Praxis -

Reinigung von Einkaufswagen: Ab in die Waschanlage

Das Reinigen und Desinfizieren von Einkaufswagen ist in Zeiten von Corona ein viel diskutiertes Thema. Ein neues Verfahren soll die bisher übliche manuelle Arbeit automatisieren.

Einkaufen während der Corona-Pandemie – bei vielen Menschen schwingt da immer auch ein mulmiges Gefühl mit. Vor allem jetzt im Herbst, wo die Infek­tionszahlen wieder stark steigen. Während viele Einzelhandelsgeschäfte die Vorgaben in der ersten Zeit nach dem Lockdown noch strikt befolgt haben, kehrten über den Sommer teilweise Sorglosigkeit und mangelnde Gründlichkeit ein: zu viele Kunden in einem Laden, dichtgedrängtes Stehen in der Kassenschlange oder leere Desinfektionsbehälter im Eingangsbereich. Für Verunsicherung sorgen bei vielen Menschen die Flächen und Materialien, die von unterschiedlichen Kunden und Mitarbeitern angefasst wurden. So ist zum Beispiel häufig nicht klar ersichtlich, wann und ob Einkaufswagen oder -körbe, die durch unzählige Hände gehen, gereinigt beziehungsweise desinfiziert wurden. Gleichzeitig dürfen viele Märkte aber nur mit Einkaufswagen oder -korb betreten werden.

28 Tage auf glatten Flächen

Zwar können Kunden mit dem Einhalten der AHA-Formel (Abstand wahren, auf Hygiene achten und Alltagsmaske über Mund und Nase tragen) einiges selbst tun, um eine mögliche Ansteckung mit Covid-19 über die Luft zu vermeiden. Sich vor Schmierinfektionen zu schützen – sei es in Bezug auf das Coronavirus oder andere Viren oder Bakterien –, ist jedoch nicht immer ganz leicht. Gerade gründliches Händewaschen ist unterwegs nicht ohne weiteres möglich und in vielen Einkaufszentren findet eine regelmäßige Reinigung oder Desinfektion bestimmter Flächen nicht statt – obwohl dies in den meisten Bundesländern als Auflage vorgegeben ist. Ergebnisse einer australischen Studie konnten Anfang Oktober belegen, dass das Coronavirus auf glatten Oberflächen bis zu 28 Tage überleben kann. Wer solche Materialien berührt und sich anschließend etwa an die Nase oder Augen fasst, könnte sich unter Umständen noch mehr als zwei Wochen nach der Kontamination des berührten Objekts anstecken.

Heißwasser gegen Viren und Bakterien

"Was ich immer nur sehe, ist die Missachtung der Desinfektion von Handläufen, Einkaufswagen oder Gepäcktrolleys an Flughäfen oder Bahnhöfen“, bemängelt der selbstständige Unternehmensberater Theo Hoefgen. "Mich ärgert, dass in diesem Bereich gar nichts gemacht wird, gerade in unserer Corona-Krise.“

Theo Hoefgen ist hauptsächlich im Bereich der Kommunaltechnik tätig, für die niederländische Firma Empas übernimmt er Vertrieb und Marketing. Neben Treibhaussprayanlagen, Metallverarbeitung und Pulverbeschichtung hat Empas in den vergangenen Jahren vor allem die Heißwasser-Wildkrautbekämpfung ausgebaut. Aus diesem Bereich stammt eine Innovation, deren Entwicklung das Unternehmen nach dem Ausbruch des Coronavirus vorangetrieben hat. " Mit Heißwasser können wir nicht nur Wildkraut entfernen, sondern ab 80 Grad auch Viren neutralisieren“, erklärt Theo Hoefgen. Die Firma habe die Einkaufswagen nach Einsatz der Heißwassermethode mit UV-Licht abgetastet und dabei festgestellt, dass die Flächen zu 99 Prozent gereinigt und virenfrei waren.

In wenigen Sekunden gereinigt

Alaska heißt das neuentwickelte System von Empas – ein mobiler, zusammenlegbarer, schmaler Rahmen, durch den die Einkaufswagen geschoben werden und dabei – je nach angeschlossenem Gerät – entweder mit Heißwasser, mit Heißwasser und zugesetztem Desinfektionsmittel, mit reinem Desinfektionsmittel oder nur mit kaltem Wasser besprüht werden. Das bis zu 99,9 Grad heiße Wasser wird über Düsen im Rahmen mit Überkreuzeinstellungen so gesteuert, dass ein Einkaufs- oder Gepäckwagen oder sogar eine gesamte Wagenreihe in wenigen Sekunden komplett gereinigt beziehungsweise desinfiziert sind.

Nicht nur für Einkaufswagen

Neben der Wagenreinigung eigne sich das in eigener Fertigung entstehende Alaska-System aber auch für andere ambulante Einsatzfelder, sagt Theo Hoefgen. "Überall dort, wo Sachen gereinigt und desinfiziert werden müssen, kann das Gerät eingesetzt werden. Alles kann durch den Rahmen geschoben werden – und es ist hinterher sauber und virenfrei.“ Ein Desinfektionsmittel brauche man dazu nicht unbedingt. Die Firma Empas habe hierzu einen Austausch mit der Universität Greifswald geführt, die bestätigt habe, dass man auf jeder Fläche mit bereits 80 Grad heißem Wasser Viren zerstören könne, auch Coronaviren.

Einfache Anwendung

"Es ist einfach in der Bedienung, kann von einer einzelnen Person betrieben werden und man hat eine hohe Stückzahl an Einkaufswagen, die man bearbeiten kann“, betont Theo Hoefgen. Man brauche nur eine Steckdose, einen Wasseranschluss, den mobilen Rahmen und dann ein Gerät nach Wahl: entweder ein Empas-Basisgerät zur Heißwasserreinigung oder ein Injektionsgerät zum Besprühen der Wagen und Objekte mit einem Desinfektionsmittel. Auch eine Kombination aus beiden Geräten sei möglich.

Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig – von der Hochdruckreinigung bis 150 bar, der Kau­gummientfernung, Reinigung von Plätzen und Stadtmobiliar bis zur Wildkrautbeseitigung. Wird auf den Einsatz von Desinfektionsmitteln verzichtet, kann das Gerät selbst in Wasserschutzgebieten eingesetzt werden. Zudem ergeben sich die Betriebskosten dann allein aus den Strom- und Wasserkosten.

Manuelle Reinigung wenig effizient

Im Gegensatz zur Automatisierung könne die manuelle Reinigung dagegen kostspielig werden, meint Theo Hoefgen. "Im Rahmen der ersten Welle war es häufig purer Aktionismus. Aber wenn ich drei bis vier Aushilfskräfte einsetze, die mit einem Stundensatz von zehn Euro bezahlt werden, dazu noch Des­infektionsmittel und Wegwerftücher, die auch Geld kosten und die Umwelt belasten, dann kann das nicht effizient sein.“ Einige Märkte hätten mit diesen Einsätzen bei 200 bis 300 Euro pro Tag gelegen und die Reinigung per Hand daher eingestellt. Dabei könne man mit einem relativ kleinen Aufwand beziehungsweise der einmaligen Anschaffung eines guten Geräts viel erreichen und bereits nach kurzer Zeit ein Return on Invest bekommen. "Mit dem Heißwasserverfahren sind wir in diesem Bereich sicherlich innovativ“, glaubt Theo Hoefgen.

Von Papierhülsen bis UV-C-Licht

Zwar ist Empas derzeit das einzige Unternehmen, das mit Alaska ein System zur Heißwasserreinigung zum Schutz vor Viren anbietet. Doch es gibt bereits einige wenige Alternativen auf dem Markt, die versuchen, Viren und Bakterien mit anderen Mitteln beizukommen: So hat eine Firma die Reinigung mit Wasserdampf entwickelt. Dazu muss das Wasser bis auf 200 Grad erhitzt werden. Der Energieaufwand ist nicht unerheblich, da sich Wasserdampf auch recht schnell wieder abkühlt. Eine andere Entwicklung, die ebenfalls einer Waschstraße ähnelt, setzt ganz auf den Einsatz von Desinfektionsmitteln. Ebenfalls ausschließlich mit Desinfektionsmittel arbeitet die kontaktlose Desinfektionssäule eines weiteren Mitbewerbers. Die Kunden können dabei ihre Hände desinfizieren und Papierhandtücher entnehmen, die zur Desinfektion von Türklinken, Geländern, Einkaufswagen und anderen alkoholbeständigen Flächen verwendet werden können.Ganz ohne Desinfektion kommen dagegen die Papierhülsen aus, die in manchen Bio-Märkten verwendet werden. Sie werden über die Handläufe der Einkaufswagen gelegt und sollen so Schutz vor Ansteckung bieten. Eine weitere neuartige Technik für virenfreie Oberflächen haben österreichische Forscher entdeckt. In einer speziell konstruierten Box werden die Einkaufswagen mit UV-C-Licht bestrahlt. Das kurz­wellige Licht zerstört die Oberfläche der Erreger und tötet so Viren, Bakterien, Keime und Pilze zu 99 Prozent ab.

Es geht um das Gefühl der Sicherheit

"Im Endeffekt sprechen wir von einem Gefühl der Sicherheit, welches dem Kunden oder dem Reisenden geboten wird“, sagt Theo Hoefgen. Gerade, wenn der Kunde bei der Reinigung zusehen könne. Theo Hoefgen ist überzeugt, dass Märkte damit sogar offensiv in die Werbung gehen sollten. "Wir kommen jetzt in die Wintermonate, wo wir auch von Grippeviren sprechen, von Erkältungen und anderen Infektionskrankheiten. Und wenn ich als Kunde die Wahl habe zwischen Einkaufscenter A, wo ich einen schmutzigen, nicht bearbeiteten Wagen erhalte, oder Einkaufscenter B, wo ich mich mit einem sauberen, virenfreien Wagen bewege, dann würde ich immer B nehmen. Gerade in der heutigen Zeit.“

Das Feedback bei der Entwicklung sei grundsätzlich auch sehr positiv gewesen. "Wir würden uns freuen, wenn ein Flughafen oder großer Bahnhof das Gerät einsetzen würde und wir dann von Betreibern und Reisenden ein Feedback bekommen, was an so einem Gerät noch zu verbessern ist.“

Rüdiger Ey | heike.holland@holzmann-medien.de

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