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Reinigung im laufenden Betrieb: So kann es gehen

Ob in Verwaltungsgebäuden oder Produktionstätten: Die Reinigung im laufenden Betrieb kann eine interessante Alternative mit Vorteilen für alle Beteiligten sein. Was Gebäudedienstleister dabei beachten müssen.

Bedingt durch Kostensteigerungen unter anderem beim Personaleinsatz sind Dienstleister gefordert, ihren Kunden in der Industrie neue Modelle für Reinigungszeit­fenster anzubieten. Der Weg dahin führt über die Aspekte Arbeitssicherheit, Qualität und Akzeptanz.

Üblicherweise erfolgt die Maschinen- und Anlagenreinigung vollständig in der produktionsfreien Zeit. Dem geschuldet müssen die Arbeiten in der Regel im Rahmen von Nachtschichten oder während des Wochenendes stattfinden. Daraus resultiert wiederum eine Reihe von Problemen, die zusehends schwerer mit den jeweiligen Anforderungen vereinbar sind. Vorrangig zu nennen sind hierbei der Kostendruck, die Gewinnung von qualifizierten Arbeitskräften, die Anpassung an kurzfristige Änderungen sowie die Wahrung beziehungsweise Steigerung der Reinigungsqualität.

Vor diesem Hintergrund hat sich die S.I.S. Gruppe bereits vor über drei Jahren dazu entschlossen, die traditionelle Arbeitsdurchführung vollständig zu hinter­fragen und schließlich neue Wege zu ­beschreiten. Das Ergebnis: eine produktions­begleitende Reinigung, die jeweils auf die spezi­fischen Anforderungen der Industrie­kunden zugeschnitten wird. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Verlagerung der Arbeitsdurchführung in das Zeitfenster Montag bis Freitag innerhalb der Normalschicht, ohne dabei den Produktionsablauf zu behindern. Die Gesamtaufgabe – zum Beispiel die Reinigung einer Maschine – wird dabei in mehrere Teilreinigungen untergliedert. Indem beispielsweise die Außenreinigung fast vollständig während des Produktionsbetriebes ­erfolgt, ist es bei einer geschlosse­nen mechanischen Bearbeitungsmaschine möglich, bis zu 83 Prozent der Gesamtreinigung durchzu­führen. Während eines Maschinenstillstandes sind dann lediglich noch der Bearbeitungsraum und Teile des Bedienerbereiches zu reinigen.

Jeden Maschinentyp separat betrachten

Für die Gewährleistung der Arbeitssicherheit ist es allerdings unumgänglich, jeden Maschinentyp separat zu betrachten. Bei der Bewertung der einzelnen ­Maschine oder Anlage spielen Faktoren wie das Umfeld, das Vorhandensein von Schutz­ab­deckungen von beweglichen beziehungsweise ­rotierenden ­Maschinenbestandteilen, das Verfahren der Material­bestückung, die Menge der Abwärme sowie der Zustand von Druck- und Elektroleitungen eine wesentliche Rolle. Diese sind zwingend kritisch zu hinterfragen und mit der jeweiligen Arbeitssicherheitsfachkraft zu besprechen. Nach der Freigabe der Umstellung sind zudem Schulungs­unterlagen für einzelne Abteilungen sowie die ausführenden Mitarbeiter zu erstellen. Dies bedeutet zwar zunächst einen höheren organisatorischen Aufwand; danach überwiegen jedoch die positiven Effekte dieses Ansatzes.

Was Tagreinigung so interessant macht

Professionelle Reinigung findet in der Regel dann statt, wenn die meisten Menschen Feierabend haben oder noch schlafen. Dabei bietet die Reinigung im laufenden Betrieb von Verwaltungsgebäuden oder Produktionsstätten – das ist meist tagsüber –
Der Bundes­innungsverband des Gebäude­reiniger-Handwerks hat bereits zu Jahresbeginn einen Flyer veröffentlicht, um Unter­nehmen und Auftraggeber über das Thema Tages­reinigung beziehungsweise „Daytime Cleaning“ aufzuklären. Man versteht darunter die Reinigung während der Betriebszeiten eines Kunden. Das bedeutet: Die Arbeiten finden statt, wenn die Nutzer anwesend sind. Außerhalb dieser Zeiten werden in der Regel nur Tätigkeiten verrichtet, die den Ablauf stören würden.
Zu den Vorteilen für Auftraggeber gehört nicht nur, dass sie größeren Einfluss und eine durchgängige Einsicht in das Tun ihres Gebäudedienstleisters haben. Es ist auch eine schnelle Reaktion auf Spontanverschmutzungen möglich, kleinere Reklamationen können auf kurzem Weg erledigt werden. Und bei Bedarf besteht die Möglichkeit, flexibel zusätzliche Dienstleistungen anzufordern. Nicht zuletzt wird Energie eingespart, weil keine zusätzlichen Beleuchtungszeiten notwendig sind und gegebenenfalls auch die Heizzeiten ­verkürzt werden können. Die Sorge vor ­Geräuschbelästigungen und Störung des Betriebs­ablaufs kann Auftragggebern zum Beispiel durch die Verwendung von geräuschreduziertem Staubsaugern genommen ­werden.
Interessant für Gebäudedienstleister ist im Zusammenhang mit Tagesreinigung vor allem das Thema Recruiting. Weil die Arbeitszeiten attraktiver sind, besteht die Möglichkeit, leichter Personal zu finden. Deutlich mehr Menschen wären an einer Tätigkeit im Gebäudereiniger-Handwerk interessiert, wären verstärkt zusammenhängende Arbeitszeiten am Tag möglich, glaubt der BIV. Aber auch ein anderer Aspekt ist wichtig: „Tagesreinigung bedeutet mehr Sichtbarkeit und damit auch mehr Interesse und Wertschätzung für unser Handwerk“, sagt BIV-Geschäftsführer Johannes Bungart. „Am Ende entscheiden allerdings die Kunden, in welchem Umfang und eben auch wann gereinigt wird.“

So ist es durch die Maßnahme der produktionsbegleitenden Reinigung beispielsweise möglich, die jährlich steigenden Lohnkosten durch Tariferhöhungen ein Stück weit aufzufangen, indem die A rbeiten in zuschlagspflichtigen Zeiten – etwa in der Nacht oder an Sonntagen – reduziert werden. Somit besteht auch keine Notwendigkeit einer Anpassung der Zeitvorgaben für die ausführenden Mitarbeiter, und die Qualität der Arbeitsleistung ist gewährleistet.

Weiterer positiver Effekt: Aufgrund der Umstellung eines Großteils der Arbeitsdurchführung während des Produktionsbetriebes steigt für eine Vielzahl von ­Kunden die Maschinenverfügbarkeit beziehungsweise die Variabilität. Es hat sich gezeigt, dass die Auslastung einfacher anpassbar ist, da ein für die verbleibenden Reinigungsarbeiten unvermeidlicher Produktionsstopp deutlich weniger Zeit in Anspruch nimmt als in der Vergangenheit.

Eine Reaktion auf den Personalmangel

Letztendlich ist die Anpassung der Reinigungszeitfenster auch den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und der immer schwierigeren Suche nach qualifizierten Arbeitskräften innerhalb der Reinigungsbranche geschuldet. In der Vergangenheit bestand ein hoher Prozentanteil der Wochenend-Reinigungskräfte aus Nebenerwerbsstätigen. Doch das hat sich geändert. Durch steigende Einkommen in vielen anderen Branchen, die teilweise schmutzige und anstrengende Arbeit im Umfeld der Industrie­reinigung, das gestiegene Bewusstsein für eine ausgewogene Work-Life-Balance und die mitunter schlechte Anerkennung des Berufes ist das Angebot an Arbeitskräften in diesem Umfeld stetig gesunken. Um trotzdem gut motivierte und fähige Arbeits­kräfte zu gewinnen, ist es daher zwingend notwendig, den Rückgang an Teilzeit- beziehungsweise Nebenerwerbskräften mit Vollzeitstellen aufzu­fangen. Eine produktionsbegleitende Reinigung schafft die Grundlage hierfür.

Als Resultat der Reinigungsumstellungen sind zudem auch qualitative Leistungssteigerungen spürbar. Dies lässt sich damit begründen, dass Bewusstsein und Verantwortungsgefühl gegenüber der ausgeführten Arbeit bei den eingesetzten Vollzeitkräften steigen. Das Ergebnis: eine geringere Beanstandungsquote, eine höhere Kundenzufriedenheit und eine sehr kurze Abarbeitungszeit beim Auftreten von ­Beanstandungen. Durch die häufigere Anwesenheit der ausführenden Mitarbeiter im Objekt lässt sich die Kundenzufriedenheit zusätzlich steigern, indem auf spontane und kurzfristige Zusatzarbeiten in einem sehr kleinen Zeitfenster reagiert werden kann. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, die Arbeiten mit einem vorgegebenen, jedoch flexiblen Rahmen zu versehen.

Was auch nicht vergessen werden darf: Für einen Reinigungsdienstleister bedeutet das Vorhalten von Maschinen und Geräten zur Arbeitsdurchführung einen nicht zu unterschätzenden Kostenfaktor. Auch deshalb ist also eine Reduzierung der hohen Mit­arbeiteranzahl bei eintägigen Einsätzen hin zu einer produktionsbegleitenden Reinigung mit permanenten Reinigungskräften sinnvoll. Anders ausgedrückt: Durch die höhere Auslastung der Arbeitsmittel entsteht ein Mehrwert in der Wertschöpfung, der sich an den Kunden weitergeben lässt.

Offenheit seitens der Kunden ein Muss

Die angesprochenen Punkte bringen allerdings nur dann einen realen Nutzen, sofern seitens der Kunden eine Offenheit gegenüber Veränderungen vorhanden ist. Selbst wenn sich der Einkauf gegenüber den dargelegten Kosteneinsparungen aufgeschlossen zeigt, können eingefahrene Strukturen in den Abteilungs­ebenen des Produktionsbereiches möglicherweise ein Problem darstellen. In diesen Fällen bedarf es sehr viel Überzeugungsgeschick, etwaige Befürchtungen über mangelnde Arbeitssicherheit bis hin zu Einschränkungen des Produktionsablaufes außer Kraft zu ­setzen. Aus diesem Grund ist es unabdingbar, bei einer Umstellung hin zu einer produk­tionsbegleitenden Reinigung alle Fachabteilungen einzubeziehen und deren Vorstellungen zu integrieren. Ist diese Akzeptanz aber erreicht, wird eine weitere Verlagerung der Arbeitszeiten möglich, indem man genaue Absprachen über Maschinenstillstandzeiten – zum Beispiel Pausenzeiten der Maschinen- oder Anlagenbediener und geplante Reparaturzeiten – in die entsprechenden Überlegungen mit einbezieht.

René Leitner, S.I.S. Gruppe | guenter.herkommer@holzmann-medien.de

Und was sagen Kollegen aus dem Gebäudereiniger-Handwerk zum Thema Tagreinigung?

Peter Schönwiese: "Unsere Kunden dürfen sehen, wie gut wir arbeiten"

Peter Schönwiese

Peter Schönwiese, Geschäftsführer, Schönwiese, Pforzheim: "Reinigung zur Tageszeit beziehungsweise während der Öffnungszeiten unserer Kunden wurde bei uns schon immer favorisiert. Nur dort, wo es wirklich nicht anders geht, reinigen wir sozusagen unsichtbar. Dadurch wird unsere Leistung wahrgenommen. Die Kunden und ihre Mitarbeiter sehen, wie wir arbeiten. So besteht die Möglichkeit, dass der Unterschied zwischen einem Profi des Gebäudereiniger-Handwerks und einer Putz-Kolonne deutlich hervorgehoben wird.

Ich bin davon überzeugt, dass es keine bessere und ehrlichere Werbung gibt, wenn man beweisen kann, dass man gut organisiert ist, das Personal geschult ist, ordentliche Reinigungsgeräte eingesetzt werden, die Arbeiten kontinuierlich rationell und ordentlich durchgeführt werden und eine kompetente Betreuung stattfindet. Häufig können noch zusätzliche Serviceleistungen, wie Tagungsraumservice, übernommen werden. Besonders die eingesetzten Reinigungskräfte sind hier das Aushängeschild des Unternehmens.

Aufgrund der Arbeitszeiten ist es auch einfacher, entsprechendes Personal zu bekommen. Die Arbeitsplätze sind in vieler Hinsicht attraktiver. Aspekte wie Kinder­betreuung, familienfreundliche Zeiten, Wertschätzung, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben (Vereine, Weiterbildung, oder kulturelle Veranstaltungen), Integration, Gesundheit, zusammenhängende Arbeitszeiten und vieles mehr spielen eine wichtige Rolle.

Selbstverständlich gibt es auch Nachteile. So können zum Beispiel persönliche Vorstellungen oder Wünsche einzelner Mitarbeiter des Kunden zur Herausforderung werden.

Wir haben mit der Reinigung zur Tageszeit aber überwiegend gute Erfahrungen gemacht. "

Karl Breer: "Die Pandemie war kontraproduktiv"

Karl Breer

Karl Breer, Geschäftsführer, Breer Gebäudedienste, Heidelberg: "Vor rund einem Jahr haben Mitglieder der BIV-Ausschüsse Öffentlichkeitsarbeit und Technik & Betriebswirtschaft einen Flyer und ein Argumentationspapier zum Thema Tagreinigung/Daytime Cleaning entworfen. Die hohe Beschäftigungsquote in Deutschland hatte auch in der Gebäudereinigungsbranche Spuren hinterlassen. Nicht nur in den Ballungsgebieten wurde es immer schwerer, Mitarbeiter zu finden. Einen Ausweg erhofften wir uns durch Veränderung der typischen Reinigungszeiten. Zwischen 9 und 18 Uhr ist die Auswahl an Mitarbeitern deutlich größer als in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden. Auch können die Objekte mit öffentlichen Verkehrsmitteln besser erreicht werden. In Krankenhäusern, Hotels, Bahnhöfen und Flughäfen ist Tagreinigung die Regel. Warum soll sie also nicht auch in Verwaltungsgebäuden oder Produktionsstätten möglich sein?

Im Februar 2020 war es soweit. Auf Grundlage des Flyers und Argumentationspapiers startete der BIV die Daytime-Cleaning-Offensive. Fast zeitgleich erreichte die Corona-Pandemie Deutschland. Während ein Jahr zuvor die Bewegung Fridays for Future der Idee der Tagreinigung noch Rückenwind verschafft hatte – im Vergleich zur Reinigung außerhalb der Öffnungszeiten des Kunden spart man bis zu acht Prozent Energie durch Wegfall von Beleuchtung und Heizung – war die Covid-19-Pandemie kontraproduktiv.

Ich habe kürzlich eine Umfrage bei Mitgliedsbetrieben der Landesinnung Baden-Württemberg durchgeführt. Drei Viertel der Kollegen erklärten, dass die Kunden eher wieder zur Reinigung außerhalb der Kernarbeitszeit tendieren. Nur ein Viertel konnte eine Zunahme der Tagreinigung feststellen. Zwar gab es einige Kunden, die es begrüßen, wenn ihre Mitarbeiter sehen, dass gereinigt wird und das Unternehmen etwas für Hygiene tut. Aber den meisten Kunden war es viel wichtiger, dass während der Bürozeiten keine Reinigungskräfte im Gebäude sind und somit ein Kontakt mit den eigenen Mitarbeitern ausgeschlossen ist. Hinzu kam, dass bei der Desinfektion von Schreibtischen und viel berührten Touchpoints gewisse Einwirkzeiten des Desinfektionsmittels nötig sind und die störungsfreie Tagreinigung erschweren.

Sobald die Pandemie überstanden ist, werden wir das Thema Tagreinigung erneut forcieren."

Vivien Mühlbauer: "Daycleaning hat viele Vorteile"

Vivien Mühlbauer

Vivien Mühlbauer, Assistentin Hygiene Services, GRG, Berlin: "Ich bin vor über zwei Jahren zur GRG gekommen. Damals war ich frischgebackene Mama und habe nach einem Job gesucht, der es mir ermöglicht, Kind und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Ich begann als Vorarbeiterin in einem Objekt, in dem es damals noch kein Daycleaning gab. Mit meiner Einstellung wagten wir den Versuch, Daycleaning dort umzusetzen.

Zunächst war es eine große Herausforderung, doch schnell erkannten alle die Vorteile. Wir als Reinigungskräfte hatten nun ein Gesicht und konnten direkt angesprochen werden. Die Kommunikationswege sind schneller und die Reaktionszeiten kürzer. In der Reinigung selbst ist es ebenfalls von Vorteil, bei Tageslicht zu reinigen, da man bestimmte Verschmutzungen besser erkennt und der Kunde Strom spart. Nach und nach stieg auch die Zufriedenheit bei den Mitarbeitern. Sie bekamen Lob und Anerkennung nicht mehr nur vom Vorgesetzten, sondern auch direkt vom Kunden.

Für mich selbst war der Alltag so auch deutlich einfacher. Ich hatte die Möglichkeit, morgens meinen Sohn in die Kita zu bringen und nach Feierabend konnte ich am Familienleben teilnehmen oder Termine wahrnehmen.

Gerade in der momentanen Lage hat Daycleaning noch weitere Vorteile. Zum Beispiel sieht der Kunde, wie Reinigungsarbeiten und Desinfektionen durchgeführt werden. Dies vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass deutlich mehr Kunden diesem Beispiel folgen und Daycleaning in ihrem Objekt zulassen, da es nachweislich die Reinigungsqualität erhöht und die Motivation der Mitarbeiter steigert."

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