Hausarbeit statt joggen?

»Putzen hat einen hohen Wellnessfaktor. Man kann dabei entspannen und neue Lebensenergie gewinnen.«

Peter Hartmann | Chefredakteur | peter.hartmann@holzmann-medien.de

Hausarbeit statt joggen?

Damit keine Missverständisse entstehen: Das obige Zitat stammt nicht von mir: Die Schweizer Ethnologin Katharina Zaugg kommt zu dieser Erkenntnis. Sie erforscht seit Langem die „postmoderne Raumpflege“.

Ein Ergebnis dieser Untersuchungen: Putzen hält fit - körperlich und geistig: Wer ganz bewusst und achtsam an die Arbeit gehe, der trainiere nicht nur den Körper, sondern auch die fünf Sinne, wird die Schweizerin in der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert. Zur Stimulierung der jeweils anderen Gehirnhälfte sollten Rechtshänder am besten links und - Sie ahnen es - Linkshänder am besten rechts putzen.

Um Fitness und Hirn gemeinsam zu trainieren, fordert Katharina Zaugg konsequenter-weise gleich dazu auf, Freunde und Verwandte zur Wischparty nach Feierabend einzuladen. Mit Musik und einem Gläschen Prosecco. Putzen mit Eventcharakter („... in Amerika bereits ein Trend!“) und zur Förderung des Gemeinschaftsgefühls.

Auch Letzteres gelingt laut Zaugg nirgends so gut wie beim Putzen. Im Pionierbetrieb von Zaugg „Miteinand Putzen“ wird das praktiziert. Hier lernt man auch das „stilvolle Putzen“ mit Designerschäufelchen und strassbesetzten Spitzenhandschuhen.

Putzen ist für über 90 Prozent der Deutschen ein Graus, dennoch machen gut 70 Prozent der Bundesbüger selbst sauber. Weil viele sich keine Profis leisten können. Oder nicht leisten wollen. Weil sie ganz einfach keine fremden Personen in den eigenen Haushalt lassen wollen.

Wer es dennoch einmal mit Profis versucht und vielleicht auch noch mit ihnen ins Gespräch kommt, der wird wahrscheinlich schnell erkennen, dass die ihre Arbeit ganz anders sehen als Katharina Zaugg. Nämlich als Knochenjob, der Tag für Tag ganzen Einsatz fordert. Der nichts von Gemeinschaftsgefühl hat, sondern eher isolierend wirkt - weil Putzen von vielen nach wie vor als minderwertige Aufgabe betrachtet wird.

Und von Wellnessfaktor ist auch in den wenigsten Fällen die Rede, wenn sich die Mitarbeiter unserer Dienstleister daranmachen, zu nachtschlafender Zeit Supermärkte, Büros oder Bahnhöfe (wieder einmal) vom Müll und Dreck der Wohlstandsgesellschaft zu säubern. Ohne Musik, ohne Prosecco und ohne Spitzenhandschuhe.

Dafür aber mit viel Engagement und viel Verständnis für die gestressten Mitbürger, die laut schimpfend einen Bogen um den Reinigungswagen machen oder die nächste Toilette aufsuchen müssen, weil „ausgerechnet jetzt“ gereinigt wird.

Wenn die Schweizerin tatsächlich das Putzen aus der Schmuddelecke holen will, wie sie zitiert wird, dann sollte sie auch mal dahin gehen, wo es noch immer an Respekt und Wertschätzung für die Mitarbeiter der Gebäudereiniger und deren Leistung fehlt.

Aber Wischpartys sind angenehmer. Wegen Prosecco und so ...

Ihr Peter Hartmann