Grün anstreichen reicht nicht
Gäbe es einen Wettbewerb um den wirksamsten Begriff der Zeitgeschichte, läge dieser ganz vorne: „Nachhaltigkeit“, englisch „Sustainability“. Nachhaltig ist, was erhält statt verbraucht, was bewahrt statt zerstört. Was heißt „nachhaltig“ für die Reinigungsindustrie?
Gleich vorneweg: Nachhaltigkeit ist das Gegenteil von Greenwashing. Greenwashing ist so tun als ob, pure Dekoration, Schein statt Sein, ein Marketinggag. Ein Etikettenschwindel, den leicht erkennt, wer zweimal nachfragt. Grün anstreichen reicht nicht.
Nachhaltigkeit bedeutet mehr. Die Kriterien bestimmt u.a. der 1952 gegründete Internationale Verband der Hersteller von Wasch-, Pflege- und Reinigungsmitteln A.I.S.E., dem mehr als 900 Unternehmen in 42 Ländern angehören, in seiner „Charter for sustainable Cleaning“. Sie besagt: Wer die Auswirkungen von Reinigungsmitteln auf die Umwelt betrachtet, muss den gesamten innerbetrieblichen Prozess analysieren und optimieren.
Die A.I.S.E.-Charta definiert acht Kriterien für ökologische Nachhaltigkeit im Betrieb: 1. Inhaltsstoffe, 2. Produktion, 3. Produkte, 4. Verpackung, 5. Transport, 6. Anwendung, 7. Training und Service und 8. Abfallbeseitigung. Die umweltrelevanten Faktoren allerAspekte werden erfasst und bewertet. Ein neutraler Gutachter prüft die Daten. Erst dann gibt’s die A.I.S.E.-Zertifizierung.
Betriebe, die diese Prüfung bestehen, sorgen dafür, dass ihre Produkte sicher und umweltschonend hergestellt werden: Durch sorgfältige Auswahl der Rohstoffe und deren effizienten Einsatz. Sie beziehen Lieferanten in den Umweltschutz mit ein und ergreifen Maßnahmen, um unfallbedingte Freisetzungen von Stoffen zu verhindern. Sie reduzieren Abfall, Reststoffe und Abwässer, sparen Transportkapazitäten und CO2 ein, trainieren ihre Mitarbeiter, brauchen weniger Reinigungslösung und erhöhen die Wirksamkeit ihrer Produkte. Nur wenn der gesamte Lebenszyklus eines Produkts im Blick ist, liegt echte Nachhaltigkeit vor.
Weitere Gütesiegel entlang des Produktlebenszyklus: das EU-Ecolabel, das europäische Öko-Audit EMAS („Eco-Management and Audit Scheme“) und eine erfolgreich abgelegte Umweltverträglichkeitsprüfung. Vorgaben kommen außerdem aus Brüssel: die Reach-Chemikalienverordnung und das von der UN als GHS angestoßene und im Dezember 2008 in der EU eingeführte CLP-System. TÜV-Abnahmen sowie regionale Initiativen wie der Umweltpakt Bayern sorgen für weitere nachprüfbare Qualifizierungen.
EMAS und die deutsche DIN-Norm EN ISO 14001:2004 bewerten im A.I.S.E.-Gesamtablauf fünf Phasen: Produktion, Produkte, Verpackung, Transport und Anwendung. Der Reach-Verordnung zufolge dürfen nur chemische Stoffe in Verkehr gebracht werden, die vorher registriert wurden. Das GHS/CLP-System qualifiziert im A.I.S.E.-Gesamtablauf die Bereiche Inhaltsstoffe, Produkte, Transport und Anwendung.
Nachhaltigkeit ist eine Grundhaltung und ein ganzheitlicher Managementansatz. Die Anforderungen sind exakt vorgegeben: Etwa durch den Branchenverband A.I.S.E., durch UN und EU, nationale Gesetze und regionale Initiativen. Die Anforderungen sind hoch. Nur wer sie erfüllt, wirtschaftet nachhaltig. Eine hohe Messlatte, die echte Nachhaltigkeit von oberflächlichem Greenwashing unterscheidet.
Monika König, Dr. Schnell Chemie | heike.holland@holzmann-medien.de