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Das Hobby zum Geschäft gemacht Pferdeschlummer ohne Kummer

Wenn man ein Gebäudereinigungsunternehmen mit 900 Mitarbeitern führt, dann hat man üblicherweise genug zu tun und der Tag ist mehr als ausgefüllt. Wie man trotzdem Zeit für ein aufwändiges Hobby findet und daraus auch noch ein Geschäft macht, zeigt das Beispiel von Errol Reichel, einem österreichischen Unternehmer aus der Gebäudereinigung.

-Der Gebäudereiniger Errol Reichel wurde von Manfred Rottmar, einem Geschäftsfreund, der ebenfalls aus der Gebäudereinigung kommt, Ende der 90er Jahre auf einen Bauernhof in die ungarische Puszta eingeladen. Der erfolgreiche Unternehmer verliebte sich aber nicht nur in die malerische Landschaft, sondern fand dort auch ein neues Hobby: das Reiten. Weil er zum Einstellen der bald angeschafften Pferde Platz brauchte, kaufte Errol Reichel ebenfalls einen kleinen Bauernhof, den er liebevoll restaurierte.

Die beiden Partner schlossen sich zusammen und gründeten einen landwirtschaftlichen Betrieb. Die erste gemeinsame zündende Idee war, aus dem zur Verfügung stehenden Stroh Heizbriketts zu erzeugen und vor Ort zu vertreiben. Der Rohstoff war durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung in Hülle und Fülle vorhanden. Sie kauften eine gebrauchte Strohbrikettiermaschine aus Österreich und stellten diese in Ungarn auf. Das Projekt war gestartet.

Wie es der Zufall will

Eines Tages kam es aus Versehen zu einer fehlerhaften Produktion der Strohbriketts. Diese waren zu wenig verpresst, so dass sie zum Heizen nicht geeignet waren. Zur Entsorgung wurde das lockere Stroh einfach in die Pferdeboxen gestreut und alle wunderten sich, warum plötzlich der beißende Ammoniakgeruch fast ganz verschwunden war. Weil das Experiment aus der Not geboren eine echte Problemlösung für verschiedene Nachteile bei der Stallhaltung von Pferden bot, begannen die beiden Unternehmer mit der Markt- und Produktforschung.

Für Menschen, die sich nicht mit dem Thema Pferd beschäftigen, klingen die Zahlen besonders imposant. Alleine in Österreich gibt es über 100.000 Hobby- und Reitpferde. In Deutschland sind es über eine Million und Experten schätzen fünf bis sieben Millionen Stück der edlen Tiere für ganz Europa. Damit verbunden ist natürlich ein lukrativer Markt, u.a. für Einstreuprodukte. Zwar werden über 80 Prozent der Pferdeboxen noch mit normalem Langstroh eingestreut, dieses hat aber viele Nachteile: Die Saugfähigkeit ist sehr begrenzt (Stroh saugt nur an den Enden der Halme), die Staubentwicklung groß und auch die Entsorgung (das verschmutze Stroh verrottet nur sehr langsam) ist nicht einfach. Und weil große Zwischenlagerflächen benötigt werden, ist das Langstroh auch wegen steigender Anzahl von Allergikerpferden keine optimale Lösung. Auch Alternativen aus Holz in Form von Scharten, Spänen oder Mehl haben Nachteile punkto Staubentwicklung und Entsorgung.

Die beiden Partner überließen von nun an nichts mehr dem Zufall. In jahrelanger Arbeit entwickelten sie das „Hippo Gold“-Einstreu, das europaweit als Marke geschützt ist. Das Stroh muss hochgeschnitten werden, damit es möglichst wenig verschmutzt. Dann wird es vorerst mit einem Häcksler zerkleinert, gesiebt und sechsmal entstaubt. Anschließend wird die Streu gepresst. Dabei entstehen Temperaturen von 95 °C, die das Endprodukt gleich entkeimen und Pilzsporen abtöten. So entsteht eine Einstreu, die besonders saugfähig ist und in den Pferdeboxen für Mensch und Tier ein angenehmes Klima.

Tierschutz und Komfort

Entgegen der landläufigen Meinung, dass Pferde auch im Stehen schlafen, legen sich die schönen Tiere gerne zum Ausruhen auf den Boden. Allerdings nur, wenn sie sich sicher fühlen und der Untergrund angenehm trocken und sauber ist, was eben mit dem herkömmlichen Langstroh nicht möglich ist. Mit der „Hippo Gold“-Einstreu fühlt sich eben das Tier in den eher beengenden Boxen optimal wohl und der Besitzer freut sich.

Die Hightecheinstreu ist zusätzlich zu den vielen Vorteilen nicht teurer als herkömmliches Stroh und spart darüber hinaus noch viel Arbeit und Mühe. Die Kosten pro Pferd sind ca. 30 Euro pro Monat gut leistbar. Diese an sich kleine Summe bringt für den Produzenten einen stetig wachsenden Umsatz und Marktanteil. Beliefert werden über verschiedene Großhändler europaweit mittlerweile Kunden mit 7.000 Pferden. Wie Errol Reichel und Manfred Rottmar aber betonen, haben sie in diese Idee bereits eine beträchtliche Summe investiert. Und weitere Investments in ein neues Werk mit einer dreifachen Kapazität und einem eigenem Bahnanschluss zur Transportoptimierung sind schon geplant. Derzeit verlassen pro Woche acht Lkw-Züge mit „Hippo Gold“ das Werk. Im Sinne des Umweltschutzes soll ein Teil der Transporte zukünftig über die Bahn abgewickelt werden.

Lokale Wertschöpfung und neue Ideen

Die beiden österreichischen Unternehmer mit ihrer Liebe zu Ungarn forcieren aber besonders die lokale Wertschöpfung vor Ort im ländlich geprägten Raum zwischen Szeged und Kecskemet. Das Werk bringt Arbeitsplätze für 21 Mitarbeiter und auch die regionalen Bauern lieben den sicheren Abnehmer des ansonsten schwer vermarktbaren Strohs. Ebenso schätzt die Spedition Erman Kft die Zusammenarbeit, weil der Transport der sauber pallettierten 20-kg-Säcke mit einer Jahresmenge von 9.000 t natürlich ein sehr gutes Geschäft ist.

Errol Reichel und Manfred Rottmar tüfteln unbeirrt weiter. Weil das Ausmisten mit herkömmlichen Mistgabeln trotz ihrer Erfindung noch immer schwere Arbeit ist, wurde zur Optimierung des Systems der „Hippo Gold Master“ entwickelt: Diese Kombination aus Schubkarre und Rüttler erleichtert die Arbeit der Stallburschen stark und hilft auch noch, Einstreu zu sparen.

Für die Vermarktung sind für dieses Jahr verstärkte Pressearbeit („Es gibt alleine im deutschsprachigen Raum 19 Pferdezeitschriften.“) und verstärkte Messeauftritte geplant. Auf diesen Pferdemessen wird die „Hippo Gold“-Einstreu gleich für das gesamte Messegelände verwendet, so dass sich Pferdeliebhaber gleich vor Ort ein Praxisbild über die Vorteile des Hightechproduktes machen können. Auch das Sponsoring der Weltmeisterschaft im Kutschenfahren, eines Horseballteams oder die Unterstützung von Turnieren der österreichischen Distanzreiter gehören zum zielgruppenorientierten Marketingmix dazu.

Gespannfahren statt reiten

Sein Tag könnte eigentlich 48 Stunden haben, bemerkt Errol Reichel scherzhaft. Bis jetzt managed er das beachtliche Geschäftsvolumen mit seinem Partner und Freund Manfred Rottmar ohne große fremde Hilfe, was bei der geplanten Expansion bald nicht mehr möglich sein wird.

Eine personelle Aufstockung ist bereits geplant, denn für die Zukunft wünscht sich der erfolgreiche Unternehmer Erol Reichel wieder mehr Zeit für sich selbst. Der Endfünfziger ist früher täglich geritten („Das war aber neben der Firma oft viel Stress, weil die Pferde ja täglich bewegt werden müssen.“), aber nach einem Bandscheibenvorfall war damit Schluss.

Heute entspannt sich Errol Reichel, der sein Reinigungsunternehmen mit seinem Sohn Mario führt, lieber beim Gespannfahren. Mit einem oder zwei Pferdestärken in den Sonnenuntergang der Puszta zu fahren, ist sein liebstes Vergnügen. Dabei kommen dem Naturliebhaber die besten Geschäfts- und Vermarktungsideen. Die Pferdewelt in ganz Europa kann sich über weitere Innovationen für die gesunde Pferdehaltung freuen und auch die modebewussten Reiter können vielleicht schon bald beim Ausreiten ihre edle „Hippo Gold“-Mode präsentieren.

Wer die ungarische Pferdeliebe und die wunderbare Steppenlandschaft selber kennen lernen möchte, dem stehen in der Puszta viele renovierte Bauern- und Reiterhöfe zur Verfügung.

Thomas Mayrhofer | peter.hartmann@holzmannverlag.de

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