Eine Justizvollzugsanstalt (JVA) ist ein eigener Kosmos, in dem es für einen Gebäudereiniger jede Menge zu tun gibt. Allerdings werden die Unterhaltsreinigung und weitere Pflegeaufgaben hier von Insassen selbst durchgeführt. Sie werden vor Ort geschult, wodurch auch ihre beruflichen Chancen nach der Entlassung steigen. Eine Hamburger JVA ist nun einen weiteren Schritt in der marktorientierten Qualifizierung gegangen: Sie hat drei Häftlinge erfolgreich zum Objektleiter ausgebildet.

Mit dem Passieren der Hochsicherheitstore einer JVA betritt man eine eigene, autarke Welt. Hier gibt es alles, was auch in einem gemischten Gewerbegebiet zu finden ist: Werkstätten mit Sanitärräumen, eine Großküche mit angeschlossener Kantine, einen kleineren Gartenbaubetrieb, Wohnkomplexe, Büros. Diese Vielfalt ist eine Offenbarung für einen Gebäudereiniger, denn alle diese Bereiche müssen sauber gehalten werden. Allerdings erfolgen die Arbeiten nicht durch beauftragte Dienstleister, sondern werden von eigens ausgebildeten Häftlingen durchgeführt.
Die Hamburger JVA Billwerder hat dafür sogenannte qualifizierende Stellen geschaffen. Auf diesen werden zehn ausgewählte Insassen in wichtigen Modulen der Gebäudereinigung theoretisch und praktisch unterrichtet. Die Ausbildung umfasst die Glas-/Fensterreinigung, die Hart- und Teppichbodenpflege, die Sanitärreinigung sowie die Pflege von Außenanlagen.
Für jeden Themenbereich müssen die Häftlinge 160 Stunden büffeln und währenddessen ihre gewonnenen Kenntnisse im "Bau" unter Beweis stellen. Dabei folgen sie einem festen Plan, den der ausbildende Gebäudereinigermeister Michael Porath ausgearbeitet hat.
"Es gibt in unserem Universum genug zu tun. Wir führen beispielsweise drei Mal jährlich in allen Gebäudekomplexen eine Glasreinigung durch. Dabei muss das Team nicht nur zeigen, dass es selbst hoch gelegene Scheiben professionell abziehen und vergitterte Fenster reinigen kann. Die Auszubildenden müssen auch wirtschaftliches Denken beweisen und in wettbewerbsfähigem Tempo arbeiten", erklärt Michael Porath, der auch im Prüfungsausschuss der Hamburger Innung sitzt und Sachverständiger für das Gebäudereiniger-Handwerk ist.
Im selben zeitlichen Rhythmus erfolgt außerdem die Grundreinigung der Treppenhäuser, der Bodenbeläge sowie der Sanitärbereiche, zu denen Duschen, Toiletten und Umkleideräume gehören. Praktische Kenntnisse über die Pflege von Außenbereichen sind wiederum im Bereich der anstaltseigenen Garten- und Landschaftsbauer oder bei Schneefall und Glättebildung abgefordert. Dann sind Beete zu pflegen, Schnee zu räumen oder Sand zu streuen. In einem deutlich kürzeren Abstand erfolgt hingegen die Reinigung der Großküche. Weil Michael Porath der Hygiene einen besonders hohen Stellenwert einräumt und obwohl die anstaltseigene Großküche täglich sauber gemacht wird, rücken die Gebäudereiniger zwei Mal pro Woche zur Grundreinigung an.
Auszubildende sind hoch motiviert
Nach Durchlaufen der Ausbildungsmodule müssen die Auszubildenden über die Handwerkskammer Hamburg je eine fachtheoretische und eine fachpraktische Prüfung ablegen. "In der JVA stehen uns bei der Prüfung andere Möglichkeiten zur Verfügung. Da wir die Auszubildenden sehr intensiv betreuen, wissen wir deren Stärken und Schwächen einzuschätzen. So können wir beispielsweise anders auf Menschen mit Prüfungsängsten oder Rechtschreibschwächen eingehen und ihnen dadurch die Chance geben, zu bestehen", berichtet Michael Porath und ergänzt: "Im täglichen Miteinander haben die Insassen ja bereits bewiesen, dass sie die Praxis draufhaben. Außerdem sind unsere Auszubildenden hoch motiviert: Sie haben sich bei den Vorgesprächen im Berufsentwicklungszentrum bewusst für den Beruf des Gebäudereinigers entschieden und wollen ihn erlernen."
Nach Durchlaufen aller Module und bestandener Prüfung haben die ausgebildeten Insassen die Möglichkeit, eine von zwei qualifizierten Arbeiterstellen anzunehmen. Dann arbeiten sie eigenständig in bestimmten Bereichen der JVA – und zwar bis zu ihrer Entlassung. Danach steht ihnen beispielsweise die Möglichkeit einer Vollausbildung offen, bei der sie lediglich das zweite und dritte Lehrjahr durchlaufen müssen. Sie können aber auch direkt bei einem Gebäudereinigungsbetrieb einsteigen.
"Für diesen Beruf stehe ich gerne jeden Tag auf"
Nino R. (Name von der Redaktion geändert) verbüßt in der JVA Billwerder eine zweijährige Haftstrafe. Im August 2023 hat er als einer der Ersten überhaupt die Qualifizierung zum Objektleiter erfolgreich bestanden. Ende des Jahres wird er entlassen und hat klare Pläne für die Zukunft. Dazu muss allerdings die Ausländerbehörde mitspielen, denn bisher hat der in Deutschland geborene Nino R. keine Arbeitserlaubnis.
Herr R,. wie sind Sie auf den Beruf des Gebäudereinigers aufmerksam geworden?
Nino: R.: Ich wurde vom Berufsentwicklungszentrum der JVA angeworben. Vorher kannte ich die Gebäudereinigung nicht und war in einem anderen Qualifizierungsbereich. Dort hat es mir nicht gefallen – die Arbeit war langweilig.
Was gefällt Ihnen am Beruf des Gebäudereinigers?
Nino: R.: Die Arbeit ist abwechslungsreich, vielfältig, beschäftigt den Kopf und bringt täglich einen Lernerfolg. Deswegen ist der Beruf des Gebäudereinigers der erste, für den ich jeden Tag gerne aufstehe, denn er macht mir sehr viel Spaß.
Warum haben Sie sich für die Weiterbildung zum Objektleiter entschieden?
Nino: R.: Die Qualifizierung zum Objektleiter ist eine gute Grundlage für meine Zukunft. Nach meiner Entlassung möchte ich unbedingt die Vollausbildung zum Gebäudereiniger machen. Die Module, die ich hier durchlaufen habe, sind dafür ein guter Start.
Welche Aufgaben haben Sie als Objektleiter in der JVA?
Nino: R.: Wir Objektleiter haben eine arbeitsvorbereitende Funktion. Wir besprechen beispielsweise die an einem Tag anstehenden Aufgaben und teilen dem Team die notwendigen Tätigkeiten zu. Damit es nicht zu Reibereien kommt, versuchen wir, die Arbeiten fair aufzuteilen. Da wir in der Qualifizierung außerdem die Leistungen eines Gebäudereinigers kalkulieren mussten, behalten wir nicht nur die fachliche Ausführung der Arbeiten, sondern auch die Einhaltung von Zeitvorgaben im Blick.
Was ist Ihr langfristiges Ziel?
Nino: R.: Wenn ich meine Vollausbildung abgeschlossen habe, kann ich mir eine Selbstständigkeit in der Branche vorstellen.
Für beide Optionen hat Michael Porath ein Netzwerk von Hamburger Gebäudereinigungsunternehmen aufgebaut. Diese bieten Entlassenen mit einem Arbeits- oder Ausbildungsvertrag die Chance auf einen Neuanfang in der Freiheit. Mit dem Erfolg der Resozialisierung ist Michael Porath zufrieden: Auch wenn nicht jeder den Absprung schafft, bekommt er immer wieder Nachrichten, dass die ehemaligen Häftlinge "draußen" Anschluss gefunden haben. Bei dieser positiven Bilanz strahlt er übers ganze Gesicht, denn es ist ihm gelungen, was er selbst lebt: Er ist Gebäudereiniger mit Herz und Seele.
Weiterbildung zum Objektleiter verbessert Zukunftsperspektive
Dass er für die Arbeit im Knast seine Selbstständigkeit an den Nagel gehängt hat, bereut Michael Porath keine Sekunde. Als ehemaliger freiberuflicher Ausbilder in der JVA Uelzen und Kung-Fu-Lehrer im eigenen Verein wusste er, was auf ihn zukommt – und dass ihm das Unterrichten im Blut liegt. Trotzdem gibt es Unterschiede zwischen einer Ausbildung "drinnen" und "draußen". So hat er es im Gefängnis ausschließlich mit erwachsenen Umschülern zu tun. Sie wollen die ihnen gebotene Möglichkeit zur beruflichen Qualifizierung nutzen, weil sie ihnen eine Zukunftsperspektive bietet. Dabei unterliegen sie nicht dem wirtschaftlichen Zwang des Geldverdienens, denn eine Inhaftierung bedeutet Vollversorgung. Ein weiterer Vorteil ist, dass es in einer JVA keine Ablenkung durch digitale Angebote gibt. Deshalb können sich die Auszubildenden auf den unterrichteten Stoff konzentrieren.
Auf Initiative von Michael Porath und dem Berufsschullehrer der Anstalt hat die JVA Billwerder seit Neuestem ein weiteres Ausbildungsmodul, das in dieser Form einmalig ist: Interessierte, die bereits die Vorqualifizierung in der Gebäudereinigung abgeschlossen haben, können sich zum Objektleiter weiterbilden. "Der Bedarf in der Branche ist hoch. Mit einer entsprechenden fachlichen Ausbildung steigen nach Verbüßung der Haftstrafe die Chancen auf eine feste und gut bezahlte Anstellung", erläutert Michael Porath die Hintergründe und geht weiter ins Detail: "Die Grundlagen vermitteln wir entsprechend unserem Rahmenlehrplan in 200 Unterrichtsstunden. Diese Zeit brauchen wir, um die Prüflinge intensiv auf die Arbeit vorzubereiten, denn sie bringen nicht selten schulische Defizite mit. Das Erstellen von Kalkulationen oder Angeboten beginnt bei uns teilweise beim Auffrischen der Grundrechenarten. Außerdem üben wir Kunden-Lieferanten-Gespräche oder proben das Lösen von Konflikten innerhalb eines Teams. Und selbstverständlich werden alle fachlichen Themen unterrichtet."
Im August 2023 haben erstmals drei Häftlinge die Qualifizierung zum Objektleiter durchlaufen und die Prüfung beim Bundesinnungsverband erfolgreich bestanden. Dass sie die Ersten sind, die eine entsprechende Ausbildung haben, erfüllt sie nach Auskunft von Michael Porath mit Stolz. Er geht davon aus, dass sich auch zukünftig Kandidaten für die Weiterbildung melden. Die zehn Gebäudereinigungsunternehmen, mit denen er kooperiert, dürften sich freuen.
Sabine Anton-Katzenbach | guenter.herkommer@holzmann-medien.de
Ausbildung hinter Gittern: Über die JVA Billwerder
Die JVA Billwerder ist eine Anstalt des geschlossenen Vollzugs mit etwa 380 Bediensteten und 734 Haftplätzen. Davon werden 638 von erwachsenen männlichen Strafgefangenen mit Freiheitsstrafen bis zu zweieinhalb Jahren und männlichen Erwachsenen in Untersuchungshaft belegt. Außerdem stehen 96 Haftplätze für inhaftierte Frauen und weibliche Untersuchungsgefangene ab Jugendalter zur Verfügung.
Das anstaltseigene Projekt zur Eingliederung Strafgefangener umfasst etwa 530 Arbeits- und Qualifizierungsplätze. Dazu verfügt die JVA über eine Reihe eigener Betriebe, in denen unter anderem Arbeitsaufträge von außerhalb bearbeitet werden können. Das Ausbildungsprogramm zum Gebäudereiniger gibt es bereits seit dem Jahr 2007, im Jahr 2023 wurde es um die Ausbildung zum Objektleiter erweitert.