Resozialisierung in der Gebäudereinigung: Hilfe zur Selbsthilfe

Vor 16 Jahren hat ein Hamburger Dienstleister erstmals den Versuch unternommen, einem ehemaligen Obdachlosen den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Das Experiment ist gelungen und funktioniert inzwischen so gut, dass der Betriebsleiter des mittelständischen Reinigungsunternehmens sein Konzept mit interessierten Betrieben der Branche teilen und diese zur Nachahmung animieren möchte.

Weg von der Straße, zurück in ein geregeltes (Arbeits-)Leben: Mehr als 40 ehemalige ­Obdachlose haben dies über die nachahmenswerte ­Initiative der Steinberg Glas- und Gebäude­reinigung bis heute geschafft. - © Steinberg Glas- und Gebäudereinigung

Die Steinberg Glas- und Gebäudereinigung im Westen Hamburgs ist in besonderem Maße sozial engagiert und setzt sich seit fast zwei Jahrzehnten für obdachlos gewordene Menschen ein. So initiiert das Unternehmen immer wieder besondere Spendenaktionen und versorgte beispielsweise Heimatlose während der Coronazeit mit Masken und den von Partnerunter­nehmen beigesteuerten Hygiene­artikeln. Vor allem aber gibt der Innungsbetrieb denjenigen, die auf der Straße leben, die Chance auf einen beruflichen Neuanfang – vorausgesetzt, dass sie ihre Situation ändern möchten.

Der Erste, der unbedingt wieder in ein normales Leben zurückfinden wollte, war der heutige Sonderreiniger Fabian Stulgies. Er hatte das Dach über dem Kopf verloren und obwohl er "Platte machte", betätigte er sich ehrenamtlich, weil er – wie er sagt – in seinem Leben eine Struktur behalten wollte. Betreut wurde er damals von dem Sozialarbeiter Nico Borchert. Er ­wollte Fabian Stulgies dabei helfen, aus seiner damaligen Situation herauszukommen.

Durch einen glücklichen Umstand kamen die beiden mit Manuel Kienbaum, dem Betriebsleiter der Steinberg Glas- und Gebäudereinigung, in Kontakt. Er ­wollte die Unterstützung von Obdachlosen über eine rein materielle Förderung hinaus ausweiten und ihnen eine Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Auf Empfehlung des Sozialarbeiters stellte der Hamburger Dienstleister Fabian Stulgies schließlich ein. Dieser hatte bereits vor seinem sozialen Absturz in der Gebäudereinigung gearbeitet, was sich als Glücksfall erwies.

Nach den ersten Wochen in der Unterhaltsreinigung konnte Fabian Stulgies immer neue Aufgaben übernehmen und stieg letztendlich zum Objektleiter auf. Außerdem bewährte er sich schon bald als Trumpfkarte in schwierigen Fällen. So berichtet ­Manuel Kienbaum, dass ein Kunde vor Jahren mit Kündigung drohte, weil er mit der erbrachten Reinigungsleistung nicht zufrieden war. Daraufhin gab der Betriebsleiter ­Fabian Stulgies drei Monate Zeit, die dem Auftraggeber zugesicherte Leistung zu erbringen. Im Gegenzug versprach er ihm einen neuen, mit allen Schikanen ausge­statteten Pkw, wenn der Kunde erhalten blieb. Noch vor Ende der Frist nahm der Kunde die Kündigung zurück und Manuel Kienbaum kaufte das zugesicherte Auto. Dass der geschilderte Fall einen positiven Ausgang nahm, sei vor allem der hohen Motivation des angelernten Sonderreinigers zu verdanken. Letzterer sagt dazu selbst, und nicht ohne Stolz: "Ich war sehr dankbar für die Chance, die mir das Unternehmen gegeben hat. Es stand für mich daher außer Frage, die Aufgabe mit großem Verantwortungsbewusstsein anzugehen und im Sinne meines Arbeitgebers zu erledigen."

Auf sehr spezielle Situationen reagieren

Die erste gelungene Resozialisierung bestärkte ­Manuel Kienbaum darin, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen. Immer wieder stellte er Obdachlose ein – aber nicht jeder blieb. Oft waren es für die Betroffenen existenzielle Probleme und Hürden, die zu einem Abbruch des Beschäftigungsverhältnisses führten: "Einmal bekamen wir von einem Mitarbeiter eine Nachricht, dass er aufgrund von schlechtem Wetter eine Zeit lang nicht kommen könne, weil ansonsten sein Schlafplatz unter der Brücke weg wäre", berichtet Manuel Kienbaum.

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    © Sabine Anton-Katzenbach
    Die Initiatoren und Teilhaber des Resozialisierungsprojekts obdachloser Menschen bei der Steinberg Glas- und Gebäudereinigung (v.li.): Michael Edele (Bereichsleiter Soziale Wohnraumversorgung der Behrens-Stiftung), Sonderreiniger Fabian Stulgies und die von ihm eingearbeiteten Mitarbeiter Roman Burknap und Mariusz Marek Markiewicz sowie Manuel Kienbaum und Wendy von Knorre.
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    © Steinberg Glas- und Gebäudereinigung
    Weg von der Straße, zurück in ein geregeltes (Arbeits-)Leben: Mehr als 40 ehemalige ­Obdachlose haben dies über die nachahmenswerte ­Initiative der Steinberg Glas- und Gebäude­reinigung bis heute geschafft.

Diese und andere Erfahrungen veranlassten den Betriebsleiter dazu, nach neuen Möglichkeiten zu suchen, um gerade in den ersten ­Monaten des Beschäftigungsverhältnisses besser auf die sehr spezielle Situation von Obdachlosen reagieren zu können. Dabei standen ihm neben Fabian Stulgies unter anderem zwei im Obdachlosenumfeld aktive Sozialarbeiter zur Seite. Weitere Unterstützung erhielt er von seiner Partnerin ­Wendy von Knorre, Gründerin von Nordquai, einer auf inter­nationale ­Geschäftsentwicklung spezialisierten ­Beratungsfirma, sowie von Michael Edele, dem Bereichsleiter Soziale Wohnraumversorgung der Behrens-Stiftung in Hamburg.

Seit etwa eineinhalb Jahren steht nun ein funktionierendes Gesamtkonzept, das Manuel Kienbaum mit anderen interessierten Gebäudereinigungsunternehmen teilen möchte: "Alleine in Hamburg leben etwa 4.000 Menschen auf der Straße, Tendenz steigend. Die Chance auf eine Resozialisierung ist mit den vorhandenen städtischen und kirchlichen Angeboten kaum gegeben. Diese Lücke wollen wir mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten füllen und Sozialhilfe­empfänger wieder zu Steuerzahlern machen. Das gelingt uns immer wieder. Von zehn neu eingestellten Kräften bleiben nach der Einarbeitungsphase etwa vier in unserem Unternehmen und schlagen bei uns einen ähnlichen Karriereweg wie Fabian Stulgies ein."

Worauf der Erfolg des ­Resozialisierungskonzeptes fuẞt

Der Erfolg des bei der Steinberg Glas- und Gebäude­reinigung über viele Jahre gewachsenen Gesamtkonzepts ist das Ergebnis folgender Maßnahmen:

  • Kontakt zu Sozialträgern und -einrichtungen aufbauen: Sozialarbeiter kennen laut Manuel Kienbaum ihre "Pappenheimer" ziemlich gut. Sie könnten beurteilen, ob sich in der von ihnen betreuten Gruppe obdachlos gewordene Personen befinden, die ihre Situation wirklich ändern und ins Arbeitsleben zurückkehren wollen. Die Sozialeinrichtungen übernehmen also die Vorauswahl geeigneter Bewerber.
  • Zusammenarbeit mit einem sozialen Wohnraumträger: Die als geeignet eingestuften Personen müssen in geregelte Strukturen zurückfinden. Wie Manuel Kien­baum und Michael Edele wissen, spielt Wohnraum dabei eine essenzielle Rolle. Dieser wird in Hamburg unter anderem durch ein von der Behrens-Stiftung finanziertes Projekt bereitgestellt, das sechs Obdachlosen eine unbefristete Wohnmöglichkeit mit Persönlichkeitsschutz in einem Wohncontainer bietet. Außerdem erfolgt eine Betreuung durch Sozialarbeiter, die bei der Bewältigung unumgänglicher Maßnahmen wie Behördengängen oder beim Aufsuchen einer Schuldnerberatung unterstützen.
  • Körperliche Voraussetzungen für die Rückkehr ins Arbeitsleben schaffen: Auch bei dieser Aufgabe sind ­Sozialeinrichtungen gefragt, um für die typischerweise nicht krankenversicherte Klientel Arztgänge zu organisieren, damit sie einen für die Rückkehr ins Arbeitsleben ausreichenden Gesundheitszustand erreichen.
  • Strukturiertes Arbeitsplatzkonzept: Bei der Steinberg Glas- und Gebäudereinigung findet die Wiedereingliederung ins Berufsleben in drei Phasen statt. Die ersten acht bis zehn Wochen werden die ­Neuen in einem größeren, mindestens mit sieben Reinigungskräften aus demselben Sprach- und Kulturraum besetzten Objekt eingesetzt. Die Landsleute übernehmen ihre Einarbeitung und können bei einem kurzfristigen Ausfall des Kollegen in dessen Arbeitsbereich einspringen. Wenn die ersten Anlaufschwierigkeiten überwunden sind und die neuen Mitarbeiter sich bewährt haben, erhalten sie eigenständige Aufgaben und haben dann auch die Möglichkeit, sich weiter hochzuarbeiten. So haben einige der im Unternehmen tätigen ehemaligen Obdachlosen längst die Schlüsselgewalt über die von ihnen betreuten Objekte und sind für diese verantwortlich.
  • Eine Vertrauensperson aus dem Obdachlosen-Milieu ­etablieren: In den ersten zwei bis drei Monaten komme es immer wieder zu Überraschungen. So erscheinen die aus der Obdachlosigkeit kommenden Mitarbeiter aus verschiedensten Gründen – oft haben sie mit Behörden zu tun – nicht zur Arbeit. Für jemanden, der ihre Situation weder kennt noch einschätzen kann, sei eine Bewertung der Ursachen nicht möglich. "Abgesehen davon würden wir als Gesprächspartner nicht ernst genommen", ergänzt Manuel Kienbaum. Daher hat er Fabian Stulgies schon früh zu einer Vertrauensperson für die ehemals obdachlosen Mitarbeiter gemacht. "Sie respektieren ihn, weil er selbst einer von ihnen war und daher ihre Lage beurteilen kann. Wenn etwas ansteht, können sie sich an ihn wenden. Und wenn er sagt, dass der Grund für das Wegbleiben – meist handelt es sich nur um einen Tag – stichhaltig ist, akzeptieren wir das." Außerdem ist Fabian Stulgies bei den Vorstellungsgesprächen dabei, um abzuschätzen, ob die Motivation der Bewerber, wieder in Lohn und Brot zurückzukehren, tatsächlich gegeben ist.
  • Persönliches Engagement der Unternehmensleitung: Für Manuel Kienbaum und seine Partnerin Wendy von Knorre ist das Unterfangen, obdachlosen Menschen die Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, ein echtes Herzensprojekt. "Wir möchten denen, die – aus welchen Gründen auch immer – auf der Straße gelandet sind, Selbstrespekt zurückgeben, sodass sie neuen Lebensmut schöpfen“, betonen beide unisono und fügen hinzu: „Wenn sich jemand zurückkämpfen möchte, kämpfen wir zusammen."

Wirtschaftlich und ­gesellschaftlich tragfähig

Auch wenn es unwahrscheinlich klingen mag, trägt sich nach Auskunft von ­Manuel Kienbaum das Resozialisierungsprojekt der Steinberg Glas- und Gebäude­reinigung. Wie erwähnt, schaffen von zehn Personen etwa vier dauerhaft den Wiedereinstieg. Der eine oder andere von ihnen gehe zwar später manchmal auch wieder in seinen früheren Beruf zurück, aber dennoch stehe außer Frage: "Egal, ob sie bei uns bleiben oder zu einem anderen Arbeitgeber wechseln: Aus ehemaligen Sozialhilfeempfängern sind Steuerzahler geworden", betont Manuel Kienbaum. Durch das Teilen seiner Projekterfahrungen mit ­anderen interessierten Gebäude­reinigern sieht er die Chance, die positiven gesellschaftlichen Effekte zu vervielfachen. "Wer mehr über das Konzept erfahren möchte, kann sich gerne mit mir in Verbindung setzen."

Was dem Betriebsleiter des Hamburger Glas- und Gebäudereinigungsbetriebs abschließend noch einmal wichtig ist: Der nachhaltige Erfolg des Resozialisierungsprojekts sei nur durch die gemeinsame Überzeugung und das aktive Engagement aller Beteiligten möglich. Ein besonderer Dank gelte dabei auch dem Inhaber Lars Endom. Er trägt nicht nur die sozialen ­Werte des Unternehmens mit, sondern unterstützt auch das Projekt von Beginn an.

Auf Manuel Kienbaum und Fabian Stulgies wartet übrigens eine neue Herausforderung. Seit Beginn des Resozialisierungsprojekts vor 16 Jahren haben die Sozialarbeiter nun erstmals eine Frau ­vermittelt.

Sabine Anton-Katzenbach | guenter.herkommer@holzmann-medien.de