Forum -

Premiere für Prüfungen nach neuem Zuschnitt

In diesem Sommer sind im Gebäudereiniger-Handwerk die ersten Prüfungen nach der neuen Ausbildungs­verordnung abgenommen worden. Das Regelwerk hat nicht ­nur begriffliche Veränderungen mit sich gebracht, sondern auch i­nhaltliche, struk­tu­relle und organisatorische Neuerungen. Was jetzt gilt.

Die gestreckte Gesellenprüfung ist einer der Kernpunkte der neuen Verordnung, die vom Bundes­innungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks initiiert und mit erarbeitet worden war. Die frühere Zwischen­prüfung ist von einer Gesellenprüfung Teil 1 abgelöst worden. Neu ist auch, dass dieser Teil 1 benotet wird und gemeinsam mit der Gesellenprüfung Teil 2 am ­Ende der Ausbildung ins Gesamtergebnis einfließt. ­Die Gewichtung Theorie/Praxis wurde dabei leicht zugunsten der Praxis verschoben. Und: Im Mittelpunkt von Ausbildung und Prüfung stehen jetzt Begriffe wie "berufliche Handlungsfähigkeit" und "vollständige Handlung". Die Umsetzung der neuen Verordnung beziehungsweise die Neuorganisation der Prüfungen war ein aufwändiges Unterfangen für die zahlreichen Gesellenprüfungsausschüsse in Deutschland.

20 Jahre alte Verordnung angepasst

Die ersten Auszubildenden, die nach der neuen Verordnung geprüft worden sind, haben ihre Lehre im Herbst 2019 begonnen. Im Juni 2019 war die 20 Jahre alte Ausbildungsverordnung zum/zur Gebäudereiniger/-in von einer überarbeiteten Fassung abgelöst worden. Ausbildungsverordnungen werden immer wieder einmal novelliert, weil sich berufliche Anforderungen verändern, sich die ­Berufs- und ­Arbeitspädagogik weiterentwickelt oder es Innovationen gibt, die zum Stand der Technik werden, so dass gegebenenfalls das Berufsbild – wie jetzt im Gebäudereiniger-Handwerk – angepasst werden muss (lesen Sie dazu den Kasten "Das neue Berufsbild für das Gebäudereiniger-Handwerk" weiter unten).

In einem anerkannten Ausbildungsberuf wie dem Gebäudereiniger-Handwerk darf in Deutschland nur nach einer Ausbildungsverordnung ausgebildet werden, damit eine geordnete und bundesweit einheitliche Berufsausbildung gewährleistet ist. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) Form und Mindestinhalte der Ausbildungsverordnungen. Sie werden anschließend von Experten aus der Branche berufsspezifisch angepasst. Ein Entwurf durchläuft immer verschiedene Gremien, im Fall des Gebäudereiniger-Handwerks ­gehört auch die Gewerkschaft IG Bau dazu. Nach Freigabe wird die Verordnung vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterzeichnet und im Bundesanzeiger veröffentlicht. Damit ist sie rechtsgültig. Jede Ausbildungsverordnung beinhaltet mindestens die Berufsbezeichnung, die Länge der Ausbildung, das Ausbildungsberufsbild, die Prüfungsanforderungen und den Ausbildungsrahmenplan. An diesen Eckpunkten können Handwerksverbände, Unternehmerverbände oder auch das Institut für Berufsbildung gegebenenfalls Novellierungen vornehmen.

Berufliche Handlungsfähigkeit im Fokus

Die neue "Verordnung über die Berufsausbildung zum Gebäudereiniger und zur Gebäudereinigerin" (Gebäude­reinigerausbildungsverordnung, abrufbar zum Beispiel auf www.die-gebaeudedienstleister.de/beruf-und-karriere) will, dass den Auszubildenden die im ebenfalls neuen Ausbildungsrahmenplan ­genannten berufsprofilgebenden Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten so vermittelt werden, dass sie nach der Gesellenprüfung "berufliche Handlungs­fähigkeit" erreicht haben. Dazu, und das verlangt die neue Verordnung ebenfalls, muss der Ausbilder einen Ausbildungsplan erstellen. Der Plan enthält eine auf den Betrieb abgestimmte sachliche und zeitliche ­Gliederung der im Ausbildungsrahmenplan aufgeführten zu vermittelnden Fertigkeiten.

Planen, durchführen, kontrollieren

Die berufliche Handlungsfähigkeit ist erreicht, wenn die Auszubildenden in der Lage sind, einen Arbeitsauftrag selbstständig zu planen, durchzuführen und zu kontrollieren. Dementsprechend wurde von der Kultusministerkonferenz auch ein neuer Rahmenlehrplan für Berufsschulen in Auftrag gegeben. Auch hier folgen die Lernfelder dem neuen Aufbau: Informationen über den Arbeitsauftrag einholen, die Arbeit planen, durchführen, das Reinigungsergebnis kontrollieren, dokumentieren und vergleichen, ob die Planung mit dem ausgeführten Arbeitsauftrag konform ging.

So setzt sich die Gesamtnote zusammen

  • Gesellenprüfung Teil 1 (30 Prozent)
    Schriftliche und praktische Prüfung: jeweils 15 Prozent

  • Gesellenprüfung Teil 2 (70 Prozent)
    Schriftliche Prüfung (Reinigen, Pflegen und ­Konservieren v­on Oberflächen): 20 Prozent
    Schriftliche Prüfung (Wirtschafts- und Sozialkunde): 10 Prozent
    Praktische Prüfung (Grund- und Außenreinigung): 25 Prozent
    Praktische Prüfung (Durchführen einer Hygienemaßnahme): 15 Prozent

Übertragen in die betriebliche Praxis der Ausbildung meint dieses Prinzip der „vollständigen Handlung“, dass die Auszubildenden bereits in der Lehrzeit einen Arbeitsauftrag – zum Beispiel Sprühextraktion von textilen Belägen – erhalten. Zur Planung gehören die Zusammenstellung der Maschinen, Geräte, Reinigungsmittel und Hilfsmaterialien für den Auftrag sowie die Einrichtung des Arbeitsplatzes unter Berücksichtigung des Schutzes des Eigentums des Kunden. Der Arbeitsauftrag muss kalkuliert werden. Die Durchführung beinhaltet neben der Prüfung der Reinigungsfähigkeit des Belages und der Aufnahme von Schäden das Abarbeiten des Arbeitsauftrages in der fachlich korrekten Reihenfolge. Bei der Durchführung müssen die Belange des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sowie des Umweltschutzes, zum Beispiel beim Entsorgen der Schmutzflotte, beachtet werden. Mit Kontrolle ist das Überprüfen des Reinigungsergebnisses gemeint. Falls die Selbstkontrolle Mängel ergibt, sind diese nachzuarbeiten, bevor der Kunde reklamieren kann. Wenn die Auszubildenden diesem Muster – planen, durchführen, kontrollieren und auch dokumentieren – bei all ihren Arbeitsaufträgen selbstständig folgen können, haben sie die berufliche Handlungsfähigkeit erreicht und können sich der Gesellenprüfung stellen.

Nachhaltigkeit stärker verankert

Die berufliche Handlungsfähigkeit ist eine Vorgabe, die in der neuen Ausbildungsverordnung ausdrücklich gefordert wird. Dies fließt auch in die Prüfungskriterien ein. Außerdem wird im Rahmen des Berufsbildes nun unterschieden in berufsprofilgebende Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten sowie integrativ zu vermittelnde Kenntnisse und Fähigkeiten, zu denen neben Arbeits- und Tarifrecht und Organisation des Ausbildungsbetriebes auch Arbeits- und Gesundheitsschutz, Umweltschutz und Nachhaltigkeit gehören. So explizit war das in der früheren Version der Ausbildungsverordnung nicht beschrieben.

Gestreckte Gesellenprüfung

Die wesentlichste Änderung – und das hat Gebäude­reiniger-Handwerk intensiv beschäftigt – sind die neuen Vorgaben zur Prüfung. Es wird nun nicht mehr in Zwischenprüfung und Gesellenprüfung unterschieden, sondern es gibt eine gestreckte Gesellenprüfung: In der Mitte ihrer Ausbildung absolvieren die Auszubildenden die Gesellenprüfung Teil 1 und am Ende der Ausbildung die Gesellenprüfung Teil 2. Beide Prüfungsteile fließen in die Endnote ein. Bisher hatten die Noten der Zwischenprüfung keinen Einfluss auf die Resultate der Gesellenprüfung. Sie dienten lediglich dazu, dem Ausbilder den Stand des Auszubildenden zu spiegeln. Die gestreckte Gesellenprüfung ist so angelegt, dass Teil 1 nach der halben Ausbildungszeit durchgeführt wird und 30 Prozent zur Note zählt. Teil 2 der Gesellenprüfung wird am Ende der Lehrzeit abgenommen und geht mit 70 Prozent in die Note ein.

Das neue Berufsbild für das Gebäudereiniger-Handwerk

(1) Die Berufsbildung gliedert sich in:

1. Berufsprofilgebende Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten sowie
2. Integrativ zu vermittelnde Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten.
Die Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten sind in Berufsbildpositionen als Teil des Ausbildungsberufes gebündelt.

(2) Die Berufsbildpositionen der berufsprofilgebenden Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten sind:

1. Gestalten von kundenorientierten Arbeitsprozessen
2. Planen, Vorbereiten und Organisieren der Durchführung von Arbeitsaufträgen
3. Einrichten, Sichern und Räumen von Arbeitsplätzen
4. Bedienen, Pflegen und Instandhalten von Reinigungsgeräten, -maschinen und -anlagen
5. Verarbeiten von Oberflächenbehandlungsmitteln
6. Durchführen von Reinigungsmaßnahmen
7. Pflegen, Konservieren und Aufbereiten von Oberflächen
8.Durchführen von Maßnahmen zur Hygiene und Dekontamination und
9. Durchführen von qualitätssichernden Maßnahmen sowie Übergeben der Arbeitsergebnisse an Kunden und Kundinnen.

(3) Die Berufsbildpositionen der integrativ zu vermittelnden Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten sind:

1. Berufsausbildung sowie Arbeits- und Tarifrecht
2. Aufbau und Organisation des Ausbildungsbetriebes
3. Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit
4. Umweltschutz und
5. Nachhaltigkeit.

Quelle: Gebäudereinigerausbildungsverordnung vom 28. Juni 2019, § 5 Struktur der Berufsausbildung, Ausbildungsberufsbild

Die Praxis zählt jetzt mehr

Auch die Gewichtung Theorie/Praxis hat sich verschoben. Bisher galt eine Gleichgewichtung. Nun zählt die theoretische Prüfung beider Teile 45 Prozent. Der praktische Prüfungsteil fließt mit 55 Prozent in die Gesamtnote ein. Die neue Ausbildungsverordnung ­­unterstützt damit Auszubildende, die gute Praktiker sind, aber gegebenenfalls Schwierigkeiten beim Lernen haben. Hinzu kommt, dass Inhalte, die in der Gesellen­prüfung Teil 1 geprüft werden, nicht mehr Bestandteil der ­Gesellenprüfung Teil 2 sind. Die Lerninhalte sind für die Auszubildenden also überschaubarer.

Ablauf der Prüfungen überarbeitet

Alle Gesellenprüfungsausschüsse in Deutschland ­waren infolge der neuen Ausbildungsverordnung veranlasst, d en Ablauf ihrer Prüfungen zu überarbeiten und die Vorgaben an die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort anzupassen. Um die Verordnung korrekt auszulegen und sich auszutauschen, hat sich eine bundesweite Arbeitsgruppe gebildet: Vertreter der Prüfungsausschüsse, Innungen und Berufsschullehrer aus fast ­allen Bundesländern waren an einem Tisch zusammengekommen – ein Gremium, das es so noch nie gegeben hat. Die Formulierungen in der Verordnung sind sehr offen angelegt, so dass die Arbeitsgruppe in enger Abstimmung mit BIV und ZDH Qualitäts­kriterien erarbeitet hat. Sie bieten den Prüfungsausschüssen einerseits individuellen Handlungsspielraum und andererseits Sicherheit im Umgang mit den Prüfungskriterien und neuen Prüfungselementen wie Fachgespräch und Dokumentation.

Prüfungsteil 1: 30 Prozent

Die Ausbildungsverordnung schreibt für Prüfungsteil 1 eine praktische und eine schriftliche Prüfung vor. Da eine Gewichtung schriftlich zu praktisch nicht in der Verordnung verankert ist, hat der BIV die Gleich­gewichtung empfohlen. Im schriftlichen Prüfungsteil werden die Inhalte der ersten 18 Monate des Rahmenlehrplanes der Berufsschule abgefragt. Im praktischen Prüfungsteil sollen die Auszubildenden zeigen, was sie im Betrieb gelernt haben. Abgeprüft werden:
 
  • eine Unterhaltsreinigung an einer Glasoberfläche,
  • eine Zwischenreinigungsarbeit an einer textilen Oberfläche und eine
  • Zwischenreinigungsarbeit an einer nichttextilen Oberfläche.
Welche Verfahren angewendet werden, obliegt dem Prüfungsausschuss. Denkbar zum Beispiel bei der Zwischenreinigung einer textilen Oberfläche sind die Reinigung mit Teppichpulver, Charlie-Pad-Verfahren oder Faserpad-Verfahren. Der Ausschuss muss die Prüfung anhand der Gegebenheiten vor Ort organisieren. Die Herausforderungen liegen im Detail. Dazu gehört zum Beispiel die Frage: Sind im Prüfungsobjekt die entsprechenden Flächen und Maschinen vorhanden? Bei Prüfungsausschüssen, die rund 100 Prüflinge pro Ausbildungsjahr prüfen, ist das nicht immer ganz einfach.

Neu: Situatives Fachgespräch

Nach der neuen Ausbildungsverordnung sollen die Prüflinge die Durchführung ihrer Arbeit mit praxisüblichen Unterlagen dokumentieren und vom Prüfungsausschuss in einem zehnminütigen situa­tiven Fachgespräch zu den Arbeitsaufträgen befragt werden. Das war bisher nicht gefordert. Wie genau ­sehen praxisübliche Unterlagen aus? Die bundesweite ­Arbeitsgruppe hatte Vorschläge zu Arbeitsscheinen, Schadenserhebungsbögen, Materiallisten oder auch Arbeitsabläufen erarbeitet. Diese Vorschläge können von den Prüfungsausschüssen übernommen und umgesetzt werden. Auch das Prinzip der vollständigen Handlung – planen, durchführen, kontrollieren und dokumentieren – wurde insbesondere bei den Bewertungskriterien des Arbeitsablaufes berücksichtigt.

Prüfungsteil 2: 70 Prozent

Im schriftlichen Prüfungsteil 2 am Ende der Lehrzeit werden die berufstheroetischen Inhalte der letzten 18 Monate der Ausbildung geprüft. Themen, die schon in Teil 1 der Berufstheorie geprüft wurden, sind in Teil 2 ausgeschlossen. Dadurch, dass die Lerninhalte portioniert sind, haben auch schwächere Auszubildende bessere Chancen, die Prüfung zu bestehen. Der schriftliche Teil der Gesellenprüfung Teil 2 zählt 20 Prozent zum Gesamtergebnis. Zudem wird Wirtschafts- und Sozialkunde schriftlich abgeprüft. Dies fließt mit zehn Prozent in die Gesamtnote ein.

Der praktische Prüfungsteil 2 besteht aus zwei Bereichen. Im ersten Bereich sollen die Auszubildenden zeigen, dass sie in der Lage sind, eine
  • Grundreinigung und eine
  • Außenreinigung
nach den Prinzipien der vollständigen Handlung durchzuführen. Wiederum sind diese Arbeitsaufträge mit praxisüblichen Unterlagen zu dokumentieren und die Prüfer müssen wiederum in einem situa­tiven Fachgespräch während der Arbeitszeit der Prüf­linge zu den Themen Fragen stellen. Dieser Teil trägt 25 Prozent zum Gesamtergebnis bei. Auch hier sind die Auswahl der Verfahren und die Organisation der Prüfung den einzelnen Prüfungsausschüssen überlassen. Teilweise können die Prüflinge zum Beispiel selbst entscheiden, ob sie bei der Grundreinigung ein chemisches oder ein mechanisches Verfahren wählen. In jedem Fall müssen bei der Prüfung auch die integrativ zu vermittelnden Kenntnisse und ­Fähigkeiten – wie Sicherheit und Gesundheitsschutz oder Umweltschutz – berücksichtigt werden. Um dies umzusetzen, hat sich beispielsweise der Prüfungsausschuss Reutlingen das Ziel gesteckt, moderne, nachhaltige Verfahren in den Vordergrund zu stellen. Zum Beispiel wird von den Prüflingen bei der Außenreinigung verlangt, die Reinigung einer Glasfassade mit entmineralisiertem Wasser durchzuführen. Dafür musste neues Equipment mit innovativer Technik beschafft werden.

Eigener Prüfungsteil: Hygienemaẞnahmen

Im zweiten praktische Prüfungsbereich in Teil 2 ist die Durchführung von Hygienemaßnahmen gefordert. Dieser Arbeitsauftrag kann ebenfalls sehr weit ausgelegt werden. Von der Reinigung eines kompletten Krankenzimmers oder nur einer Sanitäreinheit bis zur Desinfektion von Mobiliar in einer Pflegeeinrichtung ist alles möglich. Der Arbeitsauftrag soll mit praxisüblichen Unterlagen dokumentiert werden, ein Fachgespräch ist aber nicht gefordert. Dieser Prüfungsbereich wird nun mit 15 Prozent gewertet.

Viele Einzelnoten ergeben die Gesamtnote

Zur Erleichterung der komplexen Berechnung der ­Gesamtnote aus den vielen Einzelnoten hat die Landesinnung Südbayern ein Excel-Tool entwickelt, das allen Prüfungsausschüssen zur Verfügung steht. Die bundesweite Arbeitsgruppe hat außerdem eine Liste mit Möglichkeiten erstellt, welche Reinigungsverfahren sich für die Arbeitsaufträge in Teil 1 und Teil 2 eignen. Auch zur Gewichtung der einzelnen Bewertungskriterien wurde ein Vorschlag erarbeitet. Damit wurden Qualitätsstandards für die Prüfung entwickelt, die bundesweit umgesetzt werden können und garantieren, dass die Gebäudereinigerausbildungsverordnung flächendeckend vergleichbar und rechtskonform umgesetzt werden kann.

Die Anforderungen für das Bestehen der Prüfung sind in der neuen Ausbildungsverordnung in §17 ­beschrieben: Das Gesamtergebnis von Teil 1 und Teil 2 muss mindestens ausreichend sein. Das Ergebnis von Teil 2 muss mindestens ausreichend sein und kein Teil­ergebnis von Teil 2 darf mit ungenügend bewertet sein. Mindestens drei Teilergebnisse von Teil 2 ­müssen zudem mit ausreichend bewertet sein. Auf Antrag des Prüflings kann eine mündliche Ergänzungsprüfung zum Bestehen durchgeführt werden. Sie wird im Verhältnis 2:1 bewertet.

Mit diesen Leitplanken war es nun Aufgabe der vielen Prüfungsausschüsse in Deutschland, neue Prüfungsbögen zu erstellen, gegebenenfalls neue Maschinen zu besorgen, Prüfungsobjekte zu finden und die einzelnen Prüfer zu schulen. Das Engagement zeigt, dass die Ausbildung für die Branche ein zentrales Thema ist.

Claudia Liersch | heike.holland@holzmann-medien.de

Claudia Liersch

Claudia Liersch

Claudia Liersch ist Lehrerin an der Gewerblichen Schule ­Metzingen. Sie unterrichtet seit vielen Jahren Gebäude­reiniger-Auszubildende und Meisterschüler.

Was sagen an den Prüfungen beteiligte Gebäudedienstleister zur neuen Ausbildungsverordnung? Wie fällt die Bilanz nach dem ersten Prüfungsdurchgang aus? rationell reinigen hat nachgefragt.

Patrik Richter: Alle Beteiligten sind in der Verantwortung

Patrik Richter

Patrik Richter, Geschäftsführer, Richter Dienstleistungen, Reutlingen, und ­Vorsitzender des Gesellenprüfungsausschusses, HWK Reutlingen: "Die Gestaltung der ersten praktischen Prüfungen nach der neuen Ausbildungsverordnung war bei uns allein schon ­wegen der Menge an Prüflingen eine Herausforderung. Knapp 90 Auszubildende waren zur Prüfung angetreten – sowohl nach der alten als auch nach der neuen Ausbildungsverordnung. Für rund 30 Auszubildende galten die neuen Vorgaben. Für alle ­Beteiligten war es eine neue Situation. Wir als Prüfer mussten und müssen uns neu einstellen. Aber auch Ausbilder und ­Betriebe sowie Auszubildende müssen sich neu justieren. Alles in allem sind die ersten Prüfungen sehr gut verlaufen.

Im Vorfeld mussten die theoretischen Vorgaben der neuen Verordnung praktisch umgesetzt und in Bezug auf die Prüfung immer wieder auf ihre Machbarkeit hin überprüft werden. Neu ist, dass jetzt der Prozess im Mittelpunkt steht. Die Ausbildung ist damit realitätsnäher geworden. Es muss aber auch entsprechend ausgebildet werden. In der Annäherung der Interessen von Auszubildenden und Betrieben sehe ich einen wesentlichen Nutzen der neuen Verordnung. Ein weiterer Vorteil: Das Praktische hat eine höhere Gewichtung bekommen.

Im Rahmen meiner Tätigkeit im Gesellenprüfungsausschuss hatte ich in den vergangenen zehn Jahren mit mehr als tausend Prüflingen zu tun. Deren Leistungen waren leider nicht immer so, wie es wünschenswert gewesen wäre. Wir haben gute Ausbildungsbetriebe, wir haben aber auch andere. Ich bin jedoch guter Dinge, dass mit der neuen Verordnung auch die Qualität der Ausbildung steigen wird. Denn sie ist nun stärker an die Belange des betrieblichen Alltags angepasst. Es geht nicht mehr so stark um einzelne Fertigkeiten, sondern ums große Ganze. Das ist positiv und kommt auch den Interessen der Betriebe entgegen. Es darf aber nicht dazu führen, dass die einzelnen Fertigkeiten nicht mehr in ausreichendem Maß vermittelt werden. Dann würde Know-how in unserem Handwerk verloren gehen.

Mein Fazit: Ich begrüße die neue Ausbildungsverordnung im Gebäudereiniger-Handwerk, es war an der Zeit. Sie muss aber auch entsprechend umgesetzt werden. Dabei sehe ich alle an der Ausbildung Beteiligten in der Verantwortung."

Lutz Becker: An die Bedürfnisse des ­Berufsalltags angepasst

Lutz Becker

Lutz Becker, Inhaber, Becker Dienstleistungen, Driedorf, und Vorsitzender ­ des Gesellenprüfungsausschusses der Landesinnung Hessen: "In diesem Sommer fand im Gebiet der Landesinnung ­Hessen zum ersten Mal Teil 1 der neuen ­gestreckten Gesellen­prüfungsverordnung im Gebäude­reiniger-Handwerk statt. Die erste wichtige Änderung der neuen Verordnung sieht vor, dass die Gesellenprüfung in zwei Teile gegliedert wurde. Die so genannte Zwischen­prüfung aus der alten Verordnung wird nun Teil 1 genannt und fließt zu 30 Prozent in die Gesamt­bewertung mit ein. Darin liegt aus meiner Sicht ein großer Vorteil der neuen ­Verordnung, da sich die Endnote nicht ausschließlich aus ­einer Abschlussprüfung ergibt, sondern man bereits im ersten Teil eine gute Basis legen kann.

Auch der Ablauf des praktischen Prüfungsteils hat sich ­meines ­Erachtens deutlich an die Bedürfnisse des Berufsalltags ­angepasst, so dass alle erforderlichen Arbeitsschritte voll­umfänglich abgedeckt werden. Hier wird beispielsweise nicht mehr lediglich eine Glasreinigung geprüft, sondern der ­gesamte Arbeitsablauf über die Planung im Vorfeld, die Material­zusammensetzung, die Beschreibung der Auftragsdurchführung einschließlich Unfallverhütungsmaßnahmen, das Erstellen einer Vorschadenliste sowie ein Fachgespräch und das Ausfüllen des Arbeitsscheins nach der Arbeit.

Diese Änderung war unseren Prüflingen zunächst neu, sie wurde aber alles in allem gut umgesetzt. Auf diese ganzheitliche Betrachtung gilt es für die Zukunft ein größeres Augenmerk zu legen.
Bei der schriftlichen Prüfung in Teil 1, die laut Ausbildungs­rahmenlehrplan nur die Lernfelder eins bis sechs betrifft, sollen rund 20 Fragen (einschließlich Rechenaufgaben) beantwortet werden. Auch hier sehe ich eine positive Entwicklung, da die Aufgaben praxisorientierter ausgelegt sind (planen, begründen, entscheiden).

Teil 1 der neuen gestreckten Gesellenprüfung entwickelt sich meiner Meinung nach in die absolut richtige Richtung, Die starke Orientierung in Richtung Praxis und täglicher Anwendung ist für die Gesellen und ihre Arbeit in den Betrieben eine perfekte Basis."

Siegfried Ruhkamp: Ein Gewinn für ­­die Ausbildung

Siegfried Ruhkamp

Siegfried Ruhkamp, Betriebsleiter, Niederberger, Köln, Lehrlingswart der Innung Köln-Aachen und Landeslehrlingswart NRW: "Die ersten Prüfungen nach der neuen Ausbildungsverordnung (Teil 1 beziehungsweise Teil 2 für die Verkürzer) sind aus meiner Sicht in Nordrhein-Westfalen richtig gut verlaufen. Wir haben im Vorfeld in einem kleinen Arbeitskreis (Innung Köln/Aachen) eine Schulungsunterlage für Prüfer erarbeitet, die den Beteiligten die Umsetzung der neuen Prüfung deutlich erleichtert hat. Diese Unterlage wurde erst NRW-weit und danach sogar bundesweit an die einzelnen Prüfungsausschüsse verteilt.

Natürlich hat es für Auszubildende und auch Prüfer einige Herausforderungen gegeben. Denn zum Beispiel die Themen Vorplanung, Dokumentation und Eigenbewertung einschließlich Fachgespräch waren ja für alle neu. Hier hat man sich an der einen oder anderen Stelle etwas schwergetan. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich das relativ schnell einpendeln wird. Insbesondere für den Bereich Vorplanung, Dokumentation und Bewertung hat sich die Schulungsunterlage für Prüfer als wertvoll erwiesen. Und in den Berufsschulen wird sicherlich weiterhin der Fokus auf diesen Bereich gelegt werden.

Durch die neue Verordnung und die gestreckte Gesellenprüfung bekommt die Ausbildung zum Gebäudereiniger von Anfang an eine bessere Qualität. So war zum Beispiel die alte Zwischenprüfung zum Muster ohne Wert verkommen, weil das Ergebnis überhaupt keine Auswirkungen auf die weitere Ausbildung oder das Ergebnis der Gesellenprüfung hatte. Das ist jetzt anders: Das Ergebnis von Teil 1 der Gesellenprüfung wirkt erheblich auf das Ergebnis der Abschlussprüfung (Teil 2 der Gesellenprüfung) ein. Wegen der neuen Anforderungen – von der selbstständigen Auswahl des geeigneten Prüfungsmaterials über die Planung der Durchführung der Arbeitsaufgabe bis zur Dokumentation – ist auch der Aufwand für die Prüfungsvorbereitung für Auszubildende und Betriebe größer geworden.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass jetzt ganzheitliche Arbeitsaufträge abgeprüft werden – bislang waren es lediglich einzelne Kenntnisse und Fertigkeiten –, sind Anspruch und Niveau der neuen Prüfungen deutlich gestiegen. Alles in allem sehe ich die neue Ausbildungsverordnung als Gewinn für die Ausbildung in unserem Handwerk."


© rationell-reinigen.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Log-in

* Pflichtfelder bitte ausfüllen