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Gesundheitsförderung im Unternehmen Strategien gegen Burnout

Zeitdruck, Arbeitsverdichtung und Kommunikationsvervielfachung: Immer mehr Menschen haben Burnout. Dafür zu sorgen, dass es nicht so weit kommt, ist nicht nur Sache des Einzelnen. Burnout-Prävention ist auch eine Unternehmensverantwortung im Sinne der Fürsorgeverpflichtung.

Burnout: Überall hören wir davon. Auch Menschen, die mit ihrer psychischen und physischen Konstitution und ihrem familiä ren Hintergrund bisher nicht zur Risikozielgruppe gehörten, sind zunehmend gefährdet. Ursachen sind nicht nur Verhalten und Persönlichkeit, sondern allgemeine Lebens- und Unternehmensbedingungen. Die Berufsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen ist zwischen 2004 und 2007 um fast 70 Prozent gestiegen. Alarmierend ist die hohe Zahl von Burnout-Patienten. 2008 sind ausgebrannte Berufstätige fast zehn Millionen Tage krankgeschrieben worden. Damit fehlten rund 40.000 Menschen das ganze Jahr über am Arbeitsplatz. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Burnout im Jahr 2030 die zweithäufigste Krankheit sein, die – gemessen am Grad der Behinderung und dem Verlust von Lebensqualität – die Menschen am stärksten belastet.

Ausgebrannt oder nur ein Durchhänger?

Kaum jemand kommt durchs Berufsleben ohne über eine gewisse Zeit hinweg auch mal richtig Gas zu geben. Erhöhte Anspannungs phasen lassen sich nicht gänzlich vermeiden und können sogar nutzbringend sein, wenn das Prinzip von Anspannung und Entspannung beachtet wird. Die Unterscheidung von vorübergehender Erschöpfung, Unlust und Burnout ist nicht immer ganz leicht. Eine mögliche Abgrenzung liefern die drei folgenden Kriterien:

1. Die Dauer des Durchhängers ist für das eigene Empfinden und das des Umfeldes zu lang.

2. Im Vergleich mit vorherigen Phasen im Berufsleben ist die Reizbarkeit deutlich erhöht, Aktivitäten, Geselligkeit und sozialer Kontakt werden eingeschränkt.

3. Es fehlt eine Kompetenz zu regenerieren. Was früher als Regeneration und Kraftinseln funktioniert hat, hilft nicht mehr. Freunde und Bekannte bemerken Verhaltensveränderungen. An diesem Punkt sollte man sich die Frage stellen, ob dies anderen Zeiten von Durchhängern ähnelt oder eine Krise neuer Qualität und Dauer ist.

Häufig sind Menschen betroffen, von denen man es am wenigsten erwartet. Wer ausbrennt, hat zunächst einmal zuvor gebrannt: Für ein Thema, für eine Aufgabe, für eine Herausforderung, voller Loyalität, voller Idealismus. Betroffen sind nicht selten Leistungsträger, die nach perfekten Lösungen suchen und eine hohe Loyalität zu ihrer Aufgabe, Leistung und Position haben. So unterschiedlich die Betroffenen wirken, lässt sich das Phänomen doch anhand gleicher Persönlichkeitsstrukturen und Muster beschreiben. Betroffene sehen sich mit vielen und komplexen Aufgaben konfrontiert, die in der vorgegebenen Zeit selten machbar sind. Das Motto ist „geht nicht, gibt’s nicht“. Die Devise heißt „mehr machen, besser machen“. Wenn die gewünschte Leistung nicht erfüllt wurde, wirkt eine weitere innere Kraft, die jedes 70- oder 80-prozentige Ergebnis als nicht akzeptabel abwertet. Dies hängt damit zusammen, dass über Jahre gelernt wurde: Selbstwert = Leistung.

Im Inneren von Betroffenen fängt ein Kampf zu toben an. Dr. Gunther Schmidt, Spezialist auf diesem Gebiet, formuliert hierzu: „Die Betroffenen haben bei diesem massiven inneren Zwickmühlen erleben einen Energieverbrauch, der regelrecht einem Marathonlauf auf dem Radius eines Bierdeckels entspricht, da der innere Kampf viel Energie verbraucht, der nach außen nicht sichtbar wird.“ Auswirkungen und Preis sind hoch. Körper und Organismus zeigen psychosomatische Reaktionen und fangen zu streiken an.

Arbeitnehmer wie Arbeitgeber sind in der Verantwortung

Lösungsansätze liegen sowohl im Bereich der individuellen Prävention und Entwicklung von Lösungsstrategien als auch im Be reich der Unternehmens- und Führungsverantwortung. Wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber in kooperativer Zusammenarbeit ihren Teil der Verantwortung überneh men und für Lösungswege sorgen, kann viel Notwendiges und Positives bewirkt werden.

Die drei Säulen der individuellen Burnout-Prävention sind regenerieren, delegieren und eigene Grenzen erkennen beziehungsweise Grenzen setzen. Die Regeneration stellt in Verbindung mit der Selbstverantwortung die Kompetenz dar, die am leichtesten zu erlernen und umzusetzen ist. Insofern ist es hilfreich, sich ausreichend Zeit zu nehmen, um zu reflektieren, wobei Entspannung am leichtesten gelingt.

Diese Aktivitäten sollten in den Tagesablauf eingeplant werden. Vor allem Burnout-Risiko-Kandidaten müssen Kraftinseln, Ruheinseln und Kurzpausen für sich wiederent decken. Der Organismus ist wie eine gut gefüllt Badewanne voller Energie: Die kräftezehrenden Tätigkeiten schöpfen das Wasser ab, bis die Badewanne leer ist. Es ist also wichtig, über kraftgebende Tätigkeiten oder Entspannung regelmäßig Energie zuzuführen.

Energietauschbörse“ kann Entlastung bringen

Beim Delegieren stellt sich die Frage: Muss ich wirklich alles selbst machen oder kann ich Unterstützung bekommen? Im Job gibt es je nach Position mehr oder weniger Delegationsmöglichkeiten. Häufig lohnt sich die Mühe, sich im Kollegenkreis umzuschauen. Vielleicht gibt es Aufgaben, die jemanden viel Kraft kosten, der Kollege läuft dabei aber zur Hochform auf und umgekehrt. Eine „Energietauschbörse“ im Team kann Entlastung bringen, Teamwork verbessern und bessere Ergebnisse bringen.

Aus dem Wissen heraus, welche Rahmenbedingungen negativen Einfluss auf das Thema Burnout haben, lässt sich die positive Kehrseite der Medaille ableiten. Daraus ergibt sich, risikoverringernde Rahmenbedingungen zu Pflichtaufgaben der Führung im Unternehmen zu machen. Eine Checkliste kann helfen:

-  Klare Ziele: Sicherstellen, dass Mitarbeiter Zielvorgaben erhalten, die sie verstehen, mittragen und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln umsetzen können. Was soll wie bis wann er reicht werden? Hat der Mitarbeiter die Voraussetzungen, um die Ziele zu erreichen? Sind die Ziele notwendig, realistisch, machbar?

- Handlungs- und Entscheidungsspielräume: Sicherstellen, dass Mitarbeitern Entscheidungsspielräume und Budgetspielräume zugesichert werden, die angemessen für die Aufgabe und Verantwortung sind und Mitarbeiter motivieren. Sollten für bestimmte Bereiche in der Art der Bearbeitung unverhandelbare Pflichtvorgaben bestehen, dann sollten Mitarbeiter das wissen.

-  Gute Einarbeitungszeit und Vorbereitung auf neue Aufgaben: Sicherstellen, dass Mitarbeiter eine ausreichende Einarbeitungszeit erhalten. Es mag sein, dass mancher Mitarbeiter nach einem Wurf ins kalte Wasser schnell gelernt hat, jedoch ist der Preis dafür hoch. Mit wenigen einfachen Mittel kann man neuen Mitarbeitern den Einstieg ins neue Unternehmen und die neue Aufgabe deutlich erleichtern.

- Ausstattung mit notwendigen Materialien: Sicherstellen, dass Mitarbeiter mit den notwendigen und guten Materialien ausgestattet werden. Es spart Zeit, hat eine wertschätzende und motivierende Wirkung.

- Positives Betriebsklima und Führungsstil: Auf ein gutes angemessenes Betriebsklima und einen fairen und wertschätzenden Führungsstil achten.

- Fremdbestimmtheit versus Beteiligung: Mitarbeiter bei der Entwicklung von operativen Lösungen einbeziehen. Das praktische Wissen der Mitarbeiter und wichtige Informationen nutzen und verdeutlichen, dass die Mitarbeiter selbst die Experten in der Umsetzung sind und Hinweise für Lösungen haben.

- Abgrenzungen und Rollenklärung: Klarheit darüber, wer für welche Aufgabe zuständig ist. Zeit nehmen, um Aufgabenbereiche, Verantwortungen und Rollen zu klären. Mitarbeiter unterstützen, wenn es bei den Rollen Unklarheiten, Unsicherheiten und Konflikte gibt.

Welche Maßnahmen fördern die Gesundheit von Mitarbeitern und schützen vor Burnout? Was kann ein Unternehmen tun, um Mit arbeiter auf Rolle und Aufgaben vorzubereiten? Welche Unterneh mens angebote und Maßnahmen können präventiv wirken? Wie kann das Unternehmen Betroffene unterstützen? Einige Beispiele:

- Führungskräfte-Trainings oder -Workshops zur Vorbereitung auf die Führungsrolle als Pflichtveranstaltung. Neben Talent sind handwerkliches Wissen und Können nötig, um Führungsaufgaben wirkungsvoll und gesundheitsfördernd ausüben zu können.

- Trainings zur Vorbereitung auf Fachaufgaben (Förderung der Fachkompetenz).

- On-The-Job-Coaching , in dem praktische Fälle und Situationen re gelmäßig vor- und nachbereitet werden. Mit dem Ziel, die Problemlösungskompetenz zu erhöhen, Sicherheit im Umgang mit schwierigen Situationen zu steigern, die Konfliktfähigkeit zu verbessern und die Führungskompetenz weiterzuentwickeln.

- Workshops zum Stress- und Selbstmanagement.

- Workshops zur Persönlichkeitsentwicklung.

Abschließend ein paar Leitfragen, anhand derer Unternehmen leicht einen Einstieg finden, sich dem zunehmend wichtigen und wirtschaftlich bedeutsamen Thema „Betriebliches Gesundheitsmanagement als strategische Ausrichtung des Gesamtunternehmens“ zu nähern. Sollte dies langfristig in einem effektiven unternehmensweiten betrieblichen Gesundheitsmanagement münden, so ist dies die beste und zukunftsorientierteste Perspektive für Unternehmen und ihre Mitarbeiter.

 - Wie sieht eine gesundheitsfördernde Arbeitsumgebung aus? Welche gesundheitsfördernden Rahmenbedingungen wollen wir schaffen?

- Welches Verhalten, welche Aktivitäten und Maßnahmen fördern die Gesundheit am Arbeitsplatz, beim Kunden, in der Organisation?

- Welches Knowhow, welche Fähigkeiten und Strategien fördern die Gesundheit? (Workshops zum Erlernen von Entspannungstechniken, Persönlichkeitsentwicklungsseminare.)

- Welche Einstellung haben wir und das Unternehmen zum Thema Gesundheit? Was motiviert, sich gesundheitsbewusst zu verhalten? Welche Werte in Verbindung mit Gesundheitsmanagement werden im Unternehmen gelebt?

- Welche Rollen und Ämter gibt es im Unternehmen beziehungsweise werden eingerichtet? (interner, externer Sozial-Coach, Arbeitskreis/Qualitätszirkel betriebliches Gesundheitsmanagement.)

Eva Wieprecht | heike.holland@holzmann-medien.de

Was drei Gebäudedienstleister von betrieblichem Gesundheitsmanagement halten, lesen Sie im Beitrag „Damit Mitarbeiter gesund und leistungsfähig bleiben: Viele Wege führen zum Ziel

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