Demografischer Wandel: Im Stammland der Reformmuffel

FM – quo vadis?: Der demografische Wandel wird seit langem thematisiert, doch Lösungen sind rar. Über Strategien, wie ein Generationswechsel gelingen kann. Er sollte zum Beispiel von Mentoringprogrammen begleitet werden, damit Wissen nicht verloren geht.

Ein 60-Jähriger hat die Vitalität eines 45-Jährigen von vor 25 Jahren und der Erfahrungsschatz eines Babyboomers ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Aber wir schieben diesen aufs Abstellgleis, während wir über Fachkräftemangel klagen. - © studiostoks – stock.adobe.com

Wenn wir über den demografischen Wandel sprechen, bemühen wir gerne die Statistik. Nur leider hilft uns die Gegenwartsmeinung nicht dabei, weil sie lediglich den Status quo verteidigt. Der Bildungsstand (Pisa-Studie), Fachkräftemangel, Babyboomer, Generationenkonflikt, Überalterung, Müttererwerbsquote, Rentenproblem, Entbürokratisierung et cetera – alles lösungsfreie Strukturthemen. Im Stammland der Reformmuffel packt kaum jemand die Aufgaben in den Legislaturperioden an. In dieser Problemkommunikation verschwimmen die notwendigen Reformschritte zu Krisenstäbchen und Reformattrappen.

Keine Sorge, ich werde dem nicht ein weiteres müdes Kapitel widmen. Wer meine redaktionellen Beiträge in der Printausgabe von rationell reinigen regelmäßig liest, weiß, dass es sich in den nachstehenden Zeilen um Lösungsorientierung und alternatives Denken dreht. Der demografische Wandel bietet viele Chancen, wenn man der Entwicklung konsequent folgt. Hier also ein paar Gedankenspiele zu einer veränderbaren Welt.

Der Bildungsstand in Deutschland

Die Bildungsergebnisse in den Schulen sind aktuell die schlechtesten jemals gemessenen. Wir erleben ­eine Superdiversität in den Kindergärten und Schulen. Die Migration bei Kindern bei einer ­Klassenstärke von 27 lag 2024 in den größeren Städten bei 43 Prozent, bis zu zwölf Sprachen und acht Religionsgemeinschaften in einem Klassenraum. 60 Prozent Migration ist für eine Großstadt ein Mittelwert. Kinder sprechen oftmals mit sechs Jahren bereits zwei Sprachen, bevor sie in der Schule beginnen, Deutsch zu lernen. Das ist die Lebensrealität aus der Sicht der Kinder, nicht der Erwachsenen. Der Ursprung für ­gelingende ­Integration über die Sprache und Sozialisierung beginnt hier. Mich stört, dass Bildungspolitiker die Realität verkennen und die gewaltigen Herausforderungen dieser Diversität für Lehrer nachweislich nicht auf dem Schirm haben.

Es geht nicht darum, Zuwanderung und die davon betroffenen Menschen zu stigmatisieren, sondern einzig und allein um eine sprachenbasierte Integration in den Arbeitsmarkt, sobald Menschen mit Aufenthaltsrecht nach Deutschland kommen. Nichts verhilft den Menschen schneller zur Anpassung in ein Sozialgefüge als Arbeit und die damit völlig natürlich einhergehende Vermittlung von sprachlicher Kompetenz. Alles darüber Hinausgehende ist lösungsarmes und ideologiegetriebenes Bashing. Womit wir beim seit zehn Jahren heraufbeschworenen Mangel an guten Arbeitskräften sind.

Fachkräftemangel – echt jetzt?

Wir haben einen Porsche-Mangel in Deutschland. Wir suchen einen guten gebrauchten, deutlich unter 15.000 Euro, aber wir finden keinen. Exakt so ist es mit dem Fachkräftemangel. Wir bieten Arbeitsplätzchen und erwarten Kompetenz bis zum Bersten und am besten noch mit Leader-Gen.

Warum findet heute ein 50-Jähriger, ausgestattet mit einer immensen Erfahrung, so schwer einen Job? ­Liebe HR-Abteilungen, ändert endlich euer Mindset und gebt Menschen echte Chancen. Bewerber durch vorgegebene Raster zu pressen, ist nicht mehr zeitgemäß. Die Personalabteilungen müssen erkennen, welche wichtige Schlüsselfunktion sie heute haben. Sie sind an den Unternehmenserfolg zu koppeln und damit in die Pflicht zu nehmen. Oft sehen Jobangebote so sinnbefreit aus: Jung, aber lebenserfahren, tolle Ausbildung, aber bitte keine monetären Ansprüche, Fremdsprachenkenntnisse, obwohl das Unternehmen nur in der DACH-Region produziert et cetera. Mehr als 20 Prozent Verlust der Belegschaft durch die wegfallende Babyboomer-Generation – darüber machen sich Unternehmen noch keine Gedanken. Wir haben keinen Fachkräftemangel, sondern einen Mangel an Respekt vor Arbeitnehmern, die Wert auf Leistung und Qualität legen und die genau deshalb ihren Preis haben.

Ohne Babyboomer geht gar nichts in der Zukunft

Mein Rat an die Unternehmen: Nutzt ­diese ­Fachkräfte, solange ihr sie noch habt, denn 12,4 Millionen Babyboomer und 16,7 Millionen Rentner sind eine Macht ohne Zukunft. Bei 46 Millionen Beschäftigten sind die Babyboomer knapp 27 Prozent der Erwerbstätigen, die in den kommenden sieben Jahren sukzessiv wegfallen werden. Wir sprechen hier von einem echten Unternehmenswert. Sie können Digitalisierung, sind souverän, resilient, kognitiv top und können in ihrem Segment so ziemlich alles. Der heutige 60-Jährige hat die Vitalität eines 45-Jährigen von vor 25 Jahren. Noch zu keiner Zeit davor wurden psychisch und physisch vitalere Menschen aufs Abstellgleis geschoben, während wir über Fachkräftemangel klagen – was für eine Farce.

Die wertvollste Ressource eines Babyboomers ist seine Erfahrung, sein funktionierendes, weil vertrauensvolles Netzwerk und die Souveränität, die Unternehmensinteressen auf so vielen Ebenen bespielen zu können. Dieser immaterielle Erfahrungsschatz, dieses Lebenswerk, ist mit Geld nicht aufzuwiegen und kann Nachfolgegenerationen nahezu zum Nulltarif zur Verfügung gestellt werden.

Mentorenprogramme – reiẞ dir das ­Wissen unter den Nagel

Unternehmen erkennen allmählich, dass sich diese edlen Fachkräfte mit ihren Erfahrungen herausragend als Mentoren in der personellen Nachwuchsförderung eignen. Es ist kaum zu glauben, aber es gibt noch immer Unternehmen, die sich schwertun, Auszubildende ins Unternehmen zu integrieren und sie nach ihrer Ausbildung im Unternehmen zu halten. Ich nenne nur ein Wort, welches dieser Entwicklung einfach entgegenwirkt – Wertschätzung. Warum also nimmt man nicht Babyboomer, die vor dem Ruhestand stehen, gibt ihnen Auszubildende oder junge Führungskräfte an die Hand, um sich gemeinsam durch das Unternehmen zu bewegen? Ein Mentorenprogramm aufzulegen ist ein Leichtes, wo junge Mentee ganz bewusst von Mentoren ins Unternehmen begleitet werden. Diese Patenschaft vermittelt mehr als nur Fachwissen und Kontakte. Es geht um das mühsam in Eigenerfahrung zu erlangende informelle Wissen, das Innerbetriebliche, die Funktionalität eines Unternehmens – komprimiert vermittelt in kürzester Zeit.

Demografie und ­ihre ­Entwicklung

Das Wort Demografie stammt aus dem Griechischen und bedeutet Bevölkerungswissenschaft – die Lehre über den Zustand und die Entwicklung einer Bevölkerung.

Drei demografische Komponenten beeinflussen direkt unsere Bevölkerungszahl: Geburten, Sterbefälle und der Wanderungssaldo, also die Differenz zwischen den Zuzügen nach und Fortzügen aus Deutschland.

1950 war jeder 100. Einwohner 80 Jahre und älter. Heute ist bereits jeder 14. hochaltrig und ab etwa 2040 wird es mehr als jeder zehnte sein. Die Lebenserwartung ist allein in den zurückliegenden 40 Jahren um rund sieben Jahre bei Frauen und Männern gestiegen.

Es braucht Mentorenprogramme, weil das System sonst nicht mehr aufrechterhalten werden kann. ­Hierin steckt der stärkste Impact. Steuerreduzierte oder -befreite Arbeitszeitmodelle für Mentoren, die bereit sind, nach ihrer Vollbeschäftigung für ein stark reduziertes Entgelt diese ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen. Die Demografie lügt nicht. Es gibt demnächst mehr Großeltern als Enkelkinder. Ich persönlich liebe den Begriff der sprichwörtlichen Lebensarbeitszeit. Denn wer das tut, was er am meisten liebt, muss nie wieder arbeiten (Konfuzius).

Kreativität schlägt Konservatismus

Wir brauchen neue Ideen für die belastenden Themen des demografischen Wandels. Fortschritt und Kreativität entstehen ausschließlich durch Machen. Und obwohl es offensichtlich ist, dass viele alte Modelle inzwischen überholt sind, halten wir an ihnen fest, um neue Dinge zu erklären.

Wir versuchen, Kreativität durch Modelle und Methoden zu definieren; doch kreative Menschen gehen anders vor. Sie kombinieren grenzüberschreitend Ideen anderer mit ihren eigenen, sie kopieren und kombinieren und lassen neue Muster entstehen. Anders als in den Führungsetagen lieben sie die Heterogenität und verachten gleichdenkende Manager, die das gleiche Alter und Geschlecht, die gleiche Herkunft haben, die alle von derselben Business School kommen. Um Veränderungen zu bewirken, braucht man mehr Chaos, nicht weniger. Wie das geht? Ganz einfach: Gebt den richtigen Personen im Unternehmen die Macht dazu, schafft Raum für diese Prozesse, kontrolliert sie nicht, geht aus dem Weg und freut Euch auf das, was passiert. Und wenn es nicht funktioniert, kann man ja die alten Modelle der alten weißen Männer wieder auspacken.

Die Müttererwerbsquote muss steigen

Laut Studienergebnis haben Kinder außerhalb der Familie nicht mehr das Gefühl, wichtig zu sein. Dabei wäre die Lösung denkbar einfach. Skandinavien kann uns hier – wie bei der Pisa-Studie auch – als wunderbares Vorbild dienen. Bietet Kindern Ganztageskitas und Ganztagesschulen an. So erleben Kinder echte Integration durch ganztägig erlebbares Sozialverhalten unter Gleichgesinnten.

Der wirtschaftliche Aspekt dabei ist, dass Frauen ganztägig arbeiten gehen können und somit eine wesentlich verbesserte Arbeitsleistung in Deutschland aufrechterhalten bleiben kann. Frauen sind nachgewiesen die bestqualifizierten Menschen in unserer Gesellschaft. Ich erlebe es tagtäglich in meinen Workshops. Frauen haben unter anderem eine wesentlich ausgeprägtere Sozialkompetenz als die meisten Männer. Und diese ist alternativlos in den Führungsetagen der Zukunft.

Umdenken dringend erforderlich

Fazit: Wir sind Wissensriesen, aber Umsetzungs­zwerge. Wir brauchen Kulturingenieure, die an die Selbstversorgungsfähigkeit aller Menschen, die arbeiten wollen, appellieren und herantreten. Die Nutzung der menschlichen Ressource muss zukünftig mit wesentlich mehr Anspruch an die HR-Abteilungen als firmeninterne Kreislaufwirtschaft induziert werden.

Es geht auch darum, nicht mehr vom überflüssigen Mitarbeiter zu sprechen. Nicht zuletzt durch Lean-Management sind wir zu weit gegangen und haben versucht, die Steigerung von Effizienz und Produktivität durch den Abbau von Arbeitsplätzen zu lösen. Was für ein irrsinniger Gedanke, sehenden Auges diese wertvollste Ressource ziehen zu lassen.

Unser Fortschritt als Gesellschaft hängt von der Schaffung eines kollektiven Wir ab. Es geht heute um "WeQ" statt "IQ", um eine Wir-Ökonomie und Interdependenz. Die Zukunft beginnt … ab jetzt!

Wolfgang Bötsch | markus.targiel@holzmann-medien.de

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Wolfgang Bötsch

verfügt über 31 Jahre Erfahrung in der Vertriebs- und Personalentwicklung bei Gebäudedienstleistern. Heute ist er Vertriebs­coach, Dozent und Trainer in Konzernen und mittelständischen ­Unternehmen sowie ­Wirtschaftsmediator – www.netzwerkstrategie.com.