„Ratten der Lüfte“ nennt man Stadttauben im Volksmund . rationell reinigen fragt Dr. Martin Felke, Gründer des Instituts für Schädlingskunde, Biologe und Autor von Publikationen zum Thema Schädlingsbekämpfung, wie gesundheitsgefährdend der Umgang mit Tauben tatsächlich ist.
Parasiten gesondert bekämpfen
rationell reinigen: Herr Dr. Felke, muss eine Reinigungskraft bereits um ihre Gesundheit fürchten, wenn sie an einem Bahnhof Taubenkot wegkehrt?
Felke: Die Gefahr, dass man sich bei so einer Tätigkeit mit humanpathogenen, also auf den Menschen übertragbaren, Keimen infiziert, ist immer gegeben. Von daher sollte man, wenn man mit Tauben oder Taubenkot zu tun hat, Schutzbekleidung anlegen und eine Atemschutzmaske tragen.
rationell reinigen: Mit welchen Krankheiten kann sich die Person dabei infizieren?
Felke: Nachgewiesen wurden bei Untersuchungen an verwilderten Stadttauben insgesamt 109 prinzipiell auf den Menschen übertragbare Infektionskrankheiten. Tatsächlich übertragen wurden nachwiesenermaßen aber nur neun.
rationell reinigen: Welche Krankheit überträgt sich besonders häufig?
Felke: Die Ornithose oder auch Papageienkrankheit. Sie wird von einem Bakterium hervorgerufen und wurde erwiesenermaßen schon über 100-Mal von Straßentauben auf den Menschen übertragen. Insgesamt sind 230 Fälle in etwa 65 Jahren beschrieben worden, bei denen es zur Übertragung von Infektionskrankheiten von der Taube auf den Menschen gekommen ist. Die Dunkelziffer ist aber wohl wesentlich höher.
rationell reinigen: Lässt sich in Zahlen ausdrücken, wie wahrscheinlich eine Infektion mit der Papageienkrankheit ist?
Felke: Das ist sehr schwierig zu sagen. Grundsätzlich hängt es davon ab, wie stark die Person den Keimen der Taube ausgesetzt ist. Wenn jemand durch die Stadt spaziert und ein paar Tauben flattern auf, ist er theoretisch auch gefährdet, aber natürlich nicht so stark wie jemand, der in der Gebäudereinigung tätig ist und einen Dachboden von Taubenkot säubern muss.
rationell reinigen: Die Wahrscheinlichkeit sich zu infizieren, steigt also mit der Menge der Tauben und des Taubenkots, die einen umgibt?
Felke: Zum einen das, aber es hängt auch von den persönlichen gesundheitlichen Voraussetzungen ab. Immunschwache Menschen, ältere Menschen oder zum Beispiel HIV-Patienten haben eine höhere Wahrscheinlichkeit sich zu infizieren als Gesunde.
rationell reinigen: Wie verläuft die Papageienkrankheit?
Felke: In der Regel sind diese Krankheiten harmlos. Manchmal nimmt man die Ansteckung erst gar nicht war, weil die Symptome sehr unspezifisch sind. Zum Beispiel leichtes Fieber, Unwohlsein, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen. Bei Menschen mit Immunschwäche können aber auch schlimme Komplikationen wie Gehirnhaut- oder Lungenentzündungen auftreten.
rationell reinigen: Wie lässt sich die Krankheit behandeln? Ist der Ausgang unter Umständen tödlich?
Felke: Sie lässt sich gut mit Antibiotika behandeln, wenn man sie rechtzeitig erkennt. Wenn man den Arzt frühzeitig darauf hinweist, dass man die Beschwerden bekommen hat, nachdem man beispielsweise einen Dachboden gereinigt hat, wo Tauben gebrütet haben, dann kann ein Arzt sehr viel schneller eine Diagnose stellen und Antibiotika einsetzen. Man geht heute von einer Todesrate von unter fünf Prozent aus.
rationell reinigen: Inwieweit müssen Asthmatiker bei Arbeiten in der Umgebung von Tauben/Taubenkot achtgeben?
Felke: Es ist interessant, dass Sie das ansprechen. Zusätzlich zu den Keimen, die auf den Menschen übertragen werden können, gibt es ein weiteres Gesundheitsproblem, das von Tauben verursacht wird und das ist die sogenannte Taubenzüchterlunge. Dabei handelt es sich um eine allergische Erkrankung ähnlich dem Heuschnupfen. Es kommt zu einer Entzündung der Lungen, die durch bestimmte tierische Eiweißstoffe hervorgerufen wird. Und diese Stoffe sind unter anderem im Kot oder auf den Federn der Tauben enthalten.
rationell reinigen: Genügt es, einmalig mit Tauben in Kontakt zu kommen, um eine allergische Reaktion zu zeigen?
Felke: Generell muss man sich dem Allergen – also dem allergieauslösenden Stoff – öfter aussetzen, damit es zu einer allergischen Reaktion kommt. Aber das kann recht schnell gehen, wenn man z.B. als Gebäudereiniger tätig ist und regelmäßig mit der Beseitigung von Taubenkot zu tun hat. Oder nehmen Sie den Fall, dass jemand in einem Dachgeschoss wohnt, über dem Tauben brüten. Solche Personen sind den Allergenen verstärkt ausgesetzt.
rationell reinigen: In den letzten Jahren war häufig von Vogelgrippe die Rede. Besteht auch bei Kontakt mit verwilderten Haustauben die Gefahr einer Übertragung?
Felke: Haustauben sind bislang wohl noch nicht sehr empfindlich für den Erreger der Vogelgrippe. Aus Thailand sind allerdings Fälle bekannt, wo man den Vogelgrippe-Erreger in Haustauben nachgewiesen hat. Eine Hauskatze hat sich sogar über den Verzehr einer infizierten Haustaube angesteckt. Also möglich ist dieser Übertragungsweg. Allerdings ist er sehr unwahrscheinlich. Die Tauben sind wesentlich weniger empfindlich für dieses Virus als beispielsweise Hühner oder Enten. Es kann natürlich sein, dass sich dieses Virus verändert und für Tauben gefährlicher wird. Das ist nie auszuschließen. Aber nach dem bisherigen Stand der Kenntnisse, ist die Gefahr eher als gering einzustufen.
rationell reinigen: Wir haben bakterielle Infektionen und Virusinfektionen angesprochen. Kann ich mich noch mit etwas anderem infizieren?
Felke: Es gibt noch verschiedene humanpathogene Pilze. Zum Beispiel Schimmelpilze aus der Gattung Aspergillus. 13 Übertragungen dieser Art hat man nachweisen können und davon sind immerhin neun tödlich verlaufen.
Hauptsächlich ist es der Taubenkot, der als Nährmedium für die humanpathogenen Pilze dient. Meistens sind es Pilze, die überall im Boden vorkommen und auf dem Taubenkot ideale Bedingungen finden, um sich zu vermehren. Deshalb können sie in Bereichen mit viel Taubenkot in wesentlich höheren Mengen vorkommen als sonst im Straßenstaub. Es gibt aber auch den Fall, dass die Tauben diese Pilze direkt ausscheiden, weil sie selbst damit infiziert sind.
rationell reinigen: Wie äußert sich eine Infektion mit Schimmelpilzen?
Felke: Das sind wieder eher unspezifische Krankheitssymptome, wie schon bei der Papageienkrankheit angesprochen.
rationell reinigen: Tauben richten jährlich Sachschäden in Millionenhöhe an und sind – wie Sie gerade ausgeführt haben – auch gefährliche Hygieneschädlinge. Zu welchen Methoden zur Schädlingsbekämpfung raten Sie? Wie kann man Tauben loswerden?
Felke: Da sind zwei verschiedene Punkte anzusprechen. Generell ist eine Reduzierung der Populationsdichte in den Städten nur durch eine groß angelegte Aktion möglich, an der viele verschiedene Institutionen beteiligt werden müssen. Man hat das Ende der 80er Jahre in Basel zum ersten Mal versucht und hat hier durch Aufklärung der Bevölkerung die Taubenpopulation sehr stark reduzieren können.
rationell reinigen: Das heißt in erster Linie nicht mehr füttern, oder?
Felke: Genau. Das ist eigentlich das A und O. Diese hohen Taubenpopulationen in unseren Städten entstehen nur dadurch, dass die Tiere massiv gefüttert werden. Es gibt Menschen, die verfüttern tagtäglich kiloweise Getreide. Oft hängt es an wenigen Einzelpersonen. Wenn man die Bevölkerung aufklärt, kann man durch die Verknappung des Nahrungsangebots eine Reduktion der Populationsstärke erreichen.
rationell reinigen: Das wäre ein stadtumfassender Plan. Wie gehe ich vor, wenn ich ein objektbezogenes Taubenproblem habe?
Felke: Wenn Sie Tauben auf dem Dachboden haben oder Tauben, die an der Fassade brüten, dann hilft eigentlich nur das Aussperren der Tauben. Also beispielsweise das Anbringen von Schutznetzen oder Taubenabwehrspitzen. Ich muss dazu ergänzen: Wenn man Tauben erfolgreich ausgesperrt hat, muss man auf jeden Fall gegen die Parasiten, die Tauben normalerweise mit sich bringen, noch einmal gesondert mit Insektiziden vorgehen. Sonst hat man eventuell noch Jahre später Probleme, vor allen Dingen mit der Taubenzecke. Sie zieht sich normalerweise tagsüber in Mauerritzen zurück und saugt nur nachts Taubenblut. Wenn die Taube als potenzieller Wirt nicht mehr zur Verfügung steht, suchen sich die Taubenzecken andere Wirte. Und das sind in der Regel die Hausbewohner.
rationell reinigen: Wie viel erreicht man mit Giftködern?
Felke: Man hat untersucht, was Abschuss oder Vergiften auf die Populationsentwicklung für eine Auswirkung haben, und man muss ganz klar sagen: Diese Methoden haben überhaupt keinen Einfluss; es verjüngt sich nur die Gesamtpopulation. Die Tiere sind so fruchtbar, dass sie den Verlust in ganz kurzer Zeit durch das Aufziehen von Nachkommen wieder ausgleichen. Man hat das an vielen Fällen jahrelang untersucht. Dort hat man teilweise jährlich 20 Prozent oder 30 Prozent der Population abgeschossen und hat keinen dauerhaften Erfolg gehabt.
Wirklich nachhaltig ist nur, die Bevölkerung aufzuklären und den Tauben die Nahrungsgrundlage zu entziehen.
rationell reinigen: Wie sieht es bei einem
speziellen Objekt aus, in dem sich ein Schwarm eingenistet hat. Kommt man da
mit Gift weiter?
Felke: Nein. Wenn Tauben irgendwo eine attraktive Stelle zum Brüten oder als Unterschlupf vorfinden, dann werden die nächsten Tauben nicht lange auf sich warten lassen.
rationell reinigen: Kann man die Fassade oder den Dachboden mit speziellen Gerüchen, die für Tauben unangenehm sind, präparieren, damit sie erst gar nicht hineingehen?
Felke: Das ist wissenschaftlich bislang nicht bewiesen.
rationell reinigen: Herr Dr. Felke, herzlichen Dank für das Gespräch!
Rebecca Eisert |
rebecca.eisert@holzmannverlag.de