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Pandemie als Digitalisierungstreiber: Mythos oder Realität?

Haben die Erfahrungen während der Corona-Pandemie der Digitalisierung einen ­neuen, kräftigen Schub verliehen? Die Meinungen zu dieser Frage gehen auseinander. Wie sieht es in der Gebäudedienstleistung aus?

Während der Digitalverband Bitkom im November 2020 unmissverständlich feststellte, dass Corona "für die deutsche Wirtschaft eindeutig ein Digitalisierungstreiber" ist, und dies durch eine repräsentative Studie untermauerte, bewertete das renommierte Handelsblatt diese Sichtweise eher als "Mythos". Nach Ansicht der Journalisten "enttarnt sich bei genauerer Betrachtung die Digitalisierungsoffensive des einen oder anderen Unternehmens mehr als Bemühung, Verpasstes aufzuholen" – nicht mehr und nicht weniger. Was stimmt nun? Die eher zuversichtliche Auffassung des Digitalverbandes oder die ­radikal nüchterne Analyse des Wirtschaftsmediums?

Marcus Pinsel

Marcus Pinsel, Chef des Gebäudereinigungsunternehmens Saubermacher im fränkischen Erlangen und Obermeister der Innung Nordbayern, sagt, dass Corona seinen Blick auf das Thema Digitalisierung nicht sonderlich verändert habe: "Glück­licherweise hatten wir uns schon vor dem Ausbruch der Pandemie digital gut aufgestellt. Die Basis, um flexibel reagieren zu können, und die Möglichkeiten zur virtuellen Kommunikation waren also da. Allerdings mussten wir an der einen oder anderen Stelle noch nachsteuern. Etwa durch die zusätzliche Installation von Terminals zur Zeiterfassung in den Objekten. Außerdem haben wir die Schulungsaktivitäten deutlich intensiviert und uns so vor allem mit den erweiterten digitalen Prozessen vertraut gemacht."

Harald Griebel

Etwas anders sieht es Harald Griebel. Der Geschäftsführer der in Nürnberg ansässigen Dorfner-Gruppe sieht sein Unternehmen zwar auch schon vor Corona digital "gut bis sehr gut" aufgestellt, allerdings ­habe der Corona-Schock durchaus ­ Defizite und vor allem neue Anforderungen ans Licht gebracht. So musste der komplette Wissenstransfer neu gedacht und entsprechend umgestellt werden. Statt Präsenz war online angesagt. "Das verlangte von allen Beteiligten eine große Flexibilität und Bereitschaft, sich auf ­Neues einzulassen", merkt Harald Griebel in diesem Zusammenhang an und ergänzt: "Gleiches gilt für die administrativen Prozesse im Unternehmen. Mit der Einführung neuer Programme und Systeme wurden gleichzeitig bisherige und gewohnte Abläufe neu entwickelt – von der Arbeitsvorbereitung bis zur Rechnungsstellung.“"

Der eigentliche Digitalisierungsschub im Unternehmen startete bereits im Jahr 2018. Damals hatte Dorfner begonnen, die IT-Landschaft komplett neu aufzustellen. Das hat Harald Griebel zufolge alle Bereiche betroffen – vom CAFM-System über die Ressourcenplanung und Warenwirtschaft bis hin zum Customer Relationship Management: "In dieser Zeit haben wir ebenfalls die virtuellen Kommunikationsmöglichkeiten aufgebaut und auf allen Ebenen unheimlich viel gelernt. Das hat uns dann in der Pandemie maximal geholfen.“ Auf dieser Grundlage aufbauend habe der digitale Fortschritt während der Corona-Zeit nochmal kräftig Fahrt aufgenommen. „So komisch es klingt, aber Corona hat sich extrem positiv darauf ausgewirkt, das Potenzial der neuen Techniken und Möglichkeiten nun voll ausschöpfen zu können", zieht Harald Griebel Bilanz.

Bewusstseinsänderung im ­positiven Sinne

Marc Linkert

Diese Entwicklung lässt sich in vielen Unternehmen beobachten. Marc Linkert, Geschäftsführer des Softwareanbieters ­Zvoove, berichtet von vielen Gesprächen in den letzten Monaten mit Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern von kleinen und mittleren Gebäudedienstleistern, die ebenfalls eine Art Bewusstseinsänderung im positiven Sinne durch Corona erlebt hätten. "Die Kontaktbeschränkungen, vor allem auch in Verbindung mit den Home­office-Regelungen waren für viele Unternehmen ein wesentlicher Punkt, der ihnen die Vorteile der Digitalisierung quasi von heute auf morgen bewusstgemacht hat", sagt Marc Linkert und fügt hinzu: "Wäre die Pandemie vor zehn Jahren passiert, hätten nicht so viele Menschen von zu Hause aus arbeiten können. Heute ist es mit den Systemen sehr einfach und trotzdem sicher, auf die Daten im Büro zuzugreifen. Setzt der Gebäudedienstleister eine Software mit ­Dokumentenmanagementsystem ein, hat der Mitarbeiter von zu Hause sogar Zugriff auf alle Dokumente und Dateien, die im System abgelegt sind. Das sind handfeste und sehr greifbare Vorteile, die plötzlich als echter Mehrwert wahrgenommen wurden.“"

Richard Föhre

Richard Föhre, gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Knoll Geschäftsführer von Gebäudedienste Jeblick in Kaiserslautern, kann das bestätigen: "Die Kommunikation über Online-Tools hat uns während der Pandemie vieles erleichtert, manches sogar erst möglich gemacht. Ein riesiger Vorteil ist es, dass wir die Lohnabrechnungen digital erstellen und durch unser Mitarbeiter-Center über unsere Homepage zum Download zur Verfügung stellen konnten. So musste keiner mehr in die Verwaltung kommen oder die Lohnabrechnungen im Objekt abholen."

David Funke, bei Zvoove für den Vertrieb der Softwareprodukte in der Gebäudedienstleistung verantwortlich, ergänzt diese Auffassung: "Nehmen wir nur das für viele Unternehmen leidige Thema Arbeitsscheine . Der mobile Arbeitsschein war zwar auch schon vor Corona ein Thema; während der Pandemie wollten unsere Kunden ihre Glas- und Sonderreiniger aber nicht im Büro sehen – so wenig externe Menschen wie nötig lautete die Devise. Deshalb fanden die Kunden es klasse, dass die Arbeitsscheine zwar wie gewohnt im Büro erstellt werden konnten, die Belege allerdings nicht ausgedruckt, sondern direkt auf die Tablets oder Smartphones der Reinigungskräfte geschickt werden konnten. Es musste daher kein Mitarbeiter ins Büro fahren, um Arbeitsscheine beispielsweise für die kommende Woche abzuholen oder erledigte Arbeitsscheine für die ­Faktur abzugeben." Solche ganz alltäglichen Praxisthemen, weiß David Funke, gab es zuhauf – von der digitalen Krankmeldung über die Zeiterfassung bis hin zum ­Online-Zugriff auf alle wichtigen ­Dokumente.

Viel Luft nach oben

Um die Vorteile der digitalen Prozessstruktur im Unternehmen noch mehr nutzen zu können, sieht Richard Föhre die Notwendigkeit, die Reinigungskräfte durch Schulungen weiter fit zu machen. Ein großes Potenzial sieht der Gebäudereinigermeister auch in dem Angebot von digitalen Schulungen und Unterweisungen: "Hier ist sicher in der gesamten Branche noch viel Luft nach oben, obwohl der Nutzen klar auf der Hand liegt. Ich bin sicher, dass wir mit solchen Maßnahmen das Qualitätsniveau unserer Leistungen nochmals deutlich steigern können und gleichzeitig gegenüber konventionellen Methoden deutlich effizienter sind."

Vieles sei in Bewegung gekommen und das Mindset in Bezug auf digitale Themen habe sich in der Branche spürbar verändert, sagt Marc Linkert. Fest macht er diese Erkenntnis daran, dass sich die Nachfrage nach Software und das damit verbundene Informationsbedürfnis in der Branche mit jeder Woche, die die Pandemie weiter das private und geschäftliche Leben dominierte, gesteigert habe. Marc Linkert: "Zwar hatten sich einige Unternehmen schon ganz gut aufgestellt, viele sind aber noch ganz am Anfang und wollen jetzt nachlegen. Nicht selten haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Motivation, im Unternehmen den nächsten Schritt zu gehen, aus dem Privaten kam. Hier waren die meisten schon auf einem ganz anderen Level, auf das sie jetzt auch ihre Firma heben wollen."

Kunden als Motivationsfaktor

Ein weiterer wichtiger Motivationsfaktor, wie es Harald Griebel nennt, der die Digitalisierungsbestrebungen innerhalb der Dorfner-Gruppe forciert hat, waren und sind die Kunden. Bekanntlich waren über einen sehr langen Zeitraum persönliche Kundenkontakte einfach nicht möglich. "Hier spielte die virtuelle Kommunikation natürlich eine entscheidende Rolle, vor allem beim Neukundenkontakt. Ich glaube, dass hier noch viel mehr möglich ist und wir uns alle noch intensiver darauf einstellen müssen", sagt Harald Griebel. Schon jetzt sei zu beobachten, dass immer mehr Kunden in dieser Hinsicht eine große Flexibilität und Professionalität fordern. Und das nicht nur mit Blick auf die Kommunikation, sondern auf hinsichtlich der Reinigungsleistung vor Ort. "Deshalb arbeiten wir intensiv an Projekten, die den Reinigungsprozess automatisieren und eine variable Dienstleistung unter Einbindung der Kunden in die Steuerung ermöglichen – Stichwort: Cleaning on Demand."

Für Harald Griebel ist Digitalisierung überhaupt mehr als nur ein Mittel, um einigermaßen durch die Krise zu kommen. "Wir müssen unsere Arbeitswelt komplett neu denken“, sagt der Geschäftsführer. Gemeinsam mit seinem Team forciert er deshalb die Weiterentwicklung der "DNA" im Unternehmen. Das Kürzel steht nicht für genetische Informationen, sondern für „Dorfners verNetzte Arbeitswelt“. Mitten in der Pandemie wurde ein Expertenteam gegründet, das sich mit den diesbezüglichen Themen von morgen beschäftigt. Harald Griebel: "Wir sind dabei, die gesamte Arbeitswelt in der Dorfner-Gruppe zu digitalisieren. Damit legen wir den Grundstein, nicht nur für die nächste Krise gut aufgestellt zu sein, sondern auch dafür, neue Geschäftsfelder erschließen zu können." Nach seiner Auffassung wird sich das Tätigkeitsfeld von Gebäudedienstleistern in der Zukunft radikal wandeln. Robotik, Sensorik, Logistik – all diese Bereiche würden neue Felder eröffnen, die das Leistungsport­folio der Dienstleister verändern. "Vorausgesetzt“, merkt Harald Griebel an, "die Veränderungsbereitschaft für einen echten Kulturwandel ist vorhanden.“"

Hinter dieser Haltung steht der Glaube, dass Digitalisierung nicht nur ein Instrument zur Optimierung des Status quo sein dürfe, sondern als Motor für die Entwicklung von etwas Neuem verstanden werden müsse. "Diese innere Haltung", sagt Marc Linkert, "ist der Schlüssel zur erfolgreichen Zukunft, denn sie verlangt geradezu den Blick über den berühmten Tellerrand.“"

Fleiß allein reicht nicht mehr

Marc Linkert weiß nur allzu gut, wovon er spricht. Schließlich ist die Digitalisierung der Gebäudedienstleistung der Kern des Zvoove-Geschäftsmodells. Erst vor kurzem hat man sich mit dem niederländischen Unternehmen Leviy zusammengetan. Letzteres stellt Reinigungsunternehmen eine Softwareplattform zur Verfügung, die ihnen Kommunikation, Planung, Analyse und Berichterstattung über Raumstatus, Arbeitszeiten und die jeweiligen Reinigungstätigkeiten in Echtzeit über eine App ermöglicht. Die Anwendungen sind bereits in mehreren europäischen Ländern aktiv. Dabei werden die Leviy-Produkte nicht nur von Gebäudereinigern selbst genutzt, sondern auch von Unternehmen aus der Hotel- und Freizeitbranche, aus dem Gesundheitswesen und der Logistik.

"Früher waren Fleiß, Zuverlässigkeit und Solidität die Erfolgsfaktoren der Gebäudedienstleister", sagt Marc Linkert. Das gelte zwar heute auch noch, aber es reiche alleine nicht mehr. "Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Liste heute um die Begriffe Digitalisierung, Automatisierung und Community erweitern müssen", stellt Marc Linkert fest.

Klaus Schardt | guenter.herkommer@holzmann-medien.de

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