178 Tage Sommerfest, Blumenschau und Experimentierfeld: Noch bis zum 8. Oktober läuft die diesjährige Bundesgartenschau (BUGA) in Mannheim. Das Thema Nachhaltigkeit spielt auf der Großveranstaltung eine wichtige Rolle – unter anderem, was das Abfallmanagement auf dem über 100 Hektar großen Gelände betrifft.

15.000 Besucher pro Tag, 200 g Abfall pro Person, 534 t insgesamt: Mit diesen geschätzten Zahlen zum Abfallaufkommen arbeitet der Nachhaltigkeitsbericht der Bundesgartenschau Mannheim 2023 gGmbH. Er ist ein Novum in der 72-jährigen Geschichte der deutschen Gartenschauen und soll laut Michael Schnellbacher, Geschäftsführer der BUGA 23, "Beispiel und Experimentierfeld sein, um nachhaltige Standards auch für Großveranstaltungen zu setzen und zu erproben"“".
Die EMAS-Zertifizierung (EMAS steht für Eco Management and Audit Scheme) der BUGA 23 umfasst ein Umweltmanagement und eine Umweltbetriebsprüfung sowie die Erfassung und Bewertung direkter und indirekter Nachhaltigkeitsaspekte. Um die hier definierten Ziele zu erreichen, setzen die Veranstalter unter anderem auf ein Echtzeit-Monitoring – beim Strom- und Wasserverbrauch und auch beim Abfallaufkommen. Für Aussteller, Gastronomen, Veranstalter und Dienstleister lassen die strengen Vorgaben wenig Spielraum.
Alle Beteiligten müssen ihre Prozesse so gestalten, dass Verpackungsmüll, Energie- und Ressourcenverbrauch minimiert und Abfälle aus dem Backstage-Bereich getrennt entsorgt werden. Papierhandtücher aus dem Sanitärbereich werden in einem separaten Kreislaufsystem gesammelt. Ein hoher Anteil an Bioabfällen entsteht durch den Wechsel der Bepflanzung und die Pflege des Geländes – aber auch Transport- und Verpackungsmaterialien müssen von der „grünen Zunft“ eingespart beziehungsweise getrennt werden.
Entwickelt wurde das im Nachhaltigkeitskonzept festgeschriebene Abfallwirtschaftskonzept mit dem Kooperationspartner PreZero, einem international tätigen Umweltdienstleister. Grünabfälle, Speisereste aus der Gastronomie, Glas, Wertstoffe (zum Beispiel Verpackungsabfälle aus Kunststoff, Alu und Metall – „Gelber Sack“), Papier, Pappe und Kartonagen sowie Restabfall werden dabei getrennt erfasst. Sammelstellen für die verschiedenen Fraktionen sind entsprechende Container auf den zwei Betriebshöfen des BUGA-Geländes. Die Container verfügen über hydraulische Pressen, die den Inhalt verdichten und so dazu beitragen, die Transportwege und damit die CO2-Emissionen der Absetzkipper zu reduzieren.
Mit der Entleerungslogistik der über das Gelände verteilten Trennsysteme ist die Lieblang Gruppe beaufragt. Das 1951 gegründete Unternehmen mit Sitz in Mannheim ist Dienstleister rund um Reinigung, Sicherheit, Verpflegung und Begrünung und sorgte bereits 1975 bei der ersten Bundesgartenschau in der Quadratestadt professionell für ein sauberes Umfeld.
Nachhaltig kalkulieren
"Einen nachhaltigen Einsatz für eine 178-tägige Großveranstaltung zu kalkulieren, erfordert schon ein gewisses Out-of-the-Box-Denken", sagt Lieblang-Geschäftsführer Marius Gross. Um Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen, müssten gewohnte Abläufe hinterfragt werden: Wie ist das Gelände beschaffen? Mit welchen Fraktionen hat man es zu tun? Welche Wege können mit welchem Fahrzeug in welcher Zeit zurückgelegt werden? Wie groß ist die Ladekapazität eines Lastenrads? Wie können Energiekosten und Materialverbrauch geringgehalten werden?
Das Konzept sollte zudem nicht nur die konkreten Anforderungen an den Materialeinsatz berücksichtigen, sondern auch die Personalplanung transparent darstellen. "Wir haben die strukturierte Einsatzplanung bis ins Detail aufgeschlüsselt – vom Organigramm inklusive Kompetenzen, Verantwortlichkeiten, Funktionen und Kontaktdaten über den Umsetzungszeitplan bis zur Strategie bei kurzfristigen Personalausfällen", sagt Marius Gross.
Weitere Aspekte waren die Beschaffung der im Nachhaltigkeitskonzept vordefinierten Transportfahrzeuge mit Elektroantrieb, der Müllsäcke aus Recyclingmaterial und die Ausstattung des Personals. "Der Erfolg der Prestigeveranstaltung für die Stadt Mannheim, die Region und alle Beteiligten liegt uns am Herzen. Deshalb haben wir unter anderem unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eigens für den Einsatz mit Poloshirts im Farbspektrum der BUGA 23 ausgestattet und dem E-Transporter einen floralen Look verliehen“, ergänzt der Lieblang-Geschäftsführer.
Zwei Areale, zwei Teams
Eine Besonderheit der Bundesgartenschau in Mannheim ist, dass sich die Veranstaltung auf zwei Areale – den Luisenpark und das Spinelli-Gelände – mit unterschiedlichen Voraussetzungen verteilt. Beide Areale werden durch eine innerstädtische Hauptverkehrsachse und den Neckar getrennt. Die einzige direkte Verbindung ist eine Seilbahn, die nur für den Personentransport ausgelegt ist.
Der Luisenpark, Zentrum der BUGA 1975, ist ein bewirtschafteter Park mit vorhandener Infrastruktur. Zur Unterstützung des Stammpersonals stellt Lieblang hier zwei Mitarbeiter zur Verfügung. Diese arbeiten unabhängig von einem zweiten Team des Dienstleisters auf dem Spinelli-Gelände. Bei Letzterem handelt es sich um eine ehemalige Konversionsfläche der US Army, auf der noch Gebäude stehen, die für die BUGA 23 zunächst zwischengenutzt werden – unter anderem als Eingangsgebäude, für die Gastronomie und auch als Betriebshof – und erst im Rahmen der Nachnutzung abgerissen werden sollen.
Seit Mitte April beginnt auf dem Spinelli-Gelände jeweils pünktlich um 6 Uhr die dreistündige Schicht des dort tätigen Lieblang-Teams. Drei Mitarbeiter des Dienstleisters schieben dann ihre elektrifizierten Lastenräder durch die großen Eisentore, gefolgt von ihrem Kollegen im geräuschlos rollenden E-Transporter. Erste Station ihrer effizient strukturierten Route sind die sogenannten "Mr. Fill"-Hightech-Trennbehälter. Das Trio der solarbetriebenen Selbstpresscontainer in den Farben Blau (Papier/Kartonagen), Gelb (gemischte Verpackungen) und Grau (Restmüll) steht auf Spinelli insgesamt an zehn Standorten, im Luisenpark sind es fünf Standorte. Auf Spinelli werden zusätzlich 40 fest installierte Aluminium-Restmülltonnen geleert.
Luisa Schäfer, Teammanagerin für ganzheitliche Entsorgungskonzepte bei PreZero, erklärt das Prinzip der in Mannheim installierten Trennsysteme: "Sämtliche Behälter auf dem Gelände der BUGA sind mit Füllstandsensoren ausgestattet. Diese messen die Menge der eingeworfenen Abfälle und Wertstoffe durch die Besucher in Echtzeit und senden über das Smart-City-Manager-Portal entsprechende Signale an die jeweils zuständige Einheit. Die Kolleginnen und Kollegen können dann – quasi just in time – die Behälter zum idealen Zeitpunkt leeren lassen."
"Sensibilität für ökologisches Veranstaltungsmanagement ist stark gestiegen"
Frau Schäfer, lässt sich nach dem Start der BUGA 23 bereits etwas zum Abfallaufkommen sagen?
Luisa Schäfer: Noch können wir keine zuverlässige Prognose abgeben. Wir gehen allerdings davon aus, dass – gemessen an allen Fraktionen – die sogenannten gemischten Verpackungen vermutlich den größten Anteil ausmachen werden. Zudem hängt das Abfallaufkommen stark von der jeweiligen Besucherfrequenz ab. Diese wird wiederum stark vom Wetter beeinflusst.
Abfälle werden auf dem gesamten Gelände nach Fraktionen getrennt in smarten Behältern gesammelt. Wie geht es dann weiter?
Luisa Schäfer: Es ist grundsätzlich unser Anspruch, den Großteil der erfassten Materialien im Stoffkreislauf zu behalten. Die genannten gemischten Verpackungen etwa werden in hochtechnischen Sortieranlagen zu sortenreinen Fraktionen verarbeitet und finden anschließend als Sekundärrohstoffe Verwendung bei der Herstellung neuer Produkte.
Das gesammelte Altpapier ist ein gesuchter Rohstoff für die Papierindustrie und trägt damit auch zum Schutz unserer strapazierten Wälder bei. Auch die Restabfälle, die nicht stofflich verwertbar sind, werden nachhaltig genutzt und in Verbrennungsanlagen für die Produktion von Fernwärme, Prozessdampf oder Elektrizität eingesetzt.
Welche Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit für große Veranstaltungen wie der BUGA?
Luisa Schäfer: Die Gespräche mit unseren Kunden und Partnern aus dem Eventbereich zeigen, dass die Sensibilität für das ökologisch korrekte Management von großen Veranstaltungen stark gestiegen ist. Das gilt für alle Beteiligten – Organisatoren und Besucher. Für uns sind dabei vor allem zwei Aspekte wichtig: Zum einen sollen Abfälle grundsätzlich möglichst vermieden werden. Zum anderen soll Material, das dennoch anfällt, sortenrein gesammelt werden, um es anschließend bestmöglich zu recyceln.
PreZero hat dafür das langjährige Know-how und die gesamte Infrastruktur in einer Hand: Mit unserer Zero-Waste-Beratung unterstützen wir, indem wir individuelle Entsorgungskonzepte erarbeiten. Und mit über 30 eigenen Aufbereitungs-, Sortier- und Recyclinganlagen leisten wir tagtäglich einen wichtigen Beitrag zur Schonung endlicher natürlicher Ressourcen.
Die Energie für den Pressvorgang bezieht jeder Behälter über ein Solarmodul im Deckel. Über ein digitales Display an der Behälterfront bekommen sowohl die BUGA-Besucher als auch das Bedienpersonal stets den aktuellen Status angezeigt – etwa, wenn gerade Abfälle verpresst werden, was eine fünffach höhere Füllmenge ermöglicht.
Die Behälter für gemischte Verpackungen und Restmüll sind mit 75 µm starken Säcken aus umweltfreundlichem LDPE ausgestattet. PreZero nutzt diese Säcke, um am Umschlagplatz eine korrekte Sortierung sicherzustellen: Die farbliche Markierung signalisiert den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, welches Material sie gerade in der Hand haben. Der Inhalt der Papier-/Pappe-Tonne wird lediglich für den Transport zum Container in blaue Säcke umgefüllt.
Arbeitssicherheit wichtig
Obwohl die selbstverdichtenden Trennbehälter sowie die Presscontainer auf den Betriebshöfen über ausgeklügelte Sicherheitssysteme verfügen, kann es bei unsachgemäßer Handhabung zu Verletzungen kommen. Deshalb gab es im Vorfeld der Veranstaltung intensive Einweisungen, bei denen die Handhabung nicht nur demonstriert wurde, sondern auch ausprobiert werden konnte.
Bereits wenige Tage nach dem Start der BUGA 23 haben sich die Abläufe professionell eingespielt: In enger Abstimmung mit dem Kunden- und Objektbetreuer Mohammed Sharif sorgt der Teamleiter seither dafür, dass sich das Team Spinelli auf den Betriebshöfen und im Umgang mit der anfangs abenteuerlichen Stromversorgung der Presscontainer umsichtig verhält, das Materiallager stets gefüllt ist und Wartung, Reinigung sowie Rüstzeiten des eingesetzten Elektrofuhrparks wie am Schnürchen laufen.
Von der morgendlichen Hektik hinter den Kulissen bekommen die Besucher nichts mit. Wenn sich um 9 Uhr die Pforten des Haupteingangs öffnen, sind die Glasflaschen vom Vorabend verschwunden, alle Abfallbehälter und Aschenbecher geleert, sämtliche Flächen von Ascheresten und Verschmutzungen befreit und die Standorte rund um die Mülltonnen von herumliegenden Gegenständen gesäubert. Ein neuer Tag auf der nachhaltigen BUGA 23 kann beginnen.
Quelle: Lieblang Gruppe | guenter.herkommer@holzmann-medien.de
