Glas und Fassade -

150 Jahre alte Feldbrandziegelfassade Villa Kunterbunt – schön ist anders

Schicht für Schicht schälten Auszubildende der ÜBL Essen ein im wahrsten Sinne des Wortes steinaltes Haus aus seinem Farb-, Lack- und Teerkleid. Ein hartes Stück Arbeit für die Lehrlinge und ihren Ausbilder Bernd Dornbrach, der seine Schüler an ihre Grenzen brachte.

-Essen wird im Jahr 2010 Kulturhauptstadt sein und natürlich setzt die Stadt einiges daran, sich bis dahin herauszuputzen. Auch private Hausbesitzer sind angehalten, alte Bauwerke zu renovieren. Für die nötigen Arbeiten gewährt die Stadt einen Zuschuss von 50 Prozent. So kam Bernd Dornbrach, Gebäudereinigermeister und Lehrer für Reinigungstechnik der Gebäudereiniger-Innung Essen/Mühlheim/Oberhausen, an ein neues Lehrobjekt für die Auszubildenden der überbetrieblichen Lehrwerkstatt (ÜBL). Ausbilder und Lehrer reinigten das Gebäude zum Materialkostenpreis, so dass der Hausbesitzer doppelt sparen konnte. Das Gebäude, das gereinigt werden sollte, entstand von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Im Laufe der Jahrzehnte war angebaut, umgebaut und die Fassade immer wieder überstrichen worden. So war eine kunterbunte Mischung aus schwarzen, roten und weißen Gebäudeteilen entstanden. Die Verschmutzungen auf der rechten Seite des Hauses waren aber keine schwarze Farbe, wie auf den ersten Blick vermutet, sondern Teer. Das stellte sich nach den ersten Strahlversuchen heraus, bei denen Dornbrach plötzlich Benzingeruch in die Nase stieg. Ein Test mit einem Lösemittel brachte den Beweis. Die linke Seite des Hauses war von Teer und drei zusätzlichen Farbschichten bedeckt. Doch damit noch nicht genug: im Sockelbereich stießen die Auszubildenden auf fünf Farbschichten. Dabei handelte es sich um eine rote Ölfarbe, einen grauen und einen grünen Anstrich auf mineralischer Basis und zwei weitere Farbschichten, die aber mangels einer ausreichende Probe nicht näher bestimmt werden konnten.

Um den Teer zu entfernen, verwendeten Ausbilder und Schüler eine Niederdruckstrahlanlage mit Glaspudermehl mit einer Mohs-Härte von 7 und strahlten mit 3 bar Druck. Pro Minute verbrauchten sie 800 g Glaspudermehl. Dornbrach: „Das Granulat dieser Härte scheint auf den ersten Blick für eine Feldbrandziegelfassade etwas hart, bei den Verschmutzungen, wie wir sie vorfanden, war sie aber nötig.“ Außerdem bot das gewählte Glaspudermehl eine für den Auftraggeber günstige Alternative zum Quarzsand. Als die Auszubildenden den Teer entfernt hatten, konnten sie erkennen, dass fast keiner der Feldbrandziegel, aus dem die Wände bestanden, heil geblieben war. Neben ein, zwei Ziegeln, die sie mit zu geringem Abstand bestrahlt und dabei beschädigt hatten, lag das daran, dass bereits beim Bau des Hauses gebrauchte Steine verwendet worden waren. „Die Feldbrandziegel waren offensichtlich zu heiß gebrannt worden. Das ergab Sprünge und Risse, die sichtbar wurden, als die Teerschicht abgetragen war“, erklärt der Gebäudereinigermeister. Alles in allem hatte die mit Teer verschmutzte Seite des Hauses die Gruppe jedoch noch nicht sehr gefordert.

Die vielen Farbschichten, zuoberst die rote, auf der linken Seite des Hauses waren schwerer zu entfernen. Die bisher gewählte Einstellung bei der Strahlanlage brachte hier nicht den gewünschten Effekt. Daher erhöhte Dornbrach die Granulatzufuhr auf 1,5 kg/min und den Druck auf 4 bar. Jetzt wich die Farbe langsam, aber sicher. „Wir hatten eine Tagesleistung von 5 bis 6 m²“, schildert er, „bei meinen Schülerprojekten spielt die Zeit aber keine Rolle, schließlich sind die Jugendlichen noch in der Ausbildung.“

Insgesamt acht Wochen arbeiteten verschiedene Teams, letztendlich 60 Auszubildende des 3. Lehrjahres, an der Fassade. „Die waren alle hoch motiviert und heiß darauf, beim Strahlen an die Reihe zu kommen“, erzählt der Ausbilder. Denn es wurde immer nur mit einer Anlage gestrahlt, damit er die Arbeiten im Blick behalten konnte.

„Ein richtig harter Brocken“

Im Sockelbereich hatte die mechanische Wirkung des Granulats ihre Grenzen erreicht. Ein Farbablöser mit hochsiedenden Alkoholen kam zum Einsatz, der auch für Bootsentlackungen verwendet wird. Dornbrach bestrich den Sockel und schloss die Oberfläche mit einer Folie, die von selbst auf dem Anstrich klebte, luftdicht ab. Nach einer Woche wiederholte er den Vorgang und hatte damit nach zwei Wochen schließlich die fünf Farbschichten zu einer pasteusen Masse aufgeweicht.

Die Auszubildenden sprühten die Farbe anschließend mit 110 °C heißem Dampf bei 200 bar Druck ab. Nach dem Absprühen härteten die Farbpartikel wieder aus, so dass kein Sondermüll entstand, der aufwändig hätte entsorgt werden müssen. Die letzten Farbreste beseitigte die Mannschaft wieder mit der Niederdruckstrahlanlage. Den vorab errechneten Verbrauch von 7 t Granulat konnten Dornbrach und seine Helfer sogar noch unterbieten: nur 5,5 t reichten aus.

„Dieses Haus war ein richtig harter Brocken“, gesteht Dornbrach, „meine Auszubildenden waren damit teilweise überfordert und ich musste die Arbeit viele Male alleine machen.“ Ein Grund aufzugeben war das für den Ausbilder trotzdem noch lange nicht: „Ich habe mir immer wieder bewusst gemacht, dass ich einen Lehrauftrag habe“, sagt er und gibt zu „dieses Mal war ich aber wirklich froh, als die Arbeiten abgeschlossen waren.“

Rebecca Eisert | rebecca.eisert@holzmannverlag.de

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