Seit September 2015 führt die Gewerbliche Schule Metzingen eine so genannte VABO-Klasse. VABO steht für „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen“. In der Klasse werden Jugendliche unterrichtet, die keine oder sehr unzureichende Deutschkenntnisse haben und eine intensive Förderung brauchen, damit sie Zugang zur Berufs- und Arbeitswelt in Deutschland finden. Hauptsächlich sind dies Flüchtlinge und einige Jugendliche aus der EU – in der Metzinger Klasse 14 Eritreer (fast alle über 20 Jahre alt) und drei Kroaten (unter 18 Jahren).
Die Klasse ist der Gebäudereinigerabteilung angeschlossen. Im Laufe des vergangenen Schuljahres konnte den Schülern ein guter Einblick in das Berufsfeld gegeben werden – sowohl innerhalb der Schule als auch in Betriebspraktika. Die Hoffnung allerdings, die jungen Leute für die Gebäudereinigung begeistern zu können, hat sich leider nicht erfüllt. Das liegt vor allem daran, dass fast alle Schüler bislang noch nicht in der Lage scheinen, ihre beruflichen Möglichkeiten realistisch wahrzunehmen und angemessene Entscheidungen zu treffen.
Gerade bei den Eritreern haben die Lehrer der Gewerblichen Schule Metzingen außerdem die Erfahrung gemacht, dass die Bildungsvoraussetzungen weit entfernt von dem sind, was man für eine Ausbildung braucht. In Mathematik zum Beispiel sind viele nicht über ein Niveau hinausgekommen, was man in Deutschland in der Grundschule erwirbt. Und selbst dieses dürftige Wissen hat Lücken und ist nicht stabil. Einige wenige Schüler haben den Unterricht für sich nutzen können, um sicherer zu werden und sich eine Basis zu erarbeiten, auf der sie erfolgreich weiterlernen können.
Um einen Schulabschluss zu erwerben, müssen die Schüler die Prüfung einer so genannten Sprachstandserhebung bestehen. Das heißt: Sie müssen deutsche Sprachkenntnisse auf dem laut europäischen Referenzrahmen festgelegten Niveau A2 zeigen.
Es gehört aber auch zu einem erfolgreichen Schulabschluss, dass die Schüler berufliche Kompetenz in einem praktisch angelegten Lernfeldprojekt unter Beweis stellen und darüber von der Schule ein Zertifikat erhalten. Das Lernfeldprojekt der ersten VABO-Klasse hatte das Thema Glasreinigung. Der Praxisunterricht konzentrierte sich für einige Wochen darauf. Neben der richtigen und effizienten Reinigungstechnik wurden auch die nötigen Werkzeuge und Materialien vorgestellt und die deutschen Fachbegriffe wie Eimer, Handschuhe, Einwascher, Abzieher, Fensterklinge oder Fensterleder eingeübt.
Im Mathematikunterricht wurde das Thema mit dem Berechnen von Glasflächen und von Arbeitszeiten verbunden. Am Ende des Schuljahres standen in einer zweiwöchigen Unterrichtseinheit Glaseigenschaften und das Verhalten von Glas gegenüber Reinigungsmitteln auf dem Programm. Auch die Inhaltsstoffe von Glas, die Herstellung von Flachglas im Floatglasverfahren, problematisch zu reinigende Fensterarten wie ESG und Sonnenschutzglas wurden besprochen. Darüber hinaus ging es noch einmal um die Reinigung von Glas, die im Praxisunterricht kontinuierlich eingeübt worden war. Abschließend wurde über Reinigung mit Osmosewasser informiert. Die theoretische Vermittlung erwies sich nicht nur aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse als extrem schwierig. Auch kulturelle Barrieren minimierten den Lernerfolg, da sich keiner der jungen Eritreer je mit Materialien und deren Eigenschaften beschäftigt hatte und jetzt zum ersten Mal dazu angehalten wurde.
Die Gewerbliche Schule Metzingen hat aus diesen ersten Erfahrungen gelernt und in die nachfolgende Klasse mit Schülern ohne Deutschkenntnisse, die es seit Ostern gibt, ein buntes Gemisch an Nationalitäten – Syrer, Griechen, Italiener und Iraker – aufgenommen. Diese Heterogenität führt einerseits zu deutlich besseren Lernerfolgen, andererseits aber auch zu einigen kulturell basierten Konflikten der Schüler untereinander.
Ob diese Schülergruppe, die mit durchschnittlich 16 Jahren viel jünger als die erste Gruppe ist, für die Gebäudereinigung begeistert werden kann, wird sich im nächsten Schuljahr erweisen, wenn die Deutschkenntnisse besser sind und die Praktika beginnen.
Hilde Aubermann, Gewerbliche Schule Metzingen | heike.holland@holzmann-medien.de