Das 2. ISSA-Symposium drehte sich rund um den Qualitätsbegriff in der Reinigung. Fünf Vorträge von renommierten Referenten aus Praxis und Forschung zeigten den Stand der Technik und gaben einen Ausblick auf die Anforderungen der Zukunft.

Im Zeichen der Qualität
-„Im Grunde pflegen wir ja schon eine Tradition“, eröffnete Günter Glöckner das 2. ISSA-Symposium in Kassel mit einem Augenzwinkern und fuhr fort, „wissen Sie, dass Symposium ursprünglich Trinkgelage bedeutet?“ Die rund 120 Teilnehmer blieben während der Vorträge selbstverständlich bei Wasser und Limonade. Einziger Wermutstropfen: Unter den vielen Zuhörern waren fast ausschließlich Vertreter der Industrie zu finden. Glöckner: „Wir hätten uns gewünscht, dass mehr Auftragnehmer anwesend sind.“
Martin Lutz, Geschäftsführer des Forschungs- und Prüfinstituts für Facility Management (FIGR), eröffnete mit dem Vortrag Qualität in der Unterhaltsreinigung und ging vor allem auf die ergebnisorientierte Reinigung (ER) ein. Zunächst widmete er sich der Kernfrage „Was ist Schmutz“ und definierte ihn schlicht als Materie an der falschen Stelle.
Nässer ist nicht besser
Das Produkt der Reinigung, nämlich die Sauberkeit, ist sehr viel schwerer zu definieren, umso erstaunlicher, dass sie in den gängigen Leistungsverzeichnissen (LV) oft nicht beschrieben wird. Stattdessen enthält das LV einzelne Tätigkeiten und die Häufigkeit ihrer Durchführung. Die Qualität wird oft allein mit einer höheren Reinigungshäufigkeit definiert und was die Methode betrifft gerne nach dem Motto „je nässer desto besser“ gehandelt. Mit diesem Vorurteil räumte Lutz auf: „Nasse Verfahren sind oft ungeeignet um losen Schmutz zu beseitigen, staubbindende Verfahren sind effektiver, finden aber immer noch zu wenig Beachtung.“ Er gab zu bedenken: „Wenn jedesmal das falsche Verfahren eingesetzt wird, entsteht keine Sauberkeit.“ Weitere Nebeneffekte der herkömmlichen LV sind, dass Flächen auch dann gereinigt werden, wenn sie zum vereinbarten Zeitpunkt noch sauber sind oder Flächen nicht gereinigt werden, obwohl sie schmutzig sind.
Er mahnte den Begriff „ergebnisorientiert“ nicht mit „Sichtreinigung“ zu verwechseln und riet: „Wenn die Sichtreinigung nicht genauer definiert ist, dann halten Sie sich davon fern.“ Bei der ergebnisorientierten Reinigung (ER) wird festgelegt, welche Verschmutzungen zu einem bestimmten Zeitpunkt (nach erfolgter Reinigung) nicht vorhanden sein dürfen. Statt der Tätigkeit steht der Reinigungszustand im Vordergrund. Dieser ist unabhängig vom Reinigungsintervall und der verwendeten Methode, daher bietet die ER dem Gebäudereiniger mehr Möglichkeiten seine Kompetenzen unter Beweis zu stellen, sein Know-how wird wichtiger.
Auch die gute Ausbildung des Personals wird belohnt. „Oft legalisiert die ergebnisorientierte Reinigung die gängige Praxis“, wusste Lutz zu berichten. Die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) empfiehlt Kommunen, Städten und Gemeinden seit 2003 die ergebnisorientierte Reinigung. Nicht zuletzt lässt sich mit einem optimierten Reinigungssystem viel Zeit sparen. In Verbindung mit der ER wird oft ein Qualitätsmesssystem gefordert. „Doch was ist Qualität“, fragte Lutz und liefert gleich selbst die Antwort: „Qualität ist die Erfüllung der Anforderungen oder Erwartungen bzw. der zugesicherten Eigenschaften eines Produktes oder einer Dienstleistung.“ Er stellte dann das QMS des FIGR vor.
Hier knüpfte der Vortrag von Prof. Dr. Gerhard Winter, Professor an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen, an. Er verglich verschiedene Qualitätsmesssysteme (QMS) im Hinblick auf Handhabung, Leistung und Preis . Nach einer Einführung über grundsätzliche Methoden der Qualitätsmessung (chemisch/biologisch, physikalisch, visuell) und die Anforderungen an Qualitätsmesssysteme (DIN EN 13549) stellte er das QMS des BIV bzw. Masterkey, Doqum von Dorfner und e-Qss von Neumann & Neumann vor. Der sehr umfassende Vergleich kann hier nur verkürzt wiedergegeben werden.
Das e-Qss-System schnitt beim Einpflegeaufwand mit nur 45 Minuten am besten ab. Bei Doqum und Masterkey/BIV benötigten die testenden Studenten fünf bzw. acht Stunden, bis alle Daten eingepflegt waren. Im Handling erwiesen sich e-Qss und Doqum als etwa gleich gut verständlich, Masterkey wurde als teilweise recht umständlich/unübersichtlich beschrieben und wies nach Meinung der Tester keinen aktuellen Bedingungsstandard auf. In puncto hinterlegte Fehlertoleranz/Qualitätsniveau gab es ebenfalls deutliche Unterschiede: Bei
e-Qss sind diese Werte nicht im System vorhanden, in Doqum sind Kontrollpunkte mit Akzeptanzwerten festlegbar und das BIV-System bietet die Möglichkeit zur flexiblen Eingabe.
Verglichen wurde auch, wie flexibel die Systeme einsetzbar sind. e-Qss eignet sich auch für HACCP-Bereiche, Catering und Facility Management Doqum ist ebenfalls für HACCP geeignet, ein Cateringmodul ist geplant; Masterkey hingegen ist auf die Gebäudereinigung ausgelegt, bietet die Möglichkeit zur Kalkulation und selbstgestaltbare Checklisten die Temperaturmessung (HACCP) ist allerdings nicht möglich. In der Anschaffung liegt e-Qss bei 4.200 Euro, beinhaltet allerdings die Schulung und Installation sowie 1-PDA-Lizenz plus Hardwaregerät. Der Doqum-Standard liegt bei 2.975 Euro inkl. zehn Objekten plus einer Lizenz ohne Hardware. Das BIV-System kostet etwa 3.630 Euro inkl. PDA-Lizenz ohne Hardware und einem Modul. Prof. Dr. Winter wies abschließend darauf hin, dass viele Mitarbeiter nach der Einführung eines QMS deutlich motivierter waren, weil sie mehr Eigenverantwortung tragen.
Herbert Fahrenkrog, Leiter der Serviceabteilung des größten deutschen Granitwerks und Fachautor für die Natursteinbranche, referierte unter dem Titel „Es gibt keine schwarzen Granite“. Wenn Kunden die Reinigung ihres Natursteinbodens wünschen, stellt sich zuerst die Frage, „Um welchen Stein handelt es sich?“ Die Qualität der Reinigung hängt also entscheidend von den Vorinformationen ab, die der Gebäudereiniger von anderer Stelle bekommt und somit nicht beeinflussen kann. Umso wichtiger ist, dass er selbst über entsprechende Materialkenntnisse verfügt. „Die sind aber in der Praxis oft nicht vorhanden“, bedauerte Fahrenkrog und ermutigte alle Dienstleister, auch nach der bestandenen Meisterprüfung weiterzulernen und Fortbildungen zu nutzen. Steht der Gebäudereiniger vor – oder besser – auf einem unbekannten Steinbelag muss er klären:
- Muss ich hier reinigen oder pflegen?
- Ist der Belag alkalien- oder säureempfindlich?
Zuerst sollte der Gebäudereiniger an unauffälliger Stelle prüfen, ob sich der Stein ankratzen lässt. Granit lässt sich nicht ankratzen und ist amidosulfonsäurebeständig. Jeden nicht ankratzbaren Stein kann der Gebäudereiniger mit einem Linoleumreiniger (ph-Wert max. 10,5) nichtpflegend reinigen. Lässt sich der Stein ankratzen, ist eine pflegende Reinigung angesagt. „Der einfachste Test ist mein Messer“, erklärte Fahrenkrog, „damit und mit etwas Aminosulfonsäure im Gepäck erfahren Sie das Wichtigste.“
Das „Wundermittel Imprägnierung“ betrachtete er sehr kritisch. „Der Boden muss dafür knochentrocken sein“, betonte er, schon daran scheiterten viele Imprägnierungen. Es sei eine weit verbreitete Fehleinschätzung, dass der Boden nach der Imprägnierung schmutzabweisend sei. Fakt ist, organische Verschmutzungen wie z.B. Ruß haften auf imprägnierten Flächen besser, denn die Imprägnierungen enthalten in der Regel Siliconharz. „Was glauben Sie, wie sich die Betreiber eines Autohauses über den imprägnierten Boden gefreut haben“, fragte Fahrenkrog ironisch, „dieser Schmutz geht nur mit unpolaren Lösungsmittel wieder runter.“ Die Imprägnierung verleiht hydrophobe Eigenschaften, damit ist der Boden benetzungsfeindlich und braucht mehr Reinigungsmittel, um sauber zu werden.
Auch Kristallisationen bergen Risiken. Der Stein ist unter Umständen nicht mehr rutschsicher und es stellt sich erneut die Frage, ob er nun pflegend oder nichtpflegend gereinigt werden soll. Oft handelt es sich auch nicht um eine echte Fluatierung/Kristallisierung mit Magnesiumhexafluorid, sondern um ein Wachsfluat – aber mit welchem Wachs? „Einpflegemaßnahmen sind in der Regel für den Gebäudereiniger kontraproduktiv“, fasste Fahrenkrog zusammen. Farbtonvertiefer stellten ein noch schwerwiegenderes Problem dar. „Danach ist die Reinigungsfähigkeit im Nirwana angekommen.“ Er forderte die Gebäudereiniger auf, Bedenken anzumelden, wenn die gewünschten Maßnahmen (Imprägnierung, Farbtonvertiefung etc.) nicht dem Stand der Technik entsprächen und danach eine werterhaltende Reinigung nicht mehr sichergestellt werden könne. „Sie müssen lernen, sich zu wehren“, sagte er und riet „berufen Sie sich mehr auf das, was die moderne Analytik zu bieten hat.“
Erich Nußbaummüller, Leiter des Bildungsunternehmens SGZ Nußbaummüller in Linz, Österreich, sprach über Qualität und Mikrobiologie sowie die Norovirenproblematik in Krankenhäusern und Seniorenheimen . Nußbaummüller wies auf typische Probleme und Schwachstellen in Kliniken hin. Es werden ungeeignete Arbeitsgeräte für die sensiblen Bereiche verwendet und das Personal verfüge über zu wenige Kenntnisse auf dem Gebiet der Reinigung und Desinfektion. So kommt es, das Einwirkungszeiten von Desinfektionsmitteln nicht eingehalten werden oder ungeeignete chemische Produkte beim Einsatz von Desinfektionsmitteln verwendet würden. Nach dem Motto „was glänzt, ist sauber“, wird z.B. nur desinfiziert, statt gereinigt. Doch Desinfektionsmittel lösen weder Kalk noch Urinstein. Zur bestmöglichen Bekämpfung von Nosokomialinfektionen, also im Krankenhaus erworbene Infektionen, nannte Nußbaummüller eine Reihe von Prinzipien und Verhaltensregeln, z.B. das Tuch- und Moppwechselprinzip, farbige Handschuhe, kontaktfreie Reinigung zu kontaminierten Flächen, Wechsel zwischen Desinfektions- und Reinigungsmitteln, farbliche Codierung von Geräten, exakte Umsetzung der Reinigungsanleitung und Informationen über Gefahren an die Endverbraucher.
Noroviren ließen sich besser eindämmen, wenn genügend saure Grundreiniger und viruzide Desinfektionsmittel in genügend starker Dosierung verwendet würden. Auch muss Reinigungspersonal konsequent und öfter die Handschuhe wechseln, um die Keime nicht zu verschleppen. Nur zehn Teilchen können zu einer Norovirusinfektion führen, die für Kleinkinder und ältere Menschen mit geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich werden kann.
Prof. Dr. Richard Schilling, Professor an der Hochschule Reutlingen, tauchte mit seinem Vortrag über gefühlte Qualität, Ästhetik versus Technik in die faszinierende Welt der kleinsten Teilchen ein. In einem Test an der Hochschule ließ er Schmutz zu den Klängen der Rolling Stones auf einem Plattenteller vibrieren, um die Bewegung der Teilchen nachvollziehen zu können. Bloße Spielerei? Durchaus nicht, denn über die natürliche Bewegungen von verschiedenen Schmutzarten (fest, flüssig, schwer, leicht) ist so gut wie nichts bekannt. Dabei könnten diese Erkenntnisse helfen, Verschmutzungen in Gebäuden vorherzusagen und damit auch den Reinigungsaufwand besser zu planen. Außerdem spannend: Die Entwicklungsgeschichte des Menschen (seine „Bildverarbeitung“) hat großen Einfluss auf seine Vorstellung von Ästhetik. Die Ästhetik folgt gewissen Grundregeln, deren Einhaltung auch über die empfundene Sauberkeit entscheidet. Fazit: Design und Reinigung unterliegen ähnlichen Qualitätskriterien und können/müssen gleichzeitig geplant/bewertet werden.
Rebecca Eisert | rebecca.eisert@holzmannverlag.de