Reinigungsdienstleister setzen zunehmend auf Robotik und KI, um ihre Services im Kundenauftrag noch effizienter zu gestalten. Vier Anbieter erläutern aus ihrer Praxis, wie es ihnen gelingt, die neuen Technologien auch in den eigenen Arbeitsalltag zu integrieren, wo neben Chancen die Herausforderungen liegen und welche aktuellen Trends, aber auch langfristigen Entwicklungen sie sehen.

Die digitale Transformation und die damit einhergehende Integration von künstlicher Intelligenz (KI) in Robotersysteme ebnen der Reinigungsbranche eine Vielzahl neuer Wege, um die Effizienz, Qualität, Sicherheit und Flexibilität ihrer Angebote zu verbessern und Innovationen voranzutreiben. Die befragten Vertreter von vier Gebäudedienstleistern sind sich dabei einig: Mensch und Maschine verstehen sich als Team. Nicht Ersatz des Personals, sondern dessen Entlastung durch KI-gestützte, kollaborierende Robotik bei monotonen, wiederkehrenden Arbeiten ist das Gebot der Stunde – für noch mehr Produktivität und als eine Antwort auf den Fachkräftemangel.
Status quo der Digitalisierung
"Gefragt sind auf die Reinigungsbranche spezialisierte Lösungen in Form einer Reinigungsmanagementsoftware, um die Arbeiten besser planen, Reinigungsfortschritte und -geräte sowie die Einhaltung der Arbeitszeiten effizienter überwachen und steuern zu können", sagt Tanja Čujić-Koch, Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Cujic Gebäudedienste, Berlin. Dies gelte auch für die Optimierung der jeweiligen Prozesse. So wie IoT-Sensoren und -Geräte im Gebäude in Echtzeit Daten zu verschiedenen Aspekten der Gebäudeleistung wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Energieverbrauch liefern können, helfen sie auch dabei, den Reinigungsbedarf zu erkennen. Diese Daten können analysiert und genutzt werden, um Entscheidungen zum Optimieren der Gebäudeleistung, aber auch einzelner Abläufe zu treffen. Große Unternehmen hätten diese Technologien bereits in ihren Gebäuden verbaut.
Zu nennen seien zudem Smart Cleaning Devices, der Einsatz intelligenter Reinigungsgeräte wie Staubsaugerroboter, die über Apps gesteuert werden. Auch Predictive Maintenance sei ein Thema: Mittels KI lassen sich durch die Analyse von Sensordaten der Wartungsbedarf vorhersagen, der Reinigungsbedarf erkennen, Reinigungsarbeiten besser planen beziehungsweise Reinigungspläne optimieren und Ausfallzeiten minimieren. Generell seien mobile Anwendungen wie Apps für die Inspektion und Qualitätskontrolle, aber auch die Analyse von Sprachdaten und Bildern zur Mängelbehebung mittels KI vorstellbar. Mehrsprachige Apps erlauben eine barrierefreie Kommunikation. "Schon bald wird es kein deutschsprachiges Reinigungspersonal mehr geben", ist sich Tanja Čujić-Koch sicher.
Auch Frank Mannefeld, Leiter Finanzen und IT bei HD Kottmeyer Gebäudedienste, Harsewinkel/Münsterland , betont, dass Robotik und Digitalisierung immer mehr im Fokus stehen, wie zuletzt die CMS Berlin, die internationale Leitmesse für Reinigung und Hygiene, zeigte. "Der Einsatz von Robotik in Form von Saugrobotern ist stark kunden- und objektabhängig, zum Beispiel in Einkaufszentren, Hotels oder Großraumbüros. Generell wird Robotik auf großen Flächen wie in Fluren, etwa im Bürobereich, eingesetzt." Problem bei abschließbaren Büros seien jedoch die Türen, an denen Roboter nicht vorbeikommen. "Es ist sogar möglich, von vornherein Sperrzonen zu programmieren, weil dort Kabel liegen. Diese sind dann für die Roboter tabu."
Für den Fachmann beginne Digitalisierung bereits "at home", bei den internen Prozessen und im administrativen Bereich, gesteuert durch die hausinterne IT-Abteilung, und insbesondere beim mobilen Arbeiten. Großer Vorteil hierbei: Etwa im Krankheitsfall könne jeder ortsunabhängig und zentral auf Vorgänge zugreifen. Hierbei ebenfalls zu nennen seien das papierlose Büro, Tablets für alle Mitarbeitenden mit Außenkontakt, Zeiterfassung weg von Dienstplänen auf Papier hin zum scanbaren QR-Code oder zu entsprechenden Terminals beim Kunden.
Über ein mit der Zeiterfassung verbundenes Chatmodul sei es auch möglich, Nachrichten zu verschicken – und dies sogar DSGVO-konform mit Simultan-Sprachübersetzer. So könne eine Frage auf Polnisch gestellt, in Deutsch beantwortet und auf Polnisch rückgekoppelt werden. So ließen sich Sprachbarrieren umschiffen und Missverständnisse vermeiden. Eine weitere Arbeitserleichterung bestehe seit 2017 im Dokumentenmanagement, wobei über Volltextsuche auf ganz unterschiedliche Dokumente wie Rechnungen, verknüpft mit einem bestimmten Auftrag, zugegriffen werden könne. Digitalisierung bedeutet für Mannefeld auch, Kunden über eine App Zugang zu Auswertungen, etwa die Häufigkeit und Dauer von Reinigungsvorgängen, zu liefern. Oder ihnen zu ermöglichen, über ein Ticketsystem Kontakt aufzunehmen. Gebündelte, gut aufbereitete Informationen zu liefern, sei für HD Kottmeyer ein Mehrwert im Wettbewerb.
Einen anderen Blick wirft Dr. Laura Sasse, Vorstand Finance/Digital bei Dr. Sasse, München, auf den Status quo. Der Begriff der Digitalisierung sei als Stichwort im Alltag lebendiger als das, wofür er steht – oder stehen sollte. "Die Lebenswirklichkeit zeigt, dass wir gerade erst am Anfang stehen. Wenn Behörden Formulare ins Internet stellen, ich sie aber herunterladen, bearbeiten und analog retournieren muss, fehlt es noch meilenweit zur digitalen Verwaltung", so die Expertin. "Aber auch in unseren betrieblichen Abläufen bremsen uns analoge Prozesse: Regiezettel von Kunden, die händisch ausgefüllt werden müssen, oder Rechnungen von Lieferanten, die mit Briefpost bei uns eingehen. Das sind keine Signale dafür, dass Deutschland und Digitalisierung viel mehr miteinander haben als das D am Anfang."
Wie Markus Zwingel, Chief Digital Officer (CDO) und Mitglied der Geschäftsführung bei Moritz Fürst, Nürnberg, ausführt, geht es darum, "unseren Kunden durch Digitalisierung Mehrwerte zu bieten. Uns macht vor allem besondere Nähe zu den Kunden aus. Durch Digitalisierung unserer Prozesse können wir die Zeit bei ihnen besser nutzen. Wir sind trotzdem vor Ort, verschwenden die wertvolle Zeit aber nicht mit Papierkram, sondern widmen uns voll und ganz den Kundenbedürfnissen."
Software und Tools im täglichen Einsatz
Dr. Laura Sasse positioniert sich eindeutig: "Wo auch immer uns die Tools zur Verfügung stehen und unseren Anforderungen entsprechen, gehen wir den digitalen Weg. Wir streben dabei nach Ganzheitlichkeit, sind aber an den Schnittstellen noch von externen Faktoren abhängig." Konkret heiße das: "In Operations erfolgen die komplette Leistungssteuerung und Qualitätssicherung durch unsere Sasse Service App, zu der auch unsere Kunden Zugang haben. Bei der eingesetzten Technik nutzen wir, was Robotics und Sensorik an Effizienz- und Qualitätsgewinn hergeben. Im Rechnungswesen haben wir einen digitalen 'Order to Cash'-Prozess aufgesetzt. Im Vertrieb erlaubt es uns der Einsatz digitaler Tools, Kundengruppen präziser anzusprechen. Gleichzeitig erhalten wir genauere Infos über Bauvorhaben, Geschäftsberichte von Kunden und Nutzungsverhalten. Daraus können wir zielgerichtet ableiten, wo Kunden weiteren Bedarf haben und Ausschreibungen anstehen.“
Beim Marketing sei Dr. Sasse auf Social Media vertreten und erprobe die Anfänge von KI. "Bei der innerbetrieblichen Kommunikation und beim Wissenstransfer nutzen wir den digitalen Vorteil beim Verteilen, der sich nicht nur mit höherer Geschwindigkeit auf der Zeitebene abspielt, sondern auch mit umfassenden Inhalten bei der Wahrnehmungsqualität." Mit Blick auf das E-Learning habe das Unternehmen sein Akademieprogramm reorganisiert und digital ergänzt, "wodurch wir mehr Mitarbeitende bei geringerem Aufwand an Reisezeit und -kosten erreichen", fasst Dr. Laura Sasse zusammen.
Für die Cujic Gebäudedienste sei es Ziel und Anspruch, alles in einer Gesamtlösung zu vereinen. "Es geht um Standardisierung, die weniger Insellösungen notwendig macht. Herzstück bei uns ist ein ERP-System für alle Prozesse inhouse in der Verwaltung und rund um das Reinigungsgeschehen vor Ort bei den Kunden. Werden dennoch Insellösungen – spezielle Apps, etwa für die Zeiterfassung – notwendig, sind reibungslos funktionierende Schnittstellen entscheidend, um Anwendungen und Systeme in das zentrale ERP-System zu integrieren und Geschäftsprozesse zu automatisieren“, erklärt Tanja Čujić-Koch .
Auch Frank Mannefeld sieht die Vorteile ganz klar in einer Gesamtlösung, einem ERP-System, in diesem Fall Microsoft Dynamics 365 Business Central, um alle Kernprozesse rund um die Buchhaltung und Auftragsbearbeitung optimal zu steuern, mit Schnittstellen etwa zur Zeiterfassung und Lohnbuchhaltung. "Es gibt jedoch zunehmend Apps für spezielle Anwendungen, die als Insellösungen wie Satelliten um die Gesamtlösung kreisen, was die Sache aber nicht einfacher macht."
Was das zentrale ERP-System betrifft, arbeitet auch das Unternehmen Moritz Fürst mit Microsoft Dynamics 365 Business Central als zentralem System, unterstützt durch eine eigene IT-Abteilung. "Die kaufmännischen Mitarbeitenden nutzen“, sagt Markus Zwingel , "Microsoft 365 für alle Officeanwendungen, Microsoft Teams für die Kollaboration und Microsoft Viva Engage für Information und abteilungsübergreifenden Austausch – zugleich ein Kanal für Resonanzen wie Likes oder Kommentare." Daraus ließen sich Maßnahmen ableiten bezüglich der Frage: "Was interessiert und beschäftigt unsere Mitarbeitenden?" Ein sharepointbasiertes Intranet ("Fürst-Net") erlaube es, sämtliche arbeitsrelevanten Inhalte bereitzustellen.
"Alle Mitarbeitenden sind mit Laptop und Dockingstation ausgestattet, teilweise sogar mit Tablet und Diensthandy. Somit können wir schnell und unkompliziert den Arbeitsplatz wechseln, weshalb mobiles Arbeiten im kaufmännischen Bereich kein Problem ist", führt Markus Zwingel weiter aus. Bei den gewerblichen Mitarbeitenden komme das digitale Zeiterfassungssystem Blink Time zum Einsatz. "Unsere Objekt- und Abschnittsleiterinnen verfügen über Tablet und Smartphone, die Materialbestellung, Personal- und Urlaubsplanung erfolgen per App." Ebenfalls per App gehe die digitale Verwaltung des Maschinenparks vonstatten, was die Inventurmöglichkeit, Reparaturaufträge und das Abrufen von Anleitungen erleichtere.
Die Sichtbarkeit nach außen stelle der Firmenauftritt auf allen relevanten Social-Media-Plattformen wie LinkedIn, Facebook, Instagram, TikTok und YouTube sicher. "Dabei setzen wir auch vermehrt auf digitalen audiovisuellen Content", ergänzt Markus Zwingel. Und nicht zu vergessen das Marketing: "Auch wir nutzen inzwischen KI zur Unterstützung beim Generieren von Texten und Bildern."
Implementierung von KI
Für Tanja Čujić-Koch stellt KI ein zunehmend wichtiges Branchenthema dar, um die Digitalisierung voranzubringen. Bei KI gehe es vor allem um Schnelligkeit, die jedoch mit Komplexität verbunden sei. "Heutzutage sind Reinigungsroboter KI-gesteuert. Sie sind in der Lage, Räume zu kartografieren und effiziente Reinigungswege zu planen, um die gesamte Fläche abzudecken. Und sie können Hindernisse wie Möbel oder Kabel umfahren", erläutert die Fachfrau. Zudem seien sie imstande, automatisch Flecken zu erkennen und diese sogleich zu entfernen. Als gewinnbringend habe es sich erwiesen, bei relevanten Themen im Gespräch mit den Mitbewerbern zu bleiben, schließlich machten alle ähnliche Erfahrungen. Ein probates Mittel sei der Austausch über Branchenverbände, da sie nicht nur als Interessenvertreter fungierten, sondern auch eine wichtige Bündelungsfunktion einnähmen. Speziell denkt Tanja Čujić-Koch an den Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV), in dessen Vorstand sie Mitglied ist.
Für Dr. Sasse werde die Kommunikation mit ihren Mitarbeitenden durch KI grundlegend vereinfacht. "Bei uns arbeiten Menschen aus einer Vielzahl von Ländern. Früher waren Übersetzungen sehr teuer und aufwendig, heute erfolgt das mit ChatGPT in Sekundenschnelle und auf einem sprachlich sehr guten Niveau", so die Erfahrung von Dr. Laura Sasse. "Zudem unternehmen wir erste Versuche, unsere Vertriebskonzepte und Kundenpräsentationen mit KI weiterzuentwickeln. Darin fließt auch der Effizienzgewinn aus dem Wissensmanagement ein, sodass wir Zeit und Ressourcen sparen. Hier stoßen wir allerdings an Grenzen, weil wir unsere Konzepte nicht mit einem offenen Markt teilen und für den Wettbewerb transparent werden wollen." Darum setze Dr. Sasse auf Closed AI.
"In der betrieblichen Praxis werden wir bald Flotten von Robotern auf Großflächen betreiben, beispielsweise an Flughäfen oder in Logistikzentren, deren intelligente Steuerung durch KI erfolgt" Das wäre dann wirklich autonomes Fahren, da die KI weitgehend die bisherige Steuerung durch den Menschen ersetzt. "Auch im Rechnungswesen sehen wir gute Perspektiven für KI, zum Beispiel im Controlling", sagt Dr. Laura Sasse. Dem Personalrecruiting eröffne KI ebenfalls neue, maßgeschneiderte Möglichkeiten, Stichwort Tailored Job Advertisements.
Einen weiteren Aspekt bringt Markus Zwingel ins Gespräch. So nutze die interne IT-Abteilung beispielsweise eine KI-basierte Softwarelösung für mehr Cybersicherheit. Und was das Thema Security betrifft: "Über unseren Sicherheitsdienst setzen wir Drohnen ein, um Gelände zu überwachen, aber auch fremde Drohnen abzuwehren und Alleinarbeitsplätze abzusichern.“ Für Empfangsdienste kämen Roboter ebenfalls bereits zum Einsatz.
Um mit KI nutzbringend zu arbeiten, komme es, so Frank Mannefeld, nicht nur auf die Größe, sondern auch auf die Zusammensetzung der Objekte an. Unikliniken wären hier beispielhaft zu nennen. In diesem Segment sei HD Kottmeyer jedoch schwerpunktmäßig nicht unterwegs.
Wo der Schuh drückt
Gefragt nach den Hürden hebt Tanja Čujić-Koch hervor: "Zu nennen sind hier die Investitionskosten, die durch die Einführung digitaler Technologien sowohl im Software- als auch im Hardwarebereich entstehen." Auch immer wiederkehrende Schulungen seien ein nicht unerheblicher Kostenblock. "Zudem besteht ein hoher Speicherplatzbedarf – auf eigenen Servern wie auch ausgelagert in der Cloud." Unterstützt werde das Unternehmen durch einen externen IT-Dienstleister. Ein wichtiges und gleichermaßen sensibles Thema seien die Sicherheit personenbezogener Daten und die Datenschutzkonformität gemäß DSGVO.
Was das Zwischenmenschliche angehe, gebe es Widerstand gegen alles Neue, ein Dauerbrenner bei allen befragten Unternehmen: "Um Vorbehalte gegenüber der Cobotic – der KI-gestützten, kollaborierenden Robotik – und Angst vor Arbeitsplatzverlust abzubauen, haben sich persönliche Gespräche mit den Mitarbeitenden bewährt", weiß Tanja Čujić-Koch aus ihrer Praxis. Gehe es doch darum, den Robotern große Bodenflächen zu überlassen und die Fachkräfte mit komplexeren Arbeiten zu betrauen. Selbst wenn es zeitaufwendig sei, gelte: Persönliches Gespräch first, auch seitens der Objektleiter, und keine standardisierten Materialien, um Fragen zu beantworten und Skepsis zu begegnen. Klare Kommunikation im Sinne von Glaubwürdigkeit habe sich immer bewährt. Der Lohn der Mühe: Mehr Motivation und weniger Fluktuation, vor allem junger Leute. "Reinigung ist nun einmal Vertrauenssache, da ist Personalstabilität wichtig."
Auch Frank Mannefeld bestätigt, dass es ganz wichtig sei, diejenigen Mitarbeitenden, die vor Ort arbeiten, bezüglich der Vorteile einer Applösung abzuholen. Häufig lehnten sie Neuerungen ab, und oft gingen damit Assoziationen wie Überwachung – Stichwort Arbeitgeber-App auf dem privaten Handy – einher. "Es handelt sich hier um ein Kommunikationsthema, die entscheidenden Multiplikatoren sind auch für mich die Objektleiter, die ihre Mitarbeitenden im besten Falle mitziehen." Bei Bedarf sieht es der Leiter Finanzen und IT als seine Aufgabe, zum Kunden mitzugehen, selbst die App zu erklären und bei allen Beteiligten für mehr Offenheit zu werben.
Markus Zwingel stimmt mit den anderen Unternehmensvertretern darin überein, dass es sowohl intensiver Kommunikation bedürfe, um die Mitarbeitenden von neuer Software und dem Umgang mit neuen Geräten zu überzeugen, zum Beispiel in Workshops, als auch hoher Empathie beim Begleiten auf neuen Wegen und viel Wissensvermittlung in der Handhabung neuer Tools. Großen Wert lege sein Unternehmen auf die Entscheidungsfindung gemeinsam mit den Mitarbeitenden, denn "wer Tools nutzt, soll mitentscheiden dürfen". Vor allem im Bereich der Gebäudereinigung sei ein hohes Maß an Aufklärung gefragt darüber, dass Roboter die Mitarbeitenden unterstützen, nicht ersetzen sollen. Eine weitere Hürde sieht auch Zwingel in der Netzanbindung, die nicht immer unterbrechungsfrei laufe, was letztlich bedeute: "Lösungen müssen ebenso offline funktionieren."
Nicht alle Mitarbeitenden seien auf dem digitalen Weg gleich schnell unterwegs oder aufgrund ihrer Ausbildung auf die Nutzung digitaler Tools vorbereitet, ist sich Dr. Laura Sasse bewusst. "Wir sind die ersten Schritte vor Jahren daher sorgsam gegangen, haben genau beobachtet und Erfahrungen unmittelbar umgesetzt. Digitalisierung glaubwürdig zu gestalten und zu kommunizieren, ist eine der wichtigsten Führungsaufgaben unserer Zeit." Dessen seien sich alle, die im Unternehmen und in den einzelnen Teams die Verantwortung tragen, bewusst. Genauso wie der Tatsache, dass jeder hierbei investierte Euro ein Gewinn sei – auch wenn die Kosten, schon wegen des Tempos, deutlich zu Buche schlagen.
"Der Schuh drückt stets dort, wo sich kleine Steinchen in ihn hineinschleichen. Etwa dann, wenn es an zuverlässiger Netzverfügbarkeit mangelt. Wenn unsere Systeme und die eines Kunden erst harmonisiert werden müssen. Wenn sich Benchmarks als Idealvorstellung erweisen, weil sich die digitale Welt mit unterschiedlichen Tempi verändert. Oder wenn der Datenschutz verhindert, dass wir umwelt- und klimafreundlich arbeiten können, weil wir nicht wissen dürfen, was wir dringend wissen müssten" – Stichwort Anwenderverhalten in der Gebäudenutzung.
Wünschenswerte Veränderungen
Was Dr. Laura Sasse erkennbar umtreibt, ist das Dilemma mit dem Datenschutz. "Hier wünsche ich mir mehr politisches Realitätsbewusstsein und einen breiteren Verantwortungsspielraum für die handelnden Akteure." Umgekehrt müssten die Defizite dringend beseitigt werden, die das individuelle Verständnis für den verantwortungsbewussten Umgang mit den eigenen Daten kleinhalten beziehungsweise zu mangelndem Verständnis für Datensicherheit führen. "Wir haben heute in den Schulen Unterrichtseinheiten zu Verkehrssicherheit oder gesunder Ernährung – aber der Umgang mit Daten, die unser Leben massiv beeinflussen, findet meist nur auf freiwilliger Basis statt, was auch ihrem Stellenwert nicht gerecht wird. Für alles, wofür in der Lernphase junger Menschen keine Grundlage für selbstständiges, selbstbewusstes Handeln gelegt wird, werden sie im Berufsleben teuer bezahlen, in der Privatwirtschaft wie auch in der Verwaltung.“
Hieran anknüpfend wünscht sich Markus Zwingel mehr Fachkräfte, für die digitalisiertes Arbeiten – ebenso wie das verantwortungsvolle Umgehen mit Daten – Standard ist. "Eine bessere Vorbereitung darauf schon in frühen Jahren, zum Beispiel als Teil der schulischen Ausbildung, wäre absolut wünschenswert und in vielerlei Hinsicht von Vorteil."
Auf ihrer persönlichen Liste ganz oben stehen für Tanja Čujić-Koch zwei Wünsche: mehr Standardisierung und mehr Investitionen der Reinigungsindustrie in Forschung und Entwicklung (FuE). Würde mehr in FuE investiert, könnten die Preise von Robotern sinken. Auf der Wunschliste weit oben stehen zudem die verstärkte Integration nachhaltiger Technologien und Praktiken, mehr umweltfreundliche Reinigungsmittel, energieeffizientere Geräte und ressourcenschonendere Prozesse – und auch höhere Nutzerfreundlichkeit. "Bei aller Automatisierung heutzutage sollten wir die sozialen Auswirkungen nicht vergessen." Tanja Čujić-Kochs kühne Idee: Pro genutztem Roboter in die Sozialversicherung einzuzahlen, um die sozialen Systeme zu stärken. "Dies ist als gesamtgesellschaftliche Verantwortung von Unternehmern zu sehen."
Aus Sicht von Frank Mannefeld ist die mobile Bedienung des ERP-Systems auf den Betriebssystemen von Android und iOS nicht immer optimal, um Prozesse entsprechend auslagern zu können. Hierfür seien für bestimmte Anwendungen wieder Apps erforderlich. Wünschenswert wäre ein in Gänze papierloses Büro, was auch die Finanzbuchhaltung einschließe. Seine Beobachtung: Kleinere Reinigungsdienstleister kämen in Sachen Digitalisierung oft schneller voran als größere, zum Beispiel beim Thema digitale Zeiterfassung. Denn gerade in kleineren Unternehmen seien es die jungen Mitarbeitenden, die etwas wagen können und digitale Themen vorantreiben.
Ausblick auf die weiteren Entwicklungen
"KI spielt eine immer größere Rolle, zum Beispiel IoT-basierte Lösungen", ist sich Tanja Čujić-Koch sicher. Noch Zukunftsmusik sei Virtual Reality (VR). Eine VR-Brille könnte alle zu reinigenden Räumlichkeiten rot anzeigen. Ist eine Fläche sauber, wird sie grün angezeigt. "Was es dagegen schon gibt, sind Reinigungspläne, die über eine VR-Brille eingeblendet und dann abgelaufen werden." Dies diene der eigenen Kontrolle und der des Kunden. Smart wäre es, bei einzelnen Prozessen Energieverbräuche erfassen zu können, um Einsparungen zu realisieren.
Derzeit seien, ergänzt Frank Mannefeld, drei Viertel der Kunden digital angebunden – über Apps und ein Kundenportal. Was sein eigenes Unternehmen betrifft, laufe derzeit eine Testphase, in der durchgängig alle Mitarbeitenden mit Tablets ausgestattet werden sollen. "Auch soll das Bestellwesen für unsere Kunden, das derzeit noch nicht digital läuft, umgestellt werden, zum Beispiel mithilfe von Apps."
Für Markus Zwingel ist Robotik in der professionellen Gebäudereinigung ein aktuelles Thema, das weit in die Zukunft hineinreicht. "Als Dienstleister sind wir praktisch zur Digitalisierung getrieben, bedingt durch den Arbeitskräftemangel sowie den Preisdruck in unserer Branche." Zu nennen sei an dieser Stelle auch Sensorik in der Reinigung und insbesondere Cleaning-on-Demand. Dies bedeute, nur da zu reinigen, wo es gerade nötig ist – als ein Beitrag zur Ressourcenschonung.
Ihren Ausblick kleidet Dr. Laura Sasse in prägnante Worte. "Die rapide Entwicklung und Ausbreitung von generativer KI in allen Lebens- und Arbeitsbereichen werden die Digitalisierung, wie wir sie heute kennen, erscheinen lassen wie einen Cabrio-Ausflug verglichen mit einer Formel-1-Fahrt. Wir wissen nicht, wo die Entwicklung noch hingeht, aber wir wissen, sie wird rasend schnell sein." Es habe angefangen mit Übersetzungssoftware, jetzt entstünden ganze Videos und Filme mit KI.
Stellung im Markt
"Ich lege Wert auf eine gute Kommunikation mit den Marktteilnehmern", betont Tanja Čujić-Koch. Fakt sei, dass sich die Unternehmen nicht wesentlich voneinander unterscheiden, alle müssten sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen. "Ganz wichtig ist es heutzutage, immer up to date zu sein und die Wünsche von Kunden und Mitarbeitenden zu vereinen."
Konkret nennt Frank Mannefeld die digitale Zeiterfassung, die Anfang 2022 angelaufen ist, ein webbasiertes Ticketportal für Kunden, um Arbeitsabläufe zu optimieren, und die Pflege digitaler Personal- und Kundenakten. Hier sei sein Unternehmen in der Reinigungsbranche gut aufgestellt.
Dr. Laura Sasse glaubt nicht, "dass wir uns in diesen Punkten von unseren Wettbewerbern abheben. Wir hoffen aber, dass wir zu denen im Wettbewerb gehören, die gemeinsam mit ihren Kollegen die Zukunft gestalten werden. Wir verstehen uns als ein Mitglied im Team der innovativen Player am Markt. Ganz egal, ob sie regional oder international arbeiten."
"Bei Moritz Fürst ist das Thema Planung und Steuerung der digitalen Transformation ganz oben im Management verankert", streicht CDO Markus Zwingel heraus. Dadurch würden Chancen, aber auch Risiken der Digitalisierung frühzeitig erkannt und entsprechend in die unternehmensinterne Agenda eingebaut.
Fazit: Mitarbeitende ins Boot holen
Die fortschreitende Digitalisierung auch in der Reinigungsbranche bietet einen hohen Mehrwert, um Prozesse effizient und transparent zu gestalten – auf Basis eines ERP-Systems als möglichst standardisierter Gesamtlösung. Sie ist aber kein Selbstläufer. Auch wenn Routinetätigkeiten in Zukunft mehr und mehr digitalisiert und durch KI übernommen werden, gilt es – darin sind sich alle vier Unternehmen einig –, den Faktor Mensch nicht außer Acht zu lassen. Veränderungen können nur mit den Mitarbeitenden durchgesetzt werden, nicht gegen sie. Hier stehen die Dienstleister in der Pflicht, den ständigen persönlichen Austausch, auch mithilfe von mehrsprachigen Apps für eine barrierefreie Kommunikation, zu pflegen, um Vorbehalte ab- und Vertrauen aufzubauen. Schließlich dienen beispielsweise kollaborative Roboter, wie der Name schon sagt, der unterstützenden Zusammenarbeit.
Simone Bittner-Posavec, Maintext | markus.targiel@holzmann-medien.de