Eis- und Reifglätte sind besonders gefährliche Glättearten im Winter. Sie treten unerwartet und meist nur stellenweise auf. Autofahrer erkennen sie oft nicht rechtzeitig. Das Risiko eines Unfalles ist viel größer als bei Glätte nach einem Schneefall. Die vorbeugende Streuung bringt die Lösung und lässt erwartete Straßenglätte gar nicht erst auftreten.
Vier Gramm Salz reichen aus
- Um den gestiegenen Ansprüchen des modernen Straßenverkehrs gerecht zu werden, setzen die Verantwortlichen im Winterdienst vermehrt die vorbeugende Streuung ein. Bereits vor der Glättebildung muss auf gefährdeten Streckenabschnitten gezielt und dosiert Salz ausgebracht werden. Detaillierte Wetterprognosen in Verbindung mit Glättemeldeanlagen sowie die genaue Kenntnis der neuralgischen Strecken schaffen erst die Entscheidungsgrundlage für einen vorbeugenden Streueinsatz.
Das Ergebnis dieser ausgefeilten Technik kann sich sehen lassen: weniger Staus und ein hohes Maß an Sicherheit auf den Straßen. Die Umwelt profitiert vom vorbeugenden Streueinsatz, denn es wird deutlich weniger Salz zum Auftauen benötigt, als bei schon vorhandenem Glatteis notwendig wäre. Dr. Horst Hanke, Vorsitzender des Fachausschusses Winterdienst der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, stellte im Rahmen des alljährlichen VKS-Presseseminars in Frankfurt am Main fest: „Je nach Witterungslage und Temperatur braucht man zur vorbeugenden Streuung zwischen 30 und 70 Prozent weniger Salz als zur Bekämpfung vorhandener Eisschichten.“
Probleme bei größeren Streugeschwindigkeiten
Wo bestehen denn nun die Probleme der heutigen Streutechnik beim vorbeugenden Streuen? Es sind dies nach Mitteilung von Dr. Hanke drei Punkte:
- Erstens gibt es bei größeren Streugeschwindigkeiten Probleme: Bis zu 40 km/h liefert die Feuchtsalzstreuung ein sehr gutes Streubild, doch darüber bringt der Fahrtwind zunehmend Probleme, so dass das Streubild immer ungleichmäßiger wird und Wehverluste beim Salz auftreten. Kurative Einsätze auf glatter Fahrbahn werden naturgemäß nicht mit hohen Geschwindigkeiten durchgeführt, bei vorbeugenden könnte man jedoch - insbesondere auf Autobahnen - deutlich schneller fahren, wenn dies die Streutechnik erlauben würde.
- Das zweite Problem ist, dass die Feuchtsalztechnik bei Streudichten von 5 g/m² deutlich an ihre Grenzen stößt. Diese extrem geringe Menge („Apothekermenge“) bei voller Fahrt auch noch gleichmäßig auf die Fahrbahn zu verteilen, ist nur sehr schwer möglich. Für die vorbeugende Bekämpfung leichter Eis- und Reifglätte sind jedoch solche Streudichten ausreichend, gegebenenfalls sogar noch geringer möglich.
- Das dritte Problem liegt in der Liegedauer des Salzes. Wenn auch das Feuchtsalz wesentlich besser auf der Fahrbahn haftet als reines Trockensalz, so wird es dann doch im Laufe der Zeit durch den Verkehr von der Fahrbahn oder zumindest aus den Reifenspuren weggeschleudert, wenn es nicht in Lösung gegangen ist, insbesondere auf Autobahnen mit starkem Verkehr. Das heißt, dass die Menge des vorbeugend ausgebrachten Salzes auf der Fahrbahn im Laufe der Zeit deutlich reduziert wird, wie die neuesten Ergebnisse entsprechender Forschungsvorhaben zeigen. Ein Speichereffekt über eine längere Zeitdauer als zwei Stunden ist nur minimal gegeben. Die Zeitdauer zwischen Ausbringung und erwarteter Glätte muss also möglichst gering sein, ansonsten müssten die Streumengen unnötig hoch sein oder die Streuung wäre wirkungslos. Beides gilt es zu vermeiden.
Äußerst geringe Salzkonzentrationen möglich
Um extrem geringe Salzmengen bei hohen Streugeschwindigkeiten ausbringen zu können, wie bei der vorbeugenden Streuung notwendig ist, wurde in der Forschung ein neues Verfahren entwickelt. Mit einer reinen Salzlösung soll die Fahrbahn benetzt werden. Hierbei sind geringste Salzkonzentrationen umgerechnet in Höhe von etwa 4 g pro Quadratmeter Fahrbahn möglich.
In verschiedenen Bundesländern sind seit Winter 2008/2009 erste Versuche mit dieser Technik durchgeführt worden. „Die ersten Ergebnisse dieser Versuche zeigen, dass die Ausbringung reiner Salzlösungen für die vorbeugende Streuung möglich ist und eine sehr gut Lösung bietet. Die neu entwickelten Geräte gewährleisten eine gute und gleichmäßige Benetzung der Fahrbahn auch bei hohen Geschwindigkeiten 60 km/h und höher und extrem geringen Streudichten“, bestätigt Dr. Hanke. Für die vorbeugende Streuung ist dies ein Fortschritt mit Blick auf Wirtschaftlichkeit des Winterdienstes und Verbesserung des Umweltschutzes.
Die Versuche müssen zwar noch auf breiterer Basis durchgeführt und dabei die ersten Ergebnisse umfassend bestätigt werden, doch ist aufgrund der jetzigen Erfahrungen laut Dr. Hanke davon auszugehen, dass die Streutechnik im Winterdienst durch die reine Lösungsausbringung für vorbeugende Streuungen sinnvoll ergänzt werden kann und damit der Winterdienst einen weiteren Meilenstein der Entwicklung nehmen wird. Eine vorbeugende Streuung mit dieser Technik werde die Verkehrssicherheit im Winter weiter erhöhen, gleichzeitig aber durch minimale Salzmengen der Wirtschaftlichkeit und dem Umweltschutz besser Rechnung tragen.
Das Feuchtsalzverfahren wird allerdings, so Dr. Hanke, auch weiterhin seinen Stellenwert behalten, da es für kurative Streuungen, für größere Streumengen sowie für sehr niedrige Temperaturen ohne Alternative ist die Ausbringung reiner Lösung ist in diesen Fällen nicht zielführend. Und dies sei und bleibe der größte Teil der Anwendungsfälle.
Ob man künftig für die verschiedenen Anwendungsfälle unterschiedliche Streugeräte vorhalten muss oder ob im Sinne eines wirtschaftlichen Einsatzes Kombinationsgeräte zum Einsatz kommen, die beide Techniken der Streuung beherrschen, bleibe der weiteren Entwicklung vorbehalten.
Niels W. Buhrke | markus.targiel@holzmannverlag.de