergeschrubbt, um darin Gläser zu spülen. Und in der Nationalgalerie in London entsorgte eine Reinigungskraft einen vermeintlichen Müllsack, der tatsächlich Bestandteil eines Kunstwerks war.

Ein Sieg des gesunden Menschenverstands oder Ausdruck von mangelnder Intelligenz des Durchschnittsbürgers? Muss man routinierter Ausstellungsbesucher sein, um Kunst erkennen zu können? Und vor allem: Was ist Kunst? Solche Fragen können jetzt wieder ganze Abende füllen. Gebäudedienstleister, die im Museum tätig sind, bringt das im Tagesgeschäft nicht weiter. Da heißt es nach wie vor ganz schnörkellos: Kunst ist das, was der Auftraggeber dafür erklärt, und basta. Selbst wenn es sich um ranzige Butter, Abfall oder Kalkflecken handelt. Verstehen muss man das nicht unbedingt. Nur dafür sorgen, dass die Reinigungskräfte an der Basis entsprechend handeln. Sonst ist irgendwann wieder mit einem Wisch alles weg.

Was bleibt, ist die aufgefrischte Erkenntnis, dass Schmutz Kunst und ganz erstaunliche Summen wert sein kann. Nicht dass Sie jetzt ins Grübeln kommen, ob Sie in der falschen Branche tätig sind. Machen Sie es doch einfach andersherum: Erklären Sie Sauberkeit zur Kunst. Als Gebäudedienstleister dürfte Ihnen das nicht schwer fallen. Ist das, was Sie anbieten, etwa keine Kunst und seinen Preis allemal wert?

Heike Holland