„Viele von uns haben falsche Vorstellungen“
Zum Beitrag „ Noch nicht reif genug? “ (r ationell reinigen 5.2010, Seite 14 f.) erreichte uns folgender Leserbrief:
„In r ationell reinigen 5.2010 haben Sie unter der Überschrift Noch nicht reif genug? einen Artikel veröffentlicht, in dem sich die Betriebe über mangelnde Leistungsbereitschaft, Respektlosigkeit, fehlende Disziplin, schlechte Umgangsformen, fehlendes Interesse sowie schlechte schulische Leistungen der Jugendlichen beklagen. Es fehle nicht an Ausbildungsplätzen, sondern an geeigneten Bewerbern.
Die Klassen B2GR6 und B2GR3 der Gewerblichen Schule Metzingen haben den Artikel im Deutschunterricht besprochen und diskutiert. Wir glauben, dass viele Jugendliche aufgrund ihrer Ängste vor dem Versagen scheitern. Sie kommen mit schlechten Noten aus der Hauptschule und haben keine Lust, danach weiter zur Schule zu gehen. Sie haben oft wenig Respekt vor anderen Menschen, weil ihnen positive Autoritätspersonen in ihrer Umgebung fehlen.
Daheim bekommen viele Jugendliche wenig Unterstützung, da sich ihre Eltern nicht mit Ausbildung, Schulen und Bildungswegen auskennen und überfordert sind. Auch auf dem Arbeitsamt erfahren sie wenig, vor allem, was ihre schulischen Weiterbildungsmöglichkeiten betrifft. Als Hauptschüler sind sie abgestempelt und bekommen nur bestimmte Berufe angeboten, die sie nicht machen wollen. Deshalb gehen viele überhaupt nicht hin.
Wir schlagen deshalb vor, schon in der Hauptschule Abhilfe zu schaffen. Mit einem Unterrichtsfach, in dem wir die Realität kennen lernen, z.B. wie teuer die Miete ist und die Lebenshaltungskosten. Was kostet ein Auto monatlich und wie viel Geld frisst ein Handy? Welche Berufe können wir mit einem Hauptschulabschluss überhaupt machen? Wir sollten erfahren, was wir in den einzelnen Berufen verdienen. Viele von uns haben da ganz falsche Vorstellungen, geben deshalb ihre Ausbildung schnell auf oder fangen erst gar nicht an. Mit Rechenbeispielen könnten wir üben, wie wir unser Geld so einteilen, dass es zum Leben reicht.
Ein Spielehersteller sollte eine Art SIMS für Azubis entwickeln, mit dem wir realistische Szenen von Arbeit und Geldausgeben spielerisch einüben könnten. Man sollte merken, wie schnell das Geld ausgeht, wenn man nicht arbeitet.
Viele von uns sind überhaupt nicht realitätsbewusst und haben keine Ahnung von der Arbeitswelt. Deshalb können wir auch nicht einschätzen, wie wichtig gute Zeugnisse und eine Ausbildung für unser späteres Leben sind. Auch das sollte der lebenspraktische Unterricht uns klar machen. Vor allem aber sollten die Praktika während der Schulzeit viel länger dauern, am besten zwei bis drei Monate, so dass man erfährt, wie der Alltag wirklich aussieht und dass die Arbeit nicht jeden Tag Spaß macht.
Daneben sollte es eine Art Pflichtbesuch beim Schulsozialarbeiter geben, der immer wieder Gespräche mit den Jugendlichen führt, sie fragt, welche Schritte sie seit dem letzten Treffen unternommen haben und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Er sollte mit ihnen auch über ihre Noten sprechen.
Das Problem unmotivierter Jugendlicher sollte also schon aufgefangen werden, bevor sie die Schule verlassen.“
Schüler der Klassen B2GR6 und B2GR3 an der Gewerblichen Schule Metzingen (Deutschunterricht: Hilde Aubermann)