Der Ausbilder als Ersatzvater?

»Früher haben Lehrlinge in der Familie ihres Meisters gewohnt. Heute dürften sich alle Beteiligten einig sein: Gott sei Dank, dass es so was nicht mehr gibt!«

Heike Holland | Redakteurin | heike.holland@holzmann-medien.de

Der Ausbilder als Ersatzvater?

- In Zeiten, die lange vorbei sind, haben Lehrlinge bei ihrem Meister gewohnt und wa-ren in dessen Familie und Alltag integriert, gemeinsame Mahlzeiten und Haushaltspflich-ten eingeschlossen. Heutige Azubis und Ausbilder dürften sich einig sein: Gott sei Dank, dass es so was nicht mehr gibt! Oder könnten Sie es sich vorstellen, abends neben Ihrem Auszubildenden auf dem Sofa zu sitzen?

Das Modell hat aber auch seine Vorzüge ge-habt: Denn der Lehrherr war für seinen Lehrling in allen Lebenslagen verantwortlich, über das Fachliche hinaus. Der Ausbilder als Ersatzvater? Mancher mag das aus heutiger Sicht als Zumutung betrachten. Der eine kann, der andere will sich nicht auch noch um die persönliche Seite seiner Azubis kümmern. Sind dafür denn nicht die Eltern zuständig? Oder die Berufsschule? Dennoch ist Ausbildung mehr als die Vermittlung theoretischer Inhalte und praktischer Kenntnisse. Denn schließlich geht es in der Regel um Jugendliche, die gerade aus der Schule gekommen sind und ganz am Anfang stehen. Das zieht eine besondere Verantwortung nach sich. Wie weit die reicht, ist gesetzlich festgelegt. Der Rest ist eine Frage des persönlichen Ermessens.

Der Bengel im Betrieb kommt jeden zweiten Tag zu spät? Natürlich ärgern Sie sich. Reden früher oder später Klartext. Drohen irgendwann vielleicht sogar mit Kündigung, falls sich nicht schleunigst etwas ändert. Ob Sie sich das leisten können in Zeiten, in denen die Ausbildungsinteressierten im Gebäudereiniger-Handwerk nicht gerade Schlange stehen, ist sicher eine Überlegung wert. Doch eigentlich geht es um etwas anderes: Haben Sie Ihr Problemkind schon mal gefragt, warum es regelmäßig unpünktlich ist? Es kann sich für beide Seiten lohnen, das in Erfahrung zu bringen, in einem richtigen Gespräch, nicht zwischen Tür und Angel, vielleicht auch gemeinsam mit den Eltern. Natürlich ist dafür ein Maß an Vertrauen nötig, das man nicht auf Knopfdruck erzeugen kann. Ihre Türen stehen immer offen, wenn Auszubildende Probleme haben? Vielleicht sehen die das anders.

Wer ausbildet, hat in gewisser Weise auch erzieherische Verantwortung, und das bedeutet, einen Auszubildenden an die Hand zu nehmen, wenn er es alleine nicht schafft. Ihm zur Seite zu stehen in guten wie in schlechten Zeiten und gemeinsam Lösungen zu finden, die natürlich auch dem Unternehmen nutzen. Dass das kein Ding der Unmöglichkeit ist, zeigen Beispiele aus der Branche. Versuchen Sie es doch einfach auch. Nicht weil Sie es sich nicht leisten können, einen Auszubildenden zu verlieren. Sondern weil keiner verloren gehen darf, erst recht nicht in einem Familienbetrieb. Die rationell-reinigen -Redaktion wünscht Ihnen viel Erfolg!

Heike Holland