Automatisierung in der Reinigung: Robotik als Systementscheidung

Rund 800 Reinigungsroboter, darunter allein 740 kompakte Saugroboter, hat ein in Deutschland und Österreich tätiger Dienstleister mittlerweile im Einsatz. ­Automatisierung ist damit zu einem strategischen Instrument geworden: nicht als Ersatz menschlicher Arbeit, sondern als strukturelle Ergänzung.

Unter anderem weitläufige Flure und Großraumbüros sind prädestiniert für den Einsatz von kompakten Saugrobotern. - © Dr. Sasse

Der wirtschaftliche Druck auf Gebäudedienstleister wächst seit Jahren. ­Steigende Lohnkosten, Fachkräftemangel, hohe körperliche Belastung in der Unterhaltsreinigung und zunehmende Dokumentationsanforderungen auf Kundenseite verschieben die Rahmenbedingungen spürbar. Ausschreibungen werden enger kalkuliert, gleichzeitig steigen Qualitäts- und Transparenzanforderungen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich für ­viele Unternehmen nicht mehr die Frage, ob Automatisierung sinnvoll ist, sondern wie sie strukturiert, wirtschaftlich und skalierbar in bestehende ­Geschäftsmodelle und -prozesse integriert werden kann. Und dabei geht es nicht um einzelne Pilotprojekte, sondern um eine strategische Systementscheidung. Entscheidend ist dabei ein systematisches Vorgehen: von der Erprobung über die Standardisierung bis hin zur Skalier­ung in unterschiedlichen Objekttypen. Ein Beispiel dafür liefert der Dienstleister Dr. Sasse.

Vom Pilotprojekt zur ­Flottenstrategie

Innerhalb der Unternehmensgruppe sind ­mittlerweile rund 800 Roboter im Einsatz. Darunter befinden sich rund 740 ­kompakte Nexaro-Saugroboter, deren Einsatzbereich bewusst definiert ist: Die Geräte unterstützen ausschließlich in Fluren und Großraumbüros von Büroimmobilien und sind dort konkret für Teppichflächen vorgesehen. Diese Fokussierung sei bewusst gewählt: Großflächige, repetitive und körperlich belastende Tätigkeiten gelten als besonders geeignet für den roboterge­stützten Einsatz.

Ein prägnanter Anwendungsfall ist ein großer Büro­komplex eines Halbleiterherstellers in Kärnten, ­Österreich. Nach einem ersten Test vor rund eineinhalb Jahren wurden dort Ende 2024 zunächst 50 ­Geräte implementiert. Mitte 2025 folgten weitere 50, zum Jahresende nochmals 50, womit heute insgesamt 150 Roboter in einem Objekt im Einsatz sind. Die schrittweise Skalierung verdeutlicht die Vorgehensweise aus Perspektive des Reinigungsdienstleisters: Testen, evaluieren, standardisieren und anschließend in die Fläche gehen. Michael Lackner, Robotics-Experte bei Dr. Sasse und Geschäftsführer von Sasse Österreich, sagt dazu: "Robotik wird bei uns nicht als Zusatz­lösung verstanden, sondern als struktureller Bestandteil unseres Geschäftsmodells."

Arbeitsteilung im ­Cobotic-Modell

Im operativen Einsatz übernimmt der Roboter, wie erwähnt, vor allem großflächige Teppichareale, die regelmäßig und mit gleichbleibender Qualität bearbeitet werden müssen. Der Einsatz ist zeitlich flexibel möglich, auch außerhalb klassischer Arbeitszeiten. Das Reinigungspersonal konzentriert sich im Gegenzug stärker auf Detailarbeiten, sensible Bereiche und Tätigkeiten oberhalb des Bodens. Ein Ansatz, der auch als Cobotic-Lösung bezeichnet wird, also das ­gezielte Zusammenspiel menschlicher und maschineller Fähigkeiten mit klar definierter Aufgabenverteilung. Neben der ergonomischen Entlastung spielt für den Dienstleister die Attraktivität der Arbeitsplätze ­eine tragende Rolle:

"Gerade das Enrichment der Berufsbilder hat einen erkennbaren Anteil daran, über attraktive Arbeitsplätze Mitarbeitende länger im Unternehmen zu halten", merkt Laura Sasse, die im Vorstand für die Bereiche Finanzen, KI und Digitalisierung zuständig ist, dazu an und ergänzt: "Mit der steigenden Anzahl an Robotern haben wir erkannt, dass für einen nachhaltigen und skalierbaren Betrieb eine klare Organisation erforderlich ist." Inzwischen wurde eine entsprechende Struktur mit einer eigenen Robotikabteilung aufgebaut, die eine koordinierte Betreuung, definierte Zuständigkeiten sowie eine bessere Integration der Robotik in die bestehenden Abläufe ermöglicht.

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    Rund 150 Saug­roboter hat Dr. Sasse allein in einem großen Objekt in Österreich zum Einsatz gebracht.
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    Im operativen Einsatz übernehmen die Saugroboter vor allem die Reinigung großflächiger ­Teppichareale.
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    "Mit der steigenden Anzahl an Robotern haben wir erkannt, dass für einen nachhaltigen und skalierbaren Betrieb eine klare Organisation erforderlich ist", sagt Laura Sasse, im Vorstand des Unternehmens für die Bereiche Finanzen, KI und Digitalisierung zuständig
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    Michael Lackner, Geschäftsführer von Dr. Sasse in Österreich, fügt hinzu: "Bei einer Flotte in der Größenordnung, wie wir sie bereits betreiben, ist die Integration sämtlicher Roboter über eine zentrale Steuerungsplatt­form unab­dingbar."
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    Unter anderem weitläufige Flure und Großraumbüros sind prädestiniert für den Einsatz von kompakten Saugrobotern.

Mit Unterstützung der Robotikabteilung werden Vorarbeiterinnen und Vorarbeiter gezielt befähigt, die Betreuung der Geräte vor Ort in den Objekten eigenständig zu organisieren und innerhalb ihrer Teams zu koordinieren. Durch die intensive Schulung der Mitarbeitenden können Wartung, Einsatzplanung und kleinere Anpassungen von ihnen heute direkt vor Ort durchgeführt werden, während die zentrale Robotik­abteilung bei technischen Fragen und weiterführenden Themen unterstützt.

Roboter werden bei Dr. Sasse, wie ­andere Arbeitsmittel, vollständig in die Prozessplanung integriert. Dabei finden Faktoren wie Wartungsintervalle, Einsatzrestriktionen oder Qualifikationsanforderungen systematisch Berücksichtigung. "Langfristig erwarten wir eine stärkere Verzahnung von technischem und integriertem Facility Management, da die Automatisierung beide Kompetenzbereiche enger zusammenführt", prognostiziert Laura Sasse. Damit verschiebe sich Robotik vom operativen Hilfsmittel hin zu einem strukturellen Element der Facility-Management-­Organisation.

Stabilität vor kurzfristiger Einsparung

Die Bewertung der Investition erfolgt differenziert. Rein rechnerisch ergibt sich laut Michael Lackner aus dem Verhältnis von Lebensdauer zu Einsatzzeit eine ­schwarze Null. Wirtschaftlich wirksam sind in seinen Augen vor allem Skaleneffekte bei größeren Stückzahlen sowie stabilisierte Prozesse. Statt unmittelbarer Nettoeinsparungen betont das Unternehmen vielmehr die Vermeidung indirekter Kosten: weniger Prozessunterbrechungen, Ausgleich krankheitsbedingter Ausfälle und eine höhere Planbarkeit der Leistungserbringung. Interne Messungen hätten zudem gezeigt, dass die eingesetzten Geräte im Vergleich zu herkömmlichen Staubsaugern eine deutlich höhere Feinstaubaufnahme erzielen; das Unternehmen spricht von einer "doppelt so effizienten" Leistung.

Zentrale Elemente der Robotik bei Sasse sind die digitale Steuerung und die Multivendor-Architektur. "Bei einer Flotte dieser Größenordnung ist die digitale Steuerung für uns zentral. Das Nexaro Hub dient als operative Plattform zur Einsatzplanung, Sichtbarmachung von Effizienz, Qualitätssicherung und Reporting", erklärt Michael Lackner. Auf übergeordneter Ebene werden Geräte und Software von insgesamt elf Herstellern in ein zentrales System integriert, in einzelnen Objekten kommen maximal zwei Hersteller parallel zum Einsatz. Als Integrationslösung nutzt das Unternehmen Toolsense, eine IoT-Plattform, die eine zentrale Übersicht bei gleichzeitiger dezentraler Steuerung der angebundenen Geräte ermöglicht.

Die Navigation der Saugroboter ist mittels Lasertechnologie und ohne bildgebende Kamera realisiert, die Datenverarbeitung erfolgt auf europäischen Servern. Damit werden alle datenschutzrechtlichen Anforderungen erfüllt.

Start nicht ohne ­Reibungsverluste

Die Robotik-First-Strategie von Sasse fußt auf einer strategischen Entscheidung, die intern nicht ohne Reibungen stattgefunden habe – die erste Phase sei sogar "ausgesprochen chaotisch" gewesen. ­Michael Lackner erinnert sich an die Anfänge der Lernkurve: "In einem Test in der Kantine eines Kunden versagte ein Gerät bereits nach kurzer Strecke, da polierte Edelstahloberflächen die Navigation störten." Entscheidend im Transformationsprozess sei letztlich die Bereitschaft gewesen, in Erkenntnisse zu investieren und Prozesse pragmatisch weiterzuentwickeln.

Setzt sich die aktuelle Wachstumsrate fort, plant das Unternehmen, die Zahl der eingesetzten Roboter jährlich zu verdoppeln. Als langfristige Zielmarke wird ein vollständig automatisiert gereinigtes Objekt bis 2030 genannt. Robotik werde jedenfalls nicht als kurzfristiges Effizienzprojekt verstanden, sondern als Bestandteil einer digitalen Gesamtstrategie mit organisatorischen, technologischen und kulturellen Auswirkungen.

Quelle: Dr. Sasse, Nexaro | guenter.herkommer@holzmann-medien.de