Zukunftsmarkt Altenpflege Altes Eisen, heißes Eisen

Extremer Kostendruck der Heime und höchste Anforderungen an die Hygiene kennzeichnen den Altenpflegemarkt. Wer in diesem Spannungsfeld Dienstleistungen anbieten möchte, sollte sich der Chancen, aber auch der Risiken bewusst sein.

Altes Eisen, heißes Eisen

-Wenn es immer mehr alte und pflegebedürftige Menschen gibt, gibt es auch immer mehr Bedarf an Pflegekräften, Heimen und Gebäudedienstleistern. Eine einfache Rechnung, die sich leicht mit Zahlen der statistischen Ämter der Länder und des Bundes belegen lässt:


Im Jahr 2030 werden in Deutschland 22 Millionen Menschen leben, die 65 oder älter sind – fast ein Drittel der errechneten Bevölkerung. Die Lebenserwartung wird bis dahin voraussichtlich um weitere vier Jahren steigen – heute liegt sie für Jungen bei 76,2 Jahren, für Mädchen bei 81,8 Jahren. Bereits jetzt liegt die durchschnittliche Dauer der Pflegebedürftigkeit bei vier Jahren und fünf Monaten. Wie sehr die Dauer mit der Lebenserwartung ansteigt? Darüber gibt es nur Vermutungen. Doch schon 2020 (in nur zwölf Jahren!) wird es nach offiziellen Schätzungen rund 2,8 Millionen Pflegebedürftige geben.


Derzeit gibt es in Deutschland 10.400 stationäre Pflegeeinrichtungen, die Pflegedienste nach dem Pflegeversicherungsgesetz erbringen. Allein Brancheriese Dussmann verfügt mit seiner Tochtergesellschaft Kursana über 11.200 Betten. Seit 2001 hat er die Zahl mehr als verdoppelt und betreibt derzeit 81 Häuser in Deutschland. Pro Jahr sollen fünf bis acht neue mit 600 bis 900 Betten dazukommen. Alle anfallenden Dienste übernehmen Kursana- bzw. Dussmann-Mitarbeiter. Das Verbundforschungsprojekt Pflege 2020 des Fraunhofer-IAO in Stuttgart sieht einen zunehmenden Markt für externe Dienstleister aus den Bereichen Reinigung, Wäsche und Catering. Das ergaben Interviews und eine Befragung von Trägern und Leitungen stationärer Einrichtungen.


Heimgesetz und RKI-Richtlinie aus dem Effeff

Wer sich als Dienstleister auf den Heimmarkt spezialisieren möchte, sollte sich mit dem Heimgesetz vertraut machen. Es schreibt vor, dass die Träger der Heime einen ausreichenden Schutz vor Infektionen zu gewährleisten haben und sicherstellen müssen, dass von den Beschäftigten die für ihren Aufgabenbereich einschlägigen Anforderungen an die Hygiene eingehalten werden. Diese einschlägigen Anforderungen sind durch Hygienebeauftragte bzw. ein geeignetes Qualitätsmanagementsystem und Hygienepläne zu überprüfen und festzulegen.


Die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts für Infektionsprävention in Heimen von 2005 lehnt sich bei der Flächenreinigung und Desinfektion an die Empfehlung für die Krankenhaushygiene an. Nur wer diese Hygieneanforderungen umzusetzen weiß, kann Heimen als professioneller Berater und Dienstleister zur Seite stehen.Doch die Heime leiden unter einem extremen Kostendruck und viele können nur ein schmales Budget für die Reinigung aufbringen. Nach dem „Pflegeheim Rating Report 2007“ sind 13 Prozent der Heime von der Insolvenz bedroht.


Ein schwieriger Markt

Da wundert es nicht, dass sie oft das billigste Angebot bevorzugen und Qualitätsanbieter den Kürzeren ziehen. Das Bild der Reinigungsbranche leidet unter dem schlechten Eindruck, den vermeintliche Profis hinterlassen, wenn sie für wenig Geld wenig bieten oder vorab zu blauäugig kalkulieren und das Versprochene in den hygienisch anspruchsvollen Objekten nicht halten können.


Einige Unternehmen agieren dagegen sehr erfolgreich am Markt. Gibt es dafür ein Rezept? „Das lässt sich sicher nicht in einem Satz formulieren“, sagt Jens Koenen, Leiter Marketing und Geschäftsentwicklung bei Hectas Gebäudedienste. Das Unternehmen hat den Bereich Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen als einen für sich wichtigen strategischen Bereich definiert und dazu ein eigenes Reinigungssystem entwickelt. „Um in diesem Bereich erfolgreich sein zu wollen, muss man schon eine gewisse Expertise aufbauen“, betont Koenen.


AJP A. Jessinghaus & Partner hat sich komplett auf die Reinigung karitativer Einrichtungen spezialisiert. „Hier erbringen wir Dienstleistungen am Menschen. Dafür benötigt man sehr viel Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung in diesem Bereich“, weiß Geschäftsführer Tim Jessinghaus. Seine Mitarbeiter sind immer in denselben Einrichtungen tätig. Die Bewohner kennen die Reinigungskräfte und bauen zu ihnen persönliche Beziehungen auf. Der Faktor „Menschlickeit“ ist für Jessinghaus ein entscheidender, „das oberste Gebot ist aber natürlich die Hygiene und in dieser Hinsicht gehören Alten- und Pflegeheime zur Königsklasse der Gebäudereinigung“, betont er.


Noroviren wichtiges Thema

Egal ob in Eigenreinigung oder mit Hilfe eines Dienstleisters gearbeitet wird, das passende Rüstzeug für Hygiene in Alten- und Pflegeheimen gab es auf der Altenpflege+ProPflege in Hannover zu sehen (lesen Sie dazu bitte unsere Messeticker).


Die Flächendesinfektion spielte wegen der großen Zahl an Noroviren-Infektionen in diesem Winter wieder eine große Rolle. Für 2007/2008 wurden dem Robert-Koch-Institut 133.221 Erkrankungen und 26 Todesfälle übermittelt (Stand 6. Februar). In der Vorsaison waren es 52 Todesfälle, der Großteil war älter als 80 Jahre. Alten- und Pflegeheime sind daher besonders betroffen, auch 37 Prozent der Ausbrüche mit mehr als fünf Personen ereigneten sich in Alters- und Pflegeheimen, weitere 37 Prozent in Krankenhäusern sowie 16 Prozent in Kindergärten. Schon vor diesem Hintergrund muss sich jeder Dienstleister bewusst sein, welche Bedeutung seine Arbeit auf Pflegestationen, in Heimen und Seniorenresidenzen hat.

Rebecca Eisert | rebecca.eisert@holzmannverlag.de