Glas und Fassade -

Am Hohentwiel herrscht wieder Burgfrieden Wasch mir den Fels

Arbeitsbühnen als Hilfsmittel bei der Glas- und Fassadenreinigung sind ein gewohntes Bild. Dass sich eine Arbeitsbühne an einen Burgfelsen krallt und das Felsgestein gereinigt wird, ist eher ungewöhnlich. Ein Bericht über eine besondere Reinigung.

-„Ich habe schon viele außergewöhnliche Aufträge gehabt, aber einen Felsen habe ich bisher noch nicht gereinigt.“ Gebäudereinigermeister Steffen Worreschke steht am Fuße der Festungsruine Hohentwiel bei Singen und blickt nach oben. In 50 m Höhe strahlen zwei seiner Mitarbeiter vom Korb einer Arbeitsbühne aus den Felsen unterhalb der Burg ab. Was war passiert?

Bei der Sanierung des Burgmauerwerks ist eine Kalkverbindung aus der Grundmauer ausgetreten und den darunterliegenden Felsen nahezu 50 m bis auf die Erde heruntergelaufen. Zurück blieben großflächige weiße Verfleckungen von insgesamt knapp 200 m² Größe, die sich deutlich vom übrigen Felsgestein abheben und so den Blick auf die einzigartige Anlage trüben.

Der Hohentwiel bei Singen gehört zu den größten Festungsruinen Deutschlands und ist ein bedeutendes Kultur- und Naturdenkmal. Seit der Errichtung im Jahr 914 erlebte die Burg eine wechselvolle Geschichte: von der schwäbischen Herzogsresidenz über den Zähringer-Sitz bis zur württembergischen Insel in vorderösterreichischem Gebiet. Die Lage im landschaftlich reizvollen Hegau verschafft der beeindruckenden Festungsruine noch eine zusätzliche Attraktivität und zieht das ganze Jahr eine große Anzahl von Besuchern an.

Daher waren die Verfleckungen dem Eigentümer, dem Land Baden-Württemberg, schon lang ein Dorn im Auge. Doch: Bisher scheiterten alle Versuche, den ursprünglichen Zustand des Felsens wiederherzustellen. Worreschke berichtet: „Es waren schon einige Dienstleister vor uns hier am Werk – zu gründlich. Die Reinigungen der Testflächen im Trockenstrahlverfahren verliefen alles andere als zur Zufriedenheit des Auftraggebers.“ Der Auftrag lautet nämlich, die „Verschmutzung“ vom Felsen herunterzuholen, ohne die Patina desselben zu zerstören, damit sich die betreffenden Flächen nicht doch wieder von der Umgebung abheben. Wie kommt man also zu so einem außergewöhnlichen Auftrag?

„Ich habe mich seit einigen Jahren auf Sonder- und Bauendreinigungen spezialisiert, wobei die Höhenzugangstechnik mein Steckenpferd ist. Wir haben schon einige außergewöhnliche Aufträge in und an Gebäuden ausgeführt, bei denen der Zugang die Herausforderung war.“ In diesem (Schadens-)Fall kam der Kontakt über eine Versicherung zu Stande, für die Worreschke schon einige Aufträge ausgeführt hat.

Die Reinigungsmethode

Hohentwiel stellte aber auch den erfahrenen Spezialisten Worreschke vor einige Probleme. Wissend, dass die bisherigen Probereinigungen negativ verlaufen waren, tüftelte Worreschke an der Reinigungsmethode. Chemie schied von vornherein aus: Die Burg steht in einem Naturschutzgebiet und das Auffangen von eingesetzter Chemie war unter den gegebenen Arbeitsbedingungen nicht möglich.

Schließlich kam der Gebäudereinigermeister mit Hilfe von Steffen Stein, Inhaber des Kärcher Center Göbel (Kirkel), auf ein kombiniertes Verfahren, das sich auf einer Testfläche bewährte: Die verschmutzten Stellen werden mit Hilfe eines Kaltwasserhochdruckreinigers (siehe Infobox) mit einem Druck von über 230 bar unter Beimengung von etwas weißem Quarzsand bearbeitet. „Es gibt unterschiedliche Körnungen, die wir ausprobiert haben. Dabei muss man auf die Bedüsung achten, die natürlich nicht verstopfen darf. Da muss man wirklich schon tüfteln und probieren bis es passt. Ich habe sogar Düsen selbst anfertigen lassen. Je nach Stärke der Ablagerung, die bis zu 5 cm stark ist, mischen wir etwas mehr oder weniger Quarzsand bei und weichen die Fläche mit Wasser zunächst vor.“ Zudem müssen manche Stellen mehrmals bearbeitet werden, denn nach dem Abtrocknen des Felsens sieht man hier und da noch Restverschmutzungen. Diese Methode schont den Untergrund, so dass die Patina des Felsens nicht angegriffen wird und den Umweltschutzauflagen ist ebenfalls Genüge getan.

Der Zugang

Der erste Schritt war also getan: Die Methode stand. Nur: Wie kommt man an die hoch gelegenen Stellen in dem unwegsamen Gelände? Schnell war zwar klar, dass der einzig mögliche Weg, die Verschmutzungen zu erreichen, mit Hilfe einer Arbeitsbühne zu bewerkstelligen ist. Allerdings führt der Weg hoch zum Fußpunkt des Felsens durch zwei Burgtunnel, die eng und niedrig sind – eine Lkw-Bühne schied damit aus. „Wir brauchten also eine kleine Arbeitsbühne, die uns allerdings 50 m Höhenzugang bieten musste, sonst wären wir nicht an die am höchsten gelegenen verschmutzten Stellen herangekommen. Gleichzeitig brauchten wir eine ausreichende seitliche Reichweite.“ So entschied sich der Fachmann für den Leo 50 GTX von Teupen (siehe Infokasten), den er bei der Arbeitsbühnenvermietung Schmidt aus Neu-Isenburg anmietete und dessen Fähigkeiten laut Worreschke bei diesem Auftrag „absolut ausgereizt werden“.

Nachdem sich die kettengestützte Arbeitsbühne den Berg hoch und durch die Tunnel gekämpft hatte, stand man zwar auf dem Plateau unterhalb des Felsens, war aber noch zu weit von der Wand entfernt. Zwischen dem Felsen und der Bühne lag noch ein etwas abschüssiger Hang, der nur über eine Felsrampe mit einer Steigung von rund 40 Prozent zu erreichen ist. Laut Datenblatt garantiert Teupen für seinen Leo aber „nur“ 30 Prozent. Worreschke und seine Leute nahmen ihr Herz in die Hand und versuchten es einfach – die Bühne schaffte es tatsächlich über die Rampe. Sie hatten es aber immer noch nicht ganz geschafft! Nun galt es, die Arbeitsbühne auf dem leicht abfallenden Geröllhang so abzustützen, dass Arbeiten in 50 m Höhe und bis zu 10 m seitlicher Reichweite sicher auszuführen waren. „Insgesamt über sechs Stunden dauerte es, bis wir die Bühne hier hoch geschafft haben und eine Position gefunden hatten, in der sie sicher stand. Arbeitssicherheit geht vor! Der erste Tag war aber damit gelaufen“, berichtet Worreschke.

Und das Zeitfenster war eng genug. Ein brütendes Falkenpaar und diverse Veranstaltungen auf der Burganlage machten eine Reinigung im Sommer unmöglich. Erst im September konnte es losgehen. Veranschlagt war eine Arbeitswoche – bei optimalen Wetterbedingungen. „Ab einer gewissen Windstärke, die im beginnenden Herbst an der Tagesordnung ist, möchte ich aber keinem zumuten, in 50 m Höhe im Arbeitskorb einer Hebebühne zu arbeiten, die auf einem abschüssigen Geröllhang steht“, deutet Worreschke die möglichen Gefahren an. Es galt also, das schöne Wetter auszunutzen und zügig voranzukommen.

Am frühen Morgen des zweiten Tages konnte der Dienstleister mit den eigentlichen Arbeiten beginnen. Nach der widrigen Einrichtung des „Objektes“ geht dann alles relativ unproblematisch vonstatten: Die Arbeitsbühne steht sicher, die Leitungen des Hochdruckreinigers zu dem 70 m entfernt liegenden Strom- und Wasseranschluss sind gelegt. Der Hochdruckreiniger steht zwar unten, im Korb haben die Mitarbeiter jedoch eine Menge Quarzsand dabei, den sie in der jeweils erforderlichen Menge dazumischen. Während also einer der Worreschke-Mitarbeiter die Hebebühne vom Arbeitskorb aus bedient und lenkt, strahlt ein anderer die Felsen Meter für Meter ab.

Steffen Worreschke blickt am Fuße des Burgfelsens stehend hoch und ist zufrieden: Alles läuft wie geplant, seine Männer kommen gut voran. Bis Ende der Woche dürfte der Auftrag – gutes Wetter vorausgesetzt – erledigt sein. „Solche Aufgaben reizen mich“, sagt er schmunzelnd. „Sie machen den Beruf so interessant und verschaffen Genugtuung, wenn alles trotz der Hemmnisse und Widrigkeiten funktioniert.“

Markus J. Targiel | markus.targiel@holzmannverlag.de

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