Würden Sie Ihre Kunden einfach so duzen?!

»Das Sie im öffentlichen Raum ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr.«

Heike Holland | Redakteurin | heike.holland@holzmann-medien.de - © Holzmann

Begrenze deine Suche auf deutsch­sprachige Ergebnisse. Achte darauf, dass alle Wörter richtig geschrieben sind. Meintest du ...? Seit geraumer Zeit duzt mich Goo­gle. Anfangs war ich – sagen wir – überrascht. Inzwischen nehme ich es mit Humor. Vielleicht kennt Google mich einfach schon zu gut und leitet daraus gewisse Vertraulichkei­ten ab. Dennoch: Passend finde ich das nicht. Ich möchte das Du nicht einfach so übergestülpt bekommen, ungefragt und ohne Möglich­keit des Widerspruchs, auch nicht von einer Suchmaschine. Aus dem Alter bin ich heraus.

Dem kollektiven Du ist das egal: Such dir was aus, lockt ein großer Mobilfunkanbieter im Internet, finde hier dein passendes Angebot. Brauchst du Hilfe bei der Suche nach Produkten?, werde ich auf der Seite eines Möbelhauses gefragt. Erlebe entspannte Badereisen, verspricht mir der Prospekt vom Discounter gegenüber. Alles nichts im Vergleich zur E-Mail eines Internetversandhändlers, die ich neulich bekam: Hallo Heike, deine Bestellung hat soeben unser Lager verlassen. – Huch?! Würden Sie Ihre Kunden derart ungeniert duzen? Internationalisierung, zunehmender Einfluss des Englischen, lockere Kommunikationsformen auf Social-Media-Plattformen hin oder her: Die Sache mit dem Sie und dem Du ist offenbar komplizierter denn je. Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt.

Früher war klar: Kinder und Jugendliche werden geduzt, Erwachsene, die man nicht kennt, gesiezt. Heute verschwimmen die Grenzen, das Sie im öffentlichen Raum ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Auch nicht in Stellenanzeigen: Du bist engagiert, verantwortungsbewusst und möchtest die Abteilungsleitung übernehmen? Welches Motiv auch immer hinter einer solchen Ansprache steht: Ob die Personalverantwortlichen wohl erfreut sind, wenn Bewerber den Ball aufnehmen und zurückspielen?

Die Duz-Offensive zieht ihre Kreise, doch nicht jeder fühlt sich wohl dabei. Zwar finden es laut einer GfK-Umfrage 88 Prozent der Befragten akzeptabel, wenn Kollegen sich duzen. Zwei von drei Befragten wollen aber nicht von ihrem Chef oder Untergebe­nen mit Du angesprochen werden. (Gleiches gilt übrigens für Restaurantbesuche oder beim Einkaufen.) Im Kontrast dazu steht, dass immer mehr Firmenchefs in Deutschland ihren Mitarbeitern das Du verordnen, vom Azubi bis zum Vorstandschef, frei nach dem Motto „Wir duzen uns und alles wird gut“. „Kulturwandel 4.0“ nennt das die Otto-Gruppe. Ob der auf diese Weise gelingen kann?

Gewiss: Die Zeiten ändern sich – und mit ihnen nicht nur die Sprache, sondern auch das Bewusstsein. Vielleicht wird das Sie tatsächlich nach und nach verschwinden und vom Du abgelöst – mit welchen Folgen auch immer. Vielleicht setzt sich aber auch eine Mischform wie der/die ausgebildete Gebäudereiniger/-in durch, damit sich niemand ausgegrenzt fühlt. Was würden/würdest Sie/du denn davon halten?  

Heike Holland