Säuregraffiti erkennen und entfernen: Eine unsichtbare Gefahr

Säuregraffiti im öffentlichen Personennahverkehr verursacht nicht nur Schäden auf verschiedenen Oberflächen, sondern ist zudem äußerst gesundheitsschädlich sowohl für Fahrgäste als auch für das Reinigungspersonal. Wie man sich bei der Entfernung richtig schützt.

Graffiti in öffentlichen Bereichen sind nicht nur optisches Ärgernis, sondern können auch zur Gesundheitsgefahr werden, wenn dafür ätzende Tinten verwendet werden. - © bepsphoto – stock.adobe.com

Säuregraffiti ist eine aggressive Form des Vandalismus. Obwohl genaue Statistiken zu deren Verbreitung schwer zu erfassen sind, zeigen Berichte aus mehreren deutschen Großstädten – darunter Stuttgart, München, Hamburg und Berlin – eine Zunahme solcher Vorfälle in den öffentlichen Bereichen. Auch über die Landesgrenzen hinaus meldeten Metropolen wie Paris, London und Moskau in der Vergangenheit ähnliche Fälle.

Allein bei Berührung durch Fahrgäste oder Reinigungspersonal können Säuregraffiti durch Hautfeuchtigkeit reaktiviert werden, wodurch es zu schweren Verätzungen kommen kann. Im schlimmsten Fall handelt es sich dabei um die hochgiftige ­Flusssäure. Flusssäure ist farblos (sofern sie nicht mit Tinte gemischt wurde) und im getrockneten Zustand auch geruchlos. Besonders gefährlich ist, dass Flusssäure so zunächst unbemerkt durch die Haut tief ins Gewebe eindringen kann. So wird der Schmerz oft erst Stunden nach einem Kontakt wahrgenommen. Und während die Haut häufig unverletzt scheint, kann die Flusssäure im weiteren Verlauf den Stoffwechsel und innere Organe schwer schädigen. Je nach Menge und Konzentration wirkt sie schlimmstenfalls tödlich.

Normalerweise ist Flusssäure nur mit einer speziellen Berechtigung erhältlich, die den Umgang mit hochgefährlichen Chemikalien erlaubt. Darüber hinaus hat ihr Einsatz in der Graffitiszene normaler­weise einen schlechten Ruf. Die leichter zugänglichen Alternativen wie Rosttinte und Silbernitrat wirken sich aber meist ähnlich verheerend auf Oberflächen aus und stellen ebenfalls ein erhebliches Gesundheits­risiko dar. So können Rosttinten zu schweren Haut­irritationen und ebenfalls starken Verätzungen führen, da die meisten Rosttinten einen sehr hohen pH-Wert besitzen. Das Einatmen von Dämpfen, beispielsweise durch den Eintrag von Feuchtigkeit bei der Reinigung, kann zu Reizungen der Atemwege, Husten oder sogar zu schwereren Atemproblemen führen. Silbernitrat ist vor allem wegen seiner korrosiven Eigenschaften und der Tat­sache bekannt, dass es sich nur schwer mit herkömmlichen Reinigungsverfahren entfernen lässt. Von einigen Szene-­Herstellern sind Rost-, Silbernitrat- oder auch Bitumentinten bereits als fertige Produkte über den Handel oder in Onlineshops sehr einfach zu beziehen.

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    Diverse in der Graffitiszene verwendete Tinten im getrockneten Zustand. Eine optische Unterscheidung ist oft nur schwer möglich. Dies wird durch die vielen, im öffentlichen Raum vorkommenden, unterschiedlichen Untergründe noch erheblich erschwert.
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    Flusssäure kann bei Hautkontakt zu schweren Verätzungen führen.
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    Graffiti in öffentlichen Bereichen sind nicht nur optisches Ärgernis, sondern können auch zur Gesundheitsgefahr werden, wenn dafür ätzende Tinten verwendet werden.

Säuregraffiti erkennen und ­unterscheiden

Grundsätzlich sollten alle Verdachtsfälle mit Säuretinten ernst genommen und professionell behandelt werden. Eine optische Unterscheidung ist oft nur schwer möglich. Dies wird durch die vielen, im öffentlichen Raum vorkommenden und sehr unterschiedlichen Untergründe noch erheblich erschwert. Nachfolgend einige Merkmale und Schritte, die helfen können, Säuregraffiti zu erkennen:

  • Drippings (engl. für getropfte Malerei) beziehungsweise Laufnasen können ein Hinweis da­rauf sein, dass Zusätze wie Säuren oder Laugen zu Tinten hinzugefügt wurden. Die Tinten werden dadurch dünnflüssiger.
  • Auf Metalluntergründen können Säuregraffiti Verfärbungen und Rostspuren bis hin zu tiefen (Rost-)Ätzungen hervorrufen.
  • Eines der deutlichsten Anzeichen für Flusssäuregraffiti ist die Ätzung auf Glasoberflächen, was sich in einer trüben beziehungsweise milchigen Optik zeigt.
  • Tinte von Graffiti-Tags auf glatten Untergründen wie Glas, Metall oder Fliesen könnten mit ätzenden Flüssigkeiten gemischt sein, da Säuregraffiti vorwiegend auf diesen Untergründen vorkommen.
  • Häufig ist bei frischen Säuregraffiti ein stechender Geruch wahrzunehmen.
  • Auf porösem Untergrund wie Stein oder Beton kommen Säuregraffiti eher seltener vor. Wenn doch, können Hinweise auf Säuregraffiti als unregel­mäßige Vertiefungen oder als Verfärbungen erscheinen.
  • Eine schnelle, sichere und aussagekräftigere Möglichkeit der Identifizierung von Säuregraffiti ist die Bestimmung des pH-Wertes. Hierzu verwendet man idealerweise eine kontaktlose Beprobung, zum Beispiel mit Indikatorlösung oder einer Neutralisierungslösung mit Farbindikator.
  • Sollte sich der Verdacht durch die Messung des pH-Wertes konkretisieren, kann im nächsten Schritt die Prüfung auf Flusssäure mithilfe von Fluorid-Testpapier durchgeführt werden.

Vorgehensweise bei der Reinigung

Bei einem Verdacht auf Säuregraffiti ist es wichtig, keine direkte Berührung ohne angemessene Schutz­ausrüstung vorzunehmen. Ebenso sollte die Neu­tralisation oder Entfernung solcher Graffiti nur von geschultem Fachpersonal mit entsprechender Unterweisung durchgeführt werden, da die Neutralisierung zum Beispiel von Flusssäure spezielle Chemikalien (etwa Calciumgluconat-Gel bei Hautkontakt, Neu­tralisationsmittel für Oberflächen) und Verfahren erfordert. Die folgenden Schritte skizzieren grob einen Notfallplan, der dabei helfen soll, auf Säuregraffiti effektiv zu reagieren:

  • Absicherung des Gefahrenbereichs, um den Kontakt mit den ätzenden Substanzen zu vermeiden.
  • Beurteilung des Schadensausmaßes und der damit verbundenen Risiken.
  • Vorgesetzte/Fachbereich/Fachkraft informieren. Je nach Schwere des Vorfalls sollten die lokalen Sicherheitsbehörden informiert werden.
  • Für ausreichende Belüftung sorgen (bei frischen Säuregraffiti können ätzende Dämpfe entstehen).
  • Persönliche Schutzausrüstung anlegen. Dazu zählen chemikalienbeständige Anzüge/Handschuhe/Gummistiefel, Gesichts- und Atemschutz (Kombi­filter ABEK-P3) sowie ein spezielles Erste-Hilfe-Set für Flusssäureverletzungen.
  • Säuregraffiti mit speziellem Neutralisierungsmittel bis zur vollständigen Neutralisierung behandeln. Auffangen der dekontaminierten Lösung mit neu­tralisierendem Bindemittel.
  • Danach muss der Bereich gründlich gereinigt werden, um alle Rückstände zu entfernen.
  • Entsorgung – dies umfasst die sichere Sammlung, Verpackung und den Transport der durch Säuretinten kontaminierten Materialien zu einer zugelassenen ­Entsorgungseinrichtung.

Schulungen zum Umgang mit Säuregraffiti bietet zum Beispiel die RAL Gütegemeinschaft Anti-Graffiti e.V. (E-Mail: vorstand@anti-graffiti-verein.de) in Berlin an. Diese umfassen in der Regel sowohl theoretische Einheiten zu den Risiken und der Chemie von Säuren als auch praktische Übungen zum sicheren und effektiven Entfernen von Säuregraffiti.

Udo Ernst | guenter.herkommer@holzmann-medien.de

Udo Ernst - © privat

Udo Ernst

ist zweiter Vorsitzender der RAL Gütegemeinschaft ­Anti-Graffiti e.V. und führt für Graffiti-­Guard als Referent europaweit Schulungen und Beratungen durch.