Im Jahr 2003 startete die Testphase für Sanifair. Mittlerweile gibt es an Deutschlands Autobahnen etwa 350 „erfrischend andere WCs“. Tendenz zunehmend. Das professionell durchdachte Konzept kann auch für Dienstleister interessant sein.
Stille Örtchen zum Wohlfühlen
-Es ist heute nicht das erste Mal, dass vor der Autobahnraststätte Köckern-West gleich drei Busse halten. Bevor die Reisenden in das Restaurant schwärmen, möchten etliche von ihnen ein dringendes Bedürfnis erledigen. Helga Orglmeister lässt sich selbst durch „Masseninvasionen“ nicht aus der Ruhe bringen. Die freundliche Frau ist eine von drei Mitarbeiterinnen, die für makellose Hygiene in den Sanitäranlagen verantwortlich sind.
Spätestens wenn die „Welle“ in das Restaurant weitergezogen ist, kontrolliert Helga Orglmeister gründlich die Sanitärräume und sorgt dafür, dass hier die Welt schnell wieder in Ordnung ist. Oder besser gesagt, dass sie gar nicht erst aus den Fugen gerät. Ein ausgeklügeltes System macht es möglich, dass Toiletten und Waschräume, aber auch das Behinderten-WC, der Duschraum und der Babywickelraum nicht nur optisch jederzeit picobello sauber sind, sondern auch einen hohen hygienischen Standard erfüllen.
Die im Landkreis Anhalt-Bitterfeld an der A 9 gelegene Autobahnraststätte ist viele Jahre durch die Mitropa AG bewirtschaftet worden. 2003 wurde hier ein Neubau errichtet. Drei Jahre darauf sollte nach der Umstrukturierung der Mitropa in die SSP Deutschland GmbH ein neues gastronomisches Konzept umgesetzt werden. „Die SSP Deutschland GmbH betreibt in der gesamten Bundesrepublik 29 Autobahnraststätten der ‚Autobahn Tank & Rast GmbH‘“, erläutert Sait Tural, Areal Manager für Deutschland Süd der SSP Deutschland GmbH.
In Köckern-West wurden zuerst der Shop und die Gastronomie neu gestaltet. „Wir richteten ein SSP-Bistro mit Frontcooking, einem Komponenten-Büfett sowie einer Barilla-Bar und einer Segafredo-Bar ein“, berichtet Betriebsleiterin Andrea Küster. 118 Gäste können im Bistro verweilen. Unter dem gleichen Dach befindet sich ein „Burger-King“-Outlet mit 48 Plätzen. Hinzu kommt der Shop mit umfangreicher Warenpalette. Mit Ausnahme des neu eingerichteten Raucherraums sind die einzelnen Bereiche nicht voneinander getrennt. Insgesamt 13 Beschäftigte wurden konzeptspezifisch geschult und sind deshalb nicht untereinander austauschbar.
Von Anfang an war auch die Umstrukturierung der Sanitärräume nach dem Hygienekonzept von Sanifair, einer hundertprozentigen Tochter der „Autobahn Tank & Rast GmbH“, vorgesehen. „Weil das modulartige Konzept selbst bei starker Frequentierung nachweisbar einen hohen Hygienestandard gewährleistet“, so Sait Tural.
Sanifair finanzierte den Umbau der Sanitärräume im Mai 2007. Das Ergebnis übertraf die kühnsten Erwartungen: Aus dem „stillen Örtchen“ waren Wasch- und Toilettenräume zum Wohlfühlen im ebenfalls durch Sanifair entwickelten Corporate Design geworden. Die Damen dürfen sich seitdem in gediegenem Ambiente mit südseegrünen Fliesen frisch machen. Für die Herren der Schöpfung haben die Designer ultramarinblaue Fliesen und Mosaike ausgewählt. Dezente Musik vermittelt eine entspannte Atmosphäre. Die meditativen Klänge können per Chip von Sanifair bezogen werden.
Kommunikation mit den Gästen
Ein Hygienekonzept funktioniert jedoch nur, wenn sich das Personal damit identifiziert. Deshalb suchte Andrea Küster bereits in der Projektierungsphase nach drei zuverlässigen Stammmitarbeiterinnen. „Die Arbeitsagentur konnte mir sofort einige Bewerberinnen aus anderen Metiers vermitteln. Sie waren aber skeptisch, ob ihnen der Hygieneservice eine berufliche Zukunft bieten kann“, erinnert sich die gestandene Serviermeisterin. Es gelang ihr aber, Vorurteile abzubauen, indem sie das Sanifair-Konzept erklärte und Fotos aus anderen Objekten zeigte. Neben einer sympathischen Erscheinung, Organisationstalent und der Bereitschaft zu gewissenhaftem Arbeiten ist die soziale Kompetenz ein wichtiger Faktor. Andrea Küster: „Unsere Gäste sollen den Eindruck gewinnen, dass sie verstanden werden und wir ihre Erwartungen erfüllen wollen. Deshalb müssen sich unsere Mitarbeiterinnen einwandfrei und unmissverständlich artikulieren können.“
Drei Bewerberinnen wurden auf Probe eingestellt und gründlich geschult. Sie sind in der Saison täglich zwischen 8 Uhr morgens und 1 Uhr nachts präsent. „An unserem Standort ist die nächtliche Frequentierung so schwach, dass dann keine ständige Aufsicht notwendig ist“, berichtet Andrea Küster. Das Konzept biete eben auch den Vorteil, dass man es leicht auf standortspezifische Gegebenheiten abstimmen kann.
Hygiene ist Vertrauenssache
Gerade diesen Anspruch versucht Sanifair mit innovativem, berührungsarmem oder -freiem Inventar zu erfüllen. Die Betriebsleiterin: „In der Damentoilette befinden sich sechs Kabinen mit WC-Becken, deren Brillen nach jeder Benutzung mit einem speziellen WC-Sitz von CWS automatisch gereinigt und desinfiziert werden.“ Dessen ungeachtet kontrolliert die Mitarbeiterin jede Kabine unmittelbar nach der Nutzung und reinigt gegebenenfalls manuell nach. Erst danach wird sie für den nächsten Gast freigegeben.
Im Waschraum der Damenabteilung wurden drei Waschbecken sowie ein Kinderwaschbecken installiert. Berührungsfreie Armaturen beschränken den Wasserverbrauch auf das notwendige Maß. Sie erfüllen die Sanifair-Philosophie ebenso wie die mit Sensoren ausgestatteten Handtuchspender, die von Ille installiert wurden. Die Sammelbehälter darunter fallen nicht nur die edle Metalloptik auf. Sie sind auch so geräumig, dass sie nicht wie mancherorts schon nach kurzer Zeit „überlaufen“.
Wenn es um nachhaltige Hygiene geht, seien umweltfreundlich zu entsorgende Papierhandtücher eindeutig die bessere Alternative, meint die Betriebsleiterin: „Der Gast weiß, dass er ein Handtuch nimmt, das niemand zuvor berührt hat.“ Zumindest der psychologische Effekt vermittle ihm ein Gefühl von Sicherheit. Die weit verbreitete Unsitte, benutzte Papierhandtücher achtlos auf den Boden zu werfen, sei in Köckern-West eher die Ausnahme: „Ordnung und Sauberkeit färben ab“, ist die Betriebsleiterin überzeugt. Auch Helga Orglmeister hat beobachtet, dass sanitäre Einrichtungen, in denen sich die Nutzer richtig wohl fühlen, weniger anfällig für Vandalismus sind.
Der Herrenbereich mit vier Kabinen für Erwachsene und einer Kindertoilette ist adäquat ausgestattet. Außerdem wurden hier sechs wasserlose Urinale installiert. Die Syphons der wasserlosen Urinale würden den vorgeschriebenen Hygienestandard nachweisbar erfüllen, so die Betriebsleiterin. Darüber hinaus kontrolliere die Mitarbeiterin die Urinale regelmäßig auf Fremdkörper und reinige bei Bedarf auch manuell nach. Im Vergleich mit den Sanitärobjekten aus früherer Zeit konnte der Wasserverbrauch erheblich gedrosselt werden, resümiert Andrea Küster.
Das barrierefreie WC nach DIN 18024/2 ist über einen Euro-Schlüssel zugänglich. Es wird also ausschließlich durch Menschen mit Behinderung und somit relativ selten genutzt. Unmittelbar danach ist eine gründliche Reinigung fällig. Im Babywickelraum muss neben den üblichen Reinigungsarbeiten nach jeder Benutzung die Wickelauflage desinfiziert werden. Andrea Küster: „Jedem Gast reichen wir darüber hinaus kostenlos eine Einmal-Wickelunterlage. Auf diese Weise ist für die Babys strengste Hygiene gewährleistet.“ Der Duschraum wird wochentags häufig durch Fernfahrer genutzt. In der Nutzungsgebühr von 2,60 Euro ist ein alkoholfreier Drink oder ein Heißgetränk enthalten. „Nach jeder Dusche ist eine gründliche Reinigung erforderlich“, räumt die Betriebsleiterin ein. Dieser Service binde aber die Gäste und lade sie zum längeren Verweilen im Objekt ein, hat Andrea Küster beobachtet. Klar, dass dabei auch mal ein kühles Blondes getrunken oder Proviant für unterwegs eingekauft wird.
Optische Info statt langatmiger Dienstanweisungen
Eine 16-seitige Betriebsanleitung und ein je nach Einsatz durch unterschiedliche Farben gekennzeichnetes Arbeitsgerät gewährleisten einen gleich bleibenden Qualitätsstandard im Hygienemanagement. Helga Orglmeister ist begeistert von den optisch übersichtlichen Anleitungen: „Mit Fotos, Piktogrammen und knappen Texten wird erläutert, in welchen Zeitabständen wir welche Objekte mit welchen Reinigungsmitteln behandeln müssen“, so die Expertin in Sachen Hygiene.
Sanifair hat ein spezielles Reinigungskonzept entwickelt. Zur Erfüllung der hohen Standards empfiehlt der Franchisegeber Produkte von Unternehmen, die an der Entwicklung beteiligt waren wie Ecolab/Henkel oder Johnson. In puncto Einkaufskonditionen und Stimmigkeit zwischen Chemie und Inventar überwiegen die Vorteile. Zudem helfen spezielle Dosiersysteme sparen.
Die jeweils bereichsspezifisch festgelegten Reinigungsintervalle zwischen einer und 24 Stunden sind allerdings nur empfohlene Mindestwerte: „Nachdem eine Busreisegesellschaft unsere Wasch- und Toilettenräume genutzt hat, ist auch über den vorgeschriebenen Rhythmus hinaus eine gründliche Reinigung fällig“, berichtet Helga Orglspieler. Die gut durchdachte Raumaufteilung ermöglicht ihr jedoch effizientes Arbeiten auch bei laufendem Betrieb.
Qualitätskontrollen mit Abklatschtests werden sowohl durch die Mitarbeiter des Objekts als auch unangemeldet durch die Unternehmensleitung durchgeführt. Als unabhängige Kontrollinstanz wertet die Institut Fresenius GmbH regelmäßig Proben aus. Andrea Küster: „Bisher hat es noch nie eine Beanstandung gegeben.“
Partnerschaft mit Gebäudereinigern erwünscht
Einer Umfrage zufolge sind 96 Prozent der Raststättenbesucher mit den Anlagen von Sanifair sehr zufrieden oder zumindest zufrieden. Dabei müssen sie für professionelle Hygiene und Wohlfühlatmosphäre nicht einmal tief in die Tasche greifen. Im Gegenteil: „Am Drehkreuz entrichten Erwachsene zwar fünfzig Cent. Dafür erhalten sie aber einen Bon, den sie im Shop oder in der Gastronomie einlösen können“, erläutert die Betriebsleiterin. Innerhalb eines Jahres seit der Neugestaltung hätten 400.000 Gäste die Sanitärräume aufgesucht. Ein Faktor, der sich auf den Gesamtumsatz der Raststätte positiv auswirkt.
Mittlerweile gibt es an Deutschlands Autobahnen rund 350 komfortable, nach diesem Konzept ausgestattete Sanitäranlagen. „Außer in ‚Tank & Rast‘-Autobahnraststätten gibt es unsere Anlagen mittlerweile auch in zwei ‚McDonald’s‘-Betrieben“, erläutert Jens Przygodda. „Wir möchten unser System künftig auch an anderen Standorten etablieren“, so der Sanifair-Geschäftsführer. Er denkt dabei zum Beispiel an Einkaufszentren und andere stark frequentierte Einrichtungen. „Hier könnte der Gebäudereiniger über den Hygieneservice in Partnerschaft mit uns hinaus ein ganzes Paket mit Dienstleistungen anbieten“, schlägt Jens Przygodda vor. Für eine Kooperation mit Sanifair müsste er objektgebundenes Stammpersonal stellen. Die Schulung des Unternehmers sowie der Mitarbeiter übernimmt der Franchisegeber. Dieser finanziert teilweise auch die Ausstattung des Objekts. „Technische Neuerungen werden ebenfalls durch uns vorgenommen“, versichert der Geschäftsführer. Ein Franchisevertrag sollte für mindestens fünf Jahre abgeschlossen werden.