Die Themen Nachhaltigkeit und ESG-Berichterstattung gewinnen auch im Gebäudereiniger-Handwerk an Bedeutung. Mit der vom Bundesinnungsverband (BIV) initiierten Branchenlösung steht den Unternehmen nun ein praxisorientiertes Werkzeug zur Verfügung, das sie bei der systematischen Erfassung, Auswertung und Berichterstattung ihrer Nachhaltigkeitsaktivitäten unterstützt.

Ungeachtet der Tatsache, dass viele Dienstleister schon heute aus eigenem Antrieb Maßnahmen für Umwelt- und Ressourcenschutz umsetzen, wächst zunehmend der Druck durch gesetzliche Vorgaben und Kundenerwartungen. Damit geraten auch die Gebäudereiniger in Zugzwang – nicht nur wegen neuer Berichtspflichten wie der EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) und der dazugehörigen ESG-Standards (Umwelt, Soziales, rechtliche Anforderungen).
Selbst unter dem Eindruck der Omnibusverfahren der EU, die die Fristen und Schwellen teilweise deutlich verlängert beziehungsweise heraufgesetzt haben, sehen sich zahlreiche Unternehmen zum Handeln veranlasst: Da sind einerseits die steigenden Anforderungen von Banken oder Versicherungen, die die Vergabe von Krediten oder die Höhe von Zinssätzen beziehungsweise Prämien davon abhängig machen, ob ein wirksames Nachhaltigkeitsmanagement betrieben wird. Andererseits rücken auch intern Themen wie Ressourceneffizienz, CO2-Reduktion oder Arbeitgeberattraktivität und damit eine erfolgreiche Personalgewinnung stärker in den Fokus der Unternehmensleitung.
Nicht zuletzt mehren sich Vorgaben von Auftraggebern, die Nachweise zur Nachhaltigkeit eines Unternehmens, Daten zur Klimabilanzierung/CO2-Reduktion oder sogar konkrete Zertifikate oder Ratings fordern. In einer der jüngsten Konjunkturumfragen des BIV sahen sich bereits ein Drittel der befragten Betriebe mit einschlägigen Forderungen ihrer Kunden konfrontiert.
Dabei sind die Branchenunternehmen durchaus schon vielfältig nachhaltig aufgestellt; was fehlt, ist häufig die systematische Berichterstattung oder die Zertifizierung des Nachhaltigkeitsmanagements. Deshalb führen die Forderungen von Kunden, Banken, Versicherungen et cetera leider auch dazu, dass eine wahre Vielfalt von Nachweisen gefordert wird. Vor diesem Hintergrund formulierte der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV) vor rund einem Jahr das Ziel, seinen Mitgliedsunternehmen ein einheitliches Werkzeug zur Verfügung zu stellen, welches
- bei der Sammlung aller notwendigen Daten unterstützt,
- einen Katalog zum Abarbeiten bietet und
- bereits Vorschläge zu den diversen Themenbereichen des Nachhaltigkeitsmanagements konkret bezogen auf die Branche liefert.
Nachdem im ersten Schritt auch in Zusammenarbeit mit der Bundesvereinigung der Bauwirtschaft und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks verschiedene am Markt vorhandene Lösungen begutachtet worden waren, wählte der BIV für die Umsetzung des Vorhabens schließlich einen erfahrenen Partner, der zudem bereits Handwerkserfahrung in der Bauwirtschaft besitzt: die Unternehmensberatung fjol beziehungsweise die aus ihrer Arbeit entwickelte Softwareschmiede Leadity mit ihrem gleichnamigen Tool zur Nachhaltigkeitsberichterstattung.
In der Ursprungsfassung wird Leadity bereits von über 600 Unternehmen genutzt, darunter auch Gebäudedienstleister. Auf dieser Basis wurde in den zurückliegenden Monaten gemeinsam von den Projektpartnern die "Branchenlösung Gebäudereinigung" entwickelt. Neu daran ist der Einbezug branchenspezifischer Ausführungen zu allen ESG-Kriterien, aus denen sich die im Mittelpunkt für alles weitere stehende doppelte Wesentlichkeitsanalyse ergibt. Auch Chancen-Risiko-Analyse, Stakeholder-Identifikation und alle anderen für die Nachhaltigkeitsberichterstattung erforderlichen beziehungsweise üblichen Bereiche werden durch dieses neue Tool abgedeckt. Damit entsteht ein digitaler Nachhaltigkeitsmanager, der nicht nur bei der Berichtspflicht unterstützt, sondern auch als internes Steuerungsinstrument genutzt werden kann.
Der Branchenbezug ergab sich in acht ganztägigen Workshops, in denen eine Pilotgruppe aus den Reihen der BIV-Mitgliedsbetriebe diese Inhalte erarbeitet hat. Diese Pilotgruppe bestand aus Vertretern von Gebäudedienstleistern unterschiedlichster Größenordnung und Erfahrungshintergründe zur Berichterstattung. Das komprimierte Schwarmwissen sorgte am Ende für eine praxisnahe Umsetzung und hatte eine maximale Kosten- und Zeitersparnis bei den Anwendern der Branchenlösung zum Ziel.
Zentrale Funktionen des Branchentools
- Doppelte Wesentlichkeitsanalyse: Systematische Bewertung von Nachhaltigkeitsthemen, sowohl hinsichtlich der Auswirkungen der Geschäftstätigkeit als auch unternehmerischer Risiken.
- Datenpunktmanagement nach ESRS/VSME: Strukturierte Erfassung aller relevanten ESG-Daten.
- Ziele- und Maßnahmenplanung mit Indikatoren, Meilensteinen und Verantwortlichkeiten.
- KPI-Cockpit: Visualisierung zentraler Kennzahlen und Fortschritte sowohl für die interne Steuerung als auch für externe Kommunikation.
- Flexible Berichtsausgabe: Automatische Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten nach gängigen Standards (unter anderem nach CSRD, VSME, ZNU, GRI oder DNK; zukünftig auch nach EcoVadis und ISO 14001).
- Klimabilanzierung mit branchenspezifischen Emissionsfaktoren (in Vorbereitung): Erfassung und Auswertung der CO₂-Emissionen nach GHG-Protokoll inklusive spezifischer Umrechnungswerte für das Gebäudereiniger-Handwerk.
Besonderes Augenmerk auf Effizienz
Besonderes Augenmerk wurde bei der Entwicklung des Tools auf Effizienz gelegt. Denn viele Betriebe stehen vor der Herausforderung, dass Nachhaltigkeitsdaten in unterschiedlichen Abteilungen und Systemen liegen. Die neue Softwarelösung bündelt diese Informationen in einer zentralen Plattform. Vorgefüllt mit Hunderten branchenspezifischen Inhalten ermöglicht sie so einen schnellen, ressourcenschonenden Start und bringt konkrete Vorteile wie:
- bis zu 80 Prozent Zeitersparnis bei der Beantwortung von Kundenfragebögen und Nachhaltigkeitsratings wie EcoVadis;
- bis zu 50 Prozent geringere Personalkosten, da Daten nur einmal erfasst und mehrfach verwendet werden können;
- die automatisierte Berichterstellung liefert KI-gestützt Textvorschläge für bis zu 70 Prozent der Inhalte eines Nachhaltigkeitsberichts;
- nicht zuletzt bietet die Software auditsichere Nachweise in Form belastbarer, prüfungsfähiger Dokumente nach aktuellem Rechtsstand.
Als weiterer wesentlicher Baustein befindet sich zurzeit noch ein Modul zur Klimabilanzierung auf Basis des GHG-Protokolls in Arbeit. Das GHG-Protokoll (Green House Gas) gilt als der am weitesten verbreitete Standard zur Erstellung von Treibhausgasbilanzen. Dieses Modul wird in Kürze zur Verfügung stehen und eine große Datenbank an branchenbezogenen Inhalten aufweisen, die andernfalls aufwendig zusammengetragen werden müssten.
Messbarkeit und Transparenz
An der Pilotgruppe zur Erarbeitung der Branchenlösung für die ESG-Berichterstattung war unter anderem die gewa Gesellschaft für Gebäudedienste und Wartung mbH beziehungsweise deren Geschäftsführer Gesellschafter Stefan Thielen beteiligt. Sein Statement dazu:
"Nachhaltigkeit bedeutet Entwicklung hin zur Zukunftsfähigkeit. Und um eine solche Entwicklung erfolgreich zu gestalten, braucht es Messbarkeit und Transparenz. Mit Leadity lässt sich in unseren Augen die Basis dafür umfänglich und detailliert, aber vor allem auch effizient erarbeiten. Die nun zur Verfügung stehende Branchenlösung umfasst eine detailreiche und umfängliche Ausarbeitung der Wesentlichkeitsmatrix für die gängigen Geschäftsbereiche der Gebäudereinigung. Sie nimmt den Nutzern aufwendige Recherchen ab und reduziert den Arbeitsaufwand erheblich. Auch das automatische Clustering nach ESRS-Themen vermindert den bürokratischen Aufwand. Darüber hinaus stellt das zukünftig zur Verfügung stehende Modul zur Klimabilanzierung mit branchenspezifischer Datenbank gleichzeitig eine qualitativ hochwertigere Bilanzierung sicher. Vereinfacht wird nicht zuletzt das Sammeln der Daten: Jeder Datenpunkt kann über das Tool den zuständigen Bereichen zugewiesen werden und die Verantwortlichen geben ihre Daten direkt in die Software ein."
Zusammengefasst: Mit der exklusiven Branchenlösung des Bundesinnungsverbands steht nun ein digitales Nachhaltigkeitstool zur Verfügung, um regulatorische Vorgaben praxisnah, effizient und rechtssicher zu erfüllen. Damit verbunden ist auch die Hoffnung, dass – je mehr Mitgliedsunternehmen auf dieser Basis ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung und insbesondere auch ihre Klimabilanzierung vornehmen – sich diese Software zu einem Standard in der Branche entwickelt und somit vonseiten der Kunden auf die Forderung der diversen am Markt vorhandenen Labels oder individueller Sondervarianten verzichtet wird.
Als strategischen Partner für die Beratung und den Vertrieb der Branchenlösung hat der BIV die Zukunftsperspektive Bau gewählt – eine dem Zentralverband Deutsches Baugewerbe angeschlossene Beratungsgesellschaft, die ebenfalls maßgeblich an der Entwicklung und Umsetzung des digitalen Nachhaltigkeitsmanagers beteiligt war. Das Angebot der Zukunftsperspektive Bau umfasst ein kostenloses Erstgespräch mit individueller Standortanalyse des Unternehmens, konkreten nächsten Schritten für Effizienz, Compliance und Kostensenkung sowie den Einblick in die Branchenlösung zum Kennenlernen der Software. Anschließend erhalten die Interessenten auf Basis ihrer Daten ein entsprechendes Angebot (exklusiv für BIV-Mitglieder).
Christine Sudhop, BIV | guenter.herkommer@holzmann-medien.de
