Leserbrief: “Wo die Politik versagt, wirkt der Mittelstand”

Bezugnehmend auf die Meldung „3. Tarifrunde: Arbeitgeber legen Angebot vor“ vom 21.10.2020 schreibt Uwe Bierbaum aus Espelkamp:

Leserbrief
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Jeder sechste der rund 46 Millionen Berufstätigen in Deutschland – und somit jeder elfte Bundesbürger – arbeitet als geringfügig Beschäftigter. Durch die Corona-Krise geraten die Mini-Jobber beziehungsweise 450-Euro-Kräfte in finanzielle Schieflage, während die überwiegende Anzahl der Berufstätigen durch das Kurzarbeitergeld oder durch betriebliche Vereinbarungen geschützt ist. Die geringfügig Beschäftigten beispielsweise in der Reinigungsbranche, welche im wahrsten Sinne “in den Dreck fassen”, sind zudem eventuellen Ansteckungen direkt ausgeliefert.

Es sind gerade diese Reinigungskräfte, die dem Krankenhauspersonal, weiteren Bediensteten des öffentlichen Lebens und schlussendlich uns allen im Kampf gegen Covid-19 eine hygienisch saubere und desinfizierte Räumlichkeit schaffen – als Basis für das Tagewerk im Sinne unserer Gesellschaft.

Überwiegend sozial ausgegrenzt, bei wenig Achtung und anderweitiger Aufmerksamkeit, sind geringfügig Beschäftigte mitunter zum Nichtstun verdammt. Der Weg zum Arbeitsamt ist ihnen seit jeher verwehrt. Selbst die Suppenküchen und Tafeln sind verschlossen, genau wie die Teilhabe an bestimmten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen, welche für sie und ihre Kinder einen seelischen Ausgleich darstellen könnten.

Ein ehemaliger Chef hat einmal zu mir gesagt: “Im Leben hat man wenig Zeit und viel Geld, oder viel Zeit und wenig Geld.“ Was ist, wenn man gar nichts hat? Bei allem Respekt – dies ist ein Weg in soziale Unruhe. Die geringfügig Beschäftigten haben keine Lobby und eine wegschauende Politik.

Das Modell der Mini-Jobber war angedacht als eine “Job-Börse in die Vollzeitstelle”. Dies hat nicht funktioniert und diejenigen, für die es gedacht war, tragen daran beileibe keine Verantwortung geschweige denn Schuld.

Nicht allen bietet das Leben die Möglichkeit auf einen Studienplatz oder andere qualifizierte Abschlüsse. Gerade private Unternehmen im Bereich der unterschwelligen Dienstleistungen schaffen ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Tagesstruktur, Beistand in schwierigen Situationen und bilden so eine familiäre Bank im wahrsten Sinne des Wortes. Viele Unternehmen erfüllen ihre Verantwortung weit über Gebühr und stocken ausbleibende und fehlende staatliche Hilfen für ihre Schutzbefohlenen auf.

Das diskutierte Bürgergeld soll den Einzelnen vor existentieller Not befreien; noch gibt es dieses Bürgergeld aber nicht. Seitens der Politik gibt es ”nicht mal ein Kuss oder einen dicken Apfel” – so würden wir in Ostwestfalen sagen. Stattdessen blumige Worte von der Bundeskanzlerin: „Das sind keine Zahlen in der Statistik, das sind Menschen. Wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt.“

Für den flügellahmen Kranich namens Lufthansa wendet die Bundesregierung Milliardenbeträge auf, trotz Aussicht auf den sicheren Tod des angeschlagenen Vogels. Und die Ärmsten unserer Gesellschaft werden allein gelassen. Auch hier hat die Politik die geringfügig Beschäftigten vergessen.

Wenn Covid-19 eines Gutes hat, dann ist es eine gewisse Rückbesinnung auf Demut und Bescheidenheit, die sich durch gelebte Wertschätzung und Respekt der bürgerlichen Mitte auch und gerade gegenüber sozial Benachteiligten ausdrückt. Eine belastbare und herausgeforderte Unternehmenskultur kommt einer Infektion gleich: Ist sie erst einmal überstanden, sorgt sie für Gesundung, Resistenz und Stabilität gegenüber “dem Angreifer” und führt die Teilnehmer gestärkt und zuversichtlich in eine gemeinschaftliche Zukunft.

Die Keimzelle unserer Gesellschaft ist die Familie, wofür eben auch überwiegend der privatwirtschaftliche Mittelstand steht. Wenn die Bundeskanzlerin sagt “wir schaffen das”, dann sollte sie auch den Mittelstand und kleinere Unternehmen einbeziehen. Wenn in Deutschland jemand etwas schafft, dann sind es Berufstätige, die morgens früh aufstehen, genauso wie der “ausgeschlafene” Mittelstand, der wachen Auges und vorausschauend durch die Weltgeschichte geht. Wer Böses dabei denkt, könnte die Politik als Geisel der Konzerne betrachten. Letztere machen mit der Politik, was sie wollen. Verheerende Fehlentscheidungen trägt der Steuerzahler – also wir.

Die Leistung unseres Volkes ist die soziale Marktwirtschaft und Politik ist und war selten so weit vom Einzelnen entfernt, wie jetzt.

Uwe Bierbaum, Espelkamp / GH