Im 75. Jubiläumsjahr auf Wachstumskurs
- Kärcher feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen. Alfred Kärcher gründete das Familienunternehmen 1935 in Stuttgart-Bad Cannstatt, wo er zuvor gemeinsam mit seinem Vater ein Konstruktionsbüro betrieben hatte.
„Die Innovation stand also Pate bei der Gründung der Alfred Kärcher Kommanditgesellschaft und sie ist sogar älter als unser Unternehmen“, sagt Hartmut Jenner, Vorsitzender der Geschäftsführung. „Heute wird mit dem Namen Kärcher vor allem das Thema Reinigung verbunden. Doch als Alfred Kärcher 1935 den Schritt in die wirtschaftliche Selbstständigkeit wagte, befasste er sich zunächst fast ausschließlich mit der Konstruktion, Herstellung und dem Vertrieb von Heizsystemen.“ Mit technischem Weitblick entwickelte der schwäbische Tüftler Tiegelöfen und elektrische Großtauchheizkörper für industrielle Zwecke. Der erste große wirtschaftliche Erfolg wurde der „Kärcher-Salzbadofen“ für ein energiesparendes Härten und Veredeln von Leichtmetallen. Als Alfred Kärcher keine Möglichkeit zur Weiterentwicklung mehr sah, verkaufte er die Patente und investierte den Erlös in den Kauf eines neuen Betriebsgeländes in Winnenden - wo das Unternehmen bis heute seinen Stammsitz hat.
In den Folgejahren baut Kärcher das Geschäftsfeld der Spezialheizgeräte weiter aus. Auf Nachfrage der Lufthansa entwickelte er Heizgeräte zum Anwärmen von Flugzeugmotoren und Enteisen von Tragflächen. Eine weitere Erfindung Alfred Kärchers hat ebenfalls mit der Luftfahrt zu tun: Bordheizgeräte erlauben das Aufsteigen in immer größere Höhen. Die Entwicklung technisch komplexer Geräte wird nach dem Krieg abrupt unterbrochen, als mit einfachsten Mitteln neu begonnen werden muss. Das Unternehmen wird auf die Produktion von Dingen für den alltäglichen Bedarf im zerstörten Deutschland umgestellt. Dazu zählen sogenannte Flüchtlingsöfen und kleine Zwei-Platten-Kochherde, gefertigt aus vorhandenen Blechbeständen. Auch ein- und zweiachsige robuste Ackerwagen gehören in dieser Zeit zum Angebot.
Von den amerikanischen Streitkräften erhält das Unternehmen den Auftrag, „Steam Cleaner“ zu warten und zu reparieren, die in den 20er Jahren in den USA erfunden worden sind. Im eigenen Haus entwickelt Kärcher diese Technik weiter, vervollkommnet sie und präsentiert 1950 den ersten europäischen Heißwasser-Hochdruckreiniger KW 350 („Kochendwasserreiniger 350“). Er markiert den Einstieg in den Reinigungsgerätemarkt und den Grundstein für das spätere Hauptgeschäftsfeld des Unternehmens. Doch Alfred Kärcher erlebt den Durchbruch seiner Erfindung nicht mehr - bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1959 werden Heizsysteme und industrielle Dampferzeuger die wichtigsten Umsatzträger des Unternehmens bleiben.
„Charakteristisch für Alfred Kärcher waren sein unerschöpflicher Schaffensdrang, sein Erfindergeist und die Perfektion bei der Lösung technischer Probleme“, sagt Hartmut Jenner. „Bei aller Leidenschaft für die Technik vergaß er jedoch nie seine Verantwortung für die Belange seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Anekdote, nach der Alfred Kärcher in der schweren Nachkriegszeit Material aus seinem Besitz veräußerte, um seine Belegschaft fristgerecht bezahlen zu können, ist sinnbildlich für seine stets am Wohle aller ausgerichteten Haltung.“
Nach seinem Tod bleibt Irene Kärcher mit zwei Kindern zurück - und einem Unternehmen, das 1959 schon 250 Beschäftigte zählte. Ohne Erfahrung in der Leitung eines solchen Betriebs nimmt sie die Herausforderung an und führt das Lebenswerk ihres Mannes weiter. Sie treibt die Internationalisierung voran, zunächst wird eine Niederlassung in Frankreich gegründet (1962), zwei bzw. vier Jahre später folgen Gesellschaften in Österreich und der Schweiz. Heute ist Kärcher in 47 Ländern mit Tochtergesellschaften vertreten, mehr als 50.000 Servicestellen in über 190 Staaten stellen weltweit eine flächendeckende Versorgung sicher. Die Auslandsquote liegt heute bei über 80 Prozent.
Irene Kärcher ist es auch, die 1974 mit der damaligen Geschäftsleitung einen Strategiewechsel beschließt: Obwohl man zu dieser Zeit auch mit anderen Produkten erfolgreich ist, wird der Fokus nun ganz auf die Hochdruckreinigung gelegt. Mit der Konzentration auf dieses expandierende Geschäftsfeld ändert sich auch die Firmenfarbe: von Hammerschlagblau auf das Kärcher-Gelb. „Irene Kärcher hat unser Unternehmen und unsere Firmenkultur entscheidend geprägt“, sagt Hartmut Jenner. „In den 30 Jahren ihrer Führung hat sie viele weitsichtige Entscheidungen getroffen, die Voraussetzung dafür waren, dass sich Kärcher von einem mittelständischen Betrieb zu einem Weltmarktführer entwickelte.“
Seit 1980 richtet sich das Unternehmen auf den gesamten Grundbedarf Reinigung in den Bereichen Transport und Gebäude aus. Kärcher entwickelt sich zum Systemanbieter. Das Programm umfasst Problemlösungen für fast alle Reinigungsaufgaben: Hochdruckreiniger, Sauger, Kehr- und Scheuersaugmaschinen, Kfz-Waschtechnik, Reinigungsmittel, Trockeneis-Strahlgeräte und Teilereiniger sowie Trink- und Abwasseraufbereitungsanlagen.
Ein weiteres einschneidendes Jahr in der Firmengeschichte ist 1984: Kärcher stellt mit dem HD 555 den weltweit ersten tragbaren Hochdruckreiniger für Privathaushalte vor und schafft damit einen komplett neuen Markt. Mit weiteren Produkten für den privaten Gebrauch dehnt Kärcher zu Beginn der 90er Jahre die Aktivitäten auf dem Endverbrauchermarkt aus. Dazu zählen heute Staub- und Nass-/Trockensauger, Dampfreiniger, Polierautomaten, Sprühextraktions- und Fensterreinigungsgeräte sowie ein vollautomatischer Reinigungsroboter. Dem schließen sich Pumpen für Haus und Garten mit umfangreichem Bewässerungszubehör an, die Kärcher 2006 ins Programm aufgenommen hat. 2010 hat Kärcher rund 2.200 Produkte im Programm gegenüber lediglich sieben Produkten im Jahre 1974.
Umsatz weltweit gesteigert
Zum ersten Halbjahr im Jubiläumsjahr fällt das Familienunternehmen ein positives Fazit: Mit rund 820 Millionen Euro hat Kärcher den höchsten Umsatz und mit rund 4,3 Millionen verkauften Geräten die höchste Stückzahl in einem Halbjahr erzielt. Das Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahr beträgt 15 Prozent. Zum Ende des Geschäftsjahren peilt das Unternehmen einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro an. Derzeit entfallen 50 Prozent des Umsatzes auf den B2B-Bereich, in dem Kärcher einen Auholeffekt gegenüber dem Vorjahr beobachtet, so dass man Ende 2010 im B2B-Bereich das Niveau von 2008 erreicht haben werde, so Hartmut Jenner. Zum Ertrag wollte Jenner keine Angaben machen, dieser sei zufriedenstellend. Jährlich investiert Kärcher zwischen 60 und 80 Millionen Euro (ohne Werkzeug und Marketingausgaben). Davon fließen rund fünf Prozent in die Forschung und Entwicklung.
Angesprochen auf zukünftige Betätigungsfelder des Unternehmens nannte Hartmut Jenner u.a. das Thema Wasser. Das derzeitige Randgebiet des Unternehmens (Herstellung von Trink- und Abwasseraufbereitungsanlagen) soll ausgebaut werden. Des Weiteren sprach Jenner als mögliche Betätigungsfelder die Bereiche Health & Care, Reinraum und Hygiene an, „Gebiete auf denen wir sicherlich tätig werden“. Themen wie Feinstaub und Nanopartikel würden zukünftig immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Dem gelte es Rechnung zu tragen.
Zum Firmenjubiläum hat Kärcher ein neues Unternehmensmuseum eröffnet. Zu Beginn des Rundgangs steht das Wirken von Alfred und Irene Kärcher im Mittelpunkt. Im Anschluss werden unterschiedliche Felder der Reinigungstechnik und ihre Funktionen beschrieben und was das Unternehmen an bedeutenden Entwicklungen auf den Gebieten Robotik, Ergonomie und Design hervorgebracht hat. Am Ende der Besichtigung stehen PC-Terminals für weitergehende Informationen zur Verfügung.
Kärcher beschäftigt in 47 Ländern mehr als 7.100 Mitarbeiter. Die Reinigungsgeräte produziert das Familienunternehmen in Deutschland, Italien, den USA, Brasilien, Mexiko und China. In den Entwicklungszentren arbeiten mehr als 600 Ingenieure und Techniker an der Konstruktion neuer Problemlösungen.
mjt