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Prävention gegen Rücken- und Gelenkprobleme Ohne Schmerzen besser motiviert

Durch eine Optimierung der ergonomischen Arbeitsbedingungen können Unternehmer im Gebäudereiniger-Handwerk den Krankenstand im Betrieb reduzieren, die Mitarbeiter motivieren und dadurch letztendlich die Produktivität verbessern. Ein Einblick in die Möglichkeiten.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2016 wurden im Jahr 2015 in Deutschland Arbeitnehmer am häufigsten wegen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems für arbeitsunfähig erklärt. Der Statistik zufolge bildete diese Gruppe mit 325,9 Arbeitstagen pro 100 Versichertenjahren oder durchschnittlich 18,3 Tagen pro Person den größten Anteil am gesamten beruflich bedingten Krankenstand (21,7 Prozent). Zu beinahe sechs Prozent der Ausfallzeiten waren Rückenerkrankungen die Ursache. Branchenspezifische Zahlen wurden nicht ermittelt.

Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems können durch übermäßige Belastungen wie Heben, Tragen, Ziehen oder Schieben schwerer Lasten, Arbeiten in Zwangshaltungen, sich ständig wieder­holende Bewegungen mit hohen Handhabungsfrequenzen oder Arbeiten mit hohem Kraftaufwand verursacht werden. Durch Optimierung der Ergonomie an den Arbeitsplätzen und Einsatz ergonomiegerechter Arbeitsgeräte und Hilfsmittel können Unternehmer teure Personalausfälle vermeiden oder zumindest reduzieren.

Das Gebäudereiniger-Handwerk gehört zu den Branchen, deren Mitarbeitern besonders hohe körperliche Belastungen abverlangt werden. „Durch eine sorgfältige Auswahl von Arbeitsgeräten und Maschinen sowie eine bewusste Planung der Tätigkeiten – zum Beispiel kurze Transportwege, ausreichender Arbeitsraum oder kleine Gebinde – können ergonomisch gute Arbeitsbedingungen geschaffen und somit nicht nur krankheitsbedingte Ausfallzeiten verringert, sondern auch die Mitarbeiter besser motiviert werden“, sagt Kerstin Steindorf von der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau).

Ergonomiegerechte Wischgeräte

„Für die Boden-, Grund- und Treppenreinigung bieten einige Hersteller ergonomische Arbeitsgeräte an“, weiß die Mitarbeiterin des Bereiches „Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren“ der Abteilung Prävention. Dazu gehören Wischer mit Teleskopstielen, die eine individuelle Anpassung an die Körpergrößen der Nutzer gewährleisten. Das Ende des Stiels sollte auf Kehlkopfhöhe eingestellt werden. Längere Stiele sind zu vermeiden, da sie die Gelenke weit über ihren natürlichen Bewegungsraum hinaus beanspruchen und mehr Krafteinsatz verlangen.

Ganz wichtig: Weit ausholende Wischbewegungen belasten stark die Wirbelsäule und führen schnell zur Ermüdung. Weniger belastend sind zentrierende Bewegungen in kleinerem Radius. Sie schonen die Schultern und erfordern weniger Kraftaufwand. Zu kurze Stiele ziehen wiederum eine stärkere Beugung zwischen Rumpf und Beinen nach sich, die Schmerzen an der Lendenwirbelsäule verursachen kann. Idealerweise sollte die Beugung einen Winkel über 20 Grad nicht überschreiten.

Auch extreme Handgelenkbewegungen können auf Dauer Beschwerden verursachen. „Deshalb ist auch der Einsatz von Wischern geeignet, auf deren Stielende sich ein leichtgängiger Knauf befindet. Beim Arbeiten ruht eine Hand auf dem Knauf, während die andere das Gerät führt“, erklärt Diplom-Ingenieurin Kerstin Steindorf. Ebenfalls hand- und schultergelenkschonend  seien Teleskopstiele mit einer zusätzlichen S-förmigen Biegung. Für die Reinigung schwer zugänglicher Bodenbereiche wie zum Beispiel unter Schränken oder Betten sollten die Wischgeräte mit verschiebbaren, leichtbeweglichen Mopphaltern ausgestattet sein. Die Reinigungskraft muss sich nicht so tief bücken und stark belastende Rumpfbeugungen werden vermieden.

Teleskopierbare Bedienholme und Tragegriffe

Die Arbeit mit handgeführten Bodenreinigungsmaschinen und deren Transport belasten aufgrund ihres hohen Gewichts das Muskel-Skelett-System, zumal diese Geräte oft über Treppen bewegt und ins Auto verladen werden müssen. Die Arbeit erleichtern würden auch hier teleskopierbare Bedienholme und Trage­griffe. Es gibt viele technologisch optimale Lösungen und Kerstin Steindorf begrüßt es, dass in der Entwicklungsarbeit auch immer stärker auf eine ergonomische Optimierung geachtet wird. Auch in der Entwicklung von Kompakt-Kehrmaschinen sieht sie noch Handlungsbedarf: „Nach meinen Erfahrungen sind die Kabinengrößen teilweise zu knapp bemessen. Ein zu geringer Abstand zwischen Sitzfläche und Kabinendecke verleitet, die Sitze weit nach unten und hinten einzustellen. Damit bleibt der Schwing­mechanik nur wenig Schwingweg übrig, so dass der Sitz am Boden anschlägt und die Lehne eventuell an der Kabinenrückwand schleift. Beides wirkt der Schwingungsdämpfung entgegen. Auch ein zu geringer Abstand zwischen Lenkrad und Sitz lässt weder eine ergonomisch günstige Sitzposition noch ausreichende Beinfreiheit zu.“

Im Winterdienst werden oft große Räum- und Streufahrzeuge eingesetzt. Bei der Bewältigung großer Höhenunterschiede beim Ein- und Aussteigen über zu hohe Tritte droht erhöhte Rutsch-, Stolper- und Sturzgefahr. Deshalb sollten die Hersteller ergonomisch optimierte Zugangssysteme einbauen, die den Höhenunterschied zwischen Boden und unterstem Tritt deutlich verringern und automatisch oder durch manuelle Betätigung herunter- und hochfahren.

Auch geringe Höhen bergen Gefahren

In einer Vorstudie mit begrenzter Anzahl Befragter wurde auf­gezeigt, dass sich bei Leiterunfällen im Gewerk Reinigung die meisten Unfälle in Höhen von einem bis drei Metern ereignen. Dies lässt vermuten, dass die Beteiligten sich der Gefahr in höheren Lagen sehr wohl bewusst sind und somit vorsichtiger agieren. Im Bereich ein bis drei Meter wird die Gefahr des Absturzes vermutlich durch die vermeintliche Sicherheit der geringen Höhe unterschätzt. Die meisten Leiterunfälle passieren zu  46 Prozent bei der Fensterreinigung und zu neun Prozent bei der Fassadenreinigung. Die Reiniger sind zu 27 Prozent von der Leiter weggerutscht, 23 Prozent  haben das Gleichgewicht verloren, 16 Prozent sind von der Sprosse abgerutscht und 13 Prozent lehnten sich zu weit nach außen.

Beim Einsatz langer Stangen vom Boden aus besteht für die Glasreiniger zwar keine Absturzgefahr, doch die Arbeit ist körperlich sehr anstrengend. Die Haltearbeit erfordert einen hohen Kraftaufwand und belastet die Muskulatur im Nacken-, Schulter-, Arm- und Rückenbereich. Durch den Blickkontakt zur Reinigungsbürste wird der Kopf zusätzlich ungünstig nach hinten geneigt. Auch wenn die Beschäftigten ergonomische Arbeits­weisen anwenden (vorwärts und rückwärts gehen), sich abwechseln und genügend Erholungspausen einlegen, ist die Verwendung von Stangen­systemen in Einsatzhöhen von mehr als 18 Metern keine Ideallösung. Besser ist der Einsatz – sofern es die Architektur des Objekts zulässt – von Hubarbeitsbühnen. Nicht zuletzt liegt es aber in der Verantwortung der Architekten, gute Voraussetzungen für möglichst gefahrlose und ergonomiegerechte Reinigungsarbeiten schon in die Projektierung einzubeziehen.

Gefragt ist die Vorbildwirkung der Führungskräfte

Ungünstige Bewegungen und Haltungen werden von den Be­troffenen selbst häufig nicht wahrgenommen. Mitunter tolerieren oder ignorieren Mitarbeiter auch große Belastungen und leichtere Beschwerden. „Die Einsicht kommt oft erst nach schmerzhaften Rückenerkrankungen oder mit zunehmender Lebens­erfahrung“, weiß Kerstin Steindorf. Deshalb sollten Beschäftigte gezielt an ergonomische Arbeitsweisen herangeführt werden.

Als Grundlage müsse ihnen zunächst Basiswissen über die physi­kalischen und physiologischen Grundlagen, zum Beispiel das Hebelgesetz, vermittelt werden. Im nächsten Schritt lernen die Mitarbeiter Körperhaltungen zu analysieren und zu beurteilen. Anschließend werden sie dafür sensibilisiert, Körperhaltungen und deren Auswirkungen bei sich selbst wahrzunehmen und  körper­gerechte Arbeitsabläufe mit eigenen Arbeitsgeräten zu üben. Interne oder externe Fachkräfte – zum Beispiel Gesundheitsmanager oder  Physiotherapeuten – begleiten die Beschäftigten am Arbeitsplatz und unterstützen sie dabei, Fehlverhalten zu korrigieren. „Ganz wichtig für den Erfolg ist die Vorbildwirkung der Führungskräfte“, betont Kerstin Steindorf.

Darüber hinaus ist es extrem wichtig, sich genug zu bewegen. Eine trainierte Muskulatur kann vor Rückenbeschwerden schützen. Und damit ist kein Leistungssport gemeint. Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination können durch moderate Bewegung verbessert werden. Hauptsache, sie macht Spaß und wird damit gern und regelmäßig durchgeführt.

Pausen sind wichtig für Produktivität und Gesundheit

Weiterhin sollten die Mitarbeiter sensibilisiert werden, nach hohen körperlichen Belastungen selbstständig Kurzpausen zu organisieren. „Es ist notwendig, dass die Betroffenen eigenständig über eine Erholungspause entscheiden dürfen, weil nur sie selbst ihre individuellen Belastungsgrenzen kennen“, erklärt die Mitarbeiterin der BG Bau. Es muss ein Verständnis geschaffen werden für die Notwendigkeit und den Nutzen von Pausen für die Produktivität des Unternehmens ebenso wie für die Gesundheit der Mitarbeiter. Am besten ist es, wenn das optimale Pausenregime in Absprache mit den Mitarbeitern entwickelt und angepasst wird. Die Pausen können je nach Art der voran­gegangenen Arbeit sehr unterschiedlich gestaltet werden, zum Beispiel durch Dehnübungen der beanspruchten ­Muskulatur.

Reinhard Wylegalla | heike.holland@holzmann-medien.de

Mehr zum Thema lesen Sie im Beitrag Ergonomie ist mehr als höhenverstellbare Wischgeräte.

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